Zwei Jahre Radverkehrspolitik, Teil 2

Kopenhagen Juni 2013 28

Auf der Fahrt nach Kopenhagen überlegte ich schon mal, wie ich meine zu erwartende Freude über die dortige Radverkehrsinfrastruktur in Worte fassen könnte.

Auf der Fahrt zurück nach Hamburg stellte ich ernüchtert fest: Ein Vergleich mit unseren so genannten Radwegen verbietet sich. Sicherlich ist nicht alles perfekt in Kopenhagen, aber Kopenhagen ist so weit von Hamburg entfernt, dass wir Radfahrer jede Hoffnung fahren lassen müssen, die Hansestadt würde irgendwann einmal in ferner Zukunft so etwas wie eine Fahrradstadt, die sich auch nur ein kleines bisschen an Kopenhagen messen könnte.

Ich will einmal kurz meinen Weg aus meiner Wohnung in Wedel zum Bureau an der Binnenalster schildern. In Wedel biege ich erst einmal in den Galgenberg ab. Dort muss ich kraft Zeichens 240 auf dem Gehweg fahren. Aber nur ein bisschen, denn an der Kreuzung werde ich auf die Fahrbahn geworfen, um auf der gegenüberliegenden Seite wieder auf dem Gehweg zu radeln, bis ich nach weiteren 200 Metern in Ermangelung eines wiederholenden Zeichens 240 nach der nächsten Kreuzung den Gehweg verlassen muss. Das kapieren die Kraftfahrer natürlich nicht, mit der Hupe wird das ordnungswidrige Beradeln des Gehweges gefordert.

Danach nach rechts auf die Feldstraße an meiner Alma Mater vorbei geht’s auf einem Schutzstreifen, der so gerade an den Mindestmaßen kratzt, aber natürlich permanent von mindestens zwei Kraftfahrzeugen okkupiert wird. Am Ende nach links in die Industriestraße, die zwar einen Radweg hat, der aber alle paar Meter endet und wieder beginnt und wieder endet und nur etwas für so genannte Kampfradler ist, die sich nicht um die Verkehrsregeln kümmern. Nach rechts auf die B431, gleich wieder nach links herunter, um im Rheingoldweg die Wedeler Landstraße zu umfahren. Dort war jahrzehntelang das Befahren der engen Gehwege vorgeschrieben, bis die Behörde nach mehreren Versuchen, die Benutzungspflicht aufzuheben, einen fortbestand derer mit albernen Zusatzzeichen zu suggerieren, schließlich alle Schilder abmontierte und mutmaßlich erfreut feststellte, dass der Verkehr auf der engen Fahrbahn nicht von Radfahrern beeinträchtigt wird: Die kampfradeln sich derweil alle ordnungswidrig auf dem Gehweg herum. Man kann es ihnen kaum verdenken, denn im Selbstversuch stellte ich fest, wie gefährlich die einzig legale Fahrtmöglichkeit mit dem Rad ist: Während mehrerer Fahrten wurde ich mehrmals durchs Beifahrerfenster mit dem Tode bedroht, angehupt, dicht überholt, ausgebremst, mit Scheibenwaschwasser besprüht. Die dortigen Kraftfahrer kennen kein Erbarmen und verteidigen ihr Revier mit allen Mitteln, obwohl ich mit 45 Kilometern pro Stunde locker am Berufsverkehr hätte vorbeiziehen können: Der kroch nämlich nicht meinetwegen so langsam dort entlang.

In Rissen überquere ich dann die B431 und fahre links durch den Rest der Wedeler Landstraße, die hier als Geschäftsstraße mit Einbahnstraßenregelung daherkommt. Die Hälfte der Straße fahre ich legal durch eine für Radfahrer freigegebene Landstraße, was außer mir natürlich niemand macht und versteht: Die anderen Radfahrer düsen auf dem für den Fußgängerverkehr vorgehaltenen Flächen umher und die Kraftfahrer tun ihr übriges, um mich von meinem vermeintlich ordnungswidrigen Vorhaben abzuhalten.

