Warnwesten statt „Runter vom Gas!“

„Runter vom Gas!“ klingt als Titel für eine Verkehrssicherheitskampagne eigentlich gar nicht so verkehrt. Seit ihrem Start im Jahr 2008 hat die Kampagne unter anderem die teilweise drastisch gestalteten Plakate an den Bundesautobahnen zu verantworten.

Die neueste Idee hat mit mit dem Titel „Runter vom Gas!“ allerdings gar nicht mehr so richtig viel zu tun: Ramsauer ruft gemeinsam mit Handball-Legende Volker Zerbe zum Tragen von Warnwesten auf

Mit gutem Beispiel voran: Volker Zerbe, Sportkoordinator der Füchse Berlin und passionierter Radfahrer, hat heute einen kostenlosen Fahrrad-Sicherheitscheck in Berlin-Mitte gemacht. Im Rahmen der Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas“ setzt sich der ehemalige Nationalspieler für mehr Sicherheit im herbstlichen Straßenverkehr ein – und ruft Radfahrer dazu auf, sich mit der richtigen Ausrüstung sichtbar zu machen.

Es gehört eigentlich gar nicht zum Selbstverständnis der Kampagne, die Kraftfahrzeugführer vom Sichtfahrgebot zu entbinden. Auch wenn alle Aspekte der Verkehrssicherheit beleuchtet werden sollen — und dazu gehören nunmal leider auch Warnwesten, macht es sich „Runter vom Gas!“ an dieser Stelle ein bisschen zu einfach. In der Pressemitteilung findet sich kein Wort, nicht einmal eine kurze Bemerkung dazu, dass es gerade in dieser dunklen und gerne auch mal nebligen Jahreszeit notwendig sein kann, den Fuß runter vom Gas zu nehmen.

Wer morgens mit seinem Kraftfahrzeug durch die neblige Gegend ballert, kann schließlich teilweise gar nicht erkennen, wo das Ende der seines Bremsweges liegen wird. Und im Dunklen reicht beim Abbiegen eben nicht der unbeliebte Schulterblick, der lustlos durchs Beifahrerfenster geworfen wird, nein, im Dunklen reicht es nicht, auf dem Radweg keinen Radfahrer und auf dem Gehweg keinen Fußgänger zu erkennen, es muss zweifelsfrei festgestellt werden, dass beide Sonderwege tatsächlich frei sind. Und in den Begriff „frei“ fallen nunmal auch Radfahrer ohne Warnweste.

Die vielen Unfallberichte in der Polizeipresse und in den Zeitungen suggerieren immer wieder, der Kraftfahrer hätte den angefahrenen Radfahrer übersehen, als hätte er sich plötzlich wie aus dem Nichts vor der Motorhaube materialisiert. Tatsächlich lesen sich die Details solcher Unfälle abseits der plakativen Beschreibungen etwas anders — der Klassiker ist sicherlich der Abbiegeunfall, bei dem ein Kraftfahrer den vorfahrtberechtigten Radfahrer oder Fußgänger übersehen hat. Das liegt an verschiedenen Faktoren: Einerseits spielt die Unlust mit, tatsächlich den Schulterblick zu praktizieren, andererseits wird der Schulterblick teilweise nur aus reinem Pflichtbewusstsein ausgeführt, ohne dass die Augen tatsächlich nach anderen Verkehrsteilnehmern im Gefahrenbereich suchen. Um etwas zu sehen muss nunmal nicht bloß der Schädel gedreht werden, sondern tatsächlich ein bisschen Gehirnleistung aufgewendet werden.

Außerdem leidet das deutsche Fahrradweg-System noch immer am Mangel, dass der Radfahrer außerhalb des Blickfeldes des Kraftfahrers geführt wird. Im Sichtbereich stehen nicht nur parkende Kraftfahrzeuge, sondern auch so genanntes Straßenbegleitgrün, Bushaltestellenhäuschen und Litfaßsäulen — irgendwas ist beinahe immer und da helfen auch keine Warnwesten.

Überhaupt: Warnwesten. Die grelle Tagesleuchtfarbe funktioniert nur bei Tageslicht, sonst hieße sie ja nicht Tagesleuchtfarbe. Sie wandelt ultraviolette Strahlung in sichtbares Licht um, das nachts aber nunmal nicht vom Himmel scheint. Somit bleiben noch die relativ spärlich auf der Warnweste verteilten Reflexstreifen übrig, für deren Funktionsweise der Radfahrer aber keinen Rucksack tragen und nach Möglichkeit nicht zu sehr nach vorne gebeugt auf dem Rad sitzen darf — keine Arme zu haben wäre auch von Vorteil.

