Übrig blieb nur die Helmpflicht

Tom Hörner spricht mit dem Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg über die Stuttgarter Fahrradsternfahrt. Eine einzige Frage dreht sich um die Helmpflicht, ist aber alles, was von diesem Interview übrig bleibt: Hermann macht sich für Helmpflicht stark

Ehrensache, dass bei der ersten Radsternfahrt des Verkehrsministeriums am Sonntag auch der Chef im Sattel sitzt. Wir fahren dort, sagt Minister Winfried Hermann, wo sonst nur Autos rollen.

Die Argumentation ist dabei keineswegs neu:

Sie sind für die Helmpflicht?
Ja. Ich kenne die Argumente der Gegner, die sagen, dass eine Helmpflicht manche Leute vom Radfahren abhalten würde. Mich überzeugt das nicht. Das Autofahren hat auch nicht abgenommen, nur weil die Leute einen Sicherheitsgurt anlegen mussten. Wenn ich ohne Helm aufs Rad sitze, fühle ich mich nackt. Das Problem ist, dass die Studien, die bei der Diskussion herangezogen werden, oft alt sind oder gar aus Südwestaustralien stammen. Wir brauchen aktuelles Daten­material. Aus diesem Grund werde ich in diesem Jahr noch mit Christian Carius, dem CDU-Verkehrsminister aus Thüringen, eine Studie in Auftrag geben, die in der Frage des Helmtragens neue Erkenntnis einholen soll. Die Schutzwirkung für den Kopf ist freilich offenkundig.

Der Vergleich mit der Gurtpflicht ist zwar immer ein beliebter Argumentationstrick, aber er führt einfach zu nichts. Die Gurtpflicht ist mit einer Helmpflicht kaum vergleichbar, denn die Autofahrer hatten damals kaum eine Alternative zu ihrem Kraftfahrzeug: Weder damals noch heute wäre ein Kraftfahrer auf die öffentlichen Verkehrsmittel oder aufs Fahrrad umgestiegen, nur um gegen die Gurtpflicht zu demonstrieren. Eine Helmpflicht könnte aber empfindliche Auswirkungen auf die deutsche Radfahrer-Quote haben, denn aufs Rad wird ja ohnehin nur gestiegen, wenn die Temperatur und die Windrichtung stimmen. Angesichts der Auswirkungen, die ein windigerer Tag auf den Radverkehr hat, mag man sich die Auswirkungen einer Helmpflicht gar nicht vorstellen.

Immerhin ist Hermann wenigstens die Situation aus Australien bekannt, die er aber trotz eindeutiger Ergebnisse einfach mal nicht gelten lässt. Allerdings gibt er wenigstens eine eigene Studie in Auftrag — hoffentlich ist auch die eigentliche Schutzwirkung Gegenstand der Untersuchung, denn die ist längst nicht so offenkundig wie Hermann behauptet.

Es stellt sich auch hier die Frage, warum nicht auf andere Schutzmechanismen eingegangen wurde, etwa eine verbesserte Infrastruktur für den Radverkehr — und warum eigentlich in einem echten Fahrradland kaum jemand einen Helm trägt. Eine Helmpflicht scheint bloß ein weiteres Zeugnis einer nicht zukunftsfähigen deutschen Verkehrspolitik zu sein.

6 Gedanken zu „Übrig blieb nur die Helmpflicht“

  1. Der Vergleich Helmpflicht und Gurtpflicht hinkt wie oben beschrieben. Meiner Meinung nach ist aber der neben der oben erwähnten Umsteigmöglichkeit aufs Auto der Hauptfaktor, dass der Helm nicht am/im Fahrrad befestigt ist. Der Helm muss immer mitgetragen werden. Wohin damit, wenn man ins Theater/Kino/Kneipe will und sonst kein Gepäck mit hat.

    1. Der Vergleich Helmpflicht und Gurtplicht hinkt auch, weil es sich um Schutzsysteme ganz unterschiedlicher Wirkungsweise ein. Ein Gurt greift als Rückhaltesystem in den Unfallverlauf ein, indem er verhindert, dass die Insassen nach vorne geschleudert werden und an oder durch die Windschutzscheibe fliegen (bzw. dass Rücksitzpassagiere den vorne Sitzenden das Genick brechen), und so einen Kopfaufprall verhindert, dämpft ein Helmchen im besten Fall die Folgen des nicht zu verhindernden Sturzes ab.

      Womit ich jetzt aber keinesfalls eine Gurtpflicht für Radfahrer fordere 😉

  2. Berufen sich die Befürworter der Helmplicht denn nicht gerne auf Australien und Neuseeland? Aber wenn von dort Berichte über die Erfahrungen damit kommen, die die positiven Auswirkungen einer Helmpflicht in Zweifel ziehen, dann ist Südaustralien plötzlich nicht mehr gut genug. Das lässt wenig Gutes erwarten, sollten bei der Helmstudie Ergebnisse herauskommen, die den Herren Hermann und Carius nicht passen.
    Irgendwie kann ich mich jedenfalls des Eindrucks nicht erwehren, dass es diese neue Studie nur geben wird, weil die Helmbefürworter auch gemerkt haben, dass Thompson/Rivara/Thompson inzwischen ein bisschen alt ist, und danach nicht mehr viel kam, das die Einführung einer Helmpflicht in einem positiven Licht erschienen ließe. Da kann man nur hoffen, dass das gewünschte Ergebnis von den Helmchenfreunden nicht schon vorher festgelegt wird …

  3. Man möchte es nicht für möglich halten – aber der Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg Winfried Hermann gehört den GRÜNEN an!
    Statt dass er sich für Fahrradfahrer einsetzt, bekämpft er sie und will sie sogar dezimieren.
    Wie Soldaten will Winfried Hermann Radfahrer mit Helm ausstatten, sie verpflichten, und sie dann in dann in den Kampf mit Autos und Lastkraftwagen schicken – als ob ein Helm gegen solch ungleiche Gegner schützen würde.