Dann darf ich endlich entlang der B431 Richtung Innenstadt fahren. Das geht allerdings nur mit knapp zwölf Kilometern pro Stunde, denn die verbeulte Oberfläche der dortigen Radwege gibt nicht mehr her, sofern ich mir nicht die Federgabel brechen möchte. Zu den Schlaglöchern gesellen sich Geisterradler und Mülltonnen, außerdem findet der Radweg als Multifunktionsfläche Verwendung, wenn Fußgänger nebeneinander laufen wollen oder jemand sein Kraftfahrzeug abstellen muss. An den Ampeln stehen mir Fußgänger und andere Radfahrer quer wartend im Wege, bei jeder Kreuzung, ja, bei jeder Einfahrt muss ich aufpassen, ob der Kraftfahrzeugführer links von mir beim Abbiegen aufpasst. Mindestens vier Mal pro Tour schlägt mein siebter Sinn Alarm und meldet mir zuverlässig einen blinden Kraftfahrzeugführer.

Derweil droht von der anderen Seite Ungemach, denn wer aus seiner Einfahrt ausfahren, stellt sich zum verkehrsbedingten Warten auf den Radweg. Als Radfahrer habe ich drei Möglichkeiten und kann es nur falsch machen. Entweder fahre ich vorne vorbei mit dem Risiko, dass sich das Kraftfahrzeug angesichts einer Lücke im Querverkehr plötzlich in Bewegung setzt und mich vollkommen ausblendet. Oder ich fahre hinten vorbei mit dem Risiko, dass der Kraftfahrzeugführer mir netterweise Platz machen möchte und mich dabei umfährt. Oder ich bleibe stehen und warte geduldig, womit ich den Kraftfahrzeugführer wiederum unter Druck setze und hin und wieder auch den Mittelfinger provoziere. Alles schon mal erlebt. Passiert aber auch regelmäßig alle paar Kilometer.

Dann irgendwann folgt die Stresemannstraße, über deren Bedingungen für Radfahrer man eigentlich keine Worte mehr formulieren muss. Im Ernst: Eigentlich müsste man das Radfahren in dieser Straße einfach verbieten, als den Radverkehr auf den engen Gehwegen an gefühlten dreihundert schlecht einsehbaren Einfahrten und Kreuzungen vorbeizuschicken und ihn dabei beinahe permanent in der Door-Zone zu verwahren. Das ist vollkommen schwachsinnig und ein erbärmliches Zeugnis, das Hamburg keine Ahnung hat, wo diese komischen Radfahrer denn hingehören.

Über die Fahrbahn biege ich nach links in die Feldstraße ab und lustigerweise hat mir den Abbiegevorgang noch niemand übel genommen. Das Fahrbahnradeln in der Feldstraße kommt hingegen weniger gut an, denn schließlich gibt’s dort die üblichen bestens ausgebauten und breiten Radwege, die zu Recht nicht mehr benutzungspflichtig sind. Über den Sievekingsplatz jagend ordne ich mich schonmal zum Abbiegen in den Valentinskamp ein, den ich glücklicherweise problemlos auf der Fahrbahn beradeln darf, bis am Gänsemarkt ein wahres Meisterwerk von Schutzstreifen auf mich wartet.

Mir ist bis heute unklar, wie man so einen Unsinn auf die Fahrbahn applizieren kann. Der Blödsinn beginnt bereits in der Dammstorstraße mit dem, was in Hamburg wohl ein Radfahrstreifen sein soll, in Ermangelung von Zeichen 237 aber nur ein Seitenstreifen ist, auf dem geparkt werden darf. Und obwohl ich kein Fan von diesen Sprüchen bin: Die Lieferwagen müssen nunmal irgendwo halten. Wenn deren drei kleine Parkbüchtchen auf dem Gehweg schon von anderen Kraftfahrzeugen belegt sind, bleibt denen ja kaum etwas anderes übrig. Ich habe tatsächlich vollstes Verständnis dafür, dass die Lieferanten nicht mit ihrem Handwagen mehrere hundert Meter hin und zurück fahren wollen, weil jemand meinte, eine Geschäftsstraße brauche keine vernünftigen Lieferbereiche.

Zurück zum Gänsemarkt, in dem sich das ganze Malheur in engen Schutzstreifen fortsetzt, die an der nächsten Ampel nach knapp dreißig Metern enden. Bevor es diese Schutzstreifen gab, konnte da problemlos geradelt werden. Jetzt suggeriert das Ende des Schutzstreifens dem Kraftfahrer, dass Radfahrer fortan nicht mehr auf der Fahrbahn fahren sollen. Hin und wieder erklärt mir das auch mal jemand durchs Beifahrerfenster, aber regelmäßig werde ich zur Seite abgedrängelt, weil anschließend gleich eine Verengung folgt.

