Was in der Zeitung steht

Es ließen sich lange Aufsätze über die Rolle der Medien in der Gesellschaft schreiben. Erst einmal reicht ein Aspekt: Was in der Zeitung steht, muss nicht zwangsläufig der Wahrheit entsprechen. Das ist lästig, geht es um Politik oder Wirtschaft, lächerlich im Boulevard, aber möglicherweise tödlich bei Verkehrsregeln.

Das Problem ist in der Regel, dass die Quelle, die ein Redakteur in der Regel zur Untermauerung seiner Meinung befragt, meistens unzureichend zitiert wird. Mitunter redet man aneinander vorbei, hat unterschiedliche Beispiele im Kopf, meistens hat die Quelle auch nicht hundertprozentig recht, selbst wenn es sich um den Polizeipräsidenten höchstpersönlich handelt, dann geht noch einiges an Informationen beim Zurechtstutzen des Artikels verloren und hat er das Glück, dass ein Kollege seinen Kram noch einmal zur Korrektur liest, verändert der vielleicht auch noch hier und da und dort ein paar Wörter, wenn nicht sogar ganze Sätze zwecks Kahlschlag für die Werbeanzeige entfallen.

Soll heißen: von dem, was die Quelle sagt, bleibt auf dem Papier anschließend nicht mehr viel übrig. Das ist lästig, geht es um Politik oder Wirtschaft, lächerlich im Boulevard, aber möglicherweise tödlich bei Verkehrsregeln.

Das vermutlich schlimmste Beispiel in diesem Jahr bietet die Thüringer OTZ: Übergangsfurt am Bahnhofsbrücken-Kreisel in Hermsdorf

Mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer: Am Bahnhofsbrücken-Kreisel in Hermsdorf gibt es jetzt eine Übergangsfurt.

Von „mehr Sicherheit“ kann überhaupt gar keine Rede sein, schon die eigentliche Baumaßnahme ist gefährlicher Unfug, der nur noch von dem vollkommen an den Haaren herbeigezogenen Zeitungsartikel übertroffen wird. In diesem Falle wäre eine Korrektur des Artikels das Mindeste, dieses Mal aus der Feder von jemandem, der sich wirklich mit der Straßenverkehrs-Ordnung und den dazugehörigen Verwaltungsvorschriften auskennt.

Mal von Anfang an: es wurde unter Beifall vom Stadtrat, vom Ordnungsamt und vom „Dekra-Mann“ eine Querungsmöglichkeit elf Meter von einem Kreisverkehr entfernt aufgetragen. Das Ordnungsamt behauptet gar ungeheuerliches: Radfahrer und Fußgänger sollen an dieser Querungsfurt Vorrang haben, das ergäbe sich aus einer geheimnisvollen, nicht weiter erläuterten Änderung in der Straßenverkehrs-Ordnung. Und damit das auch alles klappt, soll die Polizei die Einhaltung der Verkehrsregeln an diesen Stellen kontrollieren.

Die Polizei wäre besser beraten, der Behörde für diesen Unfug den Kopf abzureißen. Hier geht es schließlich nicht um einen schlecht geplanten Radweg oder eine unnötige Radwegbenutzungspflicht, sondern prinzipiell um eine Aufforderung an Fußgänger und Radfahrer, sich ganz motiviert vor das nächste Kraftfahrzeug zu werfen. Eine solche Querungsfurt zu applizieren ist abenteuerlich, diesen Stuss auch noch in der Zeitung zu verbreiten gewagt, aber dass nicht einmal bei der Polizei auffällt, dass da etwas nicht stimmt, lässt tief blicken.

Von den wirklichen, in Deutschland geltenden Verkehrsregeln aus gesehen stellt sich diese Querungsfurt ganz anders da. Zunächst einmal ist ein Kreisverkehr, der auf den ersten Blick so unscheinbar und einfach scheint, schon kompliziert genug, als dass er noch mit unsinnigen Querungsfurten oder Radwegen belastet werden müsste.

Beim Einfahren in den Kreisverkehr fährt ein Fahrzeug sozusagen geradeaus, muss aber natürlich dem Verkehr auf der Kreisfahrbahn Vorfahrt gewähren. Da insofern nicht abgebogen wird, darf nicht geblinkt zu werden und querende Fußgänger genießen keinen Vorrang, querende Radfahrer allerdings schon, sofern das nicht noch mit anderen Verkehrszeichen verkompliziert wird. Beim Ausfahren wird abgebogen, also muss der Fahrtrichtungsanzeiger betätigt werden und Fußgänger bekommen plötzlich Vorrang. Vorfahrt haben natürlich im Normalfall auch Radfahrer, die sich auf einem Radweg um den Kreisverkehr herum bewegen.

Soweit, so schlimm, denn in der Regel wird eine Straßenverkehrsbehörde den Radverkehr nicht innerhalb des Kreisverkehres führen, sondern auf einem Radweg drumherum, natürlich benutzungspflichtig, aber mit kleinen Zeichen 205 gespickt, die das Gerangel um die Vorfahrt noch weiter verkomplizieren, weil der Fahrradfahrer eigentlich keine Vorfahrt mehr hat, Fahrzeuge beim Abbiegen in Ermangelung der dazugehörigen positiven Beschilderung allerdings weiterhin Vorfahrt gewähren müssten und, nebenbei erwähnt, mit diesen Experimenten auch die Benutzungspflicht endet, da unterschiedliche Vorfahrtsregelungen zwischen Fahrbahn und Radweg ein Hinweis auf eine mangelnde Fahrbahnbegleitung sind.

