Fahrradsaison-Presseberichte bleiben Sorgenkinder

Das morgenweb aus der Rhein-Neckar-Region titelt: Radfahrer bleiben Sorgenkinder

Da stimmt irgendwas nicht. Der Artikel leitet mit der Beschreibung eines Unfalls ein, bei dem ein Radfahrer von einem unaufmerksam abbiegenden Lastkraftwagen leicht verletzt wurde. Dann kommt ein bisschen später die Polizei zu Wort, die bemängelt, dass Radfahrer im komplexen Verkehrsgeschehen aufgrund nicht getragener Warnwesten und fehlendem Tagfahrlicht übersehen werden.

Man könnte jetzt wieder die obligatorische Radverkehrspolitik-Frage stellen: Wer erklärt das dann dem Kraftverkehr? Wie sehr sind denn Kraftfahrer mit dem heutigen Straßenverhältnissen überfordert, dass sie selbst bei Tageslicht Radfahrer nur mit Warnwesten und Tagfahrlicht wahrnehmen? Und auch wenn es im Sinne der Unfallvermeidung erst einmal seine Berechtigung haben mag, Warnwesten und Tagfahrlicht zu empfehlen, wer sorgt denn bitte von der anderen Seite dafür, dass Radfahrer ohne diese Utensilien nicht gleich umgefahren werden?

Weiter unten heißt es dann recht schwammig:

In 60 Prozent der Unfälle sei der Radler mitverantwortlich, die häufigste Unfallursache sei, dass der Radler die Straße falsch nutze, etwa in falscher Richtung auf der Fahrbahn unterwegs sei. Die Ampel zu ignorieren und alkoholisiert aufs Rad zu steigen, waren bei mehr als einem Drittel der Unfälle Faktoren.

„Mitverantwortlich“ ist ja eine recht dehnbare Schuldzuweisung, da wüsste man doch gerne, was das genau bedeutet. „Mitverantwortlich“ soll wohl sein, wer eine Ampel ignoriert oder alkoholisiert unterwegs ist — dass bemerkenswert viele Radfahrer auf der falschen Fahrbahnseite fahren mag man hingegen nicht glauben, hier ist wohl eher die falsche Straßenseite gemeint, die ja von einigen Radfahrern tatsächlich heiß und innig geliebt wird.

„Mitverantwortlich“ wäre dementsprechend aber immer noch abzugrenzen von „mitschuldig“, denn, das zeigt ja auch die Rechtsprechung der letzten Jahre, nur weil er auf der falschen Straßenseite pedaliert, verliert der Radfahrer nicht automatisch seine Vorfahrt. Offenbar gibt es aber eine deutliche Diskrepanz zwischen den in der Polizeipresse veröffentlichten und tatsächlich vorgefallenen Unfällen, denn wenigstens in der Polizeipresse werden Radfahrer andauernd „übersehen“, von missachteten Rotlichtern oder Alkoholkonsum ist überraschend selten die Rede.

Jedenfalls nahm die Polizei diese Zahlen zum Anlass, zu Beginn der so genannten Fahrradsaison wieder einmal Kontrollen durchzuführen. Auch da fällt wieder auf, das gilt exemplarisch für den Rest der bundesweiten Radwege, dass das Befahren der falschen Straßenseite einerseits als relativ gefährlich dargestellt wird, was meistens auch zutrifft, andererseits aber je nach Laune der Straßenverkehrsbehörde beinahe flächendeckend so angeordnet wird. Einem Verkehrsteilnehmer zu erklären, warum er dort den linksseitigen Radweg benutzen muss, da hinten den linksseitigen Radweg benutzen darf, hier aber auf der rechten Seite fahren muss, das ist bestimmt nicht einfach; da helfen auch keine fünf Euro schweren Verwarnungen.

Der Artikel schließt mit dem Satz:

Einen Helm trugen 66 der 309 verunglückten Radfahrer – also immerhin jeder Fünfte.

Den Zahlen nach ergibt sich eine Tragequote von 21,4 Prozent — das ist ja fast doppelt so hoch wie im bundesweiten Durchschnitt. Verdächtigerweise liegt Heidelberg in Baden-Württemberg, da gibt’s nun zwei Erklärungsmöglichkeiten: Entweder ist in Baden-Württemberg die Tragequote allgemein deutlich höher als in den übrigen Bundesländern, vielleicht aufgrund des erklärten Fahrradhelm-Fans im Landesverkehrsministerium, oder in Baden-Württemberg ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm in einen Unfall verwickelt zu werden, besonders hoch.

Radfahren in Baden-Württemberg: Lieber oben ohne?

Statistiken sind so eine Sache. Mit etwas Geschick kann man locker herumargumentieren, wie es gerade passt und wenn es morgen nicht mehr passt, dreht man die Statistik einfach um. So leicht kann’s gehen. Winfried Hermann, Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg und erklärter Fan von Fahrradhelmen und Fahrradhelmpflichten, wird wohl ein bisschen gestaunt haben angesichts der Unfallbilanz, die sein Kollege Reinhold Gall aus dem Innenministerium vorlegte: Unfallbilanz 2013: Weniger Verkehrstote und Verletzte – Innenminister Reinhold Gall: „Leider mehr Radfahrer ohne Helm auf den Straßen ums Leben gekommen“

Dort heißt es:

Auf den Straßen in Baden-Württemberg verunglückten 2013 insgesamt zwar weniger Menschen als im Vorjahr. Aber die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer ist von 44 auf 52 gestiegen – also um mehr als 18 Prozent. „Erschreckend finde ich, dass 70 Prozent der getöteten Fahrradfahrer keinen Helm trugen“, beklagte Innenminister Reinhold Gall bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz für 2013 am Freitag, 21. Februar 2014, in Stuttgart.

Es gibt noch ein paar andere Aspekte, die angesichts der Zahlen erschreckend sind. Zum Beispiel, dass vermutlich ein wesentlicher Teil von Kraftfahrzeugen übersehen, Pardon, getötet wurde — das geht zwar aus der Pressemitteilung nicht hervor, wohl aber aus einem groben Überblick über die Unfallberichte aus dem letzten Jahr. Man wird allerdings auch nicht so richtig aus der Aussage des Innenmisters schlau: Offenbar zielt er mit seiner Aussage auf die Wirksamkeit des Fahrradhelmes ab und möchte suggerieren, dass ein wesentlicher Teil der getöteten Radfahrer ihren Unfall mit Kopfschutz überlebt hätte.

Nun beträgt die ungefähre Tragequote des Fahrradhelmes bundesweit insgesamt etwa zehn Prozent. Wenn siebzig Prozent der getöteten Radfahrer keinen Helm trugen, waren also umgekehrt dreißig Prozent der getöteten Radfahrer mit einem Fahrradhelm unterwegs. Dieser Unterschied von immerhin zwanzig Prozentpunkten ist deutlich mehr als eine statistische Ungenauigkeit, das muss etwas zu bedeuten haben. Wenn ein Fahrradhelm tatsächlich lebensrettend eingreift, dürften doch eigentlich nur grob geschätzte fünf Prozent der tödlich verunglückten Radfahrer einen Helm getragen haben, dann wäre immerhin jeder zweite dank seines Kopfschutzes noch am Leben.

Vielleicht ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm tödlich zu verunglücken, deutlich höher als ohne Fahrradhelm; angesichts der so genannten Risikokompensation wäre das eine mögliche Erklärung. So richtig passt das aber auch nicht: Ein Fahrradhelm mag tatsächlich zu einer riskanteren Fahrweise animieren, weil ja genau wie bei einem modernen Kraftfahrzeug mit seinen fünfzig elektronischen Sicherheitsassistenten subjektiv gesehen gar nichts mehr passieren kann. Aber tritt diese riskantere Fahrweise tatsächlich so drastisch hervor, dass über drei bis sechs Mal so viele Radfahrer tödlich verunglücken? Vor allem spielt die Risikokompensation bei dem üblichen Unfall-Klassiker nur eine untergeordnete Rolle: Kein einigermaßen klar denkender Radfahrer fährt vor ein unachtsam abbiegendes Kraftfahrzeug und riskiert einen Unfall, den er mit einem Helm einfacher zu überleben glaubt.

