Wer auf dem Radweg fährt riskiert das Leben?

Die Gefahr um den toten Winkel gehört mit absolutem Recht seit einiger Zeit zu den wichtigsten Themen des Verkehrsunterrichtes an Schulen. Leider offenbahrt sich auch dort das bekannte Radweg-Paradoxon: einerseits lautet der Slogan „Sicher fahre ich nur dahinter“, andererseits wird auch 15 Jahre, nachdem sogar der Gesetzgeber den Radweg gefährlicher als die Fahrbahn einschätzte und die allgemeine Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung schmiss, im Verkehrsunterricht der Radweg als sicherer Hort für junge Radfahrer verkauft. Natürlich fahren jene Verkehrsteilnehmer dann auch im fortgeschrittenen Alter auf allem, was auch nur entfernt nach Radweg aussieht und im Notfall auch auf dem Gehweg weiter. So richtig passt das alles nicht zusammen.

Münster, die so genannte Fahrradstadt, die noch immer vor Radwegbenutzungspflichten nur so strotzt, hat eine Aufklärungskampagne gestartet, die vor allem mit schönen Worten glänzt:

Der klassische Fall: Die Ampel springt auf Grün, Lkw und Radler fahren an, der Radfahrer will geradeaus, der Lkw rechts abbiegen. „In dieser Situation kommt es oft zum Konflikt, da der Lkw-Lenker den anderen Verkehrsteilnehmer im Toten Winkel nicht wahrnimmt und im schlimmsten Fall anfährt“, erklärt Stephan Böhme. Oft sei Radfahrern, Fußgängern oder Inline-Skatern gar nicht bewusst, welche Gefahr droht, wenn neben ihnen stehende Großfahrzeuge abbiegen wollen. Zumal ihnen nicht klar sei, wann sie sich im Toten Winkel befinden. „Am sichersten ist, der Radfahrer bleibt hinter dem Fahrzeug“, sagt der Verkehrsexperte. Darüber hinaus sei es ratsam, Blickkontakt zum Fahrzeuglenker aufzunehmen. „Denn wenn ich ihn sehen kann, kann auch er mich sehen.“

Der klassische Fall, auch wenn er dort nicht beim Namen genannt wird, ist also der Radfahrer auf dem Radweg, der gerne geradeaus fahren möchte. Das dazugehörige Plakat ist auch entsprechend widersprüchlich: einerseits soll offenbar eine Gefährdung des abgebildeten Radfahrers aufgezeigt werden, der aber andererseits vorsichtig genug war, Blickkontakt zum Busfahrer herzustellen. Dann aber wiederum wird der kecke Aufkleber gezeigt, auf dem der Radfahrer hinter dem Lastkraftwagen fährt: das ist auch die eindeutig sicherste Variante, nur in Münster wie in vielen anderen Städten Deutschlands aufgrund der blauen Schilder überhaupt nicht möglich. Selbst in Städten wie Hamburg oder Berlin, wo die Radwegbenutzungspflichten Tag für Tag abgeschraubt werden, gibt es pünktlich vor jeder größeren Kreuzung eine benutzungspflichtige Auffahrt auf den verlotterten Radweg, damit sich Radfahrer brav im Toten Winkel der rechtsabbiegenden Fahrzeuge aufstellen. Mitunter ist sogar die Haltlinie exakt in jenem Bereich, der kongruent zur unsichtbaren Fläche der Spiegel ist. Wenigstens wurde an einigen Kreuzungen die Signalisierung soweit geändert, dass die Radfahrer ein bis zwei Sekunden vor den Kraftfahrzeugen freigegeben werden.

Insofern stellt sich die Frage, wie in Münster denn nun — im wahrsten Sinne des Wortes — verfahren werden soll. Darf der Radfahrer die Kampagne als Aufforderung verstehen und generell alle Radwege, also auch die benutzungspflichtigen meiden? Oder soll er sich entgegen der Zeichnung auf dem Radweg bewegen und mehrere Meter vor jeder Kreuzung anhalten, sich bei grün dann vorsichtig an die Kreuzung herantasten und zu jedem potenziell unaufmerksamen Autofahrer Blickkontakt herstellen? Wo ist denn dieses „dahinter“, das auf den Aufklebern propagiert wird?

Und wann werden eigentlich die Kraftfahrzeugführer in die Pflicht genommen, die nunmal in Ermangelung des Schulterblickes für die Unfälle eigentlich verantwortlich sind? Und wie wird das im Verkehrsunterricht den Grundschülern erklärt? Auf dem Radweg ist unbedingt zu fahren, denn nur dort ist es sicher, aber alle zweihundert Meter müsst ihr an jeder Kreuzung ganz vorsichtig sein und aufpassen, dass euch keiner überfährt?

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