Winfried Hermann: Fahrradhelme sind chic

Wie es in der Politik eben Tradition ist, kommen auch zum Thema Helmpflicht erst einmal alle Politiker zu Wort, ganz egal, ob sie sich mit dem Thema befasst haben oder nicht. Nach Thüringens Verkehrsminister Christian Carius ist nun beim gleichen Autor sein grüner Kollege Winfried Hermann aus Baden-Württemberg an der Reihe: „Die sind chic“. Abgesehen von der Parteizugehörigkeit zeigen sich allerdings wenig Unterschiede zwischen beiden Ministern.

WELT AM SONNTAG: Herr Minister Hermann, warum fordern Sie eine gesetzliche Helmpflicht für alle Radfahrer in Deutschland?

Winfried Hermann: Es muss jede Möglichkeit genutzt werden, um die Köpfe der Radfahrer vor schwerwiegenden Verletzungen zu schützen. Eine bessere Methode als den Helm kenne ich nicht. Er ist das Schutzschild Nummer eins. Das werden Ihnen die Ärzte in jedem Unfallkrankenhaus bestätigen.

Der Anfang verheißt schon nichts besonders Gutes, denn mit der Anspielung auf die Ärzte bringt Hermann gleich zu Beginn das wenig sinnvolle Ratespiel in Gang, welche Kopfverletzung in welchem Fall mit einem Fahrradhelm denn zu verhindern gewesen wäre. Am Ende kommt meistens etwas in der Form von „Hätte er einen Helm getragen, wäre er ohne jetzt tot“ dabei heraus. Sicherlich sind Ärzte jeden Tag mit grausamen Unfallfolgen konfrontiert, daraus aber in einem Nebensatz zu schließen, dass mit Fahrradhelm alles viel besser wäre, scheint doch etwas gewagt.

Auf dem gleichen Niveau bewegt sich der Rest des Absatzes, denn die Köpfe der Radfahrer werden vor allem geschützt, indem Unfallrisiken minimiert werden. Nur wegen eines Fahrradhelmes wird aus einer schwerwiegenden Verletzung keine leichte oder gar keine Verletzung, sondern in der Regel nur eine mittelschwere. Ein Fahrradhelm schützt vor Kratzern und Beulen, die bei leichten Kollisionen entstehen, sobald aber tatsächlich eine kräftige Einwirkung auftritt, wird sie vom Helm nicht kompensiert, sondern nur um einen bestimmten Faktor vermindert. Das spricht insgesamt nicht für eine Art von Schutzschild Nummer eins, denn primär sollte es doch darum gehen, Unfälle überhaupt zu vermeiden, anstatt nur die Folgen etwas abzumildern (wenngleich letzteres ohne Frage im Ernstfall auch schon ein Gewinn sein kann).

Wie schon so oft in diesem Blog erwähnt sollte es also primär darum gehen, die Unfallrisiken abzubauen. Das erreicht man hoffentlich mit besseren Radverkehrsanlagen, besserem Verkehrsunterricht, der sich nicht nur in der vierten Klasse der Grundschule abspielt, und einem generellen Umdenken im Straßenverkehr. Den Helm als Schutzschild Nummer eins anzupreisen ist hingegen nicht mal mehr Blödsinn.

WELT AM SONNTAG: Wäre eine Helmpflicht für Kinder und Jugendliche bis zwölf, 15 oder 18 Jahren für Sie ein Anfang?

Winfried Hermann: Dass es nicht einmal für Kleinkinder im Kindersitz und in Fahrrad-Anhängern eine Helmpflicht gibt, finde ich fahrlässig. Schließlich gibt es beim Autofahren ja auch die Pflicht, dass Kinder in ihrem speziellen Sitz hinten sitzen müssen. Helmpflicht für Kinder und Jugendliche wäre ein Anfang, aber letztlich zu wenig. Denn die Schädel der Erwachsenen sind im Fall des Falles auch keine Hartschalen.

Genau wie Kollege Carius verkennt Hermann den Unterschied zwischen Fahrradhelm und Sicherheitsgurt. Der Sicherheitsgurt ist ein wesentlicher Schutzmechanismus, dessen positive Wirkung mittlerweile wissenschaftlich hinreichend untersucht wurde. Und obwohl der Fahrradhelm ebenso etabliert als Schutzeinrichtung ist, gibt es bezüglich der dazugehörigen Studien noch immer kein eindeutiges Urteil, das ihm die Schutzeinrichtung, die ihm quasi als Vorschuss geleistet wurde, tatsächlich zusprechen könnte. Momentan sieht es immer noch danach aus, als sei die Schutzwirkung relativ gering.