Angesichts dieser Zahlen wird man allerdings auch weiterhin nur spekulativ im Trüben fischen, ohne Details über die eigentlichen Unfallursachen kommt man da zahlenmäßig nicht weiter. Hier greift ja noch nicht einmal die so genannte Dunkelziffer, denn im Gegensatz zu „kleineren“ Unfällen, bei denen die Sache mit einem Pflaster oder einem Verband aus dem Erste-Hilfe-Kasten ohne Gegenwart der Polizei geregelt wird, werden Todesfälle zwangsläufig in der Unfallstatistik registriert.

Das nackte Zahlenmaterial aus der Pressemitteilung hingegen hinterlässt zwangsläufig den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt. Was genau da nicht stimmt, das kann ja Winfried Hermann in seiner Helmstudie untersuchen lassen.

Baden-Württemberg sucht eine Helmstudie

Im Netz geistert gerade diese Ausschreibung herum: Erstellung eines Gutachtens mit dem Titel: „SICHERHEITSPOTENTIALE DURCH FAHRRADHELME“ Einordnung der Bedeutung des Fahrradhelmes bei den Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit und Instrumente zur Erhöhung der Helmtragequote“

Wenn man sich die Ausschreibung durchliest, klingt das aber nicht unbedingt nach einem neutral formulierten Ziel für eine Studie. Einerseits soll die Bedeutung des Fahrradhelmes eingeordnet werden und die korrespondierende und immer sehr emotional geführte Diskussion versachlicht werden, andererseits tauchen dort ständig verschiedene Ansätze zur Erhöhung einer Tragequote auf. Mal sehen, was daraus wird — Mitte 2015 wissen wir mehr.

Hermann will Gutachten zur Helmpflicht

Schon ein paar Tage sind seit dem letzten Bericht über Fahrradhelme oder Fahrradhelmpflichten vergangen, da macht man sich als wintertauglicher Radfahrer beinahe Sorgen, eines der Lieblingsthemen des Alltagsradlers käme erst im nächsten Frühjahr wieder auf den Tisch.

Zum Glück sorgt der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann derweil für neuen Gesprächsstoff: Grüne wollen Helmpflicht für Radfahrer

Baden-Württemberg hat ein Gutachten zu einer möglichen Helmpflicht für Radfahrer auf den Weg gebracht. Die Expertise sei ausgeschrieben, der Zuschlag werde noch vor Jahresende gegeben.

Hermann tat sich schon in der Vergangenheit vor allem damit hervor, sogar berechtigte Kritik ohne Gegenargumente abzuweisen. Ein Rückgang des Radverkehrsanteils bei der Einführung einer Helmpflicht ließe sich nicht nachweisen und die Wirksamkeit von Fahrradhelmen stünde doch außer Frage. Nun soll also eine Studie diese Fragen klären, wobei Hermann betont, kein Gefälligkeitsgutachten in Auftrag geben zu wollen — alles andere wäre ja auch zu komisch: Minister bringt Gutachten zur Helmpflicht auf den Weg

Würde eine Helmpflicht für Radler nach hinten losgehen und die Menschen wieder zum Autoschlüssel greifen lassen? Zu dieser Frage gibt es kaum Daten. Die Lücke will jetzt das Land schließen.

Womöglich klärt diese Studie auch endlich die im Artikel angesprochene Wirksamkeit von Fahrradhelmen, schließlich darf man durchaus bezweifeln, dass ausgerechnet die besonders schnellen Elektrorad-Fahrer bei einem Unfall von einem relativ schmalen Kopfschutz profitierten.

Siehe auch:

Übrig blieb nur die Helmpflicht

Tom Hörner spricht mit dem Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg über die Stuttgarter Fahrradsternfahrt. Eine einzige Frage dreht sich um die Helmpflicht, ist aber alles, was von diesem Interview übrig bleibt: Hermann macht sich für Helmpflicht stark

Ehrensache, dass bei der ersten Radsternfahrt des Verkehrsministeriums am Sonntag auch der Chef im Sattel sitzt. Wir fahren dort, sagt Minister Winfried Hermann, wo sonst nur Autos rollen.

Die Argumentation ist dabei keineswegs neu:

Sie sind für die Helmpflicht?
Ja. Ich kenne die Argumente der Gegner, die sagen, dass eine Helmpflicht manche Leute vom Radfahren abhalten würde. Mich überzeugt das nicht. Das Autofahren hat auch nicht abgenommen, nur weil die Leute einen Sicherheitsgurt anlegen mussten. Wenn ich ohne Helm aufs Rad sitze, fühle ich mich nackt. Das Problem ist, dass die Studien, die bei der Diskussion herangezogen werden, oft alt sind oder gar aus Südwestaustralien stammen. Wir brauchen aktuelles Daten­material. Aus diesem Grund werde ich in diesem Jahr noch mit Christian Carius, dem CDU-Verkehrsminister aus Thüringen, eine Studie in Auftrag geben, die in der Frage des Helmtragens neue Erkenntnis einholen soll. Die Schutzwirkung für den Kopf ist freilich offenkundig.

Der Vergleich mit der Gurtpflicht ist zwar immer ein beliebter Argumentationstrick, aber er führt einfach zu nichts. Die Gurtpflicht ist mit einer Helmpflicht kaum vergleichbar, denn die Autofahrer hatten damals kaum eine Alternative zu ihrem Kraftfahrzeug: Weder damals noch heute wäre ein Kraftfahrer auf die öffentlichen Verkehrsmittel oder aufs Fahrrad umgestiegen, nur um gegen die Gurtpflicht zu demonstrieren. Eine Helmpflicht könnte aber empfindliche Auswirkungen auf die deutsche Radfahrer-Quote haben, denn aufs Rad wird ja ohnehin nur gestiegen, wenn die Temperatur und die Windrichtung stimmen. Angesichts der Auswirkungen, die ein windigerer Tag auf den Radverkehr hat, mag man sich die Auswirkungen einer Helmpflicht gar nicht vorstellen.

Immerhin ist Hermann wenigstens die Situation aus Australien bekannt, die er aber trotz eindeutiger Ergebnisse einfach mal nicht gelten lässt. Allerdings gibt er wenigstens eine eigene Studie in Auftrag — hoffentlich ist auch die eigentliche Schutzwirkung Gegenstand der Untersuchung, denn die ist längst nicht so offenkundig wie Hermann behauptet.

Es stellt sich auch hier die Frage, warum nicht auf andere Schutzmechanismen eingegangen wurde, etwa eine verbesserte Infrastruktur für den Radverkehr — und warum eigentlich in einem echten Fahrradland kaum jemand einen Helm trägt. Eine Helmpflicht scheint bloß ein weiteres Zeugnis einer nicht zukunftsfähigen deutschen Verkehrspolitik zu sein.

Eitelkeit und Ignoranz: ARD Kontraste über Radfahren ohne Helm

So ein Glück, dass dieser Fernsehbeitrag nur ein paar Minuten dauerte. So ein Pech, dass die Kontraste-Redaktion talentiert genug ist, für einen tendenziösen Beitrag nur ein paar Minuten zu brauchen. Auch mit Sympathien für eine Helmpflicht lässt sich ein hinreichend neutraler Beitrag stricken, der „diese Radfahrer“ nicht mit behandschuhten Fingern und gerümpfter Nase anfasst. Stattdessen wurde etwas in den Äther geblasen, das Radfahrer als störende Minderheit behandelt und den unbehelmten Radfahrern mehr oder weniger direkt Schwachsinn unterstellt.

