Vorsicht beim Autopranger

Zu den Straßensherriffs und Gehwegfreihalter-Apps gesellt sich ein neuer Mitbewerber mit dem Namen fahrerbewertung.de. Die Idee hinter dem Dienstleister: Kraftfahrer sollen zu ihrer Fahrweise Rückmeldungen sammeln, über negatives Feedback nachdenken und auf diese Weise zu rücksichtsvollerem Verhalten im Straßenverkehr angehalten werden. Soweit, so gut.

Die Handhabung ist ähnlich einfach: Man tippt das Kennzeichen des Kraftfahrzeuges ein, wählt eine negative, neutrale oder positive Bewertung und kann gegebenenfalls noch genauere Angaben hinzufügen, unter anderem Ort, Zeit und Marke des Fahrzeuges. Da geht’s aber schon los: Bewertet wird, anders als des der Titel der Seite suggeriert, nicht der einzelne Fahrer, sondern nur dessen Fahrzeug. Ein Kraftfahrzeug wird aber in der Regel von mehreren verschiedenen Personen bewegt und insbesondere die nicht unbedingt als regelfreudig bekannten Außendienstmitarbeiter oder Lastkraftwagen-Fahrer dürften häufig mit unterschiedlichen Kennzeichen durch die Gegend reisen. Ohne genaue Angaben zu Ort und Zeit, die aber nur optional angegeben werden brauchen, ist Feedback dementsprechend eher wertlos. Die Seite lässt sich natürlich auch über eine App bedienen — so lässt sich das konzeptionelle Problem umgehen, dass das Kennzeichen und die korrespondierende Verkehrssituation bis zur Ankunft am nächsten Rechner schon längst wieder in Vergessenheit geraten ist oder sich der Blutdruck wieder auf ein normales Niveau eingepumpt hat.

Ganz witzig sind die zusätzlichen Begründungen, mit denen sich die Bewertungen um einen gewissen Mehrwert erweitern lassen. Den Daumen heben kann man beispielsweise für das „vorbildliche“ Anhalten am Fußgängerüberweg, eine angenehme Fahrweise oder für Aufkleber mit den Namen der Kinder am Auto — letztere deuten nach Ansicht des Betreibers auf eine rücksichtsvolle Fahrweise hin.

Neutrale Bewertungen lassen sich unter anderem anreichern mit „Fährt sehr langsam (mind 10 km/h unter Richtgeschwindigkeit)“ oder „Hupt / gibt Lichtzeichen ohne erkennbaren Grund“. Schon das mit der Geschwindigkeit ist ja witzig: In Deutschland gibt es nach Abschaffung der Verkehrszeichen 380 und 381 die Richtgeschwindigkeit mit wenigen Ausnahmen nur noch auf Bundesautobahnen und dort beträgt sie im Regelfall 130 Kilometer pro Stunde — für fahrerbewertung.de wären 120 Kilometer pro Stunde also schon „sehr langsam“. Witzig wird es, wenn man sich überlegt, was denn eigentlich genau gemeint sein könnte: Soll statt Richtgeschwindigkeit etwas wie Tempolimit gemeint? Sind die innerorts vorgeschriebenen fünfzig Kilometer pro Stunde eine „Richtgeschwindigkeit“, so dass vierzig Kilometer pro Stunde auf dem Tacho schon „sehr langsam“ wären? Es gibt beispielsweise auf Landstraßen viele gute Gründe, nicht mit den erlaubten hundert Kilometern pro Stunde durch die Felder zu sausen, etwa enge Kurven, schlechte Sicht oder problematische Witterung. Das Tempolimit beträgt dort zwar einhundert Kilometer pro Stunde, aber § 3 Abs. 1 StVO erlaubt diese Geschwindigkeit eben nur bei guten Verhältnissen. Nachts kann je nach Verlauf der Straße und der Sichtverhältnisse teilweise eine Geschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde angemessen sein — kann man sich dafür gleich eine negative Bewertung wegen Unterschreitung der „Richtgeschwindigkeit“ einhandeln, weil sich nur die wenigsten Kraftfahrzeugführer nachts an § 3 Abs. 1 StVO halten?

Und das sind „ohne erkennbaren Grund“ gegebene Lichtzeichen? Es dürfte ja eher unwahrscheinlich sein, dass da jemand wie in „Litte Miss Sunshine“ mit defekter Hupe unterwegs ist und ständig herumquäkt. Meistens gibt’s ja einen Grund für die Schallzeichen, wenngleich der nicht unbedingt gerechtfertigt sein muss — aber wenn man mal ehrlich ist: Meistens weiß man ja schon, warum der andere auf die Hupe trommelt, ganz unabhängig davon, ob man nun gegen die Verkehrsregeln verstoßen hat oder sich einfach nicht so verhalten hat, wie der andere es gerne wollte. Wenn aber jemand hupt, weil, um beim Lieblingsthema zu bleiben, statt des Radweges die Fahrbahn beradelt wurde, wäre das dann nicht schon ein Grund für eine negative Bewertung?

