Unterwegs im Spiegelkabinett

Die Stichwörter Toter Winkel und Trixi-Spiegel, die an den Signalgebern an Kreuzungen aufgehängt und ebenjenen Toten Winkel reduzieren sollen, fanden in diesem Blog schon häufiger Erwähnung, allerdings nicht immer positive. sternTV hielt am letzten Mittwoch ein Plädoyer für Erfindungen, die Leben retten:

Der 12-jährige Joel würde noch leben, wenn der LKW-Fahrer ihn hätte sehen können. Der Junge fuhr jedoch im toten Winkel des Wagens. Der Unfall war unvermeidbar, hieß es. Doch das stimmt nicht ganz.

Der Titel verspricht allerdings nicht zuviel: Es handelt sich tatsächlich um ein viertelstündiges Plädoyer ohne nennenswerte Gegenrede. Nun wird’s schon kompliziert: Natürlich ist es wünschenswert, die erwähnte Gefahr des Toten Winkels so weit wie möglich zurückzudrängen und allen Verkehrsteilnehmern ein sicheres Vorankommen im Straßenverkehr zu ermöglichen. Aber es reicht eben nicht aus, die Kreuzungen in ein Spiegelkabinett zu verwandeln — dass damit dann nämlich auch wieder Probleme einhergehen, das kehrt sternTV locker unter den Tisch. Oder, wie Ulrich Willburger als Erfinder der Trixi-Spiegel im sternTV-Gespräch reklamiert: „Natürlich gibt’s da Argumente, (…) aber das sind Kritikpunkte, die einfach nur vorgeschoben sind.“

Zu Beginn des sternTV-Beitrages wird zuerst das Schicksal des zwölfjährigen Joel erzählt, der mit seinem Fahrrad unter einen rechtsabbiegenden Lastkraftwagen geriet und noch an der Unfallstelle verstarb. sternTV erzählt dazu ein paar Zahlen, zeigt Fotos und zitiert aus ähnlichen Unfallberichten, darunter auch aus dem der 18-jährigen Käthe aus Hamburg.

Dann folgt irgendwann nach ein paar Minuten die Stelle, an der sternTV zeigen möchte, wie wenig ein Lastkraftwagen von seiner Position im Führerhaus erkennen kann. Das ist die Stelle, an der die Sache zum ersten Mal komisch wird. sternTV wird im weiteren Verlauf der Sendung noch einmal nachzählen, wie viele verschiedene Spiegel an der Zugmaschine angebracht sind, beschränkt sich aber in diesem Beispiel darauf, jenen Spiegel zu filmen, in dem man tatsächlich am wenigsten sieht — und das auch noch in einem komischen Winkel, so dass zwei Drittel der Spiegelfläche den Anhänger des Lastkraftwagens zeigen und ein Drittel einen Überblick über die Straße geben, der ungefähr bis zum Rinnstein reichen wird. Entweder ist der Spiegel vollkommen falsch eingestellt, oder, davon ist eher auszugehen, es wird einfach vom Beifahrersitz aus gefilmt, von dem natürlich nicht ganz so viel nach hinten zu sehen ist.

Die Position der Kamera wird zwar für eine anschließende Tour auf dem Bock noch mal verändert, so dass tatsächlich ein besserer Überblick gegeben ist. Auch wenn die Fahrt mit dem Lastkraftwagen wieder einmal eindrucksvoll beweist, dass der Lastkraftwagenfahrer beim Abbiegen seine Augen überall haben muss, ist er immerhin nicht ganz so blind wie sternTV mit der Aufnahme eines einzigen Spiegels suggeriert. Wenn vor und rechts des Führerhauses immerhin vier Spiegel für Abbiegesituationen vorgesehen sind, wäre es ja interessant zu sehen, was denn in den anderen drei Spiegeln zu sehen ist.

Ob nun ein Spiegel oder deren vier zur Verfügung stehen, der Abbiegevorgang bleibt trotzdem kompliziert. Bereits frühzeitig muss der Fahrer erkennen, der auf dem Radweg unterwegs ist und kurz darauf im Toten Winkel verschwinden wird. Gleichzeitig will direkt vor ihm ein Fußgänger in sein geparktes Kraftfahrzeug einsteigen, den sollte man nach Möglichkeit nicht anfahren. Dann soll man schließlich auch noch abbiegen und beim Abbiegevorgang weder die Mittelinsel überfahren noch einen der Ampelmasten streifen und gleichzeitig immer wieder aufpassen, niemanden umzufahren. Keine Frage: Das ist kompliziert, um den Job eines Lastkraftwagenfahrers im Stadtverkehr mag man kaum jemanden beneiden.

