Verkehrsregeln: Keine Ahnung und stolz darauf

Dummheit ist seit ein paar Jahren endlich gesellschaftsfähig geworden.

In der Grundschule wird bezüglich des Lieblingsbuches ein empörtes „Sehe ich aus, als würde ich lesen?“ ins Posiealbum gekritzelt, auf den weiterführenden Schulen gilt es ausdrücklich als uncool, andere Interessen als Fußball und Fernsehen zu pflegen und alt genug fürs Wahlrecht zu sein bedeutet noch lange nicht, wenigstens drei verschiedene Parteien aufzählen zu können.

Eigentlich ist alles egal, solange das Gehalt stimmt und im Fernsehen stumpfe Unterhaltung geboten wird.

Man mag darüber streiten, ob es lustig ist, Fernsehköchen beim Kochen oder Kandidaten beim Millionen-nicht-gewinnen zuzuschauen oder mit Kandidaten seltsamer Fernseh-Sommerspiele-Spektakel beim unfreiwilligen Sturz von der Kletterwand mitzufiebern. Ausdrücklich lästig ist allerdings das zur Schau gestellte Unwissen bei Sendungen über die Straßenverkehrs-Ordnung. Es ist eine Sache, bei Günther Jauch fehlendes Allgemeinwissen zur Schau zu stellen oder sich beim Kochen alle zehn Finger am Mikrowellenofen zu klemmen oder einfach zu blöd für die Kletterwand zu sein: Das schadet wenigstens nur mittelbar anderen Menschen.

Wenn da aber Leute sitzen, die offen und ehrlich zugeben, von elementaren Verkehrsregeln keine Ahnung zu haben, die Fahrerlaubnis aber trotzdem irgendwie so noch an Land gezogen zu haben, dann wird einem ja Angst und Bange. Schlimm genug, dass Fahrerlaubnisinhaber unterwegs sind, die nicht einmal die Bedeutung dieses rätselhaften auf der spitze stehenden Dreieckes mit dem roten Rand erklären können, nein, die Leute suhlen sich auch noch mit Begeisterung in ihrer eigenen Blödheit. Es ist total toll und witzig und lustig, so etwas nicht zu wissen und es wird wie eine Selbstverständlichkeit der fortbildende Blick in die Verkehrsregeln verweigert. Hahahaha, das Schild sieht aus wie ein eckiges Spiegelei, öhm, nee, keine Ahnung, was das bedeutet, aber das Spiegelei, hahaha, wie geil! Und das Fahrrad-Piktogramm unter der Einbahnstraße? Öhm, vielleicht zeigt das den Weg zum Fahrradständer an, hahaha, Ständer, den hat man ja bei den heutigen Fahrradsatteln nicht mehr, hahaha!

Vor über einem halben Jahr blamierte sich unter anderem Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, nicht einmal das nötige Fachwissen für drei einfache Schilderkombinationen aufbringen zu können, während die anderen Gäste im Hart-aber-fair-Studio noch weniger wussten und ihr Unwissen mit dümmlichen Witzen zu kompensieren versuchten. Das war recht delikat, weil Plasbergs Gäste zuvor eine gefühlte Ewigkeit über diese furchtbaren Radfahrer diskutierten, die sich an keine Regeln mehr halten und alles aus ihrer moralischen Überlegenheit herausnehmen — um dann eindrucksvoll zu demonstrieren, selbst so gut wie gar nichts von der Straßenverkehrs-Ordnung zu verstehen.

Nun lud gestern Oliver Pocher zum großen Führerscheintest und es wurde gar noch schlimmer. Viele Stunden lang tröpfelte die langweilige Sendung auf SAT.1 vor sich hin, es gab nichts zu lernen und noch weniger zu lachen, sofern man sich nicht auf den menschenverachtenden Humor der Gäste einlassen wollte. Wieder wurde darüber gespaßt, natürlich und selbstverständlich gar keine Ahnung von den Verkehrsregeln zu haben, aber trotzdem ein total dickes und tolles Auto durch die Gegend zu lenken. Was passiert, wenn einer der Meisterkraftfahrer mit einer Situation überfordert ist? Tja, dumm gelaufen, dann haben die anderen Verkehrsteilnehmer eben Pech gehabt. Immerhin lässt sich das Erlebnis bei der nächsten Sendung noch als witzige Anekdote verwursten, Blödheit kommt schließlich gut an beim Publikum, selbst wenn sie mit einer krassen Gefährdung einhergeht.

Absolut ekelerregend wurde es, als Resusci-Anne auf die Bühne getragen wurde und erst einmal alle dummen Sprüche angebracht werden mussten, dass Anne ja gar keine Arme und Beine habe, hahaha, ist da überhaupt noch was zu machen? Vielleicht sollte man ja lieber noch mal kräftig rüberfahren, um sie von ihrem Leid zu erlösen!

Nun fiel der letzte Satz glücklicherweise nicht in ein geöffnetes Mikrofon, sofern er denn überhaupt fiel, aber er hätte prima in diese Sendung gepasst. Da bleibt zu Hause am Fernsehapparat auch das Abendessen im Halse stecken, denn das Publikum setzte sich sicherlich zu 95 Prozent aus Verkehrsteilnehmern zusammen, die im Ernstfall überhaupt gar keinen und wirklich überhaupt keinen Schimmer haben, was jetzt nach einem Verkehrsunfall mit einer verletzten Person anzustellen ist. Statt Erste Hilfe zu leisten wird dann womöglich noch fotografiert und beim nächsten Stammtisch damit geprahlt, dass man zu dumm war, um ein Leben wenigstens bis zum Eintreffen des Notarztes zu verlängern, hier, guckt mal, da war er schon tot und hier, das viele Blut!

