Zeitungsberichte werden immer dreister!

Erinnert sich noch jemand an diesen Beitrag, mit dem dieses Weblog vor über zwei Jahren Fahrt aufnahm? Die Kollegen drüben vom BILDblog streckten damals den Radverkehrspolitik-Server im Handumdrehen nieder, nachdem der Beitrag in der Sechs-vor-neun-Reihe erwähnt wurde. BILD war schon immer für eine Story gut — jede Wahrheit braucht jemanden, der sie ausspricht, sagt man nicht so, das war damals allerdings nicht BILD.

Pünktlich zum 11. November titelt BILD: Rüpel-Radler werden immer dreister!

Zebrastreifen werden mehr und mehr zum Brennpunkt für Verkehrsvergehen in Deutschland!

BILD beklagt:

  • Im Schnitt missachtet jeder zweite Radfahrer (57 Prozent) das Haltegebot an Zebrastreifen, wenn dort Fußgänger unterwegs sind.

Es finden sich leider keine genaueren Informationen, ab wann für die von der BILD zitierten Untersuchung der Schutz des Fußgängerüberweges als verletzt betrachtet wird. Bei ähnlichen, allerdings nie ernsthaft publizierten Untersuchungen galt es allerdings schon als ordnungswidriges Verhalten, mit halbwegs angemessener Geschwindigkeit vor oder hinter einem Fußgänger den Fußgängerüberweg zu queren, was aufgrund der genügsameren Breite eines Fahrrades gegenüber eines Kraftfahrzeug auch deutlich besser und gefahrloser funktioniert.

Das senkrechte Queren eines Fußgängerüberweges, auf dem sich gerade Fußgänger befinden, ist nach strenger Auslegung der Straßenverkehrs-Ordnung nicht einmal verboten — § 26 Abs. 1 StVO sagt:

An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge mit Ausnahme von Schienenfahrzeugen den zu Fuß Gehenden sowie Fahrenden von Krankenfahrstühlen oder Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten.

Ein Radfahrer kann einem Fußgänger das Überqueren des Fußgängerüberweges ermöglichen und trotzdem vor oder hinter ihm den Fußgängerüberweg überfahren. Das von Bild zitierte Haltgebot existiert noch nicht einmal, denn § 26 Abs. 1 StVO verlangt nur in einem mit Semikolon abgetrennter Nebensatz des letzten Satzes Fußgängern das Überqueren zu ermöglichen — und dem Anspruch ist hoffentlich genüge getan, sofern man den Fußgänger nicht über den Haufen radelt, behindert oder gefährdet. Für Fußgänger ist es natürlich angenehmer, wenn jegliche wartepflichtige Verkehrsteilnehmer sie ganz in Ruhe queren lassen: Dann muss man sich keine Gedanken machen, ob da gerade ein Kampfradler naht und im Zentimeterabstand vor den Zehenspitzen entlangdüst oder ob der Kraftfahrzeugfürer seine Flugbahn tatsächlich so genau berechnet hat, dass es noch irgendwie gerade so passt.

Es steht zwar leider außer Frage, dass manche Radfahrer ihre Probleme mit den Rechten eines Fußgängers am Fußgängerüberweg haben, allerdings dürfte frei nach empirischen Beobachtungen die Angabe von 57 Prozent zu hoch angesetzt sein. Meistens klappt das Zusammenspiel von Radfahrern und Fußgängern trotz jeglicher Untersuchungen und Zeitungsberichte noch besser als zwischen Fußgängern und Kraftfahrern.

Dem zweiten Punkt fehlt nur noch der Griff zum Wegwerfen:

  • Zwei Drittel (68 %) der Radfahrer steigen beim Queren von Zebrastreifen nicht wie vorgeschrieben ab, sondern fahren verbotenerweise zur anderen Straßenseite und bedrängen dabei Fußgänger.

