Wie kann man das formulieren, so dass der Radfahrer schuld ist?

Das PresseRad-Weblog sieht schon mal ganz vielversprechend aus. Besonders lesenswert ist der erste Teil einer offenbar unendlichen Reihe: Wie man eine radfahrerunfreundliche Pressemitteilung formuliert (1)

Am 31.12.2013 hat die Pressestelle der Polizei Minden-Lübbecke noch einmal schnell eine Pressemitteilung zu einem Unfall zwischen einem Radfahrer und einem Auto abgesetzt, die förmlich danach schreit, kommentiert zu werden.

12 Gedanken zu „Wie kann man das formulieren, so dass der Radfahrer schuld ist?“

  1. Zu der sprachlichen Manipulation kommt eine manipulative Auswahl passender Unfälle. Ich selbst hatte im September 2013 einen schweren Fahrradunfall, der in der Frankfurter Polizeipresse keine Erwähnung fand. Ebnsowenig die Unfälle zweier Mitpatienten. Alle drei nicht für Helmpropaganda oder Radfahrerbashing geeignet. Ohne Helm hatte ich nur eine harmlose Kopfplatzwunde, mit Helm hatte ein Mitpatient erhebliche Gesichtsverletzungen, der andere einen gebrochenen Halswirbel. Die alleinige Schuld lag in allen drei Fällen bei anderen Verkehrsteilnehmern.

  2. es fehlt:
    „trotz sofortiger Vollbremsung konnte der Autofahrer den Unfall nicht mehr verhindern“ =8-o

    für Beinahe-Unfälle (bei denen man die vermeintliche Schuld vom Fast-Verursacher zuweilen noch hinterhergeschrien bekommt) hatte ich mal kurz darüber nachgedacht, einfach ein Kärtchen mit folgendem Text zu überreichen. Klang mir aber bisschen zu sehr nach „Al Fahrrida“:
    ————–schnipp————
    Sehr geehrter Lenker, sehr geehrte Lenkerin des Bürgerkäfigs,

    Ihre Entschuldigung für Ihr Fehlverhalten war schwach. Wenn Sie das nächste mal einen Liegerad-Fahrer übersehen möchten, streichen Sie einfach eigene Fehler („ich habe nicht richtig hingeschaut“) von der Liste der Möglichkeiten. Versuchen Sie stattdessen eine pro-aktive Beschuldigungsstrategie (6-Schritt-Verfahren):
    1) versuchen Sie, dem Liegerad-Fahrer per se die Schuld zu geben („Sie sind so tief, man kann Sie gar nicht sehen“)
    2) weisen Sie ihn auf vermeintlich eigenes Fehlverhalten hin („Sie fahren aber auch schnell/riskant/…“)
    3) schieben Sie es auf die Situation („Bei dem Verkehr erkennt man Sie gar nicht“/“Radfahren ist hier auch besonders gefährlich!“),
    4) suchen Sie besondere Umstände („bei der tiefstehenden Sonne sieht man Sie nicht rechtzeitig“)
    5) prüfen Sie, ob eine Ausnahmesituation vorliegt, die alles entschuldigt („Ich habe Sie wegen des LKWs/ Bushäuschens/ UFOs /… nicht gesehen“)
    6) der Zufall(„ich weiß auch nicht, warum ich Sie nicht gesehen habe“) sollte nur als ultima ratio, wenn alle 5 zuvor genannten Strategien versagen, angeführt werden.
    So kommen Sie nicht in die Verlegenheit, Ihr eigenes Verhalten im Straßenverkehr überdenken zu müssen.
    ————–schnapp————

  3. Mitschuld der Radfahrer und sprachliche Manipulation.
    Dazu möchte ich auf eine weitere Initiative verweisen. Die Studie „Abbiegende Kfz und geradeausfahrende Radfahrer“ der Autoversicherer UDV wurde bekanntlich in vielen Radfahrer Blogs und (Fb) Gruppen verlinkt.
    Der Grund: In der Präsentation sprach sie sich für Mischverkehr aus, im krassen Gegensatz zu den inhaltlichen Ergebnissen der Studie.

    Auch der Blog http://www.teufelsmoor.eu/leitartikel/toter-winkel-beim-abbiegen verlinkt deshalb mehr oder minder begeistert auf die Studie, zu einer mir bisher unbekannten „Auswertung“.

    Dort http://www.udv.de/de/strasse/wege-fuer-radfahrer/mensch/radfahrer heißt es:
    „Die Unfallforschung der Versicherer zieht aus ihrer Studie vor allem folgendes Fazit:

    Die (nonverbale) Kommunikation zwischen den Beteiligten und der Schulterblick von Autofahrer und Radfahrer müssen selbstverständlich werden.
    …“

    Als ein Ergebnis der Studie, die das Verhalten abbiegender Kfz gegenüber geradeausfahrenden Radfahrern untersucht, trat zutage, dass 20% der Kfz-Führer noch nicht einmal dann einen Schulterblick überhaupt nur andeuteten, selbst wenn sie einen geradeausfahrenden Radfahrer gerade eben erst überholt hatten.