Mit der Sicht beim Abbiegen klappte es leider nicht im Jahr 1994: Damals überfuhr ein abbiegender Betonmischer die damals 13-jährige Beatrix Willburger. Sie überlebte den Unfall, sitzt seitdem im Rollstuhl und wird auch zwanzig Jahre nach dem Zusammenstoß noch regelmäßig operiert. Ihr Vater Ulrich entwickelte als Reaktion auf den Unfall und präventive Maßnahme gegen weitere Abbiege-Unfälle den so genannten Trixi-Spiegel, der neben dem Signalgeber einer Ampel aufgehängt wird und Lastkraftwagen-Fahrern einen Blick neben ihr Fahrzeug ermöglichen sollen — vor allem an jene Stellen, die sie nicht im eigenen Spiegel erfassen können.

Das Problem ist nur: Kaum jemand will einen solchen Spiegel in seiner Stadt aufhängen. Wilburgers Anfragen wurden in der Regel negativ beschieden, der Wartungsaufwand wäre zu hoch, man müsste ja sinnvollerweise alle Kreuzungen flächendeckend ausrüsten, das wäre doch alles zu teuer. Man kann Wilburger kaum vorwerfen, er hätte mit seiner Kritik an der gegen ihn gerichteten Kritik nicht recht: Es klingt immer ein bisschen blöd, wenn sich die Behörden aus finanziellen Gründen und akuter Unlust nicht dazu bequemen wollen, die Sicherheit im Straßenverkehr nicht erhöhen zu wollen — zumal ein einzelner Spiegel bei den Gesamtkosten, die für eine ampelgeregelte Kreuzung im Betrieb auflaufen, kaum ins Gewicht fallen wird.

Es stimmt schon: Die Spiegel erblinden nach einiger Zeit, wie man im sternTV-Beitrag bereits erkennen kann, aber die muss man dann eben reinigen oder gegebenenfalls austauschen. Normale Verkehrszeichen haben auch nur eine recht begrenzte Lebensdauer und sollten regelmäßig von Aufklebern befreit oder ausgetauscht werden; dass das nicht passiert, steht auf einem andern Blatt. Und ja, nur weil man nicht alle Kreuzungen mit Spiegeln ausrüsten kann, ist das ja noch kein Grund, nicht einmal mit den gefährlichsten Stellen im Straßenverkehr zu beginnen.

Oder vielleicht doch?

Es gibt abseits von Kohle und Dreck noch eine ganze Reihe weiterer Probleme, die mit diesen Spiegeln einhergehen, aber im sternTV-Beitrag interessanterweise nicht genannt werden. In einem Trixi-Spiegel ist nur dann ein Radfahrer zu erkennen, wenn der Lastkraftwagen-Fahrer hinschaut, und zwar im richtigen Moment. Das mag regelmäßig ganz gut klappen, wenn beide vor einer roten Ampel an der Kreuzung stehen, aber gerade diese Konstellation gilt als wenig unfallträchtig: Bis der Lastkraftwagen von der Haltlinie in sein Abbiegemanöver steuert, hat der Radfahrer die Kreuzung längst überquert. Fahren beide gleichzeitig auf die Kreuzung zu, kann der Spiegel hingegen helfen, allerdings auch nur in einem Zeitfenster von ein paar Sekunden, wenn der Lastkraftwagen-Fahrer nah genug am Spiegel vorbeifährt, um Details erkennen zu können, und sich gleichzeitig der Radfahrer in der richtigen Position relativ zum Fahrer aufhält, um im Spiegel reflektiert zu werden.

Der Trixi-Spiegel versagt aber dort, wo es am gefährlichsten ist: Wenn sich der Lastkraftwagen bereits im Abbiegevorgang befindet, die Zugmaschine sich also bereits hinter dem Spiegel befindet, und der Radfahrer womöglich noch von parkenden Kraftfahrzeugen, Litfaßsäulen und ähnlichem Stadtmobiliar verdeckt wird. Theoretisch müsste der Spiegel dann beispielsweise auf die Mittelinsel versetzt werden, aber da kann sich der Lastkraftwagen-Fahrer dann selbst beim Abbiegen beobachten, er verdeckt sich dann selbst den Blick auf die heranfahrenden Radfahrer.