Dennoch kann ein Fahrradhelm bei Kindern aufgrund der noch nicht ausgebildeten motorischen Fähigkeiten durchaus sinnvoll sein.

WELT AM SONNTAG: Es gibt zu dem Thema nur wenige Studien – meist stammen sie aus dem Ausland -, die eine Helmpflicht nahelegen. Muss Bundesverkehrsminister Ramsauer eine deutschlandweite Untersuchung in Auftrag geben?

Winfried Hermann: Leider gibt es zu vielen Fragen der Verkehrssicherheit von Radfahrern nicht ausreichend wissenschaftlich abgesicherte Daten. So wird beispielsweise statistisch nicht einmal festgehalten, ob ein Radfahrer bei einem Unfall einen Helm getragen hat. Da müsste man zukünftig nur die Unfallstatistik differenziert führen.

Es wäre wirklich wünschenswert, wenn der Radverkehr insgesamt und nicht nur bezüglich seiner Verkehrssicherheit genauer untersucht würde. Wenn man allerdings die Ergebnisse aus anderen Ländern, etwa aus Australien anschaut, so scheint „wenige Studien“ noch eine Untertreibung zu sein. Nach Einführung der Helmpflicht ist der Radverkehr um ganze 40 Prozent zurückgegangen, die Unfallzahlen allerdings nicht. Eine Helmpflicht macht den Radverkehr unattraktiv und arbeitet damit in genau die entgegengesetzte Richtung, die man angesichts des momentanen Fahrradboomes einschlagen sollte. Wenn man sich allerdings schon auf die anderen Länder bezieht, so sollte auch ein Politiker nicht übersehen, dass unsere Nachbarn mit weiter entwickelten Fahrradkulturen ohne eine Helmpflicht auskommen.

WELT AM SONNTAG: Ramsauer hat die Radfahrer gewarnt: Sollte sich die Helmtragequote nicht bald von neun auf mehr als 50 Prozent erhöhen, könne der Kopfschutz Pflicht werden. Reicht dieser Appell nicht aus?

Winfried Hermann: Das ist eine Drohung wie einst beim Dosenpfand, als die Recyclingquote bei Pfandflaschen zurückging. Wie soll eine derart komische allgemeine Drohung beim Einzelnen wirken?! Der Bundesverkehrsminister sollte entweder eine überzeugende Kampagne zum Helmtragen machen oder mit den Ländern die Tragepflicht vorbereiten.

Immerhin: hier hat Hermann in allen drei Sätzen recht. Die freiwillige Helmpflicht ist kaum mehr als eine Lachnummer und blieb, wie leider beim Bundesverkehrsminister üblich, ohne jegliche Argumente.

WELT AM SONNTAG: Schätzungen zufolge schützt sich bisher nur jeder zehnte Radfahrer mit einem Helm. Sind die Kappen einfach zu unbequem und unpraktisch?

Winfried Hermann: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich die ‚Schmerzen‘ beim Tragen eines Helms sehr in Grenzen halten. Mittlerweile sind die Helme bequem, praktisch und chic. Manche haben schon fast Kultstatus, sehen aus wie Hüte oder freche Mützen.

Man mag über Fahrradhelme vieles denken, aber einem modischen Nutzen dürften nur die wenigsten Radfahrer den allerwenigsten Fahrradhelmen abgewinnen, von einem Helm mit Kultstatus schon ganz zu schweigen. Von frechen Mützen dürften sich hingegen allenfalls präpubertäre Radfahrer angezogen fühlen.