Das hat BILD schon vor zwei Jahren nicht kapiert: Das Absteigen am Fußgängerüberweg ist für Radfahrer nicht vorgeschrieben. Solange keine anderen Ordnungswidrigkeiten entgegenstehen, beispielsweise Gehwegradelei oder Verkehrsverbote, dürfen Radfahrer auf Fußgängerüberwegen hin- und herradeln bis die Reifen verschlissen sind. § 26 Abs. 1 StVO sieht allerdings vor, dass Kraftfahrzeuge Fahrzeuge nur für Fußgänger anhalten das Überqueren ermöglichen müssen, Radfahrer genießen diesen Schutz nicht. Das ist, auch wenn das am Stammtisch häufig missverstanden wird, allerdings noch kein Freibrief, plötzlich querende Radfahrer einfach über den Haufen zu fahren. Interessanter wäre es zu erfahren, wie viele Radfahrer denn tatsächlich zuvor ordnungswidrig auf dem Gehweg oder auf der falschen Straßenseite unterwegs waren.

ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner: „Die Verkehrsmoral gerät unter die Räder. Weg-hier-jetzt-komm-ich, das ist das Motto aggressiver Rüpel-Radler.“

Die Weg-hier-jetzt-komm-ich-Mentalität kann man als Radfahrer allerdings gleich an den nächststärkeren Verkehrsteilnehmer weitergeben: Einige Kraftfahrer sind auch nicht gerade zimperlich, den aufgrund des größeren Fahrzeuges erwarteten Mehrwert auf der Straße mit Gewalt durchzusetzen. Beide Male treten allerdings zum Glück nur ein paar Prozent der Verkehrsgruppe als Kampfradler oder -kraftfahrzeugführer auf, insofern ist Hillgärtners Zitat eigentlich gar nicht so verkehrt, beschränkt er sich doch auf ebenjene paar Prozent. Nein, das soll wirklich nicht der Versuch sein, so genannte Kampfradler von jeglicher Schuld reinzuwaschen, nein, aber es ist eigentlich nicht angemessen, nun ausgerechnet die Radfahrer als Reinkarnation des Bösen darzustellen.

BILD offenbart seinen Versuch der unangemessenen Schuldzuweisung im restlichen Teil des Artikels, in dem der Leser mit relativ lose zusammengestellten Zahlen eingedeckt wird. Dass es sich hier um eine Unfallstatistik handelt, in der längst nicht nur von Radfahrern verursachte Unfälle einfließen, sondern auch der deutlich größere Anteil der von Kraftfahrern angerichteten Schäden, fällt manchem Leser offenbar erst auf dem zweiten Blick auf.

Für noch mehr Stimmungsmache sei der Blick in die Kommentare drüben bei BILD empfohlen. Dort geht’s wie jedes Mal beim Reizbegriff des Kampfradlers heiß her.

11 Gedanken zu „Zeitungsberichte werden immer dreister!“

  1. Der BILD-Artikel bzw. die ACE-Untersuchung ist wie immer sehr pro-Auto und contra-Radfahrer. Wenn ich Ergebnisse sehe wie „Laut ACE wurden 71,2 % der Unfälle an Zebrastreifen von Autofahrern und Zweiradfahrern (einschließlich Radfahrern) verursacht“, denn könnte ich schreien. Natürlich wird nicht aufgeschlüsselt, wieviele Radfahrer sich unter den Zweiradfahrern befinden (das sind vermutlich großteils motorisierte Zweiradfahrer, schätze ich), noch wird eine amtliche Statistik benannt (woher hat denn der ACE denn die Zahlen, würde da gerne mal nachschauen).

  2. ZACK – wieder was gelernt. Auch mir waberte da was mit *Zebrastreifen* und *anhalten* im Kopf herum. Ähnlich wie beim STOP-Schild. Ist ja gar nicht so.

    „An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge […] den zu Fuß Gehenden […], welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten.“

    Das ist eine Mission wo der Rad Fahrende gegenüber dem Kraft Fahrenden gleich zwei Vorteile zu eigen hat.

    Zum einen ist ein Rad Fahrender grade mal 1/4 bis 1/5 so breit wie ein Kraft Fahrender in seinem Fahrzeug. Es steht also – auch wenn sich ein Fuß Gehender auf dem Fußgängerüberweg befindet – weit mehr mögliche nutzbare Verkehrsfläche zur Verfügung um gefahrlos dem Fuß Gehenden das überqueren zu ermöglichen, ohne selbst bis zum Stillstand herab bremsen zu müssen.