Den Reaktionen im Netz zu urteilen haben sich nicht nur die fahrradaffinen Radfahrer an den womöglich unbehelmten Kopf gegriffen. Sogar Zuschauer, die nach eigenem Bekunden eher hinter dem Steuerrad anzutreffen sind, monierten die Sachlichkeit des Beitrages — nicht zu unrecht: Würde „der Radfahrer“ gegen einen anderen Vertreter einer Minderheit ersetzt, beispielsweise „den Ausländer“ oder „den Arbeitslosen“, hätte die Kontraste-Redaktion spätestens morgen früh ein dickes Problem. So bleibt allerdings wieder einmal die Überzeugung, mit „diesen Radfahrern“ alles machen zu dürfen.

Immerhin lässt der Rundfunk Berlin-Brandenburg auch kein Zweifel daran, dass ihm an Neutralität nie gelegen war: Umstrittener Freiheitswahn: Radfahrerlobby gegen Helmpflicht

Für Unfallforscher und Ärzte steht seit Jahren fest: Viele schwere Unfälle von Radfahrern wären glimpflicher ausgegangen, hätte der Radler einen Helm getragen. Trotzdem wehrt sich der Lobbyverband ADFC gegen eine Helmpflicht. Kaum ein Politiker hält dagegen, Bundesverkehrsminister Ramsauer setzt auf Freiwilligkeit, der grüne Verkehrsminister Hermann will erstmal eine neue Studie abwarten.

Moment, denkt sich der aufmerksame Radfahrer, da stimmt doch etwas nicht? Stimmt, bis kurz vor der Sendung lautete der Titel noch etwas anders — Spuren davon finden sich noch auf Kontraste-Seite auf facebook, da wird angekündigt:

Ein erster Blick auf unsere Themen morgen Abend: Absurder Freiheitswahn: Radfahrerlobby gegen Helmpflicht // Tatenlose Gewerkschaften: Leiharbeiter als Streikbrecher // Überwachungsskandal: Was darf der Bundesnachrichtendienst? „Kontraste“, am Donnerstag um 21:45 Uhr im Ersten!

Offenbar fiel auch der Redaktion noch auf, die Sache etwas überdreht zu haben und jemand wurde beauftragt, sämtliche Titel auf der eigenen Webseite zu ändern. Nun ist der Freiheitswahn nicht mehr absurd, sondern nur noch umstritten. Das ist, das muss man dem Magazin zugestehen, durchaus keine verkehrte Beschreibung des Sachverhaltes, wenngleich es objektivere Synonyme für den Freiheitswahn gegeben hätte.

Man muss den Beitrag zum Glück nicht anschauen, es gibt auch eine Textfassung — unbedingt besser ist die allerdings nicht.

Das fängt schon mit der Einleitung an. Zugeparkte Schutzstreifen werden da gezeigt, Radfahrer im Seitenspiegel, ein paar Unfälle, aufgelockert mit den Unfallursachen: Vom Auto übersehen, vom Lastkraftwagen überrollt. Das klingt ja bislang so, als müsse primär etwas an der Infrastruktur geändert werden. Heute soll es aber um Fahrradhelme gehen und damit kein falscher Eindruck entsteht, ergänzt der Sprecher: „Aber sie stürzen auch allein oder kollidieren mit anderen Radfahrern.“

Die Dramaturgiekurve verlangt nun nach der Befragung eines Menschen im weißen Kittel, der von der überragenden und nicht anzweifelbaren Wirksamkeit des Fahrradhelmes berichtet. Kontraste fand dafür für diese Rolle Dr. Uli Schmucker aus dem Unfallkrankenhaus Berlin:

Der Fahrradhelm schützt definitiv den Kopf, da gibt es eigentlich keine Diskussion, das ist wissenschaftlich bewiesen, das ist die klinische Erfahrung, die Unfallchirurgen tagtäglich machen.

Ob dieser Worte schreit jeder helmkritische Radfahrer sofort aus, aber genommen sagt Dr. Schmucker ja nichts falsches: Ein Helm schützt. Und da gibt es auch hinreichend viele wissenschaftliche Untersuchungen zu. Und es lässt sich auch nicht in Abrede stellen, dass Unfallchirurgen diese Erfahrung tattäglich machen. Und in der Begründung des Urteils des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichtes legt ein Sachverständiger dar, dass ein Fahrradhelm just jene aufgetretenen Verletzungen wenigstens gemindert hätte.

Interessanter ist, was Dr. Schmucker nicht sagt. Zum Beispiel, dass ein Helm keineswegs in jeder denkbaren Situation schützt — zum Beispiel dürften die Krafteinwirkungen auf das Gehirn bei den Unfällen, mit denen der Kontrase-Beitrag ausgeschmückt wurde, jenseits jeglicher Kompensationsfähigkeit eines Fahrradhelmes gelegen haben. Wird ein Radfahrer von einem fünfzig Kilometer pro Stunde fahrenden Kraftfahrzeug frontal erfasst, wehrt der Helm vielleicht einige Splitter ab, hält sich ansonsten aber aus dem Unfallgeschehen heraus. Gegen die Reifen von Lastkraftwagen, die gefühlt ständig durchs Bild rollen, kann nicht einmal ein stabiler Motorradhelm etwas ausrichten. Und wenn man mit dem Kopf gegen eine plötzlich geöffnete Autotür knallt, bleibt der Helm eventuell ebenfalls außen vor — darum ging es beim Schleswiger Urteil auch bloß um die Verletzungen, die beim anschließenden Aufprall auf den Boden entstanden sind. Es gibt zu der Wirksamkeit der Fahrradhelme auch eine ganze Reihe unterschiedlicher Studien, von denen allerdings nur die wenigsten von dieser hier so glorifizierend dargestellten Wirksamkeit ausgehen — insofern hätte sich Dr. Schmucker durchaus differenzierter äußern dürfen.

Es kommen zu Wort: Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, der auf freiwilliges Helmtragen setzt, und ein paar Radlinge, aufgegabelt auf der Straße, von denen die üblichen Argumente zu Protokoll gegeben werden: Doof, hässlich, die Frisur. Übrigens sind das nur die Argumente gegen einen Fahrradhelm, die naturgemäß immer ein bisschen blöd daherkommen. Die Argumente gegen eine Helmpflicht, um die es hier eigentlich geht, lauten etwas anders und gründen vor allem auch auf mehr Substanz, aber danach hat der Redakteur offenbar nicht gefragt. Während noch ein paar Horror-Crashtest-Szenarien eingespielt werden, staunt der Sprecher: „Schockierende Unfallbilder mit Crashtest-Dummys, Aufklärungskampagnen, Appelle an die Vernunft: Dies alles hilft offensichtlich nicht gegen Eitelkeit und Ignoranz.“

Ein bisschen Ignoranz muss sich allerdings auch die Kontraste-Redaktion vorhalten lassen. Einen derartig Pro-Helmpflicht gefärbten Beitrag mit lauter Unfallbildern zu spicken, bei denen ein Helm ohnehin nur eine Nebenrolle gespielt hätte, ist nun auch nicht gerade von Vernunft geprägt. Stattdessen versuchen die Berlin-Brandenburger durchaus geschickt, das Fahrradfahren wieder in die gefährliche Ecke zu rücken, aus der es in den letzten Jahren mit Mühe entkommen ist.