Ob Fahrradhelme bequem sind, ist ebenfalls sicherlich Einstellungssache. Ein teurer Helm aus dem Fachhandel kann sicher bequem sein, ein billiger Fahrradhelm wird leider erst bequem, wenn man ihn falsch trägt, also den Kinnriemen zu locker einstellt oder den Helm nicht an den Kopfumfang anpasst. Was Hermann mit praktisch meint, ist vollkommen unklar — ein Fahrradhelm hat primär eine einzige Funktion, nämlich den Kopf zu schützen. Man kann mit ihm weder ins Internet noch eine Kiste Bier transportieren, also ist der praktische Nutzen allenfalls die Belüftung für den sprichwörtlichen kühlen Kopf, die sich aber auch erst in teuren Modellen merklich einstellt. Spätestens nach dem Absteigen ist ein Helm eher unpraktisch, sofern man ihn nicht am Fahrrad anschließen möchte und ihn ständig mit herumschleppt. Und, naja, ob ein Helm schick ist, das soll an dieser Stelle wirklich Auslegungssache bleiben.

WELT AM SONNTAG: Manche sehen in der Helmpflicht einen Anschlag auf die Entscheidungsfreiheit der Bürger. Ist die Pflicht eine unangemessene staatliche Bevormundung?

Winfried Hermann: Nein. Jede Regel im Straßenverkehr kann aus dieser Grundsatzperspektive als Zumutung empfunden werden. Aber diese Regel würde den Schutz der Radfahrer deutlich verbessern. Man muss das Freiheitsgefühl ohne Helm gegen das Verletzungsrisiko abwägen. Ich entscheide mich für Gesundheitsschutz.

Man kann gegen Hermann auf verschiedene Arten argumentieren. Einerseits hat er Recht, denn mancher Autofahrer empfindet jedes einzelne Straßenschild als unzulässige Einschränkung seiner Freiheit und verhält sich treu dem dienstältesten Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“.

Andererseits tut sich tatsächlich so langsam ein überfürsorglicher Staat auf, der mit Verboten alles regeln möchte, was dem Bürger schaden könnte. Bei dem Rauchverbot mag das noch funktionieren, bei Tempolimits auch, nur lässt sich unter der Fahne des Gesundheitsschutzes so ziemlich alles durchdrücken, doch gerade Radfahren ist im Vergleich zu anderen Aktivitäten noch relativ ungefährlich, als dass plötzlich eine Helmpflicht für den Gesundheitsschutz akute Notwendigkeit zeigen könnte. Die Gegner einer Helmpflicht argumentieren allerdings keinesfalls nur mit zerstörten Frisuren und Einschränkungen der persönlichen Freiheit, sondern weisen vielmehr auf die bereits bekannten Nachteile einer Helmpflicht hin, die insgesamt negative Auswirkungen auf den Gesundheitsschutz zeigen. Dass der Staat immer wieder neue halbgaren Verbote und undurchdachte Regelungen zum Schutze der Bürger und Umwelt präsentiert, ist natürlich hinreichend lästig — man denke da etwa an die kontroversen Diskussionen zum E10-Superbenzin, zur Energiesparlampe, zum Rauchverbot und zu Internetsperren gegen Kinderpornografie. Damals argumentierten Politiker, die sich argumentativ in einer Sackgasse wiederfanden, auch gerne damit, dass jene Maßnahmen zwar die Freiheit des Einzelnen einschränken mögen, dagegen aber doch ein sehr viel stärkeres Interesse der Gesundheit, des Kinder- oder des Umweltschutzes stünde — was sich ja leider in allen vier Beispielen nicht bewahrheitet hat.

Damals, als um die Einführung der Gurtpflicht debattiert wurde, war ein Eingreifen des Staates angesichts der horrenden Unfallzahlen und der Auswirkungen sogar relativ harmloser Unfälle dringend geboten. Auch heute ist natürlich jeder getötete und jeder verletzte Radfahrer einer zu viel, doch anstatt der Problematik mit einer Helmpflicht zu begegnen, deren Nutzen, wie bereits häufiger erwähnt, keinesfalls so eindeutig scheint, sollten viel mehr andere Problemfelder bearbeitet werden, die dem gesundheitlichen Wohl eines Radfahrers viel eher nützen.

Und es soll an dieser Stelle nicht der Hinweis fehlen, dass es durchaus noch weitere Aktivitäten gibt, bei denen der menschliche Kopf überdurchschnittlich gefährdet ist — relativ viele Aktivitäten im Haushalt zählen ebenso dazu wie Autofahren. Beim Thema Volksgesundheit muss außerdem geklärt werden, warum denn Alkohol und Zigaretten noch nicht verboten sind — der dadurch entstandene Schaden dürfte sehr viel größer sein als alles, was Fahrradunfälle aufsummieren könnten.

