Tempo 30 funktioniert nicht einfach so

Die bloße Umwandlung einer Straße oder eines ganzen Stadtteils in einen auf Tempo 30 limitierten Bereich löst noch keine Probleme, ganz im Gegenteil: Was früher eine Vorfahrtstraße war, sieht auch in einer Tempo-30-Zone nach Vorfahrtstraße aus und wird dementsprechend so befahren. Wenn es Radwege gibt, wird sich der gemeine Radfahrer auch künftig dort aufhalten, obschon die Benutzungspflichten längst abgeschraubt wurden. Abhelfen können dann nur bauliche Veränderungen, stellt Hans-Heinrich Pardey für die FAZ fest: Das Lehrstück

Was passiert, wenn Tempo 30 dort eingeführt wird, wo es nicht zwingend ist? Wenn der Verkehrsraum nicht neu geordnet wird, um dies für alle Beteiligten deutlich erkennbar zu machen, passiert erst einmal nichts. Die Maßnahme ist dann Unfug.

Pardey irrt allerdings, was die Radwege angeht: Die dürfen in einer Tempo-30-Zone durchaus existieren, sollen aber nicht benutzungspflichtig sein, denn eine Tempo-30-Zone gilt nunmal als ungefährlich, dass die Radfahrer nicht von der Fahrbahn ferngehalten werden brauchen. Trotzdem kann es natürlich abseits von Fahrbahn und Gehweg noch weitere Straßenteile geben, etwa Seitenstreifen oder die bereits erwähnten Radwege. Und sogar vom Rechts-vor-links-Prinzip lässt sich abweichen, indem mit Zeichen 301 und Zeichen 205 die Vorfahrt an einer Kreuzung geregelt wird — nur durchgängige Vorfahrtstraßen mit Zeichen 306 darf es in einer Tempo-30-Zone tatsächlich nicht geben.

3 Gedanken zu „Tempo 30 funktioniert nicht einfach so“

  1. Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich mich gestern, als ich diesen Artikel gelesen habe, so sehr über den Abschnitt zu den Radwegen geärgert habe. Radwege in Tempo-30-Zonen sind im Allgemeinen ziemlich überflüssig, und wenn sie so sind, wie auf dem Bild zum Artikel, eigentlich auch kaum benutzungsfähig.

    Wahrscheinlich kommt mein Ärger daher, dass mit solchen Fehlinformationen Radfahrern letztlich bedeutet wird, dass ihnen gar kein Straßenraum zustehe. Viele Autofahrer glauben immer noch, dass alles, das nach Radweg aussieht, benutzt werden müsse und Radfahrer deshalb dort nichts auf der Fahrbahn zu suchen haben, während Fußgängern eingeredet wird, dass nur beschilderte Radweg auch Radwege sind. Mit etwas Pech wird man dann auf der Fahrbahn angehupt und auf dem nicht benutzungspflichtigen Radweg als Rüpel beschimpft.

  2. Eigentlich ist die FAZ von den hier in Frankfurt/M erscheinenden Tageszeitungen noch die von der journalistischen Qualität her beste, aber dieser Artikel ist einfach nur schlecht.

    Nicht nur, weil Herr Pardey nicht den Unterschied zwischen benutzungspflichtigem und nicht benutzungspflichtigen Radweg kennt, sondern weil er in seinem Artikel zwar vorgibt, aus „multimodaler“ Sicht zu schreiben, sich real aber auf die Autofahrerperspektive beschränkt.
    Warum ein mit 25km/h in der Fahrbahnmitte fahrender Radfahrer die Autos – die wegen der RvL-Regelung ohnehin an den Einmündungen abbremsen müssen – ausbremsen sollte erschließt sich mir genausowenig wie die Problematik „wer aus der Garage der Redaktion fährt, blickt tunlichst auch in die Richtung, aus der eigentlich kein Radfahrer kommen dürfte“. Nee, klar, Fußgänger können da ja auch nicht auf dem Gehweg laufen, oder? Noch schlimmer ist natürlich der Schulschluss, denn das sich Kinder nicht immer an Verkehrsregeln halten, scheint eine für manchen Autofahrer vollkommen neue und skandalöse Erkenntnis zu sein.

    Dafür blendet Herr Pardey eine ganze Reihe anderer Tatsachen aus. Erstens: Die Frankenallee führt in erster Linie durch ein Wohngebiet. Tempo 30 hilft, die Anwohner vor Lärm zu schützen und ihnen ein weniger gefahrenvolles Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Auf der parallel verlaufenden Mainzer Landstraße kann man gut sehen, wie eine breite, für 50km/h freigegebene, aber in der Realität mit Tempo 60+x befahrene Hauptverkehrsstraße die Lebens- und Aufenthaltsqualität gegen Null sinken lässt.
    Zweitens: Die zum Überholen von Radfahrern zu schmale Fahrbahnbreite ist keine Folge der „zu breiten“ Geh- und Radwege, sondern liegt an den an beiden Fahrbahnrändern parkenden Autos. Wenn sonntags die FAZ-Redaktion frei hat, kann dank nicht zugeparkter Seitenstreifen mühelos ein Lkw einen Radfahrer überholen.
    Drittens: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ja, aber er ist auch lernfähig. Tempo 30 mit RvL gilt in der Frankenallee seit etwa zwei Jahren. Die allermeisten Auto- und Radfahrer haben sich an die neue Regelung gewöhnt. Da ich die Strecke regelmäßig fahre kann ich aus eigener Erfahrung nicht von nennenswerten Konflikten zwischen Autos und Fahrrädern berichten. Wenn der Autor mit der neuen Verkehrsregelung überfordert ist, sollte er vielleicht lieber sein Auto stehen lassen. Falls es zum Fahrradfahren mangels Kondition oder aufgrund zu weiten Arbeitweges nicht reicht, gibt es auch noch eine im Fünf-Minuten-Takt angefahrene S-Bahnstation und eine noch häufiger bediente Straßenbahnhaltestelle in fußläufiger Entfernung zur FAZ-Redaktion.

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