Ausdrücklich gelobt wird Klaus-Peter Hesse aus der Hamburger Bürgerschaft für sein, naja, kompromissloses Eintreten für eine Helmpflicht. Der CDU-Mann sieht die Politik in der Pflicht, endlich einzuschreiten. Hätte die Kontraste-Redaktion auch nur ein entferntes Interesse an einem ausgewogenen Beitrag gehabt, käme spätestens jetzt die Frage: Was kann man denn noch so gegen die Gefahren unternehmen, die es ja nunmal beim Radfahren gibt? Womöglich hätte die Redaktion den Blick über die Bundesgrenzen nach Norden und Westen gewagt und mal geforscht, wie denn da das sichere Radfahren funktioniert, wo nur wenige Radfahrer einen Helm tragen und noch weniger über die Gefährlichkeit des Radfahrens philosophieren. Ein valides, wenn auch immer noch diskutables Ergebnis eines solchen Besuches hätte sein können: Oh, die haben eine tolle Radverkehrsinfrastruktur, da funktioniert das Miteinander auf der Straße, die brauchen keine Helme, in Deutschland gibt es das nicht, es wird auch niemals eine solche Infrastruktur geben, also muss eine Helmpflicht her.

Der Beitrag macht kurz einen Abstecher nach Schleswig, um über das so genannte Fahrradhelm-Urteil zu sprechen, und besucht anschließend den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, den der Sprecher schon beinahe in Anführungszeichen setzt:

Ihr Lobbyverband, der ADFC, will gemeinsam mit der Anwältin bis zum Bundesgerichtshof gehen, um das Urteil der Richter zu kippen. Seine Sprecherin kommt demonstrativ ohne Helm zum Interview, denn ihr Club ist strikt gegen eine gesetzliche Helmpflicht.

Es ist nun wirklich nicht verwunderlich, dass der nicht getragene Helm erwähnt wird. Wenn der Beitrag sich nunmal um den Helm dreht, dann macht man auf den Umstand eben aufmerksam. Bettina Cibulski darf dann berichten, was die Kontraste-Redaktion zuvor nicht herausgefunden hat: Zum Beispiel, dass ein Fahrradhelm eben nur ein Teilaspekt der Sicherheit im Straßenverkehr ist, viel wichtiger aber erst einmal eine vernünftige Verkehrsführung und eine bessere Akzeptanz wäre.

Kontraste gesteht zwar ein, dass die Aussage nicht ganz falsch wäre, zweifelt aber den Nutzen einer besseren Radverkehrsinfrastruktur an und schaut: Ausgerechnet nach Münster. In Münster mögen zwar viele Radfahrer unterwegs sein, eine Glanzleistung dürfte die dortige Radverkehrsinfrastruktur allerdings nicht gerade darstellen. So schwurbelt dann auch die Argumentation im Beitrag lustig hin und her: Erst wird behauptet, eine bessere Infrastruktur bringe keine Verbesserung in die Unfallstatistik, dann geht’s wieder um die rabiaten Autofahrer, die gar nicht so rabiat wären, um dann wieder festzustellen, dass viele Radfahrer auch bei Alleinunfällen verunglücken.

Bei aller Verachtung gegen Radfahrer lässt sich aber nun wirklich nicht unterstellen, die wären einfach zu doof, um nicht vom Sattel zu purzeln: Bei den Alleinunfällen ist zwar kein anderer Verkehrsteilnehmer beteiligt, aber meistens eine schlechte Infrastruktur ursächlich. Statt nach Münster hätte man ja nach Kopenhagen fahren können: Dort werden Fahrbahn und Radweg an den Kreuzungen nicht mit zentimeterhohen Kanten getrennt, die optisch hübsch anzusehen, im Regen aber teilweise brandgefährlich sind, es gibt nicht alle paar Meter Pfosten auf den Radwegen, um parkende Kraftfahrzeuge abzuwehren, weil nämlich kaum jemand auf die Idee kommt, dort einen Radweg zuzuparken, und außerdem werden Radwege dort mitunter als Prachtboulevard angelegt und nicht als handtuchbreiter Teerstreifen zwischen das gegossen, was nach dem Bau der extrabreiten Fahrbahn zum Gehweg hin noch übrig bleibt.

Das unterschlägt Kontraste allerdings lieber — und wirft dem ADFC vor, nicht für eine Helmpflicht zu werben, sondern „bemerkenswerte Szenarien“ zu entwerfen. Und diese Argumentationslinie des Beitrages ist langsam wirklich unfassbar frech: Der ADFC lehnt eine Helmpflicht ab, empfiehlt aber explizit das freiwillige Tragen eines Fahrradhelmes — das hat Kontraste nur nicht so richtig mitbekommen. Vermutlich ist der ADFC sogar nicht ganz unschuldig am Schleswiger Fahrradhelm-Urteil, das er nun zu bekämpfen versucht, weil er mit seinen Fahrradhelm-Empfehlungen womöglich dazu beigetragen hat, dass der Helm heutzutage als sinnvolle Schutzausrüstung für Radfahrer gilt.

Und das, was Kontraste als „bemerkenswertes Szenario“ bezeichnet, ist wenigstens wissenschaftlich belegt, anders als etwa die oben gar nicht weiter in Frage gestellte Wirksamkeit des Fahrradhelmes. Mit der Einführung einer Helmpflicht verschwanden in vielen Ländern ganz wesentlich die Radfahrer aus dem alltäglichen Straßenbild. Das will Kontraste allerdings nicht wahrhaben und zieht stattdessen Parallelen zur Gurtpflicht, die zwar ein in solchen Diskussionen gern verwendeter Kunstgriff sind, mit dem eigentlichen Thema allerdings nicht so viel zu tun haben. Das fängt damit an, dass die Wirksamkeit eines Sicherheitsgurtes wissenschaftlich erwiesen ist und er nicht mit den vielen Nachteilen ausgestattet ist, mit denen sich ein Fahrradhelm herumschlagen muss. Den Gurt muss man nicht nach dem Anschließen des Fahrrades überall mitschleppen, er trägt nicht auf, man kann ihn nicht vergessen und vor allem: Es gibt für Autofahrer unter diesem Aspekt keine bessere Alternative.

Der Radverkehr steht in Deutschland auf ausgesprochen wackeligen Beinen, ein Großteil der Verkehrsteilnehmer radelt auch im so genannten Fahrrad-Boom nur an zwei oder drei Sonntagen im Sommer und auch nur wenn es nicht zu heiß und nicht zu kalt und nicht zu windig und nicht zu bewölkt ist: Als Alternative steht in der Regel noch das Auto vor der Tür. Bei der Gurtpflicht gab es dieses Problem nicht, weil die Leute keinesfalls daran dachten, aus Protest gegen den Gurt aufs Rad oder in öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Vor vernichtender Kritik sind noch nicht einmal die erklärten Fahrradhelm-Freunde Christian Carius und Winfried Hermann sicher. Carius wird plötzlich als Vertreter des freiwilligen Helmtragens zitiert, Hermann möchte vor der Einführung einer Helmpflicht erst einmal deren Auswirkungen untersuchen. Offenbar hatte die Kontraste-Redaktion hier arge Mühe, den beiden Politikern nicht einen animierten Weichei-Stempel auf die Stirn zu drücken. Überhaupt wirft diese Stelle Fragen auf: Wollte man die beiden Politiker nun als Wendehälse inszenieren, die ihr Fähnlein im Sturm der Entrüstung gedreht haben? Inwiefern ist es denn sogar für einen Befürworter der Helmpflicht verkehrt, erst einmal deren Auswirkungen zu untersuchen?

Der Beitrag schließt mit den zynischen Worten:

So bleibt dem Fahrradfahrer auch weiterhin die Freiheit, sich seinen Schädel kaputt schlagen zu lassen — Hauptsache, die Frisur sitzt.