Na gut. Bislang lässt sich die Problematik noch etwas reduzieren auf: Man muss halt überlegen, wie und wo man solche Spiegel denn anbringen möchte. Da in Deutschland aber kaum eine Kreuzung der anderen gleicht und stattdessen viele verschiedene Parameter berücksichtigt werden müssen, was etwa die Führung des Radverkehrs, verschiedene Abstände und die Positionen geeigneter Befestigungsmöglichkeiten angeht, wird man da eine ganze Weile mit zu tun haben.

sternTV schaut sich drum erst einmal nach anderen Möglichkeiten um, den Toten Winkel zu verkleinern. Nun fällt den Redakteuren auf, das unter dem bislang im Beitrag gezeigten rechten Außenspiegel noch ein zusätzlicher Weitwinkel-Spiegel hängt, der dann endlich auch mal im Bild zu sehen ist, nachdem das Kamerapersonal bislang krampfhaft bemüht war, ebenjenen Spiegel nicht ins Bild rutschen zu lassen.

Der Weitwinkel-Spiegel wurde mit dem ambitionierten Ziel eingeführt, den Großteil des Toten Winkels zu reduzieren. Man kann sich denken, dass das wohl nicht so hundertprozentig klappt. Wieder einmal wird der bereits bekannte Lastkraftwagen um die Kurve gejagt und wieder einmal filmt das Kamerapersonal vom Beifahrersitz primär die eigenen Knie: Der Weitwinkelspiegel zeigt vor allem Zugmaschine und Anhänger, ganz rechts lässt sich noch ein Stückchen Radweg erahnen.

Im Ernst jetzt? Versucht sternTV hier absichtlich, den Toten Winkel künstlich aufzublasen oder mangelte es an der Zeit oder an der Lust, um die Kamera vernünftig auszurichten? Vom Fahrersitz aus wird vermutlich deutlich mehr von der Straße und deutlich weniger vom eigenen Lastkraftwagen im Spiegel zu sehen sein, wenn gleich der Tote Winkel natürlich nicht vollständig verschwindet. Dass dann noch mit „Fahrersicht“ zu betiteln ist ja schon leicht irreführend.

Zum Schluss kommen noch einmal Beatrix und Ulrich Wilburger zu Wort, sprechen über den Unfall von vor zwanzig Jahren und demonstrieren am Beispiel eines relativ kleinen Lastkraftwagens die Größe des Toten Winkels. Was man nun am besten gegen den Toten Winkel unternimmt? Schwierig zu beurteilen. Aber einfach Spiegel an jede Kreuzung anzuschrauben dürfte nicht ausreichend sein — eine ausgewogene Betrachtung der Vor- und Nachteile war allerdings offenbar auch nicht Zweck dieses Plädoyers.

7 Gedanken zu „Unterwegs im Spiegelkabinett“

  1. Was ich am erschreckendsten finde, dass nicht einmal die Frage aufgeworfen wird, ob es wirklich so sinnvoll ist den Radfahrer im toten Winkel fahren zu lassen, wenn es ein Problem ist, dass sich offensichtlich nicht so leicht lösen lässt.

    Es ist OK, wenn die Opfer und deren Angehörigen die jeweiligen Unfallverursacher nicht als Schuldige hinstellen. Aber warum wird nicht mal darauf hingewiesen, dass Stadtverwaltungen, Strassenbauämter, Polizei und Politik eine Mitverantwortung tragen, indem Sie Radfahrer in diese Position zwingen und dies auch noch als Sicherheitsgewinn verkaufen wollen?

    1. Ich bin als Radfahrer nicht gezwungen, im toten Winkel zu fahren. Ich sehe zu, dass ich vor einem parallel fahrenden Kfz an die Abbiegestelle komme, oder ich lasse mich etwas zurückfallen und bin dann auch nicht im toten Winkel. Und bei stehendem Verkehr schiebe ich mich vor das erste Kfz oder stelle mich dahinter auf. Und bei Mischverkehr fahre ich soweit mittig, dass mich ein Abbieger nicht überholen kann.

      Leider ist ein großer Teil der Radfahrer aber mit solchem Verhalten offensichtlich überfordert. Insofern bedarf es tatsächlich infrastruktureller Schutzmaßnahmen für schwache Radler. Nur sollte die Benutzung derselben optional bleiben, sprich keine Radwegpflicht. Ich möchte nämlich nicht über langsame Radwege mit umständlichen Verschwenkungen und sonstigem Kram fahren, wenn es bei entsprechender Fahrweise auch risikolos direkt geht.