Den Jungfernstieg befahre ich anschließend in der einigermaßen gefälligeren Richtung: Der Radweg befindet sich nur auf der linken Seite, ist aufgrund der fehlenden Beschilderung für mich tabu und auch in der erlaubten Gegenrichtung nicht gerade ein Geschenk, weil dort ständig Fußgänger flanieren, sich in der Summe wochenlang das Alstervergnügen, der Weihnachtsmarkt oder der Kirchentag breit machen und natürlich eine Sondernutzung als Parkfläche für höherwertigere Kraftfahrzeuge stattfindet. Weil sich der Radweg links befindet, kommt immerhin nicht jeder Kraftfahrer auf die Idee, mich auf dessen Existenz aufmerksam zu machen.

Nach insgesamt 21 Kilometern und knapp 80 Minuten komme ich endlich am Ziel an. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bräuchte ich etwa eine Viertelstunde weniger. Und auf dem Rückweg am späten Abend gebe ich so richtig Gas und komme bereits nach einer Stunde zu Hause an.

Was ich eigentlich sagen wollte: Man kann in Hamburg mit dem Rad fahren — Spaß macht es allerdings eher selten. Und die erstaunten Blicke im Bureau, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit komme, dürften allein der Distanz von 21 Kilometern zugerechnet werden. Berechtigt wäre es allerdings, die ganzen Unwegbarkeiten zu bestaunen, mit denen man sich als Radfahrer herumschlagen muss. Permanent muss zwischen den Straßenteilen gewechselt werden, rauf auf den Radweg, runter auf die Fahrbahn, plötzlich auf den Gehweg, dann muss links geradelt werden und hier wieder rechts. Und es ist vollkommen bescheuert, mit welchen qualitativ schlechten Wegen sich Radfahrer zufriedengeben müssen, teilweise kaum handtuchbreit, teilweise nicht nur wegen mangelhafter Oberflächensubstanz, sondern wegen der Door-Zone, schlechten Sichtbeziehungen und unmöglichen Auf- und Abfahrten an Kreuzungen.

Deutsche Radfahrer mögen so etwas als ordentlichen Radweg bezeichnen. Aus der gleichen Erkenntnisgruppe wächst vermutlich auch die Bereitschaft, Gefährdungen beim Radfahren als normal und gottgegeben hinzunehmen: Radfahrer müssen eben auch mal bremsen, absteigen und auf ihr Vorrecht verzichten, heißt es dann immer.

Mein Campingplatz in Kopenhagen ist knapp neun Kilometer vom Rathausplatz entfernt, der wohl das heimliche Zentrum der Stadt darstellt. Meine Tour auf dem Rad in die Innenstadt lief dann so: Vom Campingplatz nach rechts auf den Radweg, an der Kreuzung nach links indirekt auf den Radweg des Roskildevej abbiegen, geradeaus, noch länger geradeaus, immer noch geradeaus, leicht nach links, leicht nach rechts, in der Innenstadt dann tatsächlich mal links, mal rechts von parkenden Autos fahren, angekommen, fertig.

Dabei halte ich den Roskildevej für einigermaßen vergleichbar mit der Bundesstraße 431: Beide führen relativ direkt ins Stadtzentrum, beide sind relativ stark befahren und an beiden möchte ich mich eigentlich ins Stadtzentrum entlanghangeln. Während ich aber in Hamburg teilweise Umwege über Nebenstraßen fahren muss, weil die Wedeler Landstraße und die Stresemannstraße zum Radfahren ungeeignet sind — und ich die ganzen Faxen im Wedeler Bereich der Bundesstraße über die Wedeler Feldstraße umfahre — und zwischendurch der Rissener Canyon als Kraftfahrstraße angelegt ist, und selbst entlang der B431 zwischen benutzungspflichtigen Radwegen mangelhafter Qualität und benutzungspflichten Fuß- und Raddwegen ebenso mangelhafter Qualität wechseln muss, gleite ich am Roskildevej auf einem extra-breiten Radweg in die Innenstadt. Der ist zwar auch nicht immer makellos, aber — und das ist mein voller Ernst — selbst bei schadhaften Stellen noch besser als das Hamburger Pendant dazu. Und vor allem muss ich nicht ständig den Straßenteil wechseln, wenn man denn davon absieht, dass der Radweg hin und wieder stellenweise über die Fahrbahn geführt wird.