Da fällt einem auch einfach nichts mehr zu ein. Kein Wunder, dass dieser so genannte Krieg auf der Straße immer weiter befeuert wird, wenn Radfahrer nicht einmal mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern sorgfältig in der dritten Person verpackt wie idiotische Rowdys dargestellt werden. Bloß gut, dass die Kontraste-Redaktion trotz ihres Talentes, knappe neun Minuten mit einem derartigen Unsinn zu füllen, so weit über die Stränge geschlagen ist, dass noch nicht einmal eingefleischte Fahrrad-Hasser auf diese Propaganda anspringen wollen. Dieses niedrige Niveau ist nicht einmal mehr peinlich, das ist nur noch skandalös.

Immerhin dessen ist sich auch Kontraste sicher:

So kann man das sehen, muss man aber nicht.

Im dazugehörigen Blog geht es derweil heiß her.

Winfried Hermann will jetzt die Helmpflicht

Der Baden-Württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann findet Fahrradhelme nicht nur chic, sondern als Schutzmaßnahme beim Radfahren unabdingbar: Verkehrsminister will Helmpflicht für Radfahrer

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat seiner Forderung nach einer Helmpflicht für Fahrradfahrer Nachdruck verliehen.

Schade, dass die Meldung im FOCUS nicht besonders ergiebig ist: Es wäre interessant zu erfahren, ob der Verkehrsminister seit seinem damaligen Interview noch neue Erkenntnisse gewonnen hat.

Winfried Hermann: Fahrradhelme sind chic

Wie es in der Politik eben Tradition ist, kommen auch zum Thema Helmpflicht erst einmal alle Politiker zu Wort, ganz egal, ob sie sich mit dem Thema befasst haben oder nicht. Nach Thüringens Verkehrsminister Christian Carius ist nun beim gleichen Autor sein grüner Kollege Winfried Hermann aus Baden-Württemberg an der Reihe: „Die sind chic“. Abgesehen von der Parteizugehörigkeit zeigen sich allerdings wenig Unterschiede zwischen beiden Ministern.

WELT AM SONNTAG: Herr Minister Hermann, warum fordern Sie eine gesetzliche Helmpflicht für alle Radfahrer in Deutschland?

Winfried Hermann: Es muss jede Möglichkeit genutzt werden, um die Köpfe der Radfahrer vor schwerwiegenden Verletzungen zu schützen. Eine bessere Methode als den Helm kenne ich nicht. Er ist das Schutzschild Nummer eins. Das werden Ihnen die Ärzte in jedem Unfallkrankenhaus bestätigen.

Der Anfang verheißt schon nichts besonders Gutes, denn mit der Anspielung auf die Ärzte bringt Hermann gleich zu Beginn das wenig sinnvolle Ratespiel in Gang, welche Kopfverletzung in welchem Fall mit einem Fahrradhelm denn zu verhindern gewesen wäre. Am Ende kommt meistens etwas in der Form von „Hätte er einen Helm getragen, wäre er ohne jetzt tot“ dabei heraus. Sicherlich sind Ärzte jeden Tag mit grausamen Unfallfolgen konfrontiert, daraus aber in einem Nebensatz zu schließen, dass mit Fahrradhelm alles viel besser wäre, scheint doch etwas gewagt.

Auf dem gleichen Niveau bewegt sich der Rest des Absatzes, denn die Köpfe der Radfahrer werden vor allem geschützt, indem Unfallrisiken minimiert werden. Nur wegen eines Fahrradhelmes wird aus einer schwerwiegenden Verletzung keine leichte oder gar keine Verletzung, sondern in der Regel nur eine mittelschwere. Ein Fahrradhelm schützt vor Kratzern und Beulen, die bei leichten Kollisionen entstehen, sobald aber tatsächlich eine kräftige Einwirkung auftritt, wird sie vom Helm nicht kompensiert, sondern nur um einen bestimmten Faktor vermindert. Das spricht insgesamt nicht für eine Art von Schutzschild Nummer eins, denn primär sollte es doch darum gehen, Unfälle überhaupt zu vermeiden, anstatt nur die Folgen etwas abzumildern (wenngleich letzteres ohne Frage im Ernstfall auch schon ein Gewinn sein kann).

Wie schon so oft in diesem Blog erwähnt sollte es also primär darum gehen, die Unfallrisiken abzubauen. Das erreicht man hoffentlich mit besseren Radverkehrsanlagen, besserem Verkehrsunterricht, der sich nicht nur in der vierten Klasse der Grundschule abspielt, und einem generellen Umdenken im Straßenverkehr. Den Helm als Schutzschild Nummer eins anzupreisen ist hingegen nicht mal mehr Blödsinn.

WELT AM SONNTAG: Wäre eine Helmpflicht für Kinder und Jugendliche bis zwölf, 15 oder 18 Jahren für Sie ein Anfang?

Winfried Hermann: Dass es nicht einmal für Kleinkinder im Kindersitz und in Fahrrad-Anhängern eine Helmpflicht gibt, finde ich fahrlässig. Schließlich gibt es beim Autofahren ja auch die Pflicht, dass Kinder in ihrem speziellen Sitz hinten sitzen müssen. Helmpflicht für Kinder und Jugendliche wäre ein Anfang, aber letztlich zu wenig. Denn die Schädel der Erwachsenen sind im Fall des Falles auch keine Hartschalen.

Genau wie Kollege Carius verkennt Hermann den Unterschied zwischen Fahrradhelm und Sicherheitsgurt. Der Sicherheitsgurt ist ein wesentlicher Schutzmechanismus, dessen positive Wirkung mittlerweile wissenschaftlich hinreichend untersucht wurde. Und obwohl der Fahrradhelm ebenso etabliert als Schutzeinrichtung ist, gibt es bezüglich der dazugehörigen Studien noch immer kein eindeutiges Urteil, das ihm die Schutzeinrichtung, die ihm quasi als Vorschuss geleistet wurde, tatsächlich zusprechen könnte. Momentan sieht es immer noch danach aus, als sei die Schutzwirkung relativ gering.

Dennoch kann ein Fahrradhelm bei Kindern aufgrund der noch nicht ausgebildeten motorischen Fähigkeiten durchaus sinnvoll sein.

WELT AM SONNTAG: Es gibt zu dem Thema nur wenige Studien – meist stammen sie aus dem Ausland -, die eine Helmpflicht nahelegen. Muss Bundesverkehrsminister Ramsauer eine deutschlandweite Untersuchung in Auftrag geben?

Winfried Hermann: Leider gibt es zu vielen Fragen der Verkehrssicherheit von Radfahrern nicht ausreichend wissenschaftlich abgesicherte Daten. So wird beispielsweise statistisch nicht einmal festgehalten, ob ein Radfahrer bei einem Unfall einen Helm getragen hat. Da müsste man zukünftig nur die Unfallstatistik differenziert führen.

Es wäre wirklich wünschenswert, wenn der Radverkehr insgesamt und nicht nur bezüglich seiner Verkehrssicherheit genauer untersucht würde. Wenn man allerdings die Ergebnisse aus anderen Ländern, etwa aus Australien anschaut, so scheint „wenige Studien“ noch eine Untertreibung zu sein. Nach Einführung der Helmpflicht ist der Radverkehr um ganze 40 Prozent zurückgegangen, die Unfallzahlen allerdings nicht. Eine Helmpflicht macht den Radverkehr unattraktiv und arbeitet damit in genau die entgegengesetzte Richtung, die man angesichts des momentanen Fahrradboomes einschlagen sollte. Wenn man sich allerdings schon auf die anderen Länder bezieht, so sollte auch ein Politiker nicht übersehen, dass unsere Nachbarn mit weiter entwickelten Fahrradkulturen ohne eine Helmpflicht auskommen.

WELT AM SONNTAG: Ramsauer hat die Radfahrer gewarnt: Sollte sich die Helmtragequote nicht bald von neun auf mehr als 50 Prozent erhöhen, könne der Kopfschutz Pflicht werden. Reicht dieser Appell nicht aus?