      1. faxe, natürlich hast Du recht, das ändert aber nichts daran, dass erst der Radweg den Radfahrer überhaupt in die missliche Lage bringt, solche Überlegungen anzustellen.
        Und ja, ich bin auch der Meinung, dass ein 12jähriger auf der Fahrbahn besser aufgehoben wäre. Erstens bin ich der Meinung, dass dann weniger Unfälle gibt und wenn doch was passiert, brauch sich keiner mehr rausreden – dann gibt es wenigstens einen Schuldigen und keinen Freispruch. DAS wiederum könnte irgendwann dazu führen, dass sich (L)KW-Fahrer endlich mal so verhalten wie das eigentlich vorgesehen ist.

        1. | faxe, natürlich hast Du recht, das ändert aber nichts daran, dass erst der Radweg den
          | Radfahrer überhaupt in die missliche Lage bringt, solche Überlegungen anzustellen.

          So ist es. Geradeausspuren rechts neben Rechtsabbiegerspuren sind gemeingefährlicher
          Unfug.
          http://www.unfallanalyse.de/unfallforschung/rechtsabbiegender_lkw.html
          | Alle Systeme, welche die Sicht aus Lkw durch zusätzliche Spiegel oder auch Video-
          | Kameras etc. verbessern, haben jedoch eine prinzipielle Schwäche: Sie setzen voraus,
          |dass der Lkw-Fahrer sie auch benutzt. Erfahrungen der forensischen Unfallanalyse
          | zeigen, dass in den meisten Fällen der Lkw Fahrer den ungeschützten
          | Verkehrsteilnehmer auch mit den vorhandenen Möglichkeiten direkter und indirekter
          | Sicht zumindest zu irgendeinem Zeitpunkt hätte wahrnehmen können. Meist ist es ja
          | ohnehin so, dass der später verunglückte Radfahrer kurz zuvor vom Lkw überholt
          | worden war. Der Fahrer hätte sich folglich vergewissern müssen, wo der Radfahrer
          | geblieben ist, bevor er abzubiegen beginnt.

          Die kommen zwar auch nicht zu dem Schluß, daß der Fehler schon im Design liegt,
          empfehlen aber dann doch folgerichtig den zweiten Mann auf dem Bock, weil die
          Fahrer die indirekten und direkten Sichtmöglichkeiten eben nicht nutzen, z.B. weil
          sie schlicht damit überfordert sind.

  2. Meiner Meinung nach ist der tote Winkel in erster Linie eine faule Ausrede, um den Grad der Fahrlässigkeit in milderem Licht erscheinen zu lassen. Ein vernünftiger Kraftfahrer beobachtet schon lange vor der Abbiegestelle, ob sich Radfahrer auf Fahrbahn oder Radweg befinden. Dazu braucht man keinen Spiegel. Wenn er Radfahrer sieht, die zur gleichen Zeit an die Abbiegestelle kommen könnten, muss er eben vor dem Einlenken anhalten und eine angemessenen Zeit in den Spiegel schauen. Denn wenn ein Radfahrer tatsächlich in einem toten Winkel ist, kommt er da ja auch wieder heraus.

    1. Du bist noch keinen LKW gefahren, oder? Das Problem ist eben, dass Du auch noch in andere Richtungen schauen muss – in diesen Sekunden kann sich sehr viel verändern.
      Wenn Du z.B. losfährst und dann bemerkst das da doch noch einer war oder plötzlich ein Fussgänger/Radfahrer von der anderen Strassenseite kommt und du wieder abbremsen musst, dann steht Dein Führerhaus event. schon um ein paar grad schräg, dann hast Du keine realistische Chance mehr den Radweg zu beobachten.
      Klar kannst Du jetzt sagen: Wenn ich als Radfahrer so was sehe, dann muss ich halt mal anhalten und mal warten. Werden wohl auch die meisten machen. Es ist aber zynisch das demjenigen zu sagen, den man zuerst mir dem Argument der vorgeblichen Sicherheit auf den Radweg gezwungen hat.
      Das Konstrukt Radweg hat einfach zu viele konzeptionelle Fehler, für die es keine Lösung gibt.

      1. Ich bin einige Jahre mit Lieferwagen und LKW bis 7,5 t gefahren. Mit Radfahrern hatte ich überhaupt nie Probleme. Aber das ist nur wieder eine subjektive Einzelerfahrung.

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