Was ist eigentlich ein Kampfradler?

Der Kampfradler ist nicht erst seit Peter Ramsauers neusten Entdeckungen in aller Munde, er galt auch schon vorher als Synonym für ungezogene Verkehrsteilnehmer, die sich je nach Erzähler mal mehr oder mal weniger marodierend durch die Städte schlagen.

Das Problem an dieser ganzen Debatte ist nach wie vor, dass der Begriff des Kampfradlers noch nicht einmal mehr unscharf umrissen ist. Unter anderem der generellen Unkenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung ist es geschuldet, dass beinahe jeder Verkehrsteilnehmer etwas anderes unter diesem Begriff versteht — die Wirklichkeit sieht allerdings noch nicht einmal halb so schlimm aus.

Die Diskussion um den Kampfradler hat einige interessante Auswirkungen, denn bei den meisten Verkehrsteilnehmern ist alles, was von der Debatte im Kopf hängen bleibt, ebenjener Begriff und die Tatsache, dass sich Radfahrer ja allesamt nicht an die Verkehrsregeln halten. Welche Verkehrsregeln das sind, das kann allerdings kaum jemand benennen. Das führt dann eben dazu, dass die Hupe malträtiert und aus dem Beifahrerfenster lauthals auf die Fahrbahnradler geschimpft wird, die den nicht-benutzungspflichtigen Radweg nicht befahren, obwohl sie in Ermangelung der notwendigen Beschilderung dazu gar nicht verpflichtet sind. Kampfradler sind das, da ist sich der Kraftfahrzeugführer mit dem hochrotem Gesicht sicher, und will gleich zu Hause beim Abendessen über Fahrradkennzeichen referieren, die es unbedingt brauche, um den Bastarden Herr zu werden. Dass Radfahrer laut § 2 Abs. 4 StVO gar nicht verpflichtet sind, jeden Straßenteil zu befahren, der wenigstens ein bisschen nach Radweg aussieht, ist den meisten Verkehrsteilnehmern, sowohl Auto- als auch Radfahrern, gar nicht bekannt. Insbesondere im Web lassen sich aberhunderte, wenn nicht gar tausende dieser Aussagen finden, nach denen jeder Radweg benutzt werden müsse, auch der linksseitige, wenn es rechts keinen gibt, und interpoliert man dieses Meinungsbild, so müssen beängstigend viele Verkehrsteilnehmer dieses Märchen glauben — und leider, sobald sie am Steuer eines Kraftfahrzeuges sitzen, gezwungen sind, diese Falschinformationen mit Hupe und klugen Sprüchen weitergeben müssen.

Dass eben wirklich kaum jemand die Verkehrsregeln kennt, ist insbesondere dort zu erkennen, wo den Straßen kein Fahrradweg gegönnt wurde und theoretisch das Befahren der Fahrbahn vorgeschrieben wäre. Weil aber Behörden, Polizei und Medien jahrzehntelang erklärten, dass Fahrbahnradeln glatter Selbstmord sei, fährt ein Großteil der Radfahrer freiwillig auf dem Gehweg. Ist man dagegen so mutig, auf der Fahrbahn zu fahren, gerät man über kurz oder lang mit einem aggressiven Kraftfahrzeugführer aneinander, der meint, dass unbedingt der Gehweg befahren werden müsse und seine falsche Meinung auch problemlos mit den Fäusten vertreten hätte.

Ganz zu schweigen von den Ampeln: Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass der Radfahrer, dem man gerade beim vermeintlichen Rotlichtverstoß beobachtet hat, noch fahren durfte.

Insbesondere dem deutschen Autofahrer fällt es in dieser Zeit besonders leicht, überall Kampfradler auszumachen, die es zu belehren und zu maßregeln gilt, obwohl sie sich eigentlich ziemlich genau an die Straßenverkehrs-Ordnung halten — das weiß nur niemand, weil eben niemand die Straßenverkehrs-Ordnung kennt. In der Fahrschule lernt man gerade mal eben so das Autofahren, aber keine tiefergehende Theorie, im Verkehrsunterricht in der Schule wird die Straßenverkehrs-Ordnung in der Regel überhaupt nicht angesprochen. So schwer es Autofahrern gilt, sich alle paar Jahre über die Änderungen einer neuen Straßenverkehrs-Ordnung zu informieren, so unwahrscheinlich ist es eben, dass Schulkinder oder führerscheinlose Erwachsene aus eigenem Antrieb die Straßenverkehrs-Ordnung studieren und verstehen. Andersrum funktioniert das ganz prima: ein Autofahrer, der die Straßenverkehrs-Ordnung nicht einmal bis § 2 Abs. 4 StVO kennt, hat in der Regel keine Hemmungen, auch noch § 1 StVO nicht zu kennen und einen Radfahrer neben einem nicht-benutzungspflichtigen Radweg anzuhupen, zu belehren oder gleich beinahe anzufahren, um gleich danach beim Abendessen oder am Stammtisch darüber zu schimpfen, dass sich die ganzen Kampfradler nicht an die Straßenverkehrs-Ordnung halten.