Winfried Hermann: Das ist eine Drohung wie einst beim Dosenpfand, als die Recyclingquote bei Pfandflaschen zurückging. Wie soll eine derart komische allgemeine Drohung beim Einzelnen wirken?! Der Bundesverkehrsminister sollte entweder eine überzeugende Kampagne zum Helmtragen machen oder mit den Ländern die Tragepflicht vorbereiten.

Immerhin: hier hat Hermann in allen drei Sätzen recht. Die freiwillige Helmpflicht ist kaum mehr als eine Lachnummer und blieb, wie leider beim Bundesverkehrsminister üblich, ohne jegliche Argumente.

WELT AM SONNTAG: Schätzungen zufolge schützt sich bisher nur jeder zehnte Radfahrer mit einem Helm. Sind die Kappen einfach zu unbequem und unpraktisch?

Winfried Hermann: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich die ‚Schmerzen‘ beim Tragen eines Helms sehr in Grenzen halten. Mittlerweile sind die Helme bequem, praktisch und chic. Manche haben schon fast Kultstatus, sehen aus wie Hüte oder freche Mützen.

Man mag über Fahrradhelme vieles denken, aber einem modischen Nutzen dürften nur die wenigsten Radfahrer den allerwenigsten Fahrradhelmen abgewinnen, von einem Helm mit Kultstatus schon ganz zu schweigen. Von frechen Mützen dürften sich hingegen allenfalls präpubertäre Radfahrer angezogen fühlen.

Ob Fahrradhelme bequem sind, ist ebenfalls sicherlich Einstellungssache. Ein teurer Helm aus dem Fachhandel kann sicher bequem sein, ein billiger Fahrradhelm wird leider erst bequem, wenn man ihn falsch trägt, also den Kinnriemen zu locker einstellt oder den Helm nicht an den Kopfumfang anpasst. Was Hermann mit praktisch meint, ist vollkommen unklar — ein Fahrradhelm hat primär eine einzige Funktion, nämlich den Kopf zu schützen. Man kann mit ihm weder ins Internet noch eine Kiste Bier transportieren, also ist der praktische Nutzen allenfalls die Belüftung für den sprichwörtlichen kühlen Kopf, die sich aber auch erst in teuren Modellen merklich einstellt. Spätestens nach dem Absteigen ist ein Helm eher unpraktisch, sofern man ihn nicht am Fahrrad anschließen möchte und ihn ständig mit herumschleppt. Und, naja, ob ein Helm schick ist, das soll an dieser Stelle wirklich Auslegungssache bleiben.

WELT AM SONNTAG: Manche sehen in der Helmpflicht einen Anschlag auf die Entscheidungsfreiheit der Bürger. Ist die Pflicht eine unangemessene staatliche Bevormundung?

Winfried Hermann: Nein. Jede Regel im Straßenverkehr kann aus dieser Grundsatzperspektive als Zumutung empfunden werden. Aber diese Regel würde den Schutz der Radfahrer deutlich verbessern. Man muss das Freiheitsgefühl ohne Helm gegen das Verletzungsrisiko abwägen. Ich entscheide mich für Gesundheitsschutz.

Man kann gegen Hermann auf verschiedene Arten argumentieren. Einerseits hat er Recht, denn mancher Autofahrer empfindet jedes einzelne Straßenschild als unzulässige Einschränkung seiner Freiheit und verhält sich treu dem dienstältesten Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“.

Andererseits tut sich tatsächlich so langsam ein überfürsorglicher Staat auf, der mit Verboten alles regeln möchte, was dem Bürger schaden könnte. Bei dem Rauchverbot mag das noch funktionieren, bei Tempolimits auch, nur lässt sich unter der Fahne des Gesundheitsschutzes so ziemlich alles durchdrücken, doch gerade Radfahren ist im Vergleich zu anderen Aktivitäten noch relativ ungefährlich, als dass plötzlich eine Helmpflicht für den Gesundheitsschutz akute Notwendigkeit zeigen könnte. Die Gegner einer Helmpflicht argumentieren allerdings keinesfalls nur mit zerstörten Frisuren und Einschränkungen der persönlichen Freiheit, sondern weisen vielmehr auf die bereits bekannten Nachteile einer Helmpflicht hin, die insgesamt negative Auswirkungen auf den Gesundheitsschutz zeigen. Dass der Staat immer wieder neue halbgaren Verbote und undurchdachte Regelungen zum Schutze der Bürger und Umwelt präsentiert, ist natürlich hinreichend lästig — man denke da etwa an die kontroversen Diskussionen zum E10-Superbenzin, zur Energiesparlampe, zum Rauchverbot und zu Internetsperren gegen Kinderpornografie. Damals argumentierten Politiker, die sich argumentativ in einer Sackgasse wiederfanden, auch gerne damit, dass jene Maßnahmen zwar die Freiheit des Einzelnen einschränken mögen, dagegen aber doch ein sehr viel stärkeres Interesse der Gesundheit, des Kinder- oder des Umweltschutzes stünde — was sich ja leider in allen vier Beispielen nicht bewahrheitet hat.

Damals, als um die Einführung der Gurtpflicht debattiert wurde, war ein Eingreifen des Staates angesichts der horrenden Unfallzahlen und der Auswirkungen sogar relativ harmloser Unfälle dringend geboten. Auch heute ist natürlich jeder getötete und jeder verletzte Radfahrer einer zu viel, doch anstatt der Problematik mit einer Helmpflicht zu begegnen, deren Nutzen, wie bereits häufiger erwähnt, keinesfalls so eindeutig scheint, sollten viel mehr andere Problemfelder bearbeitet werden, die dem gesundheitlichen Wohl eines Radfahrers viel eher nützen.

Und es soll an dieser Stelle nicht der Hinweis fehlen, dass es durchaus noch weitere Aktivitäten gibt, bei denen der menschliche Kopf überdurchschnittlich gefährdet ist — relativ viele Aktivitäten im Haushalt zählen ebenso dazu wie Autofahren. Beim Thema Volksgesundheit muss außerdem geklärt werden, warum denn Alkohol und Zigaretten noch nicht verboten sind — der dadurch entstandene Schaden dürfte sehr viel größer sein als alles, was Fahrradunfälle aufsummieren könnten.

WELT AM SONNTAG: Radfahren könnte bei einer Helmpflicht für viele Menschen deutlich weniger attraktiv werden und dem Ziel schaden, mehr Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen. Teilen Sie diese Kritik der Verbände?

Winfried Hermann: Nein. Am Helm wird das Umsteigen auf das Fahrrad nicht scheitern, wenn es mit der Zeit so selbstverständlich wird wie das Anlegen eines Sicherheitsgurts im Auto oder das Tragen eines Motorradhelms. Radfahren ist auch mit Helm praktisch schon attraktiv.

Obwohl das Radfahren momentan boomt, ist das Fahrrad sicherlich noch immer nicht attraktiv, sondern muss sich ständig gegen das Auto behaupten — nicht nur auf der Straße, sondern in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer, die immer wieder und immer neue Gründe finden, um auch kurze, staugefährdete Wege ins parkplatzlose mit dem ökologisch problematischen Automobil zurückzulegen. Dass man mit dem Auto zum Einkaufen fährt, mag angesichts der Transportmenge verständlich sein, warum aber auch viele Wege zu Freizeitzielen trotz akzeptabler Nahverkehsinfrastruktur mit dem eigenen Wagen bewältigt werden, ist eben doch noch eine Frage der Attraktivität: und da wird in unserer Gesellschaft das Auto deutlich höher bewertet als ein Fahrrad. Und letztlich zeigen die schon erwähnten Helmpflicht-Erfahrungen aus anderen Ländern, dass ein Umstieg vom Rad aufs Auto angesichts einer Pflicht deutlich erleichtert wird.