Kopenhagen Juni 2013 14

So kann es halt auch laufen. Neun Kilometer in Kopenhagen dauern keine halbe Stunde, gehen unfassbar leicht vom Pedal und machen richtig Spaß. Ich muss in der Regel nicht ständig den Straßenteil wechseln, sondern radle auf einem Radweg, der eher einem Prachtboulevard gleicht. Ich habe selten Radwege gesehen, auf denen ein Überholen nur schwierig möglich gewesen wäre.

Das ist nach meiner Erfahrung von 250 Kilometern Kopenhagen in dreieinhalb Tagen ein ganz wichtiger Aspekt dieser Stadt: Es gibt mit Ausnahme von weniger befahrenen Straßen wie in Wohn- oder Gewerbegebieten überall Radwege. Man kommt überall mit dem Rad hin und muss sich nicht erst hinsetzen und seine Route planen, um gefährliche oder schlecht zu befahrene Straßen zu meiden. Man fährt einfach drauflos. Einfach so.

Kopenhagen Juni 2013 22

Es mag für deutsche Alltagsradler wie Blasphemie klingen, stimme ich hier plötzlich ein Lob auf Radwege an, aber in Kopenhagen funktioniert dieses System. Das liegt einerseits daran, dass die Radwege außerordentlich großzügig angelegt werden. Nicht selten können drei, manchmal gar fünf oder sechs Radfahrer nebeneinander fahren. Radwege sind in der Regel mit einem Kantstein sowohl von der Fahrbahn als auch vom Gehweg mit Niveauunterschieden abgesetzt und den Verkehrsteilnehmern ist klar, dass es sich um einen Radweg handelt und er wird auch entsprechend respektiert. Fußgänger laufen nicht darauf herum, Kraftfahrzeuge werden nicht darauf geparkt, es gibt unfassbar wenige Geisterradler und die fahren dann tatsächlich auch nur zehn oder zwanzig Meter auf der falschen Seite bis zum Ziel. Aber kann sich in Deutschland jemand vorstellen, dass Fußgänger auf den Bus wartend nicht auf den Radweg stehen?

Kopenhagen Juni 2013 3

Insofern ist noch interessanter als das, was ich während meiner Tour gemacht habe, das, was ich nicht gemacht habe, beziehungsweise das, was nicht passiert ist. Es gab nur einen einzigen Konflikt mit einem Kraftfahrer, mehr dazu später. Es schaut sich bei Kreuzungen und Einmündungen kein Radfahrer ängstlich um, ob sich von hinten links jemand nähert und nach dem Leben trachtet. Wer mit seinem Auto abbiegt, der wartet, manchmal gezwungenermaßen eine ganze Weile, und hält nicht erst im allerletzten Moment an, so dass die Radlinge im Unklaren sind, ob der wohl noch hält oder nicht. Wer mit dem Auto aus einer Einfahrt ausfahren möchte, lässt beim Warten Rad- und Gehwege frei. Und der Hintermann des Ausfahrenden lässt sogar so viel Platz, dass der Vordermann wieder zurückrangieren kann, falls er sich verschätzt hat und sich Radfahrer nähern.

Und dann diese ganzen Erleichterungen des Radverkehrs, gegen die wir uns in Deutschland immer und immer noch wehren, weil nach vorherrschender Meinung der Bevölkerung der Radverkehr nicht weiter bevorzugt werden und um Gottes Willen keine Vorteile gegenüber dem Kraftverkehr genießen darf! In Kopenhagen biegen Radfahrer stets indirekt nach links ab, fahren also erst geradeaus zur gegenüberliegenden Seite und warten dort noch ein paar Sekunden, bis die Ampel umschaltet und es weitergeht. Das mag ungewohnt klingen für den deutschen Fahrbahnradler, funktioniert aber prima, weil es überall funktioniert: Es ist nicht so wie bei uns zu Hause, wo an manchen Kreuzungen das Linksabbiegen über mehrere kleine Verkehrsinseln und einen längeren Zeitraum stattfindet. Und wenn es die Verkehrsströme erforderlich machen, bauen die Dänen eine separate Linksabbiegespur für Radfahrer.

Kopenhagen Juni 2013 7

Gekippte Mülleimer würden bei uns längst als rausgeworfene Steuergelder kritisiert und diese Haltevorrichtungen an manchen Ampeln sowieso. Der Witz ist eigentlich, dass Rad- und Gehweg ohnehin nicht niveaugleich sind, der Radfahrer seinen Fuß also auch auf dem Bordstein abstellen könnte, aber noch leichter wird’s eben mit diesen Haltevorrichtungen. Solche baulichen Maßnahmen mögen lächerlich sein, machen aber unfassbar viel Spaß und erleichtern das Radfahren in einem Maße, das man sich aus der Ferne überhaupt nicht vorstellen kann.

