Tempo 30 in der Stadt: „Das ist pure Nötigung“

Noch mehr als die Wahl in Griechenland oder gar das letzte Vorrunden-Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft scheint die Diskussion über Tempo 30 innerhalb geschlossener Ortschaften wenigstens die deutschen Autofahrer beschäftigt haben. Die Sozialdemokraten haben zusammen mit den Grünen angekündigt, sich im Falle eines Wahlsieges für eine Senkung des innerörtlichen Tempolimits von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde einzusetzen. Lediglich einige Straßen sollen als Ausnahme mit Tempo 50 freigegeben werden.

Obwohl mit Tempo 30 einige nicht zu verachtende Vorteile einhergehen, insbesondere was die Verkehrssicherheit oder eine mögliche Steigerung der Lebensqualität in einigen Gebieten angeht, ergoss sich in den Kommentaren eher der unreflektierte Hass gegen die Öko-Fraktion und Radfahrer. Statt einer vernünftigen Diskussion, die ja nicht zwangsläufig auf eine Befürwortung dieses Themas hinauslaufen muss, überwogen die Emotionen, denn schließlich hatte Rot-Grün wieder einmal das Auto als Heiligtum der Deutschen angerührt.

Ob eine solche Ankündigung angesichts der Macht der Autofahrer sinnvoll wäre, wird sich zeigen. Angesichts der mitunter beinahe an Sachlichkeit kaum noch zu unterbietenden Argumente gegen eine Absenkung des Tempolimits könnte das Thema durchaus ein Schwerpunkt bei der nächsten Wahl werden. Einige befürchten gar wieder die Installation einer Weltregierung, neue Repressionen aus der Europäische Union und eine künstliche Abwertung des Autos.

Man darf gespannt sein, wie sich die Diskussion weiterentwickeln wird. Eines ist jedoch sicher: sachlich wird sie nicht.

  • WELT ONLINE: Rot-Grün plant Tempo 30 in allen Städten

    Tempo 30 soll in Deutschlands Städten zur Regelgeschwindigkeit werden, Tempo 50 zur Ausnahme. Das planen SPD und Grüne im Falle eines Wahlsieges. Der ADAC ist empört und befürchtet „Schleichverkehre“.

  • SPIEGEL ONLINE: SPD und Grüne fordern Tempo 30 in Städten

    Im Falle eines Wahlsiegs wollen SPD und Grüne einen umstrittenen Plan durchboxen: Tempo 30 soll zur Regelgeschwindigkeit in allen Städten werden. Umweltverbände und gestresste Großstädter applaudieren – passionierte Autofahrer hingegen sind entsetzt.

3 Gedanken zu „Tempo 30 in der Stadt: „Das ist pure Nötigung““

  1. Die ganze Berichterstattung über dieses Thema ist doch schon völliger Käse. Da haben einzelne Parteimitglieder diese Forderung ins Gespräch gebracht (und zwar für ihre Partei, in der das dann diskutiert werden soll), und schon krakeelt die Presse, das die beiden Parteien dies fordern würden. Unsachlicher geht es nicht mehr. Und vermutlich werden die Parteien dies nutzen, ihre entsprechenden Mitlgieder zurück in die Reihe zu pfeifen, sich als Retter der Mobilität aufzuspielen, und damit ist das Thema erst einmal erledigt.

    Schade eigtentlich; ich bin ein Anhänger dieser Forderung (und müsste dafür sowohl als Kraftfahrer als auch als Radfahrer auch ‚mal langsamer fahren).

  2. Schade! Nun rudert die SPD-Spitze zurück. Und ich habe schon überlegt, dieser Partei wieder meine Wählerstimme zu geben. Das wird nun garantiert nicht passieren. Noch schlimmer die Stimmen vonseiten der Betonfraktion: „Bundesregierung, Union und Automobilclubs lehnten den Vorstoß bereits am Sonntag ab. Die Junge Union (JU) warnte am Montag, Rot-Grün werde mit solchen Vorschlägen zur Gefahr für das Mobilitätsland Deutschland“. Was bitte hat ein „Autoclub“ mit der Verkehrsgesetzgebung zu tun? Werden Schwarzfahrer auch befragt, wenn über mehr Kontrollen in U-Bahnen abgestimmt wird?

    „Mobilitätsland Deutschland“? Sind denn die Menschen in anderen Ländern nicht mobil? Und überhaupt: was verstehen CDU, JU, SPD und ADAC unter „Mobilität“? Die Antwort ist einfach: erlaubte Raserei. Denn mobil sein, heißt nicht mehr, als beweglich sein, von A nach B zu gelangen. In Städten funktioniert das bei Tempo 30 nachweislich besser, als bei erlaubten 50 (was außerhalb der Berufsverkehrszeiten tatsächlich 60 bis 65 und nachts 70 bis 90 Km/h bedeutet). Tempo 30 würde folglich in Städten die Mobilität aufgrund des besseren Verkehrsflusses verbessern und nicht einschränken! Hinzu käme die noch wichtigere Komponente, dass bei Tempo 30 die Schwere von Unfällen drastisch abnähme. Aber auch das interessiert die PS-Freunde nicht. Übrigens ist man mit dem Fahrrad in Städten fast immer noch schneller, als mit dem Pkw.

    Die Stimmen von CDU, JU und SPD zeigen ganz klar, worum es diesen verkehrspolitisch ewig Gestrigen wirklich geht: Die Autoindustrie möchte weiterhin spritschluckende PS-Boliden verkaufen, denn damit lässt sich weitaus mehr Gewinn verbuchen, als mit Autos der Kompakt- oder Kleinwagenklasse. Menschen, denen schnelles Autofahren Spaß macht, sollen auch zukünftig nicht vom Kauf eines Potenzverstärkers abgehalten werden, weil man die vielen (meisten vom Steuerzahler) teuer bezahlten PS dann kaum noch ausschöpfen könnte. Eigentlich kann man das auch heute schon nur in schmalen Zeitfenstern.

    Die „Argumente“ von Steinmeier, Gabriel, Merkel und Co. sind allzu leicht durchschaubar. Ein wirklich belastbares Argument gegen Tempo 30 war von dieser Seite bisher nicht vernehmbar. Vielleicht, weil es keins gibt? Dasselbe gilt für ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen. Es wäre ein Segen für alle Nicht-Raser. Endlich könnte man halbwegs entspannt Autofahren. Denn nur eine Minderheit ist es, die durch den Bleifuß auf der linken Spur alle anderen gefährdet, mindestens aber verunsichert. Auch hier sind es meistens großvolumige Autos, die als Dienstwagen von allen Steuerzahlern subventioniert werden. Aber dieser Minderheit wird gegen jede Vernunft der Hof gemacht.

    Aber es tut sich etwas im Volk. Die Anzahl zugelassener Autos pro Einwohner hat z.B. in Hamburg deutlich abgenommen, während die Zahl der ÖPNV-Fahrgäste und Radfahrer stetig zunimmt. Mit steigenden Benzinpreisen – aber auch aus anderen Gründen – wird diese Entwicklung weiter gehen. Hinzu kommt die abnehmende Begeisterung junger Menschen für das Auto als Fetisch. Es dient der Mobilität, nicht mehr und nicht weniger. Gut so. Die großen Parteien werden es sich schon bald nicht mehr leisten können, für ungebremste Auto-Mobilität zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.