WELT AM SONNTAG: Würden sichere Radwege nicht viel mehr bringen als eine Helmpflicht?

Winfried Hermann: Wir brauchen beides. Auch auf Radwegen kann man stürzen oder mit anderen zusammenstoßen. Notwendig ist vor allem ein Gesamtkonzept zur Verbesserung der Sicherheit von Radfahrern.

Weder mit einer Helmpflicht noch mit der Verbesserung von Radwegen allein kann die Sicherheit im Radverkehr gesteigert werden, das ist soweit nicht verkehrt. Allerdings passieren Stürze oder Zusammenstöße auf Radwegen ja nicht aus Zufall oder höherer Gewalt, sondern zum Großteil aufgrund von Gegenverkehr, schlechter Radwegoberflächen und anderen Hindernissen. Dass Radfahrer einen Radweg in der Gegenrichtung benutzen ist schlimm genug, dass aber einige Radwege trotz baulicher Mängel in beide Richtungen freigegeben sind, an parkenden Autos oder anderen Hindernissen vorbeiführen und womöglich noch von Wurzelaufbrüchen gezeichnet sind, ist hingegen schon mehr als nur grobe Fahrlässigkeit von Seiten der Behörden.

WELT AM SONNTAG: Das Geld ist knapp. Müssten die Kommunen und Länder, also auch Sie, nicht dafür sorgen, dass es radgerechter zugeht? Müssen die Städte umgebaut, müssen Radschnellwege angelegt und Straßen für Autos gesperrt werden?

Winfried Hermann: Wir brauchen sichere Radwege, am besten Schutzstreifen auf Straßen mit viel Autoverkehr, und wir brauchen eine andere Kultur der Vorsicht und Rücksicht auf Straßen und Wegen.

Das ist korrekt — diese in den letzten Jahrzehnten aus dem Hochbord hervorgeschossenen Asphalt-Radwege von gerade mal einem Meter Breite, die zwar munter zwischen Außengastronomie, Parkplätzen und Hecken entlangführen, aber nicht durch den Sichtbereich des Kraftfahrzeugverkehrs, sind wesentliche Unfallschwerpunkte, allein schon aufgrund ihrer baulichen Unzulänglichkeiten. Mit Schutzstreifen auf der Fahrbahn ist es alleine nicht getan, denn an vielen Straßen zeigt sich nun, dass Radfahrer den neuen Radverkehrsanlagen misstrauen und aus vermeintlicher Sicherheit plötzlich auf dem Gehweg unterwegs sind, gerade an Straßen mit höherem Verkehrsaufkommen. Auch hier sollte parallel zur Einführung eine entsprechende Informationskampagne vorbereitet werden: statt in der Presse Halbwahrheiten über die angeblichen Pflichten der Radfahrer zu verbreiten, könnte man sich ja des vernünftigen Fahrradfahrens annehmen.

WELT AM SONNTAG: In den Städten gibt es immer mehr Leihfahrradsysteme. Müssten die nicht zum Rad auch einen Helm anbieten?

Winfried Hermann: Das wäre sicherlich eine gute Ergänzung, passend zum Spezialdesign der Räder. Helm und Leihfahrrad sollten mit dem gleichen Schloss befestigt oder freigegeben werden.

Immerhin hat sich Hermann zum Thema Leihrad eine Antwort zurechtgelegt, das kann man von seinem Kollegen Carius leider nicht behaupten. Aber auch hier gilt: ein Fahrradhelm mit unbekannter Lebensgeschichte schützt nicht. Ein Radfahrer, der gerade im Begriff ist, sich ein Rad zu leihen, weiß ja überhaupt nicht, wie oft der dazugehörige Helm schon heruntergefallen ist oder ob er aufgrund finanzieller Zwänge womöglich schon vom Anbieter notdürftig geklebt wurde. So etwas funktioniert nicht, außer man bringt seinen eigenen Helm zum Leihrad — dann kann man sich allerdings theoretisch auch gleich ein eigenes Fahrrad mitbringen.

WELT AM SONNTAG: Einige Radfahrer übersehen gern Ampeln und Stoppschilder. Störende Autofahrer werden zur Not durch einen gezielten Schlag aufs Dach ermahnt. Müssen Radfahrer mehr für das Miteinander im Straßenverkehr tun?

Winfried Hermann: Auch mich ärgern Radfahrer, die beispielsweise nachts schwarz gekleidet, ohne Licht und Helm bei Rot über die Ampel fahren. Straßenverkehrsregeln gelten selbstverständlich auch für Radfahrer. Als alltagserfahrener Radfahrer weiß ich aber auch, dass Radler oft in Versuchung geraten, die Regeln zu verletzen, weil die Radwege zugeparkt sind oder im Nichts enden. Klar ist aber, dass sich alle Verkehrsteilnehmer stärker rücksichtsvoll vor allem gegenüber den Schwächeren verhalten sollten. Ich bin für eine neue Fairnesskultur auf den Straßen.

Eine neue Fairnesskultur ist großartig — mehr dazu im nächsten Absatz. Tatsächlich hat man momentan als Radfahrer eher das Gefühl, dass es keine Regeln gäbe, weil man ja bei Behörden, Politik und Polizei allenfalls als Fußgänger mit Rädern gilt und auch als solcher behandelt wird. Und im Zusammenhang mit der mangelhaften Regelkenntnis, sowohl bei Rad- als auch bei Autofahrern, bildet sich eben die Überzeugung, man dürfe sich ziemlich viel erlauben, was auch Fußgängern gestattet ist. Auf diese Weise landet so mancher eben plötzlich in der Fußgängerzone oder fährt über die rote Ampel, weil das als Fußgänger eben auch nicht sonderlich schlimm ist.

Ein Radfahrer, der einen zugeparkten Radweg verlässt, begeht übrigens keine Regelverletzung, selbst wenn der Radweg als Benutzungspflichtig gekennzeichnet ist — hingegen übertritt er die Regeln, wenn er statt über die Fahrbahn den Gehweg zur Umfahrung wählt.

Plötzlich endende Radfahrer sind hingegen viel problematischer und reihen sich prima in die alltäglichen Radverkehrsführungen ein. Ein Radfahrer fährt beispielsweise eine Straße entlang, an der es keinen Radweg gibt, er muss also auf der Fahrbahn fahren. Ohne dass sich die Verkehrssituation sonderlich geändert hat, wird er plötzlich von Zeichen 240 auf den Gehweg gezwungen — nach der nächsten Kreuzung wird das Zeichen allerdings nicht wiederholt, also muss er plötzlich wieder zurück auf der Fahrbahn. Womöglich gibt es im weiteren Verlauf einen so genannten Anderen Radweg ohne Benutzungspflicht, der dann wieder nach einiger Entfernung endet. Wer mag es den Radfahrern angesichts dieses Wirrwarrs, das meistens historisch gewachsen ist und nicht einmal von den zuständigen Behörden befriedigend erklärt werden kann, noch verdenken, wenn man aus Sicherheitsgründen generell den Gehweg oder generell die Fahrbahn beradelt, auch wenn es sich dabei um eine Regelübertretung handelt?