WELT AM SONNTAG: Radfahren könnte bei einer Helmpflicht für viele Menschen deutlich weniger attraktiv werden und dem Ziel schaden, mehr Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. Teilen Sie diese Kritik der Verbände?

Winfried Hermann: Nein. Am Helm wird das Umsteigen auf das Fahrrad nicht scheitern, wenn es mit der Zeit so selbstverständlich wird wie das Anlegen eines Sicherheitsgurts im Auto oder das Tragen eines Motorradhelms. Radfahren ist auch mit Helm praktisch schon attraktiv.

Obwohl das Radfahren momentan boomt, ist das Fahrrad sicherlich noch immer nicht attraktiv, sondern muss sich ständig gegen das Auto behaupten — nicht nur auf der Straße, sondern in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer, die immer wieder und immer neue Gründe finden, um auch kurze, staugefährdete Wege ins parkplatzlose mit dem ökologisch problematischen Automobil zurückzulegen. Dass man mit dem Auto zum Einkaufen fährt, mag angesichts der Transportmenge verständlich sein, warum aber auch viele Wege zu Freizeitzielen trotz akzeptabler Nahverkehsinfrastruktur mit dem eigenen Wagen bewältigt werden, ist eben doch noch eine Frage der Attraktivität: und da wird in unserer Gesellschaft das Auto deutlich höher bewertet als ein Fahrrad. Und letztlich zeigen die schon erwähnten Helmpflicht-Erfahrungen aus anderen Ländern, dass ein Umstieg vom Rad aufs Auto angesichts einer Pflicht deutlich erleichtert wird.

WELT AM SONNTAG: Würden sichere Radwege nicht viel mehr bringen als eine Helmpflicht?

Winfried Hermann: Wir brauchen beides. Auch auf Radwegen kann man stürzen oder mit anderen zusammenstoßen. Notwendig ist vor allem ein Gesamtkonzept zur Verbesserung der Sicherheit von Radfahrern.

Weder mit einer Helmpflicht noch mit der Verbesserung von Radwegen allein kann die Sicherheit im Radverkehr gesteigert werden, das ist soweit nicht verkehrt. Allerdings passieren Stürze oder Zusammenstöße auf Radwegen ja nicht aus Zufall oder höherer Gewalt, sondern zum Großteil aufgrund von Gegenverkehr, schlechter Radwegoberflächen und anderen Hindernissen. Dass Radfahrer einen Radweg in der Gegenrichtung benutzen ist schlimm genug, dass aber einige Radwege trotz baulicher Mängel in beide Richtungen freigegeben sind, an parkenden Autos oder anderen Hindernissen vorbeiführen und womöglich noch von Wurzelaufbrüchen gezeichnet sind, ist hingegen schon mehr als nur grobe Fahrlässigkeit von Seiten der Behörden.

WELT AM SONNTAG: Das Geld ist knapp. Müssten die Kommunen und Länder, also auch Sie, nicht dafür sorgen, dass es radgerechter zugeht? Müssen die Städte umgebaut, müssen Radschnellwege angelegt und Straßen für Autos gesperrt werden?

Winfried Hermann: Wir brauchen sichere Radwege, am besten Schutzstreifen auf Straßen mit viel Autoverkehr, und wir brauchen eine andere Kultur der Vorsicht und Rücksicht auf Straßen und Wegen.

Das ist korrekt — diese in den letzten Jahrzehnten aus dem Hochbord hervorgeschossenen Asphalt-Radwege von gerade mal einem Meter Breite, die zwar munter zwischen Außengastronomie, Parkplätzen und Hecken entlangführen, aber nicht durch den Sichtbereich des Kraftfahrzeugverkehrs, sind wesentliche Unfallschwerpunkte, allein schon aufgrund ihrer baulichen Unzulänglichkeiten. Mit Schutzstreifen auf der Fahrbahn ist es alleine nicht getan, denn an vielen Straßen zeigt sich nun, dass Radfahrer den neuen Radverkehrsanlagen misstrauen und aus vermeintlicher Sicherheit plötzlich auf dem Gehweg unterwegs sind, gerade an Straßen mit höherem Verkehrsaufkommen. Auch hier sollte parallel zur Einführung eine entsprechende Informationskampagne vorbereitet werden: statt in der Presse Halbwahrheiten über die angeblichen Pflichten der Radfahrer zu verbreiten, könnte man sich ja des vernünftigen Fahrradfahrens annehmen.