So ist das eben: als Autofahrer schimpft man über die Radfahrer, die nicht auf den Radwegen oder sogar nicht auf den Gehwegen fahren, als Fußgänger kann man die Gehwegradler wiederum nicht leiden und als Fahrradfahrer fällt es momentan ohnehin recht schwer, irgendetwas zu mögen.

Und auch das funktioniert andersherum: als Autofahrer, der eigentlich die Straßenverkehrs-Ordnung kennen sollte, so hört man ja wenigstens überall, fährt man mit dem Rad im Zweifelsfall auch lieber auf dem Gehweg, weil es dort wenigstens gefühlt sicherer ist und man ja nicht die Autofahrer auf der Fahrbahn behindern möchte. Und schon mancher Fahrradfahrer hat sich hinter dem Steuer plötzlich mit dem Sicherheitsabstand beim Überholen eines anderen Radfahrers gewundert.

Eigentlich sind alle Verkehrsteilnehmer eben nur Verkehrsteilnehmer. Und Verkehrsteilnehmer machen Fehler. Und wie schon mehrmals gesagt: werden Kontrollen durchgeführt, treten diese Fehler eben zu Tage. Da müssen 800 Autofahrer binnen zehn Tagen ihren Führerschein wegen Geschwindigkeitsübertretungen abtreten und dort werden 97 Fahrradfahrer wegen Radelei auf den falschen Straßenteilen verwarnt und hin und wieder erwischt es tatsächlich auch einen Fußgänger, der bei rotem Licht über die Kreuzung spaziert.

Insofern sind wir beinahe alle Kampfradler. Oder: vielleicht gibt es ja gar keine Kampfradler.

Unbestritten ist die Königsdisziplin des Kampfradlers das Befahren des Gehweges. Und unbestritten ist es gegenüber Fußgängern sehr unfreundlich, den Weg durch die Menschenmassen freizuklingeln und renitente Passanten gleich zu beschimpfen. Nur ist es ziemlich sicher, dass die meisten Radfahrer diese Aggressivität überhaupt nicht im Sinn haben. Die meisten Radfahrer dürften eben gelernt haben, wie tödlich die Fahrbahn doch angeblich ist und aus reinem Selbstschutz auf dem Gehweg unterwegs sein. Das macht es nicht unbedingt besser, doch handelt es sich auch beim Klingeln nicht direkt um eine Aufforderung zum Duell, sondern eher um den Versuch, einen Fußgänger zu überholen. Natürlich ist die Klingel für diesen Wunsch das falsche Instrument und mehr als unhöflich, aber besseres Verhalten wird dem Radfahrer eben auch nirgendwo gelehrt — stattdessen rückt man ihm jetzt mit Bußgeldern und Verfolgungsjagden auf die Gepäckträger.

Handelt es sich also bei den Radfahrern, die aus lauter Falschinformationen den Gehweg beradeln, tatsächlich um Kampfradler? Und ist die Oma aus der Nachbarschaft, die sich torkelradeln auf dem Gehweg zum Supermarkt bewegt, eine Kampfradlerin? Vermutlich eher nicht.

Als Kampfradler gelten sie durch die Windschutzscheibe trotzdem, auf der Fahrbahn will man sie aber auch nicht haben und wenn sie neben dem nicht-benutzungspflichtigen Radweg unterwegs sind, handelt es sich ohnehin um die schlimmsten Kampfradler überhaupt.

Auch das Fahren auf einem linksseitigen Radweg, das in den meisten Fällen zum Glück weder erlaubt noch vorgeschrieben ist, dürfte eher aus fehlender Information praktiziert werden als aus Lust am Kampf auf dem Fahrrad.

Und dass Fußgängerüberwege für Fahrradfahrer eben keinen Vorrang bevorraten, weiß man auch nur nach selbstständigem Studium der Straßenverkehrs-Ordnung, denn das lernt man weder in der Fahrschule noch im Verkehrsunterricht. Und gerade bezüglich der Fußgängerüberwege sind die Gestaltungen so mannigfaltig und so kompliziert, dass es teilweise ohne Ausbildung schwerfällt, die Fragen nach Vorfahrt und Vorrang korrekt zu beantworten. Da gibt es Fahrradfurten neben Fußgängerüberwegen, auf denen Radfahrer kraft der Straßenführung trotzdem Vorfahrt haben, drei Kreuzungen weiter verlaufen beide Wege ebenfalls parallel, doch hat der Radfahrer dort plötzlich keine Vorfahrt. Dann wird mal der Radweg unzulässigerweise direkt über den Überweg geführt und mal dürfen Radfahrer den Überweg benutzen und mal nicht und überhaupt blickt kaum noch jemand durch. Das Unwissen manifestiert sich insbesondere in der Fehlinformationen, dass Radfahrer einen Fußgängerüberweg überhaupt nicht befahren dürften — das eben aber ist falsch, sie genießen dort lediglich keinen Vorrang. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass Radfahrer in vielen Situationen ohnehin Vorfahrt vor den anderen Fahrzeugen hätten.