Und bezüglich Licht und technischer Ausstattung spricht Hermann ein bereits heute bekanntes Problem an: es ist schon heute verboten, ein nicht-verkehrssicheres Fahrrad zu bewegen und nachts ohne Licht unterwegs zu sein. Und nebenbei erwähnt ist es auch heute schon verboten, über rote Ampeln oder auf Gehwegen zu fahren. Und das Parken auf Radwegen und Belehren mit einem ganzen Personenkraftwagen als Hilfsmittel ist ebenfalls nicht erlaubt. Nur: stören tut es niemanden. Warum sollte also eine Helmpflicht plötzlich den Anteil der Helmträger wesentlich steigern? Schon heute hat die Polizei keine Kapazitäten, um sich um harmlose Unfälle zu kümmern, selbst handfeste Nötigungen, egal ob von Auto- oder Radfahrern, finden heute keine Beachtung. Selbst mit defekter Beleuchtung und kaputten Bremsen kann man bis zur ersten roten Kelle noch hunderte Kilometer zurücklegen — warum sollte also plötzlich die Kapazität zur Sanktionierung jeglicher Gesetzesverstöße vorhanden sein? Und wenn ein Radfahrer einen motorisierten Verkehrsteilnehmer mit einem Handschlag aufs Dach ermahnen kann, läuft grundsätzlich etwas verkehrt, denn normalerweise sollte der Abstand zwischen Autos und Fahrrädern mehr als eine Armlänge messen.

WELT AM SONNTAG: Wie soll die aussehen? Und machen Sie doch einmal einen konkreten Vorschlag, wie man gegen Rad-Rowdys vorgehen sollte.

Winfried Hermann: Man fühlt sich als Radler oft wie Freiwild für Autofahrer. Daraus leiten manche offenbar ab, dass es keine Regeln gibt, und werden dabei selbst zu einer Gefahr für Fußgänger. Das geht gar nicht. Da müssen die Ordnungskräfte endlich auch mit Verwarnung und Bußgeldern eingreifen.

Sanktionen gegen Radfahrer haben leider wieder den Geruch von der deutschen Hau-Drauf-Mentalität, mit denen man im Endeffekt nur wieder den Radverkehr reduziert — schließlich holt man damit längst nicht nur die tatsächlich störenden Rad-Rowdys von der Straße, sondern auch allerhand Gelegenheitsradler, die ohne böse Absichten und unwissend auf dem linken Radweg oder auf dem Gehweg unterwegs waren.

Echte Kampfradler wird man mit Bußgeldern kaum abschrecken können, den Gelegenheitsradverkehr aber durchaus — stattdessen könnte man, wie schon häufiger erwähnt, mit mehr Bildung und Regelkenntnis versuchen, so manche Unfallschwerpunkte zu entschärfen. So lange aber Polizei oder Bürgermeister in einer Stadt per Pressemitteilung empfehlen, an Straßen ohne Radweg den Gehweg zu befahren, weil es dort angeblich viel sicherer sei, sollte aber in der nächsten Stadt die Polizei nicht die Gehwegradler abkassieren, die dort ja schließlich nur aufgrund falscher Sicherheitsvorstellung und weit ab vom rowdyhaften Radfahren unterwegs waren.

Vermutlich kostet ein vernünftiger Fahrradunterricht allerdings zu viel Geld — es ist aber durchaus wichtig, mit den vielen verschiedenen Interpretationen der Radverkehrsregeln abzuschließen. Das betrifft nicht nur linke Radwege und Gehwege, sondern beispielsweise auch Vorfahrtsregeln am Kreisverkehr, die vermutlich nur ein Bruchteil der Verkehrsteilnehmer beherrscht. Mit Bußgeldern wählt man sicherlich den schmerzhafteren Lernweg, um Radfahrer zu vergrämen, mit Bildung den definitiv sinnvolleren. Aber, wie bereits bei der vorigen Frage erwähnt: es ist überhaupt nicht absehbar, wo plötzlich das nötige Personal herbeigezaubert werden soll, um diese tatsächlich reichlichen Verstöße zu dokumentieren.

WELT AM SONNTAG: Wären Sie dafür, Nummernschilder für Fahrräder einzuführen? Und wäre ein Rad-Führerschein sinnvoll?

Winfried Hermann: Dies würde ich doch als eine übertriebene Reaktion und Regelungswut ansehen.

Ein Fahrradkennzeichen ist sicherlich Unfug, über einen Rad-Führerschein könnte man aber immerhin noch diskutieren. Man sollte dabei im Interesse des Radverkehrs wohl nicht so weit gehen, das Fahrrad nicht mehr als fahrerlaubnisfreies Fahrzeug einzustufen, aber etwas mehr Kenntnis der speziell für den Radverkehr wichtigen Verkehrsregeln wären für alle Verkehrsteilnehmer sicherlich nicht verkehrt. Dass Radfahrer in der Regel nicht wissen, dass Gehwege nicht zum Radfahren taugen und linke Radwege generell tabu sind, ist sicherlich ein unfallträchtiges Problem. Dass Autofahrer hingegen ziemlich viele selbst zusammeninterpretierte Regeln pflegen, ist nun auch kein Geheimnis mehr — man denke da an die häufige Fehleinschätzung, dass Radfahrer alles befahren müssten, was in irgendeiner Weise durch die Windschutzscheibe hindurch nach einem Radweg aussieht und im Notfall auch mit Hupe und Schneiden zurechtgewiesen werden müssen.

WELT AM SONNTAG: Sollte man die Versicherungswirtschaft einspannen, etwa durch eine höhere Selbstbeteiligung des Radfahrers beim Unfall ohne Helm? Nach dem Motto: Wer keine Vorsorge trifft, muss zahlen.

Winfried Hermann: Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes sollte auch ein solcher Vorschlag geprüft werden.

Eine solche Idee ist für den verbliebenen Radverkehr nicht nur tödlich, sondern auch vollkommen unvernünftig. Nun mag es sein, dass beim Sicherheitsgurt im Auto ähnliche Regelungen gelten, aber bei einem Sicherheitsgurt lässt sich prinzipiell nicht allzu viel verkehrt machen, sofern man nicht den Arm falsch entlangführt. Beim Blick auf die Helme vorbeifahrender Radfahrer wird allerdings klar, dass es dort schier unendliche Möglichkeiten gibt, die Schale falsch zu tragen. Das beginnt mit lockeren Sicherheitsgurten und grundsätzlich nicht an den Kopf angepassten Helmen an, geht weiter mit schief oder auf einer Mütze getragenen Helmen und endet schließlich mit Radfahrern, die aus unerfindlichen Gründen den Kinnriemen nicht schließen oder nach einem Unfall einen Helm nicht ersetzen.

Und vermutlich würden auch recht viele Befürworter einer Helmpflicht nach dem ersten Unfall auf finanziell schmerzhafte Weise erfahren, dass ihr Fahrradhelm dann doch nicht so ganz richtig eingestellt war. Auf jeden Fall wird man damit den bei einer Helmpflicht verbliebenen Radfahrern recht schnell das Radeln abgewöhnen. Überhaupt hat man immer mehr das Gefühl, dass die Versicherungen eine ganz wesentliche Rolle bei dem Antrieb um die Helmpflicht spielen könnten.

WELT AM SONNTAG: Werden Sie eine Bundesratsinitiative für die Helmpflicht starten?

Winfried Hermann: Eine solche Initiative werde ich erst in Angriff nehmen, wenn sie Aussicht auf Erfolg hat. Dafür ist noch eine ganze Reihe von Vorarbeiten zu leisten. So müssen zum Beispiel die Umweltverbände und die Parteien davon überzeugt werden.

Hoffentlich lassen sich nicht alle mit diesen flachen Argumenten überzeugen.

WELT AM SONNTAG: Ihr Ministerium hat im September E-Bikes, sogenannte Pedelecs, als Dienstfahrräder angeschafft. Sollten Politiker im Land und auch im Bund mehr Termine mit dem Fahrrad wahrnehmen?

Winfried Hermann: Ja, selbstverständlich. In meinem Haus werden die Diensträder von meinen Mitarbeitern und mir als schnelle und umweltfreundliche Transportmittel genutzt.

Alles andere wäre von den Grünen auch wirklich enttäuschend gewesen.