WELT AM SONNTAG: In den Städten gibt es immer mehr Leihfahrradsysteme. Müssten die nicht zum Rad auch einen Helm anbieten?

Winfried Hermann: Das wäre sicherlich eine gute Ergänzung, passend zum Spezialdesign der Räder. Helm und Leihfahrrad sollten mit dem gleichen Schloss befestigt oder freigegeben werden.

Immerhin hat sich Hermann zum Thema Leihrad eine Antwort zurechtgelegt, das kann man von seinem Kollegen Carius leider nicht behaupten. Aber auch hier gilt: ein Fahrradhelm mit unbekannter Lebensgeschichte schützt nicht. Ein Radfahrer, der gerade im Begriff ist, sich ein Rad zu leihen, weiß ja überhaupt nicht, wie oft der dazugehörige Helm schon heruntergefallen ist oder ob er aufgrund finanzieller Zwänge womöglich schon vom Anbieter notdürftig geklebt wurde. So etwas funktioniert nicht, außer man bringt seinen eigenen Helm zum Leihrad — dann kann man sich allerdings theoretisch auch gleich ein eigenes Fahrrad mitbringen.

WELT AM SONNTAG: Einige Radfahrer übersehen gern Ampeln und Stoppschilder. Störende Autofahrer werden zur Not durch einen gezielten Schlag aufs Dach ermahnt. Müssen Radfahrer mehr für das Miteinander im Straßenverkehr tun?

Winfried Hermann: Auch mich ärgern Radfahrer, die beispielsweise nachts schwarz gekleidet, ohne Licht und Helm bei Rot über die Ampel fahren. Straßenverkehrsregeln gelten selbstverständlich auch für Radfahrer. Als alltagserfahrener Radfahrer weiß ich aber auch, dass Radler oft in Versuchung geraten, die Regeln zu verletzen, weil die Radwege zugeparkt sind oder im Nichts enden. Klar ist aber, dass sich alle Verkehrsteilnehmer stärker rücksichtsvoll vor allem gegenüber den Schwächeren verhalten sollten. Ich bin für eine neue Fairnesskultur auf den Straßen.

Eine neue Fairnesskultur ist großartig — mehr dazu im nächsten Absatz. Tatsächlich hat man momentan als Radfahrer eher das Gefühl, dass es keine Regeln gäbe, weil man ja bei Behörden, Politik und Polizei allenfalls als Fußgänger mit Rädern gilt und auch als solcher behandelt wird. Und im Zusammenhang mit der mangelhaften Regelkenntnis, sowohl bei Rad- als auch bei Autofahrern, bildet sich eben die Überzeugung, man dürfe sich ziemlich viel erlauben, was auch Fußgängern gestattet ist. Auf diese Weise landet so mancher eben plötzlich in der Fußgängerzone oder fährt über die rote Ampel, weil das als Fußgänger eben auch nicht sonderlich schlimm ist.

Ein Radfahrer, der einen zugeparkten Radweg verlässt, begeht übrigens keine Regelverletzung, selbst wenn der Radweg als Benutzungspflichtig gekennzeichnet ist — hingegen übertritt er die Regeln, wenn er statt über die Fahrbahn den Gehweg zur Umfahrung wählt.

Plötzlich endende Radfahrer sind hingegen viel problematischer und reihen sich prima in die alltäglichen Radverkehrsführungen ein. Ein Radfahrer fährt beispielsweise eine Straße entlang, an der es keinen Radweg gibt, er muss also auf der Fahrbahn fahren. Ohne dass sich die Verkehrssituation sonderlich geändert hat, wird er plötzlich von Zeichen 240 auf den Gehweg gezwungen — nach der nächsten Kreuzung wird das Zeichen allerdings nicht wiederholt, also muss er plötzlich wieder zurück auf der Fahrbahn. Womöglich gibt es im weiteren Verlauf einen so genannten Anderen Radweg ohne Benutzungspflicht, der dann wieder nach einiger Entfernung endet. Wer mag es den Radfahrern angesichts dieses Wirrwarrs, das meistens historisch gewachsen ist und nicht einmal von den zuständigen Behörden befriedigend erklärt werden kann, noch verdenken, wenn man aus Sicherheitsgründen generell den Gehweg oder generell die Fahrbahn beradelt, auch wenn es sich dabei um eine Regelübertretung handelt?