    Daraus wird versucht, siehe oben, den Schulterblick für GERADEAUSFAHRENDE Radfahrer obglitatorisch zu machen, soll heißen, wenn der Radler nicht guckt, also sich seiner Vorfahrt nicht versichert und beim Nahen eines Kfz auf sie verzichtet, hat er ebenso Schuld, wie der abbiegende Autofahrer, der nicht guckt.

    Selbstverständlich achte ich bei Einmündungen/Kreuzungen immer auf abbiegende Kfz, sogar durch mehrfachen Schulterblick und Bremsbereitschaft.
    Es ist aber, wie ich finde, ein qualitativer Unterschied, ob ein, durch Rücksichtslosigkeit erzwungener extrem defensiver Fahrstil wie meiner obligatorisch gemacht wird und, wie der vorgeschriebene Schulterblick des Kfz-Führers beim Abbiegen, zur Regel gemacht wird.
    Der nächste Schritt wäre dann die Mit- oder Alleinschuld des Radfahrers, der sich nicht durch Schulterblick seiner aktiv vom Kfz-Führer bestätigten Vorfahrt beim Geradeausfahren versichert hat.

    1. Sie sind die einzige mir bekannte Person, die aus der UDV-Studie inhaltlich krass gegensätzliche Ergebnisse gewinnen möchte, als die von ihr festgestellte höhere objektive Sicherheit von Mischverkehr. Ob dennoch (teilweise) separierierte Radinfrastruktur aus anderen Gründen sinnvoll ist, möchte ich hier garnicht thematisieren. Ich hatte Sie bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass m.E. die Studie keinen zuverlässigen Schluss auf eine höhere Sicherheit von Radwegen allein aus dem Vergleich zwischen Münster und den anderen 3 untersuchten Städten zulässt. Leider hatte ich hierzu keine Antwort erhalten.

      Ich halte weiterhin die festgestellte höhere Sicherheit von Radfahrern in Münster im Allgemeinen eher begründet in dem im Vergleich zu den anderen untersuchten Städten etwa 4-8-fach höheren Radverkehrsanteil und der zusätzlich höheren Komprimierung zusammenhängender Radfahrergruppen durch kurze Ampelphasen für Radfahrer.

      I.Ü. gebe ich Ihnen insoweit Recht, dass man den Schulterblick von vorrangigen geradeausfahrenden Radfahrern nicht als Pflicht verlangen darf. Der Hinweis auf die Konfliktträchtigkeit rechts von Rechtsabbiegern geführter Geradeausfahrer gleich welcher Führungsform kann jedoch angesichts dieser Hauptunfallursache für Radfahrer nie deutlich genug ausfallen. Für die eigenverantwortliche Wahl der Position auf oder neben der Fahrbahn müssen Radfahrer über die Gefährlichkeit abbiegender Kfz informiert sein. M.E. sollten ihnen ebenso objektive Informationen über die vielfach völlig überschätzte Gefahr von Unfällen im Längsverkehr gegeben werden.

      1. „Sie sind die einzige mir bekannte Person, die aus der UDV-Studie inhaltlich krass gegensätzliche Ergebnisse gewinnen möchte, als die von ihr festgestellte höhere objektive Sicherheit von Mischverkehr.“
        Wo bitte schön wurde die in der Studie festgestellt?
        In der Studie wurde festgestellt, dass Radfahrer in Münster mit seinen vielen Radwegen mehr als doppelt so sicher vor Abbiegeunfällen sind. Und, obendrein, die Unfallkostenrate pro Abbiegeunfall in Münster am geringsten ist. Daraus schließe ich, dass die Radfahrer im Durchschnitt weniger verletzt davonkommen.

        „Ich hatte Sie bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass m.E. die Studie keinen zuverlässigen Schluss auf eine höhere Sicherheit von Radwegen allein aus dem Vergleich zwischen Münster und den anderen 3 untersuchten Städten zulässt.“

        Das ist richtig. Obwohl die extrem hohe Signifikanz schon für sich spricht. Nun steht Münster, wie jeder Radaktivist weiß, mit diesen Ergebnissen nicht allein. In den Niederlanden ebenso wie in Dänemark sind die Radfahrer, weltweit gesehen, am weitaus sichersten unterwegs. Die unumstößliche Folge der durch getrennte Infrastruktur generierten hohen Radlerzahlen.