Ja, sicherlich können Warnwesten dafür sorgen, dass der eine oder andere Unfall verhindert wird, weil ein unaufmerksamer Kraftfahrer rechtzeitig den warnwestenbewehrten Radfahrer erkennt. Noch mehr könnte allerdings ein Aufruf bewirken, tatsächlich mal in der dunklen Jahreszeit den Fuß runter vom Gas zu nehmen — das hilft nämlich noch viel mehr gegen Unfälle. Davon findet sich in der Pressemitteilung des Ministeriums allerdings kein Wort. Stattdessen bekommt der Radverkehr wieder einmal den Eindruck, für seine Sicherheit selbst sorgen zu müssen, ganz so, als wäre er auf der Straße nur geduldet.

22 Gedanken zu „Warnwesten statt „Runter vom Gas!““

  1. Noch mehr könnte allerdings ein Aufruf bewirken, tatsächlich mal in der dunklen Jahreszeit den Fuß runter vom Gas zu nehmen — das hilft nämlich noch viel mehr gegen Unfälle.

    Und nicht nur in der dunklen Jahreszeit…

  2. Ich fahre nachts mit Warnweste – einfach deshalb, weil die 1 Sekunde die der LKW Fahrer mich dadurch vielleicht früher sieht, mein Leben retten kann. Ich habe auch einen Helm auf und bin mir dessen bewußt, dass er nur in bestimmten Situationen helfen kann. Beides sind Maßnahmen, die in meinem Einflussbereich liegen.

    Was für Radfahrer einen wirklichen Sicherheitsgewinn bringen würde: eine Kampagne zum Seitenabstand beim Überholen, zum Schulterblick beim Abbiegen und einen nicht enden wollenden Blitzermarathon mit drakonischen Strafen bei Geschwindigkeitsüberschreitungen.

    Aber was will man von einem Minister Ramsauer erwarten, der es drei Jahre lang nicht schafft klarzustellen, welche Version der Straßenverkehrsordnung nun wirklich gilt (2010 – 2013), und dann im Fernsehen von der moralischen Überlegenheit der Radfahrer dahinschwurbelt (bei Plasberg im Januar 2013).

    1. Was für Radfahrer einen wirklichen Sicherheitsgewinn bringen würde: eine Kampagne zum Seitenabstand beim Überholen, zum Schulterblick beim Abbiegen und einen nicht enden wollenden Blitzermarathon mit drakonischen Strafen bei Geschwindigkeitsüberschreitungen.

      Da kann ich nur zustimmend nicken! Ergänzen möchte ich noch um eine Kampagne zur Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht, die nach wie vor vielen KFZ-fahrern unbekannt zu sein scheint.

    2. Ich trage eine Warnweste auf der hinten „Abstand! 1,5m“ aufgedruckt ist.

      Als Radfahrer freue ich mich übrigens über jeden (aktiv und/oder passiv) beleuchteten Hund (und jede beleuchtete Hundeleine), jeden beleuchteten Fußgänger, jedes beleuchtete Fahrrad und Kraftfahrzeug.
      Und das, obwohl auch ich mich selbstverständlich an das Sichtfahrgebot halten muss (und immer mit unbeleuchteten Verkehrsteilnehmern/-hindernissen rechnen muss). Es macht aber ganz einfach die Fahrt stressfreier, wenn man „Hindernisse“ möglichst früh erkennt.

      1. Ergänzung:
        Eine Warnwesten- oder Beleuchtungspflicht für alle halte ich für Schwachsinn (vergisst man sie, darf man nicht mehr auf die Straße?)
        Da ich nur mit Akkulicht fahre (die Beleuchtungseinrichtungen meines Baumarktfahrrads hat das desolate Hamburger Radwegnetz auf dem Gewissen) sehe ich die Warnweste (und/oder Reflektorenband für Arme und Beine), auch als passive Notbeleuchtungseinrichtung, falls meine aktive Beleuchtung ausfällt.

        Aber wie beim Helm (den ich nicht trage) gilt: Jeder muss das selbst wissen ob er das tragen will oder nicht.

  3. Immer wieder wird versucht, dem Radfahrer eine generelle Mitschuld bei nicht selbst verschuldeten Unfällen anzuhängen. Da fehlte wohl der Helm oder bald auch: Ohne Warnweste unterwegs ?
    Herr Ramsauer sollte lieber einmal eine Kampagne zur Aufklärung der Autofahrer über die Rechte von Fahrradfahrern starten. Leider ist meine Hoffung nicht groß, daß sich ein Minister der die Auto-Lobby vertritt dafür einsetzt:(

  4. ADAC-Sprecher Andreas Hölzel zu BILD.de: „Tempo 30 als städtische Regelgeschwindigkeit könnte hier mehr schaden als verbessern. Dies ginge vor allem auf Kosten der Verkehrssicherheit!“

    Für mher Verkehrssicherheit gibts beim ADAC den tollen Warnwestensong für Kinder!

    http://www.adac.de/sp/sicherheitswesten/

    ADAC – die tun was dafür, dass Kinder nicht totgefahren werden!