Und bezüglich Licht und technischer Ausstattung spricht Hermann ein bereits heute bekanntes Problem an: es ist schon heute verboten, ein nicht-verkehrssicheres Fahrrad zu bewegen und nachts ohne Licht unterwegs zu sein. Und nebenbei erwähnt ist es auch heute schon verboten, über rote Ampeln oder auf Gehwegen zu fahren. Und das Parken auf Radwegen und Belehren mit einem ganzen Personenkraftwagen als Hilfsmittel ist ebenfalls nicht erlaubt. Nur: stören tut es niemanden. Warum sollte also eine Helmpflicht plötzlich den Anteil der Helmträger wesentlich steigern? Schon heute hat die Polizei keine Kapazitäten, um sich um harmlose Unfälle zu kümmern, selbst handfeste Nötigungen, egal ob von Auto- oder Radfahrern, finden heute keine Beachtung. Selbst mit defekter Beleuchtung und kaputten Bremsen kann man bis zur ersten roten Kelle noch hunderte Kilometer zurücklegen — warum sollte also plötzlich die Kapazität zur Sanktionierung jeglicher Gesetzesverstöße vorhanden sein? Und wenn ein Radfahrer einen motorisierten Verkehrsteilnehmer mit einem Handschlag aufs Dach ermahnen kann, läuft grundsätzlich etwas verkehrt, denn normalerweise sollte der Abstand zwischen Autos und Fahrrädern mehr als eine Armlänge messen.

WELT AM SONNTAG: Wie soll die aussehen? Und machen Sie doch einmal einen konkreten Vorschlag, wie man gegen Rad-Rowdys vorgehen sollte.

Winfried Hermann: Man fühlt sich als Radler oft wie Freiwild für Autofahrer. Daraus leiten manche offenbar ab, dass es keine Regeln gibt, und werden dabei selbst zu einer Gefahr für Fußgänger. Das geht gar nicht. Da müssen die Ordnungskräfte endlich auch mit Verwarnung und Bußgeldern eingreifen.

Sanktionen gegen Radfahrer haben leider wieder den Geruch von der deutschen Hau-Drauf-Mentalität, mit denen man im Endeffekt nur wieder den Radverkehr reduziert — schließlich holt man damit längst nicht nur die tatsächlich störenden Rad-Rowdys von der Straße, sondern auch allerhand Gelegenheitsradler, die ohne böse Absichten und unwissend auf dem linken Radweg oder auf dem Gehweg unterwegs waren.

Echte Kampfradler wird man mit Bußgeldern kaum abschrecken können, den Gelegenheitsradverkehr aber durchaus — stattdessen könnte man, wie schon häufiger erwähnt, mit mehr Bildung und Regelkenntnis versuchen, so manche Unfallschwerpunkte zu entschärfen. So lange aber Polizei oder Bürgermeister in einer Stadt per Pressemitteilung empfehlen, an Straßen ohne Radweg den Gehweg zu befahren, weil es dort angeblich viel sicherer sei, sollte aber in der nächsten Stadt die Polizei nicht die Gehwegradler abkassieren, die dort ja schließlich nur aufgrund falscher Sicherheitsvorstellung und weit ab vom rowdyhaften Radfahren unterwegs waren.

Vermutlich kostet ein vernünftiger Fahrradunterricht allerdings zu viel Geld — es ist aber durchaus wichtig, mit den vielen verschiedenen Interpretationen der Radverkehrsregeln abzuschließen. Das betrifft nicht nur linke Radwege und Gehwege, sondern beispielsweise auch Vorfahrtsregeln am Kreisverkehr, die vermutlich nur ein Bruchteil der Verkehrsteilnehmer beherrscht. Mit Bußgeldern wählt man sicherlich den schmerzhafteren Lernweg, um Radfahrer zu vergrämen, mit Bildung den definitiv sinnvolleren. Aber, wie bereits bei der vorigen Frage erwähnt: es ist überhaupt nicht absehbar, wo plötzlich das nötige Personal herbeigezaubert werden soll, um diese tatsächlich reichlichen Verstöße zu dokumentieren.

