Zwei Jahre Radverkehrspolitik, Teil 1

Fahrrad Havfrue

Es gibt diese Momente, in denen sich plötzlich alles ändert. Meistens sind solche Momente romantisch verklärt, der erste Kuss, der erste Sex — manchmal sind sie weniger schön, etwa beim Tode eines geliebten Menschen oder einem schweren Unfall.

Wäre ich wenigstens ein bisschen normal im Kopf, hätte ich mir für so einen Alles-ändert-sich-Moment etwas ähnliches ausgesucht. Aber der Moment, in dem mein Leben plötzlich eine andere Richtung nahm, der war: Eine Radtour.

Am 24. Juni 2011 stand ich relativ ratlos zu etwa dieser Zeit vor dem Audimax der Hamburger Universität und wartete auf die übrigen Teilnehmer, die sich zu etwas versammeln wollten, das sich „Critical Mass“ nannte. Ich hatte durchaus schon mal von dieser Critical Mass gehört, hielt das aber für einen Brauch aus Übersee, denn in Deutschland, ja, wer fährt denn in Deutschland schon mit dem Fahrrad? Hier bekäme man für so eine Veranstaltung keine 16 Teilnehmer zusammen und scheiterte schon an der Bildung eines Fahrradverbandes im Sinne von § 27 Abs. 1 StVO.

Mein Interesse am Radfahren nahm wie vieles in meiner Biographie einen recht ungewöhnlichen Weg. Klar, in meiner Jugend bin ich regelmäßig und viel geradelt, sogar mit einer recht genauen Ahnung der Verkehrsregeln im Hinterkopf. Mit der Fahrerlaubnis in der Tasche wurde die Zeit auf dem Sattel etwas weniger, obwohl ich mich nach wie vor weigerte, Strecken unter ein paar Kilometern mit dem Auto zurückzulegen. Bis dahin war ich noch ein relativ normaler Radfahrer.

Dann plötzlich fuhr jemand an meinem Auto das Kennzeichen kaputt und ich stand plötzlich vor der Frage, wie ich denn nun in der Provinz, in der ich mich zum Studium momentan aufhielt, ein Kennzeichen aus der 150 Kilometer entfernten Kraftfahrzeugstelle bekomme, ohne der Polizei allzu oft allzu doof aufzufallen. Die Frage führte mich ins Verkehrsportal, das sich aufgrund des dort herrschenden Niveaus binnen Stunden zu meinen Lieblingsseiten im Netz mauserte.

Ich erfuhr im Verkehrsportal beim Stöbern durch verschiedene Themen nicht nur eine umfassende Ausbildung in der Straßenverkehrs-Ordnung und lernte nebenbei Dinge, die eigentlich kein normaler Mensch wissen braucht. Ich fing an, Ungenauigkeiten in den lokalen Baustellen zu dokumentieren und landete plötzlich wieder bei den Radwegen: Nachdem ich mich an unzähligen Arbeitsstellen abgearbeitet und durch den dichten Schilderwald gekämpft hatte, merkte ich plötzlich, hmm, das mit den Radwegen, das ist ja echt nicht so der Hit.

Bislang hatte ich, obwohl ich von der Radwegbenutzungspflicht schon mal etwas gehört hatte, noch nicht allzu viel auf diese Radwege gegeben. Man fuhr eben drauf, musste ständig aufpassen nicht angefahren zu werden, es gab Geisterradler, Schlaglöcher, Mülltonnen und Fußgänger und noch ein paar Dinge, die man eigentlich niemandem wünscht. Aber erst jetzt verstand ich die Kritik des ADFC, der immer wieder im Nichts endende und gefährliche Radwege bemängelte.

Im Frühjahr 2011 kaufte ich mir einen neuen Tacho für mein Rad, stieg auf den Sattel — und seitdem nicht mehr ab.

Und nun stand ich da auf dem Platz vor dem Audimax, der sich langsam mit knapp 256 Radfahrern füllte, und staunte und staunte und staunte noch mehr. Es ging zweieinhalb Stunden durch Hamburg und war alles andere als cool. Kaum jemand hielt sich an die elementarsten Verkehrsregeln, es wurde ständig über rote Ampeln gefahren und im Gegenverkehr und das alles war überhaupt ein Chaos sondergleichen. Die Polizei versuchte mehrfach, die Masse zu stoppen, riss in St. Pauli einige Radfahrer vom Fahrrad, angeblich wurde sogar Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt. Ich schwor mir, nie wieder bei einer solchen Tour mitzuradeln.

Kurz darauf registrierte ich die Domain criticalmass-hamburg.de, schmiss eine WordPress-Installation dort rauf und lud 148 Fotos der Tour in eine Galerie — schließlich gehe ich nie ohne Kamera aus dem Haus und was Konsequenz betrifft, naja, darin war ich noch nie besonders gut.