        Zum Mischverkehr aus der Studie:

        „Linksabbiegeunfälle waren u. a. besonders auffällig bei KPA ohne LSA mit Radverkehrsführung im Mischverkehr.
        Obwohl Unfalldichte und Unfallkostendichte sehr niedrig sind, weist dieses Cluster für Linksabbiegeunfälle jedoch das mit Abstand höchste individuelle Unfallrisiko für Radfahrer
        und linksabbiegende Kfz auf. In den durchgeführten Unfallanalysen wurde außerdem
        festgestellt, dass das Linksfahren und eine abweichende Flächennutzung durch die Radfahrer gefährlich sind.
        Insbesondere im Mischverkehr sowie auf Radwegen mit weiter Furtabsetzung sind diese Verhaltensweisen der Radfahrer besonders häufig zu beobachten und finden
        sich überproportional häufig in den Unfallhergängen wieder.“

        Und:
        Kapitel 9.5. Weiterer Forschungsbedarf

        „Aufgrund der unerwarteten Auffälligkeit der Unfallkennziffern sowie des hohen Anteils abweichender Flächennutzung und Fahrtrichtung der Radfahrer für die Radverkehrsführung im Mischverkehr auf der Fahrbahn werden weiterführende Untersuchungen mit größeren Fallzahlen, als sie im Rahmen des Projektes zu realisieren waren, zu Vor- oder Nachteilen der Führung im Mischverkehr empfohlen.“ (S. 111)

        Insbesondere im Mischverkehr sowie auf Radwegen mit weiter Furtabsetzung sind diese Verhaltensweisen der Radfahrer besonders häufig zu beobachten und finden
        sich überproportional häufig in den Unfallhergängen wieder.“

        Irgendwo, ich habe die Seitenzahl nicht notiert, heißt es dann:
        „Mischverkehr ist unbeliebt.“

        Genau dies halte ich für den eigentlichen Grund der Kfz-Versicherungsverkäufer, den Kommunen den Mischverkehr, ausdrücklich um 180° gegen die Erkenntnisse der Studie, zu empfehlen.

        Ich beschäftige mich nur ungern mit der UDV. Man kriegt das kalte K…. Ich halte mich nicht für naiv und dachte, ich kenne das Geschäft der sogenannten Spin-Doktoren. Sie geben, klaro, das ist ihr Job, einen ausgeklügelten Spin (Dreh) auf alle möglichen Fakten oder Studien, damit sich die Interessen ihrer Auftraggeber besser ins Hirn der Konsumenten drehen.

        Trotzdem hat mich der Vergleich zwischen der Präsentation (= der Verdrehung) der Studie mit ihrem eh schon tendenziösen Design und den Ergebnissen, wie sie in der Studie selbst zu lesen sind, geschmissen.
        Andererseits, von „einen Dreh drauf geben“ bis zu „zur Unkenntlichkeit oder ins Gegenteil verdrehen“ ist es wohl nur ein kurzer Weg für „Kommunikationsprofis“.

        1. Darf ich vorschlagen, diese Diskussion drüben im Forum weiterzuführen? So blieben diese Erkenntnisse nicht über diverse Diskussionsstränge verstreut, sondern könnten einmal „in einem Stück“ erörtert werden 😉

        2. Ich habe die OT-Diskussion wie von Malte empfohlen in das Forum (https://forum.radverkehrspolitik.de/index.php/Thread/19-UDV-Studie-Abbiegeunf%C3%A4lle-zu-Sicherheit-von-Radwegen-Mischverkehr/) ausgegliedert und mich bemüht, eine sachliche Replik zu schreiben, die Ihnen nicht explizit persönlich antwortet. Sofern Sie eine solche Antwort darüber hinaus für nötig halten und/oder nicht innerhalb des Forums diskutieren möchten, bitte ich um entsprechenden Hinweis.

          1. Im Forum als Vorstadt-Strizzi.
            Klar, guck ich mir an. BTW, ist ja nicht unsere erste Diskussion und mir gefällt und ich profitiere von der bemerkenswert sachlichen Diskussion.
            Aber, nur weil wir dezidiert unsere unterschiedlichen Meinungen vertreten, brauchen wir uns nicht gleich zu siezen, finde ich.

              1. Die Gepflogenheiten sind stark von der jeweiligen Plattform abhängig und ich war da gerade wohl auf eine andere Umgangsform geeicht, ich bevorzuge hier auch das Duzen.

                I.Ü. gebe ich den Dank für die Diskussion zurück, sie zwingt mich zu näherer Auseinandersetzung, wie es die „üblichen“ Diskussionspartner wegen Meinungsgleichheit oder schwacher Gegenargumente nicht tun. So fallen mir dann auch eigene Fehler wegen vorschneller Antwort oder mangelnder nochmaliger Nachschau von Quellen auf. (-;

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