WELT AM SONNTAG: Wären Sie dafür, Nummernschilder für Fahrräder einzuführen? Und wäre ein Rad-Führerschein sinnvoll?

Winfried Hermann: Dies würde ich doch als eine übertriebene Reaktion und Regelungswut ansehen.

Ein Fahrradkennzeichen ist sicherlich Unfug, über einen Rad-Führerschein könnte man aber immerhin noch diskutieren. Man sollte dabei im Interesse des Radverkehrs wohl nicht so weit gehen, das Fahrrad nicht mehr als fahrerlaubnisfreies Fahrzeug einzustufen, aber etwas mehr Kenntnis der speziell für den Radverkehr wichtigen Verkehrsregeln wären für alle Verkehrsteilnehmer sicherlich nicht verkehrt. Dass Radfahrer in der Regel nicht wissen, dass Gehwege nicht zum Radfahren taugen und linke Radwege generell tabu sind, ist sicherlich ein unfallträchtiges Problem. Dass Autofahrer hingegen ziemlich viele selbst zusammeninterpretierte Regeln pflegen, ist nun auch kein Geheimnis mehr — man denke da an die häufige Fehleinschätzung, dass Radfahrer alles befahren müssten, was in irgendeiner Weise durch die Windschutzscheibe hindurch nach einem Radweg aussieht und im Notfall auch mit Hupe und Schneiden zurechtgewiesen werden müssen.

WELT AM SONNTAG: Sollte man die Versicherungswirtschaft einspannen, etwa durch eine höhere Selbstbeteiligung des Radfahrers beim Unfall ohne Helm? Nach dem Motto: Wer keine Vorsorge trifft, muss zahlen.

Winfried Hermann: Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes sollte auch ein solcher Vorschlag geprüft werden.

Eine solche Idee ist für den verbliebenen Radverkehr nicht nur tödlich, sondern auch vollkommen unvernünftig. Nun mag es sein, dass beim Sicherheitsgurt im Auto ähnliche Regelungen gelten, aber bei einem Sicherheitsgurt lässt sich prinzipiell nicht allzu viel verkehrt machen, sofern man nicht den Arm falsch entlangführt. Beim Blick auf die Helme vorbeifahrender Radfahrer wird allerdings klar, dass es dort schier unendliche Möglichkeiten gibt, die Schale falsch zu tragen. Das beginnt mit lockeren Sicherheitsgurten und grundsätzlich nicht an den Kopf angepassten Helmen an, geht weiter mit schief oder auf einer Mütze getragenen Helmen und endet schließlich mit Radfahrern, die aus unerfindlichen Gründen den Kinnriemen nicht schließen oder nach einem Unfall einen Helm nicht ersetzen.

Und vermutlich würden auch recht viele Befürworter einer Helmpflicht nach dem ersten Unfall auf finanziell schmerzhafte Weise erfahren, dass ihr Fahrradhelm dann doch nicht so ganz richtig eingestellt war. Auf jeden Fall wird man damit den bei einer Helmpflicht verbliebenen Radfahrern recht schnell das Radeln abgewöhnen. Überhaupt hat man immer mehr das Gefühl, dass die Versicherungen eine ganz wesentliche Rolle bei dem Antrieb um die Helmpflicht spielen könnten.

WELT AM SONNTAG: Werden Sie eine Bundesratsinitiative für die Helmpflicht starten?

Winfried Hermann: Eine solche Initiative werde ich erst in Angriff nehmen, wenn sie Aussicht auf Erfolg hat. Dafür ist noch eine ganze Reihe von Vorarbeiten zu leisten. So müssen zum Beispiel die Umweltverbände und die Parteien davon überzeugt werden.

Hoffentlich lassen sich nicht alle mit diesen flachen Argumenten überzeugen.

WELT AM SONNTAG: Ihr Ministerium hat im September E-Bikes, sogenannte Pedelecs, als Dienstfahrräder angeschafft. Sollten Politiker im Land und auch im Bund mehr Termine mit dem Fahrrad wahrnehmen?

Winfried Hermann: Ja, selbstverständlich. In meinem Haus werden die Diensträder von meinen Mitarbeitern und mir als schnelle und umweltfreundliche Transportmittel genutzt.

Alles andere wäre von den Grünen auch wirklich enttäuschend gewesen.

3 Gedanken zu „Winfried Hermann: Fahrradhelme sind chic“

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