Umgefahren und Spaß dabei

Vielleicht ist das größte Argument gegen Fahrradhelme, dass die Überzeugungsversuche der Befürworter immer so ganz komisch daherkommen. Die sechsjährige Michelle übersteht einen Unfall quietschvergnügt mit Schürfwunden an den Knien, weil sie einen Fahrradhelm trug. Nun gut, offenbar kam es ja tatsächlich zur Feindberührung, zumindest trägt der Helm einige Unfallspuren davon, die sicherlich sonst am Kopf zu finden wären. Über den genauen Unfallhergang schweigt sich der Artikel allerdings aus: Niemals „oben ohne“: Fahrradhelm schützte Michelle (6) vor schlimmen Kopfverletzung

„Wir saßen gerade hinter dem Haus im Garten, als wir einen lauten Knall hörten. Als ich dann nach vorne zur Straße ging, sah ich Michelle mit ihrem Fahrrad auf der Straße liegen. Da wurde mir plötzlich ganz anders“, erinnert sich Nicole Bönn an den Unfall ihrer Tochter.

Und das wäre auch alles gar nicht einmal halb so schlimm, wäre der Artikel nicht mit diesem seltsamen Foto illustriert: Ein jugendlicher Radfahrer fährt offenbar auf dem linksseitigen Radweg, wird dabei von einem Kampfparker mit Mercedes-Stern von hinten gerammt und zum Großteil überfahren, kriecht unter der Motorhaube hervor und hebt beide Daumen — alles cool, nur das Bein ist im Arsch! So ungefähr muss wohl die Geschichte lauten, die hinter diesem Foto steckt. Die Intention ist natürlich klar: Trotz des Unfalls hat der Kopf nichts abbekommen, alles ist cool. Das der Kopf unbeschadet blieb, dürfte allerdings weniger dem Helm als der arg konstruierten Situation geschuldet sein, denn vermutlich hätte er ansonsten Unfallspuren im Gesicht davongetragen.

Und ohne jetzt die Empörungsmaschine auftanken zu wollen: Es käme nie jemand auf die Idee, die Wirksamkeit eines Sicherheitsgurtes oder eines Airbags mit einem fröhlich beide Daumen hebenden Menschen zu illustrieren, der im vollkommen zerquetschen Autowrack klemmt. Und angesichts der Ignoranz, mit der Politik, Verwaltung, Polizei und Medien diesem Helm-Thema immer wieder begegnen und nach einem Unfall erklären, der verletzte Radfahrer hätte einen Helm tragen, auf seine Vorfahrt verzichten oder einfach besser aufpassen müssen, wäre es angenehmer gewesen, auf ein solches lustiges Bild zu verzichten.

7 Gedanken zu „Umgefahren und Spaß dabei“

  1. Das Foto ist pervers! Es fehlt nur noch der Unfallfahrer, der grinsend ebenfalls die Daumen in die Höhe streckt. Und vielleicht noch ein Rettungssanitäter, ein Polizist, ein Richter und ein Ramsauernder…
    Aber die Botschaft ist schon eindeutig… Was alles passieren kann, wenn man keinen Helm trägt, kann man hier lesen:
    http://www.merkur-online.de/lokales/dachau/dachau/jaehriger-ohne-helm-radlunfall-verletzt-3003034.html
    Mit Helm und ohne Kopfhörer wäre das nicht passiert…

  2. Da so ein Helm ganz erheblich Umfang und Gewicht des (Kinder) Kopfes vergrößert wird er auch bei Unfällen lädiert, bei denen der Kopf ohne Helm den Boden oder Unfallgegener nicht einmal berührt hätte.
    Ohne sehr genaue Unfallanalyse ist die Aussage „Die sechsjährige Michelle übersteht einen Unfall quietschvergnügt […], weil sie einen Fahrradhelm trug.“ nichts als ein Glaubensbekenntniss.

  3. Scherzfrage: „Warum sieht man so wenig Radler mit Glatze?“ Antwort: „Weil sie einen Helm tragen“.
    Passend dazu das Helmtragemotto von Promi-Frisör Udo Walz: „Sicherheit geht vor Eitelkeit“

    http://www.merkur-online.de/aktuelles/boulevard/udo-walz-friseur-fahrradhelm-sicherheit-verkehr-zr-3058413.html

    Und hier noch der grüne Winne mit Reithelm und Wasserträgern auf einem Ökostrompedelec:

    http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.fahrrad-sternfahrt-verkehrsminister-hermann-macht-sich-fuer-helmpflicht-stark.14ad6366-6653-4d43-8ef5-9a401cc7210b.html

    Auch wenn mir das Helmpflicht-Thema schon lange zum Hals raushängt, bleibt wohl kein anderer Weg, als die immer gleichen guten Argumente gegen eine Helmpflicht immer und immer wieder zu wiederholen. Sonst gewinnen die Radhelmdemagogen und ihre journalistischen Speichellecker die Oberhand.

  4. Nachtrag aus der Praxis: ich hatte am 2. 9. selbst einen schweren Fahrradunfall mit einer Linksabbiegerin, die über den Radweg in eine Hofeinfahrt einbog. Der direkten Kollision konnte ich noch ausweichen, bin dann aber seitlich mit einem vor der Einfahrt geparkten PKW kollidiert und anschließend über eine Betonabgrenzung, die zwischen geparktem Auto und Radweg verlief zu Fall gekommen. Der Aufprall auf den Radweg erfolgte seitlich rechts und auf den Rücken. Mit dem rechten Arm konnte ich einen Teil der Wucht abbremsen. In einem sekundären Aufprall wurde der Kopf nach hinten auf den Asphalt geschlagen. Ergebnis: harmlose Platzwunde, vermutlich keine weiteren Auswirkungen. Wegen der anderen Verletzungen waren 5 Tage stationär fällig. In dieser Zeit wurden nacheinander zwei andere Radler auf mein Zimmer gelegt. Beide überzeugte Helmträger. Der eine hatte schwere Abschürfungen und Prellungen im Gesicht, der andere hat sich den obersten Halswirbel gebrochen. Ich jedenfalls fahre weiterhin lieber ohne Helm.

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