Wiederum kurz darauf fing ich an, über radverkehrspolitische Themen zu bloggen, damals noch auf der Webseite der Hamburger Critical Mass, bis ich im Frühjahr 2012 Radverkehrspolitik und Critical Mass Hamburg auf zwei verschiedene Webseiten aufteilte. Seitdem ist die Critical Mass Hamburg stetig gewachsen, Ende Mai 2013 waren laut Polizeiangaben knapp dreitausend Teilnehmer unterwegs, und auf Radverkehrspolitik treiben sich je nach aktuellen Themen 300 bis 1.200 Besucher täglich herum. Das ist noch relativ wenig, aber herrje, wer interessiert sich schon für Radverkehrspolitik? Bei solchen trockenen Themen, die ich hier manchmal hintippe, wundere ich mich sowieso jedes Mal, dass das jemand liest.

Aber irgendjemand muss ja darüber schreiben. Gut die Hälfte der Beiträge bilden wohl ein so genanntes Watchblog, die allzu groben Unsinn über Radverkehrsregeln oder -politik in den Medien aufgreifen. Und die andere Hälfte ist das, was mich ansonsten noch so beim Radfahren stört. Das mache ich mittlerweile seit zwei Jahren, mal mehr, mal weniger intensiv, je nachdem, wie viel denn gerade an Arbeitsbelastung oder im Studium anliegt.

Und aufs Rad muss ich auch zwischendurch hin und wieder mal.

Den zweiten Geburtstag dieses Weblogs verbringe ich eher mehr oder weniger zufällig in Kopenhagen. Primär wegen Lindsey Stirling, die ein großartiges Konzert spielte, mich aber leider nicht heiraten will, aber wenn schon Kopenhagen, dachte ich mir so, dann bleibe ich noch ein wenig länger und schaue mir die Radwege an und tippe weiter an meiner Abschlussarbeit: Eine kleine Web-App für die Critical Mass mit GPS-Positionen und solchen Späßen.

Zurück zu den Momenten, die das ganze Leben ändern: Ohne diese Tour vor zwei Jahren durch Hamburg wäre ich heute wahrscheinlich ein anderer Mensch. Weniger zufrieden, weil mehr im Auto sitzend, nicht so sehr auf dem Rad aktiv und, das darf man eigentlich niemandem sagen, ich ernähre mich sogar bewusster. Nach acht Stunden im Bureau als Werkstudent brauche ich noch etwas Bewegung und fahre dann auch mal die zwanzig Kilometer zurück nach Hause mit dem Rad anstatt mich mit dem hanseatischen Gemüt in die S-Bahn zu setzen.

Und so ganz nebenbei sprechen mich sogar hier in Kopenhagen wildfremde Menschen an, ob ich nicht dieser Fotograf von dieser Critical Mass wäre. Es könnte wahrlich schlimmer sein.

6 Gedanken zu „Zwei Jahre Radverkehrspolitik, Teil 1“

  1. Das mit den Leserzahlen ist möglicherweise zu niedrig geschätzt, denn ich z.B. komme nur selten direkt auf die Seite. Schließlich sind die Artikel in Volltext und mit Illustrationen via RSS abrufbar (früher Google Reader verwendet, jetzt feedly).

  2. Ich schaue hier erst regelmäßig rein, seit der Geschichte von Marco Laufenberg mit Stern TV, wo Malte dann hier einen Teil der Reaktionen abbekam.

    Was mir hier besonders gefällt, ist die Nüchternheit und Sachlichkeit mit der Malte schreibt, wobei auch stets die eine oder andere Portion Humor und Ironie mit eingebaut wird und dies sich dann immer noch mit der Sachlichkeit verträgt.
    Das macht mir Spaß und hlift ungemein auch längere Texte gerne zu lesen und auch wenn mir das wohl Meiste inhaltlich nicht mehr fremd war, finde ich doch immer wieder zu neuen Anregungen und Aha!-Momenten.

    Malte, mach bitte weiter so! Danke.

  3. Gratuliere zu den (ersten) zwei Blog-Jahren Malte! Wie viele Andere auch, bin ich zufällig bei Deinem Blog gelandet. Heute schaue ich immer mal wieder rein – und gebe zuweilen meinen Senf dazu. So ein Radverkehrs-Blog ist alles Andere als langweilig, wenn einem erst einmal bewusst wird, wie sehr die Behörden verhindern wollen, dass das Fahrrad dem Auto in die Quere kommt und ihm gar Konkurrenz macht.

    Dein Blog ist ein Füllhorn voller Informationen, sachlich und in einem guten Schreibstil „zu Papier“ gebracht. WEITER SO, BITTE!!!

    PS: Hast Du Lindsey Stirling denn überhaupt gefragt, ob sie Dich heiraten möchte? Vielleicht hätte sie ja nichts gegen eine Ehe ohne Trauschein… 😉

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