Nun müsste allerdings jeder Fahrzeugführer eigentlich ein Maßband bereithalten, denn die Verwaltungsvorschriften, die der gemeine Verkehrsteilnehmer eigentlich nicht zu kennen braucht, sehen eine fahrbahnbegleitende Eigenschaft zwischen Fahrbahn und Radweg und Gehweg nur bei einem Abstand von weniger als fünf Metern. Bei größeren Abständen haben Fußgänger keinen Vorrang und Radfahrer keine Vorfahrt mehr — schließlich hat der Radfahrer auch keine Vorfahrt, wenn er an einer beliebigen anderen Stelle außerhalb von Kreuzungen eine Fahrbahn queren möchte.

Mit elf Metern Abstand ist die Querungsfurt so deutlich vom Kreisverkehr entfernt, dass kein normaler Verkehrsteilnehmer hier Vorfahrt- oder Vorrang wahrnähme — und vermutlich auch kein Fahrzeugführer auf die Idee käme, jenen hier zu gewähren. Die aufgemalten Streifen auf der Fahrbahn sind nur mehr Kunst am Bau und entfalten überhaupt gar keine regelnde Wirkung. Stattdessen suggerieren sie dem ahnungslosen Fußgänger, er habe hier womöglich Vorrang. Die Behörde glaubt offenbar sogar, dass Radfahrer hier Vorfahrt hätten, obwohl der nicht einmal an einem normalen Fußgängerüberweg entsteht.

Eigentlich gibt es nur eine sinnvolle Lösung: der Unfug muss sofort wieder von der Fahrbahn gefräst werden und in den Medien müssen entsprechende Korrekturen veröffentlicht werden.

Aber dazu wird man sich nicht einmal nach dem ersten Todesfällen durchringen können. Stattdessen würde wahrscheinlich wieder über rücksichtslose Fußgänger oder Kampfradler geschimpft. Wenn nicht einmal die Polizei merkt, dass hier etwas nicht stimmt, wie soll der normale Verkehrsteilnehmer befähigt sein, hier unfallfrei zu passieren?

Insofern stellt sich hier auch gar nicht die Frage, ob womöglich Polizei oder Behörden falsch verstanden oder verkürzt wiedergegeben wurden — es gibt da gar keine Interpretationsmöglichkeit: diese Maßnahme ist und bleibt gefährlicher Unsinn.

2 Gedanken zu „Was in der Zeitung steht“

  1. Diese fünf Meter aus der Verwaltungsvorschrift sollen nicht dazu führen, dass der Verkehrsteilnehmer einen Gliedermessstab braucht, um zu gucken, ob ein Geh- / Radweg fahrbahnbegleitend ist oder nicht. Vielmehr ist dies eine Vorgabe und Aufforderung an die Verkehrsplaner: sie können anhand dieser Vorgabe entscheiden, ob ein Geh- / Radweg fahrbahnbegleitend ist und müssen dann die Situation vor Ort so deutlich gestalten (durch Furten, Hochpflasterung, Markierung, Schilder etc.), dass jedem Verkehrsteilnehmer die Situtaion sofort und unmissverständlich klar wird.

    Was die in dem besagten Ort gemacht haben bzw. was die Zeitung dazu schreibt, ist natürlich blödsinnn³.

    1. Diese fünf Meter aus der Verwaltungsvorschrift sollen nicht dazu führen, dass der Verkehrsteilnehmer einen Gliedermessstab braucht, um zu gucken, ob ein Geh- / Radweg fahrbahnbegleitend ist oder nicht. Vielmehr ist dies eine Vorgabe und Aufforderung an die Verkehrsplaner: sie können anhand dieser Vorgabe entscheiden, ob ein Geh- / Radweg fahrbahnbegleitend ist und müssen dann die Situation vor Ort so deutlich gestalten (durch Furten, Hochpflasterung, Markierung, Schilder etc.), dass jedem Verkehrsteilnehmer die Situtaion sofort und unmissverständlich klar wird.

      Ja, so war das sicherlich mal gedacht, aber leider läuft das inzwischen anders. Die Verkehrsplaner schauen offenbar nur selten in die Verwaltungsvorschriften, aber wenn sie zwischen den vielen sinnvollen Vorschriften etwas finden, dann ausgerechnet die Fünf-Meter-Regel. Und ich kenne eine ganze Menge Knotenpunkte, bei denen der Radverkehr offenbar gezielt verschwenkt wurde, um ihm die Vorfahrt zu nehmen. Welcher Radfahrer achten denn schon beim Beradeln einer Vorfahrtstraße darauf, ob an der nächsten Kreuzung der Radweg womöglich acht Meter weit verschwenkt wurde? Hingegen bekommt der abbiegende Kraftfahrer schon eher den Eindruck, dass alleine schon aus optischer Sicht der Radverkehr warten muss.

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