Absolut widerlich.

SPIEGEL ONLINE fand’s auch nicht so toll, allerdings eher wegen der Moderation und weniger wegen der Inhalte: Neue Pocher-Show bei Sat.1: Im toten Winkel der Ironie

Selten verging Zeit so zäh: Bei der Moderation der elend langweiligen Sat.1-Show „Der große Führerscheintest“ hätte es jeder schwer gehabt. Doch was Oliver Pocher als Arbeitsnachweis ablieferte, war schlimm.

6 Gedanken zu „Verkehrsregeln: Keine Ahnung und stolz darauf“

  1. Ich habe eben die Wiederhohlung gesehen, wenigstens den Rest und ich war schokiert über die durschnitlich 80-95% die durchfgefallen sind. Das zeigt durchtlichst, das es um so wichtiger ist, eine Regelmässige Prüfung ab zu legen. Mindestens alle 5 Jahre MUSS diese wiederhohlt werden. Das selbe gilt für den Sani-Test, vor allem bei dem ist Wiederhohlung das einzige was in einer wirklichen Gefahrensituation dazu beiträgt, das Leben wenigstens so lang zu verlängern, bis der Notarzt eintrifft.
    Aber auch für Radler MUSS es eine wiederkehrende Prüfung geben, und wenn wirs richtig machen wollen, auch für Fussgänger, den alles andere wäre fadenscheinig, den wir nehmen alle am Leben auf der Strasse teil. Und nur wer über Änderungen bescheid weiss, kann sich entsprechend verhalten.

  2. Es den Autofahrern schwer zu machen trauen sich nur Kleinparteien.

    Einfacher wärs, wieder sowas wie den „7. Sinn“ im Fernsehen zu senden. Am besten in den Nachrichtensendungen zwischen Fußball und Wetter.

  3. Ich hab im Frühsommer einen Fahrlehrer (am Steuer und mit Schüler daneben) erlebt, der mich erst reichlich knapp und sportlich überholte und, nachdem er rumpelnd das Einparken demonstriert hatte, als einzige Antwort auf meine Frage was das da eben solle, wiederholt stolz sein wissen demonstrierte: „Es gibt eine Radwegbenutzungspflicht!“

    Zu dumm nur, dass es an jener Straße gar keinen benutzungspflichtigen Radweg gibt und Gefährdung im Straßenverkehr vom Gesetzgeber auch nicht als Erziehungsmaßnahme für Dumpfbacken mit Lappenausbildungslizenz legalisiert worden ist.

    Was willste da noch erwarten? Ignorante Idioten lernen den Nachwuchs direkt mit dem Feindbild des bösen Radfahrers an, anstatt selber erstmal wieder beim Augenarzt/Optiker vorbei zu schauen und davor vielleicht auch erst noch ne psychiatrische Untersuchung mit Freigabe für den Straßenverkehr anzustreben.

    Was ich aber überhaupt nicht verstehen kann: Weshalb tut man sich Trash-TV an? Der Trash geht doch schon lange soweit, dass selbst Blödheit per Drehbuch vorbher präzise eingeplant wird.

  4. Nein, ich habe die Sendung nicht gesehen. Ich wüsste nicht, weshalb ich meine Zeit damit vergeuden sollte, einem Wirtschaftsunternehmen beim Ausüben seiner „unternehmerischen Tätigkeit“ zuzusehen, welche in erster Linie den Sinn hat, Geld zu verdienen und in zweiter Linie das ohnehin bereits unterbelichtete Publikum noch mehr zu verdummen, bzw. wenigstens auf geistig niedrigem Niveau zu halten.

    Diese „Sendungen“ des Privatfernsehens sind nicht mehr als Füllmaterial zwischen den Werbeblöcken und haben mit der Realität nichts aber auch gar nichts zu tun! Es werden schlicht strukturierte Menschen mit ein paar hundert Euro bestochen, sich noch etwas dämlicher zu geben, als sie ohnehin bereits sind.

    Das Problem sind nicht die hirnlosen Ergüsse dieser seichten Gemüter, sondern es ist die Tatsache, dass es überhaupt Menschen gibt, die ihre begrenzte Lebenszeit damit verbringen, sich diesen Schwachsinn anzusehen!

    Stell dir vor, es gibt Verblödungsfernsehen und keiner schaut hin…

  5. Die Sendung und das oben genannte Beispiel mit dem Ahnungslosen Fahrlehrer zeigen die Notwendigkeit einer zeitlich begrenzten Fahrerlaubnis.
    Dies sollte für alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen gelten. Nur bei Fußgängern muss man eine Ausnahme machen, da im Falle des Nichtbestehens man wohl kaum einen Hausarrest aussprechen kann.

    Aber in Hamburg ist ein wissen der Verkehrsregeln ohnehin überflüssig, da diese nicht kontrolliert werden.

  6. Ich bin auch für eine zeitliche Begrenzung. Damit würden auch altersbedingt unfähige Menschen* gleich mit aussortiert. Theoretische Prüfung alle 5, praktische alle 10 Jahre. Darf nicht zu teuer sein. Abgestufte (auch preislich) Tests nach Klassen (+ Fahrradfahrer auch!).

    Wer Punkte sammelt muss entsprechend früher hin.

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