Für negative Rückmeldungen gibt’s eine ganz reichliche Auswahl zum Nachwürzen der roten Karte: „verkehrswidriges“ oder „verkehrsbehinderndes“ Parken steht dort zu Auswahl, Raserei, Vorfahrtsmissachtungen, rote Ampeln, „aufreizendes“ Hupen, Beleidigungen, nicht umweltschonendes Fahrverhalten und Telefonieren am Steuer. Na, Donnerwetter. „Aufreizende“ Hupen sind bestimmt der Knaller, da fallen einem ja richtig viele Witze zu ein. Und es sei noch der Hinweis erlaubt, dass „verkehrsbehinderndes“ Parken durchaus erlaubt ist, § 12 StVO schreibt keineswegs vor, dass nur dort geparkt werden darf, wo es niemanden stört. Mit solchen undifferenzierten Begründungen lädt fahrerbewertung.de tatsächlich dazu ein, mal den doofen Nachbarn von gegenüber einen reinzuwürgen, weil der auf dem eigenen Lieblingsparkplatz steht.

Und der Radverkehr? Der wurde einfach wegrationalisiert. Natürlich lassen sich Radfahrer in Ermangelung von Kennzeichen nicht bewerten, aber andersherum wäre das ja mal eine Gelegenheit, freundlich auf die üblichen Konflikte zwischen Kraft- und Radfahrern hinzuweisen. Weder gibt es aber grüne Karten für den vorbildlichen Sicherheitsabstand beim Überholen noch negative Bewertungen für Übergriffe wie plötzlich geöffnete Autotüren oder Belehrungen durchs Beifahrerfenster. Für solche Fälle lassen sich zwar Bewertungen ohne zusätzliche Begründung abgeben, aber da ja nicht zu erwarten ist, dass solche Leute etwas daraus lernen, kann man sich die Mühe gleich sparen.

Sich die Mühe zu sparen ist vielleicht auch gar nicht die allerschlechteste Idee, denn rechtlich ist die Sache durchaus problematisch. Obwohl die Bewertungen anonym abgegeben werden, kann man sich mit ungeschickten Begründungen schnell eine Tatsachenbehauptung zurechtbasteln — einem Fahrer Geschwindigkeitsübertretungen von „mehr als dreißig Kilometern pro Stunde“ vorzuwerfen, die er gar nicht begangen hat, weil die Karre zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht bewegt wurde oder die Geschwindigkeitsübertretung nur zwanzig Kilometer pro Stunde betrug, könnte problematisch werden. Spätestens wenn dann Nötigungen im Raume stehen, beispielsweise Drängelei oder schneidende Überholmanöver, sieht mancher Beschuldigter das vielleicht nicht mehr so ganz sportlich und fährt rechtliche Geschütze auf. Unabhängig davon besteht natürlich auch das Risiko, von weniger regelkundigen Verkehrsteilnehmern für ein vermeintliches Fehlverhalten angeprangert zu werden, die es selbst mit der Straßenverkehrs-Ordnung nicht ganz so genau nehmen. Der Anbieter gibt zwar Handreichungen zur Straßenverkehrs-Ordnung, zu den Verkehrszeichen und der Rückverfolgung von amtlichen Kennzeichen, aber keine Informationen darüber, wie sich der Halter eines Kraftfahrzeuges gegen bestimmte Bewertungen wehren kann. Davon abgesehen bleibt auch noch die Frage, ob die Bewertungen einzelner Kennzeichen für jeden Besucher der Seite sichtbar sein sollten.

Medienberichten zufolge handelt es sich bei der jetzigen Version der Seite schon um eine entschärfte Fassung, zuvor war offenbar geplant, die Eingabe eigener Texte zu ermöglichen, die mit zusätzlichen Fotos erweitert werden konnten. Davon hat der Betreiber mittlerweile aus rechtlichen Gründen Abstand genommen.

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2 Gedanken zu „Vorsicht beim Autopranger“

  1. Denunziantenportal oder sinnvolle Ermahnungsmaßnahme gegen die tagtäglichen kleinen Verkehrsdelikte? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Leider wird die Diskussion über diese und ähnliche CyberModelle zur Verwarnung von Verkehrssündern im Moment noch ziemlich einseitig geführt. Viele Autofahrer sind einfach zu selbstherrlich, um sich einzugestehen, dass sie eben nicht immer vorbildlich fahren. Aber das ist natürlich eine unangenehme Wahrheit, die niemand hören möchte. Im Straßenverkehr mal zu patzen – das passiert immer nur den anderen, aber nie einem selbst, gell? Die eigenen Fahrkünste sind eine heilige Kuh, die nicht geschlachtet werdfen darf. Aber wären wir wirklich alle so umsichtige und korrekte Fahrer, dann gäbe es keinerlei Bedarf an solchen Webseiten. Das Chaos auf Deutschlands Straßen liefert ihnen jedoch genug Nährboden.

  2. hmmm.
    einem Fahrer Geschwindigkeitsübertretungen von „mehr als dreißig Kilometern pro Stunde“ vorzuwerfen, die er gar nicht begangen hat, weil die Karre zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht bewegt wurde oder die Geschwindigkeitsübertretung nur zwanzig Kilometer pro Stunde betrug, könnte problematisch werden. Spätestens wenn dann Nötigungen im Raume stehen, beispielsweise Drängelei oder schneidende Überholmanöver, sieht mancher Beschuldigter das vielleicht nicht mehr so ganz sportlich und fährt rechtliche Geschütze auf.
    Weiter oben erwähnst du aber, dass gerade keine Fahrer bewertet werden, sondern Fahrzeuge.

    Und: soweit ich das gesehen habe, kann man den Bewertungsgrund gar nicht einsehen. Eine unwahre Tatsachenbehauptung kann doch somit gar nicht vorliegen, oder? 😮

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