Über Kampfradler und Kampflastkraftwagenfahrer

Einen schier unglaublichen Einsatz beendeten schleswig-holsteinische Polizeibeamte vergangene Woche. Wegen dringender Sanierungsarbeiten war eine Brücke für den Radverkehr gesperrt, weil einerseits wegen zentimeterbreiter Lücken in der Fahrbahnoberfläche die Sicherheit der Radfahrer nicht gewährleistet werden konnte, andererseits sollte der übrige Kraftverkehr nicht noch weiter von Radfahrern beeinträchtigt werden, die bekanntlich ständig nur den Verkehr behindern.

Weil sich die Radfahrer aber nicht an die aufgestellte Beschilderung hielten, waren dreieinhalb Monate lang etwa hundert Beamte abwechselnd im Einsatz, die Radfahrer an den Zufahrten zur Brücke abzufangen. Das war auch dringend nötig, schließlich wurde an den Anfahrtswegen auf deutlich sichtbare Hinweise zur Sperrung der Brücke verzichtet und die Radlinge stattdessen direkt vor der Brücke vor vollendete gesperrte Tatsachen gestellt, stattdessen einen Umweg von je nach Strecke zehn bis sechzig Kilometern in Kauf zu nehmen.

Die Tageszeitungen berichteten täglich über den Fortschritt der Sanierungsarbeiten, in den Online-Ausgaben teilweise gar als Minutenprotokoll, die Brückensanierung war das Gesprächsthema in Schleswig-Holstein. Drei oder vier Absätze pro Artikel wurden dabei für eine Hetzjagd auf Radfahrer reserviert: Täglich wurden die schleswig-holsteinischen Leser über das angebliche Fehlverhalten von Radfahrern informiert, Kraftfahrer durften sich per Leserbrief echauffieren, schließlich zahlten Radfahrer ja keine Steuern und hielten sich eh nie an die Verkehrsregeln und stattdessen ständig den Verkehr auf, obwohl es doch einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gäbe. Und diese Kampfradler, die fahren sogar ohne Helm, aber wenn dann etwas passiert, jaha, dann soll der Kampfradler bitteschön selbst für seine Behandlungskosten aufkommen, er hätte ja schließlich auch mit Helm und auf dem Radweg fahren können.

Auffallend war in den letzten drei Monaten unter anderem die Sprache im Straßenverkehr, genauer gesagt: Die Wortwahl bei Gesprächen über die Brückensanierung. Nicht nur an den Stammtischen wurde geschäumt, sondern auch in den Tageszeitungen: Hielten sich anfangs noch Radfahrer nicht an die Beschilderung, war der Polizeieinsatz schließlich wegen der Kampfradler, Rüpel-Radler, Pedal-Kampfritter und Rad-Rowdys notwendig. Offenbar verwandelte sich jeder Verkehrsteilnehmer beim Berühren eines Fahrradlenkers direkt ins eine wahre Ausgeburt der Hölle.

Wenigstens unterbewusst wird die Botschaft transportiert, dass jeder Radfahrer gleichzeitig ein furchtbarer Mensch wäre, der sich weder an elementare Verkehrsregeln hält noch wenigstens eine Gefährdung unbeteiligter bei seinen helmlosen Stunts ausschließt. Die Auswirkungen lassen sich beispielsweise am Stammtisch oder gemütlich zu Hause am Bildschirm verfolgen, wenn im Netz wieder mit ähnlichem Vokabular über Gehwegradler geschimpft wird und sich plötzlich herausstellt, dass der karikierte Kampfradler, der sich abwechselnd mit einer nagelbewehrten Keule und einer ultramegalauten Klingel den Weg über den Gehweg freiprügelte, eigentlich eine harmlose Senioren war, die auf dem Gehweg zum Einkaufen torkelradelte — und dabei tatsächlich niemanden gefährdete.