Kopenhagen Juni 2013 23

Und vermutlich wäre es unmöglich, in Deutschland die Fahrbahnen in einem Maße umzubauen wie in der Nørrebrogade: schmale Fahrbahnen, breite Gehwege und noch breitere Radwege. Das ganze mündend dann in der mittlerweile weltbekannten Brücke, die wohl das optisch gelungenste Beispiel für eine kompromisslose Radverkehrsförderung ist.

Kopenhagen Juni 2013 20

Und vor allem: Man radelt nicht alleine. In Hamburg stehe ich auch während des so genannten Fahrradboomes noch immer alleine vor der roten Ampel, sofern nicht gerade die Ausflugsradler am warmen Sommer-Sonntag in Wedel einfallen (und beinahe ausnahmslos auf der falschen Straßenseite radeln, aber das ist eine andere Geschichte). In Kopenhagen war ich ständig am Quasseln, was einerseits daran lag, dass aufgrund des Radverkehrsanteiles auch ständig jemand zum Quatschen da ist, andererseits die Dänen nunmal ein entsprechend sonniges Gemüt haben und nicht wie wir Deutschen am liebsten unsere Ruhe haben wollen. Ich habe viele Belanglosigkeiten erfahren, viel Small-Talk, aber auch Tipps für gutes Essen, tolle Beispiele dänischer Radverkehrspolitik, wo kann man abends hingehen, was sollte man sich in Christiania ansehen, oh, du willst auch Lindsey Stirling heiraten, wo gibt’s kostenloses Internet?

Kopenhagen Juni 2013 25

Es war einfach großartig.

Und der Witz ist: Wir Deutschen kommen mit sowas natürlich nicht zurecht. Am besten hält man es wie immer im Urlaub und unterlässt alles, was auf die nationale Herkunft deuten könnte. Der Typ, der mich beim Rechtsabbiegen umfahren wollte und mir den Finger zeigte, weil er meinte, er käme schneller als ich von der Haltlinie weg, der hatte ein deutsches Kennzeichen — genau wie die beiden anderen Kraftfahrzeuge, die innerhalb von dreihundert Metern zwei Mal beim Ausfahren den Radweg blockierten. Die Geisterradler, die mir im Roskildevej entgegen kamen und überhaupt nichts mehr merkten, quasselten ebenfalls deutsch. Und mitten auf dem Radweg stehend im Stadtplan vergaben waren: Deutsche. Und die drei Helden mit ihren dicken Kisten, die im Bredgade auf dem Radweg parkten, um im Nyhavn zu speisen? Deutsch.

Aber es passt wenigstens in den Kontext der Erfahrung, dass Deutsche mit Fahrrädern einfach nicht umgehen können.

Um das jetzt nach zweitausend Wörtern zu beenden: Radfahren in Kopenhagen fühlt sich an wie eine Critical Mass in Hamburg: Nach vorne hin eine endlose Schlange Radfahrer, nach hinten auch. Und es ist einfach großartig.

Kopenhagen Juni 2013 19

19 Gedanken zu „Zwei Jahre Radverkehrspolitik, Teil 2“

  1. *schnüff*
    nach 50km Hafen – Harburg – Neugraben – Fischbek les ich das hier und bin gerade noch viel angefressener von der Kreativität, dem „gut gemeint und schlecht gemacht“, der Anmaßung und Dummheit unserer planenden und ausführenden Hamburger Behörden.
    Denn das, was du hier schreibst, lässt unsere Hamburger Katastrophen noch schlechter aussehen.
    🙂

  2. (Halt, Stop! Bevor jemand fragt, warum ich mit dem Auto gereist bin: Meine Fahrten mit dem Rad im Fernverkehr der Deutschen Bahn waren ausnahmslos zum Abgewöhnen und ich hatte keine Ambitionen, mir den ganzen Stress noch einmal zu geben. Davon abgesehen bin ich mit dem Auto schneller und günstiger hingekommen.)

