„Wann begreifen es Radfahrer endlich?“

Nach der Vorfahrtsmissachtung gegenüber eines Autos geriet ein Radfahrer gestern in Hohenschönhausen unter eine Straßenbahn, schreibt Tanja Buntrock im Tagesspiegel: Radfahrer von Tram erfasst

Er bremste so stark, weil er eine Kollision mit einem Auto verhindern wollte: Doch dabei geriet der Radfahrer in einen Bahngleisübergang und wurde von einer Tram erfasst.

Was sich genau abgespielt hat, das weiß man nicht, aber die schweren Kopfverletzungen locken natürlich kluge Kommentatoren an. So dauerte es gerade einmal eine Stunde, bis der erste Kommentator zusammenfasst:

Und wieder schwere Kopfverletzungen

Wahrscheinlich hat der Verunglückte keinen Schutzhelm getragen. Wann endlich begreifen die Radfahrer, dass sie ohne Helm auch bei geringer Geschwindigkeit ein hohes Risiko tragen? Schwere Verletzungen betreffen meist den Kopf. Lassen Sie mal eine 4 kg schwere Melone aus 2 m Höhe fallen, dann sehen Sie, was passiert. In vielen Ländern gilt die Helmpflicht, und dort protestiert niemand dagegen. Der Sicherheitsgurt beim Kfz war seinerzeit ähnlich umstritten. Man könnte sich ja im Falle eines Falles am Armaturenbrett abstützen. Diese idiotische Ansicht ist längst widerlegt, und nun gilt es, die Radler endlich vor sich selbst zu schützen. Ich fahre jedenfalls niemals „oben ohne“. Leider fahren viele wider besseres Wissen nicht nur ohne Helm, sondern manchmal auch sonst „oben ohne“.

Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ein Fahrradhelm einer tonnenschweren Straßenbahn etwas entgegensetzen kann — das sollte sogar einem glühenden Anhänger eines Fahrradhelmes einleuchten. Insofern scheint auch der Vergleich mit der Melone in diesem Zusammenhang genauso lächerlich wie die Helmpflicht in anderen Ländern, die entweder nicht existent ist oder zu einem drastischen Rückgang des Radverkehrsanteiles geführt hat, was immerhin mittelbar als Demonstration gewertet werden kann. Im Gegensatz zum Fahrradhelm, bei dem lediglich ein umstrittenes Prüfverfahren zum Einsatz kommt und die Meinungen über dessen tatsächliche Wirksamkeit auseinander gehen, lässt sich die Wirkung eines Sicherheitsgurtes hingegen hinreichend belegen. Unfälle wie dieser lassen sich vermutlich nie vollkommen ausschließen, aber anstatt Radfahrer vor sich selbst zu schützen, was schon dramatisch klingt, sollten wenigstens die gefährlichsten Radverkehrsanlagen saniert oder zurückgebaut werden, darunter viele Straßenecken, bei denen man als Radfahrer zwangsläufig bremsen muss, um nicht vom rechtsabbiegenden Kraftfahrzeug überrollt zu werden. Gegen solche Unfälle helfen weder Helm noch Helmpflicht, die wirken allerhöchstens bei der Reduktion der Unfallfolgen im Kopfbereich, während der andere Ansatz Unfälle tatsächlich zu vermeiden vermag.

Und ein zweiter schreibt sodann:

Es gibt auch Länder, z.B. Taiwan, wo fast jeder Radler einen Helm trägt, ohne dass eine Helmpflicht besteht.
Das mag auch daran liegen, dass hier nicht jeder nur an sich denkt, sondern an die Allgemeinheit, die ja die medizinischen Kosten zu tragen hat.
Außerdem die Profis tragen alle Helm. Dieser Widerwille in Deutschland ist mir einfach unverständlich, wo die Deutschen doch immer so klug sind.

Taiwan ist bislang nicht unbedingt als Fahrradland bekannt, eher so als Motorroller-Land, obschon es in der Vergangenheit Bemühungen gibt, die Menschen mit separaten Fahrradwegen auf den Sattel zu locken. Man ist dort allerdings bezüglich der Schuldzuweisung ebenso konsequent wie am deutschen Stammtisch, wenn ein Fahrradfahrer von einem Auto angefahren wird, hat der Fahrradfahrer wohl nicht aufgepasst.

Dass Radfahrer die Gesellschaft nicht über Gebühr belasten möchten ist sicherlich ein edles Motiv. Tatsächlich nimmt ein Fahrrad wenig Platz auf der Straße weg, den dann der Rest der Gesellschaft mit seinen Kraftfahrzeugen verschwenden kann, um gleichzeitig mit Bewegungsmangel und den damit einhergehenden Problemen die Krankenkassen zu belasten. Mutmaßlich dürften die wegen nicht getragener Fahrradhelme entstandenen medizinischen Kosten außerordentlich gering sein im Vergleich zu den übrigen Wohlstandskrankheiten oder den üblichen Phänomenen wie Tabak und Alkohol.

Dass Rennradler in der Regel Fahrradhelme tragen ist hingegen durchaus richtig — wenngleich ja, wie hier schon mehrfach dargelegt worde, bezweifelt werden darf, dass ein Fahrradhelm jenseits einer bestimmten Geschwindigkeit irgendwo zwischen 15 und 25 Kilometern pro Stunde überhaupt noch eine nennenswerte Schutzwirkung entfalten mag.

2 Gedanken zu „„Wann begreifen es Radfahrer endlich?““

  1. > | Außerdem die Profis tragen alle Helm. […]
    >
    > Dass Rennradler in der Regel Fahrradhelme tragen
    > ist hingegen durchaus richtig

    Genauso richtig ist es, dass „Profis“ im KFZ-Rennsport auch alle Helm tragen. Folgerichtig müssten Autofahrer auch alle einen Helm benutzen; macht Michael Schumacher ja auch …

    Wann begreifen es die Autofahrer endlich?

  2. Zwei Kommentare in Sachen Taiwan (auch wenn das nicht das Hauptthema hier ist) – die Aussage „Taiwan, wo fast jeder Radler einen Helm trägt“ wuerde ich aendern in „wo fast niemand einen Helm traegt und mindestens 50% ohne Licht fahren“ – uebrigens versuchen auch die scooterfahrer den Helm zu vermeiden, sobald sie ausserhalb von Taipei Stadt unterwegs sind (obwohl Helmpflicht besteht).
    Dann – Taiwan ist kein Fahrradland in dem Sinne, dass die Taiwaner hier in den letzten Jahrzehnten selber kaum Fahrrad gefahren sind. Aber Taiwans Fahrradindustrie ist eine der wichtigsten, vielleicht sogar die wichtigste Fahrradindustrie der Welt. Allerdings hat das Fahrradfahren in Taiwan seit 2008 stark zugenommen, leider in der Hauptsache als Freizeit und Sportbeschaeftigung und nur sehr selten als Verkehrsmittel. Aber – Radwege in Taiwan werden tatsaechlich immer mehr und man kann inzwischen wirklich hunderte von Kilometern auf Radwegen abreissen.

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