Ah, Halt, Stop! Alles gar nicht wahr: Der drei Monate lange Marathoneinsatz war ja gar nicht wegen der Radfahrer notwendig, sondern wegen der Lastkraftwagen-Fahrer. Die Rader Hochbrücke, auf der die Bundesautobahn 7 in Schleswig-Holstein den Nord-Ostsee-Kanal kreuzt, zeigte sich während einer Routineuntersuchung im Juli in einem derart schlechten Zustand, dass sie unmittelbar für alle Fahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 7,5 Tonnen gesperrt werden musste und die Fahrbahn auf eine jeweils Spur verengt wurde, um die Bausubstanz während der Sanierungsarbeiten zu entlasten.

Dumm nur: Die Lastkraftwagen-Fahrer dachten zur Überraschung der beteiligten Behörden und der Polizei überhaupt nicht daran, freiwillig einen Umweg von teilweise Dutzenden Kilometern mit einem zusätzlichen Zeitaufwand von mindestens einer halben Stunde in Kauf zu nehmen. Die fuhren einfach weiter, trotz einer im Endeffekt doch recht eindeutigen Beschilderung. Nein, solche Kampfberufskraftfahrer! Und die haben noch nicht einmal die laut Meinung einiger Autofahrer für den Lastverkehr vorgesehene rechte Fahrspur den Lastkraftwagen-Weg benutzt, sondern sind mitten auf der Fahrbahn gefahren!

Nachdem man sich die Situation ein paar Tage angesehen hatte, wurde an den Zufahrten zur Brücke insgesamt vier Kontrollstellen installiert, zwei davon direkt auf der Bundesautobahn 7, eine auf der Abfahrt von der Bundesautobahn 210 und eine am Kreisverkehr der Anschlussstelle zur Bundesstraße 203. Eine wahre Stadt wurde dort errichtet mit mehreren Wohncontainern, Toiletten, einer umfangreichen Beleuchtungsinstallation und in der Fahrbahn verankerten Bushaltestellen-Häusschen, so dass die Beamten wenigstens nicht im Regen stehen mussten. Insgesamt sollen während der drei Monate über hundert Beamte wegen des Einsatzes nicht für ihre eigentlichen Aufgaben zur Verfügung gestanden haben, über die Zusatzkosten des Einsatzes lassen sich leider keine Zahlen finden.

Und die Medien? Die blieben erfrischend entspannt. Zwar beklagte man sich täglich über den Stau, der beim Bettenwechsel in Dänemark teilweise auf insgesamt über vierzig Kilometer in beiden Fahrtrichtungen anwuchs und die Fahrt in den Urlaub teilweise um bis zu vier Stunden verzögerte, aber für die Lastkraftwagen-Fahrer wurde generell kumpelhaftes Verständnis geäußert: Man selbst hätte ja auch nicht den Umweg genommen, sondern sich halt so heimlich rübergemogelt. Nicht einmal die äußerst renitenten Berufskraftfahrer, die sich mit dem Drucklufthorn den Weg durch die Polizeikontrolle freipressten und die Beamten beinahe über den Haufen fuhren, wurden negativ erwähnt, schließlich wachsen die Bananen ja nicht im Supermarkt.

Den Vergleich mit den Bananen und dem Supermarkt in allen Ehren, aber diese Ungleichbehandlung ist alles andere als gerecht. Die Lastkraftwagen-Fahrer durften medial ungestraft ihr Ding durchziehen, während bei jeder Fahrradkontrolle in den Kommentarspalten gejault wird, dass die Radfahrer ja die allerschlimmsten wären und die Kosten der Kontrolle doch bitteschön auf die Strafzettel aufgeschlagen werden sollen.

Und indem kaum ein Medienbericht ohne lustige Alliterationen oder den Radverkehr abwertende Begriffe auskommt, werden teilweise so sehr Vorurteile und Aggressionen geschürt, dass sich einige Autoren durchaus eine Form von „Verkehrs-Rassismus“ vorwerfen lassen müssen: Verkehrsteilnehmer zum Abschuss freizugeben, nur weil sie das vermeintlich falsche Fahrzeug einsetzen, und damit die Emotionen hinter der Windschutzscheibe hochkochen zu lassen, ist ungefähr das schlimmste, das der Unfallstatistik passieren kann.

„Alle Macht den Rädern“ hat sich zu dem Sprach-Problem ebenfalls ein paar Gedanken gemacht und wird unter anderem in der Wiener Zeitung erwähnt: Vom Jaywalking zum Kampfradler

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