  3. Hallo,
    Toller Bericht. Ich wohne ja nun in Oldenburg, die Stadt, die sich kürzlich durch so manche – vielleicht auch zweifelhafte – Umfragen zur Radlhauptstadt Deutschlands gekrönt hat. Im Europaweiten Vergleich steht Oldenburg – noch vor Kopenhagen – auf Platz zwei. Auch wenn Oldenburg nicht die schlechteste Stadt zum Radfahren ist, schmerzt der Gedanke, daß alle anderen Städte schlechter sein sollen.
    Mit Hamburg hatten wir wären der Elberadtour nur kurzen Kontakt. Das war schon ziemlich mies. Bald wollen wir von Hamburg nach Kopenhagen mit dem Rad. Ich bin sehr gespannt was uns erwartet.
    Für Tipps in Kopenhagen wäre ich sehr dankbar.

  4. Bei aller Begeisterung über Kopenhagen, sollte man aber erwähnen, dass man dort als Fussgänger noch mehr der letzte Depp ist wie in Deutschland. Schön wenn die Fussgänger dort an der Bushaltestelle nicht auf dem Radweg stehen – wenn man das eine Foto im Bericht sieht, liegt das wohl eher an ihrem eisernen Willen sind allem unterzuordnen.
    Es gibt überall Stellen, an denen ein dreigeteilter Verkehrsbereich einfach nicht vernünftig realisierbar ist. Bei und wird dann in der Regel der Radweg 50cm breit oder man muss auf dem Gehweg fahren – in Kopenhagen scheint man dann eher die Fussgänger an den Rand zu drängen. Warum ist es eigentlich so schwer zu verstehen, dass es in so einem Fall nur ein Lösung geben kann: Radfahrer auf die Fahrbahn und wenns sein muss noch Tempo 30.

    1. „Bei aller Begeisterung über Kopenhagen, sollte man aber erwähnen, dass man dort als Fussgänger noch mehr der letzte Depp ist wie in Deutschland.“

      Woher nimmst du das?

      Nicht das alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, aber deine Aussagen treffen so gar nicht zu.
      Fußgänger in Kopenhagen:
      Die dänische Hauptstadt Kopenhagen gilt als eine der fahrrad- und fußgängerfreundlichsten Städte der Welt. Dies dürfte ein wichtiger Grund für die ebenfalls herausragende Stellung als eine der lebenswertesten Städte weltweit sein.
      Aus:
      http://www.zukunft-mobilitaet.net/15194/urbane-mobilitaet/kopenhagen-verkehrsberuhigung-erfahrungen-fussgaengerfreundliche-strassen/

  5. In Skandinavien werden Probleme pragmatisch gelöst. In Deutschland geht es dabei meist um Religion. Ist nicht nur in Verkehrssachen so.

  6. Mir als Berliner kommt in Hamburg jedes mal das Kotzen wenn ich in Hamburg Rad fahre oder sowas hier lese. Deppen gibt es zwar auch in Berlin, aber mittlerweile unglaublich wenig.

  7. Danke für deinen Bericht aus Kopenhagen.
    Erst gestern hatte ich wieder in einer Seitenstraße innerhalb eines Wohngebietes einen Drängler hinter mir.
    Langsam verliere ich die Hoffnung, dass sich in Hamburg jemals etwas signifikant bessern wird.

    1. Uups, ich hätte ganz vergessen zu erwähnen, dass mir der eilige Autofahrer an der nächsten Ampel zu erklären versuchte, dass er natürlich Vorrang hat.
      Außerdem hätte ich ihm durch Ausweichen auf den Gehweg (Ordnungswidrigkeit) Platz machen müssen.

  8. Vielen Dank für deinen tollen Bericht! Ich muss unbedingt auch mal nach Kopenhagen. Es ist mir aber weiterhin unverständlich, wie man als „Radbewegter“ in Deutschland weiterhin schmalste Schutzstreifen fordert mit der Begründung „in Kopenhagen klappt doch auch die Separation so super“.

    1. Sowohl die Befürworter, als auch die Gegner von Radwegen denken hierzulande dabei viel zu häufig nur an das, was uns hier unter dieser Bezeichnung angeboten wird. Das man das auch anders machen könnte, wird leider meistens vergessen.

  9. Hui, hatte ja selber mal das vergnügen gehabt die HHer Radverkehrzinfrastruktur anzutesten und bin eigentlich ganz froh drüber das ich in der „hässlichsten Stadt deutschlands“ (Hannover) leben darf… dafür aber Platz 6 im adfc Fahradklimatest. Und das merkt man aber auch, läuft hier irgendwie alles „chilliger“. Nun gut, Vollpfosten gibt es überall, ich habe mir nur abgewöhnt mit Taxifahrern Diskustionsrunden abzuhalten, die kriegen gleich was in die Fresse. Halt! War’n Scherz! Natürlich nicht, die werden schlicht und ergreifend einfach ignoriert genauso wie Fahrlehrer. Ist son ähnliches Gezuppe. 😉
    Dann mal solidarische Grüsze nach HH!