    1. Zitat: „ADAC-Sprecher Andreas Hölzel zu BILD.de: „Tempo 30 als städtische Regelgeschwindigkeit könnte hier mehr schaden als verbessern.“

      LOLROF, beim ADAC arbeiten ja richtige Komiker! Der Schaden könnte dem ADAC geschehen. 😀

      Sichtbarkeit von Radfahrern in der Dunkelheit – formal wird diese, wie bei Kraftfahrzeugen, durch eine ordnungsgemäße Beleuchtung sichergestellt. Dennoch soll das also nicht genügen?
      Ja und Nein. Formal genügt die Beleuchtung und die Reflektoren-Orgie an den Rädern. Aber praktisch? Fahrräder haben bereits im Hellen eine vergleichsweise sehr schmale Silhouette, was korrekte Sichteinschätzungen schwieriger macht. Gut, dieser Einschränkung soll die „angepasste Fahrweise“ begegnen, was aber leider häufig nicht funktioniert, denn Autofahrern geht es nicht viel anders als Radfahrern: Wenn der Karren erstmal schön rollt, dann möchte man ihn auch schön am Rollen halten.

      Ich habe mir gestern Abend aber zu der Thematik mal wieder einige Gedanken gemacht. Als es um 22 Uhr anfing zu regnen, habe ich die neue Jacke angezogen und die ist, leider, komplett schwarz (es gab für den entscheidenden Preis, keine andere Farbauswahl *schnief*) und zusammen mit der schwarzen Radhose und den schwarzen Radschuhen, blieb so nur der weiße Helm, der darauf hindeutet, dass mein bestens beleuchtetes Rad nicht von einem Geist gefahren wird. 😉
      Und obwohl ich gutes Licht am Rad habe, fühlte ich mich damit nicht wohl. Ich habe aber bereits die Materialien hier liegen, um mir eine breite gelbe Reflexschärpbe zu bauen, die für manche Brevets ohnehin notwendiges Minimum ist. Damit werde ich leben können.

      PS: Malte, wird der HInweis zu den HTML Tags unter dem Eingabefenster, auch irgendwo für Dummies in normale Sprache übersetzt?

  5. Eigentlich sollen Warnwesten ja die schützen, die sich im Straßenverkehr aufhalten(müssen) ohne dabei die volle Aufmerksamkeit für diesen aufbringen zu können. Bauarbeiter zum Beispiel, die eben noch was anderes zu tun haben als permanent auf die Autos zu achten, Autofahrer beim Reifenwechsel und vielleicht auch Schulanfänger.
    Wer diesen besondern Schutz nicht braucht, sollte auf Warnwesten und ähnliches verzichten. Je mehr davon im Straßenbild zu sehen sind desto mehr läßt die Aufmerksamkeit für ihre Träger nach.

    1. generell gebe ich dem Radschwarzfahrer da recht, wenn alle eine Warnweste tragen ist der Witz weg. Ebenso macht es m.E. keinen Sinn in belebten Gebieten wie Schanze, Kiez ode Eimsbüttel in der Dunkelheit eine Weste zu tragen. Durch die vielen Lichter in Schaufenstern o.ä. ist der Autofahrer eh mit genug Reizen überflutet.

      Da ich aber viel in der Dunkelheit z.B. im Industriegebiet Billbrook unterwegs bin und auf dem Rad leider nur schwer den Verkehr hinter mir permanent beobachten kann, bin ich einfach darauf angewiesen das die Autofahrer mich sehen. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass man in Gegenden wo Radfahrer morgens um 6 auf der Straße eher die Ausnahme sind, gerade von LKW selten knapp überholt und ausgesprochen rücksichtsvoll behandelt wird. Hier scheint die Botschaft der Warnweste „hallo, ich weis das ich schwer zu sehen bin und tue mein bestes um es Dir, lieber Autofahrer, leichter zu machen“ scheinbar anzukommen. Statt Weste würde es sicher auch ein Reflektorstreifen auf der Jacke tun, da Nadel und Faden aber nicht meine Freunde sind, ist die Weste einfacher.