Trotzdem gilt jeder Radfahrer auf dem Fußgängerüberweg als Kampfradler. Mitunter womöglich zurecht, doch auch dort dominiert eben das Unwissen über die tatsächliche Regelung bezüglich des Zebrastreifens. Radfahrer werden hierzulande wie beräderte Fußgänger behandelt, mit Fußgängern zusammen auf so genannte gemeinsame Fuß- und Radwege gescheucht, da liegt es eben nahe, auch die Überwege mitzubenutzen. Aus bloßer Kampfradlerei geschieht das wahrscheinlich nicht.

Bleiben noch die roten Ampeln, die vor ein paar Tagen bereits beschrieben wurden. Obwohl jeder von einem Radfahrer zu berichten weiß, der ihn einmal trotz grüner Ampel zu einer Vollbremsung gezwungen hat, fahren nur die allerwenigsten Radfahrer bei rotem Licht in den Querverkehr ein. Die meisten Rotlichtsünder haben schlichtweg erkannt, dass die Fußgängerampel viel früher als die Fahrbahnampel auf Rot schaltet und Radfahrer warten müssen, obwohl sie locker noch mehrfach die Kreuzung überqueren konnten.

Womöglich ließen sich solche Radfahrer tatsächlich als Kampfradler titulieren. Im Sinn haben die Diskussionsteilnehmer bezüglich dieses Begriffes leider deutlich harmlosere Feindbilder. Und über kurz oder lang wird diese Diskussion nur dazu führen, dass das Radfahren wieder einmal als eine ganz gefährliche Tätigkeit gilt — dabei hatte sie dieses anhaftende Image gerade in den letzten Monaten im Fahrrad-Boom endlich abgelegt.

6 Gedanken zu „Was ist eigentlich ein Kampfradler?“

  1. Mit gegenseitiger Rücksichtsnahme brauchen Radfahrer auf den Bürgersteigen nicht um Ihr Leben bangen, wie es auf den voll ausgelasteten Straßen der Fall ist! Geben Sie alle Bürgersteige auch für Radfahrer in allen Richtungen frei!

      1. Ich kann ich voll und ganz der Meinung von Hans anschließen. Solange es keine wirklich klaren Regeln und auch kein echter Platz für Radfahrer geschaffen ist, muss dem Radfahrer die volle Freiheit gewährt werden. Das heißt aber auch konkret auf Fußwegen, dass z.B. Fußgänger und Autofahrer beim Verlassen ihres Grundstücks mit Radfahrern zu rechnen haben. Natürlich ist auf dem Fußweg auf Fußgänger Rücksicht zu nehmen. Eine konkrete Verhaltensfrage hätte ich an dich als Fahrbahnradler. Ich fahre jeden morgen auf einer schmalen Straße mit Fahrbahn und Fußweg (mit Zusatz Fahrad frei). Dort staut sich der Verkehr an einer Ampel auf mehrere hundert Meter. Stellt du dich dann hinten im Stau an und wartest mehrere Ampelphasen ab oder fährst du im „Schritttempo“ auf dem Gehweg? Ich denke das ist der Zwiespalt in dem das effizienteste und ökologischte Verkehrsmittel steckt, solange kein echter Raum dafür geschaffen wurde.

        1. Stellt du dich dann hinten im Stau an und wartest mehrere Ampelphasen ab oder fährst du im “Schritttempo” auf dem Gehweg?

          Ich nähme zunächst einmal eine alternative Route, sofern es denn eine akzeptable gibt, und falls nicht, fahre ich notfalls rechts oder links an den wartenden Kraftfahrzeugen vorbei. Aber auf den Gehweg bringt mich höchstens Zeichen 240, alles andere ist mir zu doof.

  2. Kampfradler? Wo werden denn die Kampffussgänger genannt. Ich fahre selber meine 5000 – 6000 Kilometer im Jahr mit dem Fahrrad. Was man da erlebt könnte Bücher füllen. Ja wenn es sich realisieren lässt Fahr ich auf dem Radweg. Allerdings gibt es hier Radwege die direkt auf dem Gehweg sind, wo die Haustüren ohne Vorgärten münden. Nachdem ich dort einige Male beinahe mit Bewohnern zusammengestoßen bin, weigere ich mich dort den Radweg zu benutzen. Meiner Ansicht nach wäre es fahrlässig dort den Radweg zu benutzen. Neulich sind mir zwei ältere Damen mit Nordic-Walking-Stöcken entgegengekommen und eine der Damen hat im vorbeifahren auf einem breiten Weg versucht mir ihren Stock ins Vorderrad zu stecken. Oder Hundehalter die ihren Hund an der Leine führen. Korrekt? Ja natürlich, aber doch nicht wenn die Hundeleine quer über den gesamten Geh-Rad-Weg gespannt ist. Von rücksichtslosen Autofahrern ganz zu schweigen, die Radwege einfach ignorieren. Es gibt überall Idioten. In der heutigen Zeit ist es aber auch teilweise schwierig sich wirklich korrekt zu verhalten. Etwas mehr Rücksicht von allen wäre Klasse.

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