  10. Ich träume von einem TV-Beitrag, der den kompletten Inhalt angemessen transportiert und auf ausreichend seriösen Sendern, zu idealen Sendezeiten, ausgestrahlt wird. Und die Botschaft des drittletzten Absatzes bzgl. der Ausreißer in Kopenhagen, allesamt von Bürgern Schlands vollbracht, gehört besonders ausführlich gewürdigt.

  11. Vielen Dank für Deinen ausführlichen Bericht!

    Was mich sehr interessieren würde, und was Du im Bezug auf Geisterradler auch schon kurz angerissen hast: Wie verhalten sich die Kopenhagener Radfahrer? Angesichts der Massen an Radfahrern, wie gut kommt man auf den Radwegen voran, ist Überholen möglich?

    Danke schonmal und viele Grüße!

    1. Weil hier noch keine Antwort war.
      Ich war auch grad ne Woche in CPH. Überholen ist null Problem. Die Leute fahren rechts! Wenn sie zu zweit oder zu dritt sind, genügt n kurzes Klingeln von weitem.
      The exception proves the rule. Ich, meine Frau weniger, aber manchmal auch, hatte zuerst Schwierigkeiten, mich an das Rechtsfahren zu gewöhnen. Aber die Leute nehmen „dumme Touris“ locker und auf ein sorry folgt immer ein smile.

  12. Vielen Dank für den schönen/informativen Bericht. Nach meiner subjektiven Erfahrung ist der Grad der Rücksichtnahme auf Radfahrer neben der vorhandenen Radinfrastruktur auch stark vom Radverkehrsanteil (bzw. auch Anteil schwächere/unplanbare Verkehrsteilnehmer, Touristen, Kinder, Besoffene etc.) abhängig. Dabei nimmt die Rücksicht mit dem flächendeckenden Vorhandensein von Radwegen und mit geringerem Anteil rücksichtbedürftiger VT deutlich ab. Beide Faktoren unterscheiden sich in Deutschland, teils innerhalb von Regionen sehr deutlich. Ich glaube indes nicht an starke Auswirkungen der Nationalität, auch wenn gewisse Charaktereigenschaften und Einstellungen sich nach auch regional verschiedener Sozialisation unterscheiden und Auswirkungen auf das Verhalten im Straßenverkehr haben.

    Meine Erfahrungen beruhen zwar außerhalb Berlin/Brandenburgs zumeist auf der Nutzung eines Rennrads mit speziellem Anhänger bei >30 km/h, derartig ungewöhnlichen Gefährten (z.B. auch Rikschen, Lastenrädern, HPV`s etc.) wird m.E. mehr Rücksicht bzw. mehr Angst/Gaffen zuteil. Aber auch innerhalb Berlin/Brandenburgs sind unabhängig von meinen stark unterschiedlichen Radnutzungen massive Unterschiede feststellbar. Touristische Zentren und Radhochburgen sind passabel, die äußeren Bezirke selbst in Wohnstraßen schon deutlich schlimmer, Ausfallstrecken in den Speckgürtel im Berufsverkehr bei hochstehender Sonne sind Folter. Dreistellige Kennzeichen sind eher schlimmer. Dabei ist in den letzten 15 Jahren eine stetige Verbesserung spürbar, die von den Radhochburgen ausstrahlt. IMHO ist es also neben der Radinfrastruktur auch eine Frage der Gewöhnung an Radfahrer, bei hohen Anteilen des Radverkehrs ist auch häufiger eigene Raderfahrung vorhanden oder wenigstens sind Freunde/Bekannte auf dem Rad unterwegs.

    Alle Aussagen sind natürlich sehr pauschal. Die Hoffnung auch für Hamburg habe ich indes noch nicht aufgegeben. Steter Tropfen nagt auch an vollverzinkten Asphaltköpfen. Nur schade, dass es so lange dauert und vorher noch so viel Mist passiert.