      Ein Helm bewirkt meiner Erfahrung nach übrigens genau das Gegenteil und scheint einige Autofahrer geradezu zu provozieren besonders dicht zu überholen,

      Eine Helm- und Westenpflicht für alle ist aber großer Blödsinn und packt das Problem von der falschen Seite an. Je mehr Vorschriften und Pflichten erlassen werden, desto weniger wird die Eigenverantwortung und Rücksichtnahme gefördert und ohne die geht es nun mal nicht.

  6. Was soll man von einer Organisation erwarten, die fast ausschließlich aus Unternehmen der Automobil- und Versicherungswirtschaft besteht? Selbst ohne Verschwörungstheorien darf man von gewissen Interessenkonflikten ausgehen.

  7. Im Zweifelsfall lieber die unsägliche Farbe als den ebenfalls unsäglichen Krankenhausfrass…

    Über Herrn Ramsauer oder den ADAC müssen wir aber doch nicht wirklich diskutieren!

  8. Gibt es denn vernünftige Untersuchungen dazu, ob eine Weste überhaupt etwas nutzt? Klar ist, dass jede Maßnahme, die die Zahl der Radfahrer senkt (und dazu gehört Panikmache nunmal) der Sicherheit mehr schadet wie nutzt (Safety in numers, usw.). Aber hilft die Weste denn zumindest kurzfristig dem einzelnen Radfahrer? Mir kommen dabei so Dinge wie der Motteneffekt in den Sinn, die die bessere Sichtbarkeit evtl konterkarieren könnten.

      1. Neuer versuch mit (hoffentlich) richtig gesetztem Link

        Beim Rad-spannerei Blog gibts einen Artikel dazu und eine entsprechende Studie ist verlinkt.


        Die Ergebnisse der Studie beweisen nicht eine schützende Wirkung, wie sie nach früheren Studien erwartet wurden, die die Wirkung reflektierender Kleidung auf Kraftfahrer hinsichtlich der Wahrnehmung von Radfahrern und Fußgängern testeten.

        Ich werde trotzdem lieber früher als zu spät wahrgenommen, und benutze nachts eine Warnweste.

        1. Danke für den Link. Dein letzter Satz verwundert mich allerdings: Du weißt, dass Warnwesten möglicherweise gar nichts helfen und ggf. sogar die Gefahr erhöhen können – und trotzdem trägst du eine?

  9. Ich habe den Eindruck, dass ich, seit ich die Schulanfängerweste meiner Tochter mit dem Aufdruck „Verkehrsdetektiv“ trage, nicht mehr angehupt werde, wenn ich nicht den rot angemalten Gehweg (= nicht benutzungspflichtiger Hochbordradweg) benutze. Und das finde ich angenehm.
    Die Weste passt mir übrigens wie angegossen (Damengröße S). Ich habe mich schon gefragt, wie übergewichtig die Schulanfänger sein müssen, die der ADAC sich vorstellt…

    1. Wahrscheinlich sind sich die Dosentreiber nicht klar ob das jetzt eine Phantasieauszeichnung ist oder da etwa eine Person drinsteckt die Ihnem Kraft ihres Amtes wirklich an den Schuh pinkeln kann. Das ist nur eine weitere Bestätigung meiner Beobachtung das sich viele Autofahrer sehr wohl dessen bewusst sind was sie machen und es nur deshalb machen weil sie ungestraft damit davonkommen.
      Du musst nur aufpassen das Deine Kleidung nicht evtl. von unseren grün-beigen Freunden und Helfern als „Amtsanmaßung“ angesehen wird. *Das* zu verfolgen scheint ihnen manchmal leichter zu fallen als kriminelle Autofahrer anzuhalten.

  10. Müssen die Westen eigentlich auch *über* einer mglw. mitgeführten Tasche bzw. einem Rucksack getragen werden? Oder ist beim Westentragen das gleichzeitige Tragen eines Rucksacks »verboten«? Schließlich kann so ein Gegenstand die Reflektionsleistung (im Rückenbereich) um einiges mindern …

    1. @mkorsakov: Westen müssen von Kindern gar nicht getragen werden. Und Rucksäcke oder Tournister haben heutzutage fast immer auch reflektierende Elemente.

  11. Gestern hatte ich die Gelegenheit solche Warnwesten mal im Einsatz bei Erstklässlern zu sehen:
    Wenn da hinten der Große Ranzen, und vorne die breiten Gurte drüber sind, lugt die Weste kaum noch sichtbar gerade mal vorn und ganz wenig an den Seiten hervor. Einzig die Kapuze könnte die Sichtbarkeit noch fördern, aber die meisten Kinder lassen die zu recht unten, weil sie so groß geschnitten ist, das sie die Sicht nach rechts und links sehr stark behindert.
    Und hinter den vielen geparkten Autos hilft die Weste sowieso nichts.

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