  4. >> Die Gurtpflicht ist mit einer Helmpflicht kaum vergleichbar,

    Nicht nur kaum, sondern beinah gar nicht. Die m.E, einzige direkte Schnittmenge ist die, dass der (mögliche) deutliche Nutzwert v.a. bei Unfällen erkennbar wird bzw. erkenn werden kann.

    Ein Gurt aber allein schon deshalb in einer krass anderen Liga, weil bei beinah jedem Autounfall, sofern nicht gerade der Gartenzaun beim Rangieren betroffen ist, der Gurt seine Vorzüge ausspielt.

    Beim Fahrradhelm braucht es erstmal einen Unfall, wo der Kopf betroffen ist und dann muss er auch noch in der Weise betroffen sein, dass der positive Wirkeffekt zum tragen kommen kann! Und das ist nunmal nur in einem vergleichsweise sehr kleinem Teil der Fälle so.

    Bei dem Beschluß für eine Gurtpflicht war die Ausgangslage bzgl. der zu erhoffenden Nutzwerte, im Vergleich zu Einschränkungen persönlicher Wahlfreiheit, also eine KRASS andere, als sie es jetzt wäre, würde man eine Helmpflicht ernsthaft versuchen durchzusetzen. Nur sind die Vorraussetzungen hierfür eben nicht gegeben!

  5. In unserer Gesellschaft werden Risiken stark verzerrt wahrgenommen und dargestellt. Jeden Tag gibt es irgendeine neue Panikmache. Gerade habe ich gelesen, dass Kräutertee gefährlich sein soll. Hier hilft eigentlich nur eine verständliche und anschauliche statistische Risikoberechnung. Ich versuch es mal.

    In Deutschland haben wir bei rund 80 Mio. Einwohnern jährlich 6000 tödliche Haushaltsunfälle. Wenn man vereinfacht davon ausgeht, dass sich alle 80 Mio. auch regelmäßig in Wohnungen und Häusern aufhalten, kommen wir auf ein Risiko von 6000/80000000 oder 1/13333. Anschaulich ausgedrückt:
    Eine von 13.333 Personen stirbt pro Jahr bei einem Haushaltsunfall.

    Beim Radfahren gibt es jährlich ca. 400 tödliche Unfälle. Bei ca. 10 Prozent Fahrradanteil am Verkehr (Modal Split nach Wegen) kann man sehr konservativ geschätzt von 8 Millionen Radfahrern ausgehen, die das Rad öfters oder regelmäßig nutzen. Also beträgt das Risiko 400/8000000 oder 1/20000.
    Einer von 20.000 Radfahrern stirbt pro Jahr bei einem Fahrradunfall.

    Wenn man einmal grob annimmt, dass der Anteil an Kopfverletzungen bei beiden Risikoarten ähnlich ist, muss festgestellt werden, dass Radfahren für den Kopf klar weniger riskant ist als der Aufenthalt in den eigenen 4 Wänden.

    Dass bisher niemand auf die Idee kommt, auch zuhause oder wenigstens bei Hausarbeiten das Tragen eines Helmes zu empfehlen oder zu fordern, liegt einfach daran, dass alle Menschen in einem Haushalt wohnen und das Risiko realistisch als nicht besonders hoch einschätzen. Man empfindet die Vorstellung sogar als absurd. Die Helmpflichtforderung kommt vor allem von Menschen, die wenig oder gar nicht Rad fahren. Die kennen die Normalität des Radfahrens gar nicht. Und sehen das Risiko deswegen verzerrt.

    Beim Rauchen liegt das Risiko übrigens bei 1/240. Also einer von 240 Rauchern stirbt jährlich an den Folgen seiner Sucht. Tabakverbot? Nein, die persönliche Freiheit ist wichtiger. Gefährliche Luftsportarten (z.B. Gleitschirmfliegen, Fallschirmspringen u. Ähnliche) Risiko 1/1000-1500. Also einer von 1500 Sportlern stirbt jährlich bei seiner Freizeitbeschäftigung. Verbot? Nein. Diese Beispiele könnte man beliebig fortführen.

    Ein Verbot des Radfahrens ohne Helm ist und bleibt eine unsinnige und unverhältnismäßige Forderung, der man entschieden entgegentreten muss. Da interessiert noch nicht einmal, ob ein Helm wirksam ist oder nicht. Hier geht es um eine Ungleichbehandlung von Risikogruppen zu Ungunsten der ungeliebten Radfahrer.

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