    Der zweite – und in meinen Augen wichtigere – Punkt, es kann zwischen Rad Fahrendem und Fuß Gehendem Blickkontakt aufgebaut werden. Ein kurzes Nicken, eine leichte Drehung mit dem Kopf und alle Beteiligten wissen umeinander. Jemanden den man gesehen hat fährt man in der Regel nicht um.

    Anders mit dem Kraft Fahrenden der hinter einer reflektierenden Windschutzscheibe in seinem Fahrzeug sitzt. Das ist für einen Fuß Gehenden (übrigens auch für Rad Fahrende) üblicherweise ein 2 Tonnen und 2 Meter breiter Klotz der nicht so ohne weiteres einzuschätzen ist. Blickkontakt aufzunehmen nahezu unmöglich.
    Ich vertraue als Fuß Gehender keinem Kraftfahrzeug welches nicht signifikant die Geschwindigkeit reduziert.

  3. Hab das heute mal probiert und bin an beiden Zebrastreifen auf meinem Arbeitsweg brav abgestigen. Am ersten passierte nichts, außer das ungewöhnlich viele Autos zum stehen kamen, und die anfahrenden ihrem Unmut mit besonders viel Gas geben Ausdruck verliehen. Am zweiten gab es dann Gehupe von einem Taxi, welches mich anschließend überholte und vor mir scharf rechts im Schrittempo dahinbummelte bis ich glücklicherweise sowieso abbiegen mußte..
    Wie man es macht, macht Fahrradfahrer es verkehrt…

  4. Jetzt bist Du leider beim Schreiben selbst in die Falle getappt! Du schreibst „§ 26 Abs. 1 StVO sieht allerdings vor, dass Kraftfahrzeuge nur für Fußgänger anhalten müssen, …“. Das steht in der StVO so aber nicht:

    §26 (1) An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge … den zu Fuß Gehenden … das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen.

    1. Es ist in der StVO allgemein von „Fahrzeugen“ die Rede, aus denen Du „Kraftfahrzeuge“ gemacht hast. In der StVO sind außer Kfz auch Radfahrer (im Längsverkehr) gemeint, die Du hier ausschließt.
    2. Auch Kraftfahrzeuge müssen nicht halten, sondern lediglich das Überqueren ermöglichen. Das kann ja z. B. auch durch entsprechend langsames Heranfahren geschehen. Für Radfahrer diskutierst Du ja auch die möglichen Alternativen.

    Tja, so schnell kann es einen erwischen 😉

  5. @Radschwarzfahrer:

    AH SOOO!!!
    Ich Dummerchen 😀

    Na das wird ja ein Spässge. Alleine im Stadtpark in Hamburg befinden sich drei Zebrastreifen. Also – wenn ich die nicht überfahren darf sondern besser anhalten, absteigen und schiebend überqueren sollte wird das ja fast anstrengend. Aber was tut man nicht alles um endlich in den Augen der allwissenden Autofahrer mich endlich auch als Radfahrer verkehrskonform zu verhalten.

    Aber da warte ich noch ein paar Tage bis ich meine Kamera wieder habe. Soll die Nachwelt doch teilhaben wie sowas dann in der Praxis ausschaut.

  6. Die Anzahl an Aufforderungen wie „umnieten“, „übersehen“, „vom Rad schubsen“, „Gas geben“ ist bei den Bild-Kommentaren schon beeindruckend.

  7. @ScarySound:

    Jau – habe das auch grade mal überflogen. Watt’n Glück dass das zum absolut überwiegenden Teil nur Maulhelden sind. Ansonsten würde die Zahl der Schwerverletzten und Getöteten im Straßenverkehr sprunghaft steigen.

    Es ich echt übel was da für ein Ton herrscht. Aber gut…. Zielgruppengerecht.

    Ich habe ‚meinen Autolingen‘ größtenteils das hupen und schneiden abgewöhnt. Ist echt sehr selten das da noch jemand austickt. Und das obwohl ich die halbe Hindenburgstraße mittig auf der Fahrspur unterwegs bin.

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