  13. Guter Bericht.
    Wir haben als Ausgangs- und Endpunkt einer Schweden-Radtour n paar Tage CPH genossen. Anfahrt mit der Bahn. Per Zug ist (eigentlich) kein Problem. Problem ist nur die Deutsche Bahn. Der Trick ist, man macht die Radreservierung für die Dk-Strecke (hin und retour) per Telefon über die Dänische Bahn. Völlig unkompliziert. Die sprechen Deutsch und Englisch.

    Was ich noch ergänzen kann:

    Die Grundstücksein- und ausfahrten. Die Fuß- und Radwegteile der Ausfahrten sind nicht zu einer Rampe abgeschrägt und geglättet. Das Auto muss vielmehr jeden Absatz (den zum Fuß- und den zum Radweg) runterhoppeln, es ist nur ein bisschen Asfalt an die Kantsteine geklatscht. Mehr als Schritttempo geht nicht für die Autos.

    Die Handzeichen der Radler. Zum Linksabbiegen oder zum Halten hebt man die linke Hand und fährt rechts ran. Super angenehm.

    Hält ein Bus an der Haltestelle, halten ALLE Radfahrer hinter dem Bus, um ein gefahrloses Ein- und Aussteigen zu ermöglichen.

    S-Bahn haben wir auch probiert. Durchgängige Radmitnahme für umsonst. Ganze Waggons für Räder mit Abstellmöglichkeit.
    Auf dem Bahnsteig sind Rad-Piktogramme gemalt damit man weiß: Hier hält der Fahrradwaggon, hier muss ich mich aufstellen.

    Was richtig schlecht ist:
    Man gewöhnt sich den doppelt und dreifachen Schulterblick bei Intersektionen ab. Auch sogar den einfachen. Niemand guckt sich da um. Braucht man nicht und das ist sooooooooo entspannend.

    Aber: Zurück in Hamburg kann einem das teuer zu stehen kommen. Vorsicht! Falle!!!

  14. „Deutsche Radfahrer mögen so etwas als ordentlichen Radweg bezeichnen. Aus der gleichen Erkenntnisgruppe wächst vermutlich auch die Bereitschaft, Gefährdungen beim Radfahren als normal und gottgegeben hinzunehmen: Radfahrer müssen eben auch mal bremsen, absteigen und auf ihr Vorrecht verzichten, heißt es dann immer.“
    Auch eine beige-grünen Helferin hat mir letzte Woche erzählt das so ziemlich *alles* besser sei als auf der Fahrbahn zu fahren. Daher nähme sie kleine Nebenstraßen das sie sich auf der Hauptstraße (ohne ben-pfl. Radweg) nicht fahren traut. Einfach zu „schön“ wenn sich nicht mal mehr die Polizei traut gegen unsere motorisierten Kriminellen vorzugehen – und, sorry, das Argument das dichtes Überholen nicht „absichtlich“ erfolgt ist einfach lächerlich!

    Völlig OT, aber in dem Zusammenhang mit meinem letzten Gespräch muss ich hier auch mal speziell vor LKW-Fahrer warnen, die in dem toten Winkel vorne (!) die Radfahrer überhaupt nicht sehen[1] und diese deswegen auf Landstraßen (wohl zuhauf) niedermähen würden wenn dort keine Benutzungspflicht angeordnet würde. Das sei zwar evtl. nicht gesetzeskonform, aber man müsse die Leute auf die Radwege zwingen weil die Polizei sonst sofort wieder die Schuld bekäme wenn dort (Achtung, Totschlagsargument!) Kinder auf der Fahrbahn umgefahren würden.

    [1] „Das habe ich nicht gesehen“ ist in meinem Augen das Totschlagargument überhaupt: irgendwie haben es die Kleinkriminellen geschafft jeden davon zu überzeugen das selbstverständlich auch Blinde KfZ führen dürfen. „Das habe ich nicht gesehen“ das ich mit 20 cm Abstand überholt habe, „Das habe ich nicht gesehen“ das dort auf dem Radweg ein Radfahrer kam – der, den ich selber dort hingehupt hatte. „Das habe ich nicht gesehen“ das ich in einer unübersichtlichen Kurve überholt habe. Man hat das Gefühl das es in Deutschland noch wesentlich mehr KfZ-Verkehr gäbe wenn, ja wenn nicht so viele Fahrer die Fahrt aufgeben müssten weil sie das Lenkrad vor Ihnen „nicht gesehen“ haben.
    Wahrscheinlich ist *das* auch der Grund für diese Funkschließsysteme – ein heutiger KfZler wäre mit dem Auffinden eines Türschlosses hoffnungslos überfordert.

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