Verkehrssicherheit: Für Fahrradfahrer muss ein Helm genügen

Für diesen Artikel standen eine Menge Überschriften zur Auswahl — beispielsweise „Ramsauer erhöht Verkehrssicherheit mit Zauberkraft“ oder „Mehr Sicherheit im Verkehr: Alles bleibt, wie es ist“. Allen ist gemein, dass sie genauso oberflächlich und populistisch sind wie die Maßnahmen, die der SPIEGEL-ONLINE-Artikel ankündigt: „Ramsauers Rezepte gegen den Unfalltod“

Interessanter als Ramsauers Lieblingsrezepte sind jene Rezepte, die ihm nicht so sehr munden: ein generelles Tempolimit auf der Autobahn lehnt er genauso ab wie die geforderte Null-Promille-Grenze. Während das Tempolimit anscheinend tatsächlich nur geringe Auswirkungen auf die Sicherheit auf der deutschen Autobahn hätte, weil dort offenbar nicht unbedingt hohe Geschwindigkeiten, sondern Unaufmerksamkeiten und Fahrfehler problematisch sind, ist wenigstens sein Standpunkt zu Alkohol im Straßenverkehr verwunderlich. Dabei geht es gar nicht, ob man mit einem oder zwei Bier im Kopf noch Autofahren könnte, sondern um die Argumentationskette, die dann spätestens nach dem dritten Bier beginnt: wer mit drei Bieren noch fahren kann, der kann’s auch mit vier Bieren und wer mit vier Bieren noch fahren kann, hat auch mit einem fünften keine Probleme. Dann kommen noch ein paar Schnäpse, bevor man sich auf die Heimfahrt macht. Das geht in den meisten Fällen gut, aber manchmal eben nicht — wenn Ramsauer behauptet, jeder Verkehrstote sei einer zu viel, scheint er den Alkohol als Unfallursache auszusparen und zieht damit jegliche Kampagnen gegen Alkohol im Straßenverkehr ins Lächerliche: schließlich sind 0,5 Promille ja offenbar kein Problem.

Sein Maßnahmenpaket besteht hingegen aus unzähligen Kleinigkeiten: Rüttelstreifen neben Fahrbahnmarkierungen, um übermüdete Autofahrer aufzuwecken, weitere Seitenstreifenfreigaben, um Staus abzubauen, mehr Parkflächen für Lastkraftwagen, um Überlastungen zu vermeiden, und Warnschilder an Autobahnauffahrten, um Geisterfahrer abzuwenden. Mit seinen ganz leicht verschärften Crashtestverfahren bezieht Ramsauer sogar vom ADAC Schläge, das will schon etwas heißen. Und ob es wirklich hilft, das Automobil mit weiteren Assistenzsystemen auszustatten, darf auch ansatzweise bezweifelt werden, denn den Fahrzeugführern ist die Funktionsweise der bereits heute implementierten Systeme nicht bewusst. Besonders dem ABS und ESP haftet seit Jahren der Irrglaube an, man könne damit auch auf vollkommen vereisten Straßen problemlos bremsen.

Dann folgen endlich die ersten weiseren Worte:

(…) Die beste Sicherheitstechnik hilft wenig, wenn die Autofahrer nicht mitspielen, darüber sind sich auch die Verantwortlichen im Bundesverkehrsministerium klar. An anderer Stelle in Ramsauers Katalog empfehlen sie eine Aufklärungsoffensive, um gegenseitig Rücksicht wieder populär zu machen. (…)

Nun ist Rücksicht ein Thema, was den Radverkehr in Deutschland ganz besonders betrifft, weil weder Autofahrer noch Verkehrsplaner Rücksicht auf unmotorisierte Fahrzeuge nehmen. Fährt man als Radfahrer nicht auf einem Radweg, der von der rücksichtslosen Straßenverkehrsbehörde vollkommen verwahrlost hinterlassen wurde, braucht man auf der Fahrbahn erst gar nicht auf Rücksicht von Seiten der Autofahrer hoffen. Je nach Straßensituation sind es bis zur zurechtweisenden Hupe mitunter nur Sekunden.

Mal sehen, was Ramsauer noch an tollen Ideen für den Radverkehr hat — oh, nur eine einzige?

(…) Radfahrer wird das Tragen eines Helms empfohlen – auf eine Pflicht will Ramsauer aber vorerst verzichten. Er nannte die Helmtragequote von zuletzt neun Prozent allerdings erschreckend. Wenn sich die Quote nicht rasch auf bis zu 50 Prozent erhöhe, „dann muss man über weitere Maßnahmen nachdenken“, betonte der Bundesverkehrsminister. (…)

Okay: vermutlich ist auch hier weniger mehr und man muss sich freuen, dass Ramsauer nur die Idee der freiwilligen Helmpflicht weiter verfolgt und nicht etwa Fahrradkennzeichen einführen möchte. Dennoch wären die in diesem Blog schon häufiger empfohlenen Maßnahmen wie verbesserter Verkehrsunterricht und vor allem sinnvolle Radverkehrsführungen schön, aber dafür, ja, dafür hat der Bundesverkehrsminister offenbar keine Zeit, da muss für Radfahrer ein Fahrradhelm genügen. Dass das definitiv nicht so ist, könnte Ramsauer bei einer Fahrradtour selber ausprobieren.

Die Forderungen sind insgesamt anscheinend sogar dermaßen lächerlich, dass sogar das seit jeher auto-freundliche SPIEGEL-ONLINE-Forum zu Höchstleistungen aufläuft. Und tatsächlich könnte es vielleicht schon einen Sicherheitsgewinn bringen, die bereits bestehenden Verkehrsregeln stärker zu kontrollieren, anstatt mit bürokratischem Aufwand neue Maßnahmen in den Straßenverkehr zu stemmen, die nach Schätzungen allenfalls marginale Auswirkungen auf die Unfallhäufigkeiten haben werden.

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