Die Verkehrspolizei hat nicht immer recht

Irgendjemand muss es bestätigen: Als Redakteur lernt man gleich als erstes, den eigenen Artikel von so genannten Quellen verifizieren zu lassen. Eigentlich ruft er dazu jemanden an, der sich mit einem Thema auskennt und lässt dessen Wissen als Zitat einfließen. Meistens läuft es eher andersrum, man weiß schon etwas und lässt das eigene Wissen von jemandem am Telefon verifizieren.

Sowas klappt prima bei komplexen Zusammenhängen oder Meinungsäußerungen, bei Politik oder Boulevard, aber es ist vollkommen überflüssig, die Polizei nach den allereinfachsten Verkehrsregeln zu fragen — zumal die Polizei auch nicht immer die allergrößte Ahnung hat. Die für den deutschen Straßenverkehr verbindlichen Verkehrsregeln stehen in der Straßenverkehrs-Ordnung niedergeschrieben. Sie sind nicht unbedingt eine Glanzleistung von Verständlichkeit, aber bis auf ein paar Ausnahmen in den hinteren Paragraphen sollte jeder Verkehrsteilnehmer zum Selbststudium der Verkehrsregeln befähigt sein.

Der Weser-Kurier mochte aber nicht selber in den Verkehrsregeln blättern, sondern rannte stattdessen vor anderthalb Jahren mit jedem Paragraphen zur Verkehrspolizei. Das resultierte in lustigen Formulierungen, die teilweise suggerieren, dass die Verkehrspolizei auch nicht so richtig wüsste, wie die Verkehrsregeln lauten: Was ist erlaubt im Straßenverkehr?

Müssen Radfahrer beim Abbiegen den Arm ausstrecken? Ist der Fahrradhelm Pflicht? Und warum sind Kopfhörer im Ohr so gefährlich? WESER-KURIER Online hat mir der Verkehrspolizei gesprochen und beantwortet die wichtigsten Fahrrad-Regeln im Straßenverkehr in einer Fotostrecke.

Von den lustigen Formulierungen einmal abgesehen krankt die Fotostrecke schon am ersten Bild, nämlich dem Zeichen 237. Das Foto trägt sogar die Unterschrift „© Bundesanstalt für Straßenwesen“, als ob es in Deutschland ein Copyright gäbe — und als ob die Abbildungen von Verkehrszeichen ausgerechnet der Bundesanstalt für Straßenwesen gehörten.

Zu Zeichen 237 heißt es nun:

Fahrradfahrer müssen immer auf Radwegen fahren. Gekennzeichnet sind sie durch ein blaues Schild mit weißem Fahrrad. Erst wenn dieses Schild fehlt, dürfen Radfahrer auf die Fahrbahn ausweichen, sagt die Verkehrspolizei.

Der Widerspruch in dem Absatz scheint niemandem aufgefallen zu sein. Erst heißt es, Radfahrer müssten alle Radwege benutzen, aber wenn das blaue Schild fehlt, darf auch auf die Fahrbahn gewechselt werden — sagt zumindest die Verkehrspolizei und ist in dieser Kombination Käse. Das hätte man auch einfach in § 2 Abs. 4 StVO nachlesen können: Es müssen nur jene Radwege befahren werden, die mit Zeichen 237, 240 und 241 ausgeschildert sind, generell soll der Radverkehr auf der Fahrbahn fahren.

Seite 2 ist ähnlich unsinnig, dort steht:

Auf der linken Seite darf nur gefahren werden, wenn ein entsprechendes Schild mit Fahrrad und zwei Pfeilen dies anzeigt. Wer trotzdem links fährt, muss 15 Euro Strafe zahlen.

Ob das wohl wieder die Verkehrspolizei gesagt hat? Das abgebildete Zusatzzeichen 1000-33 hat auf der linken Straßenseite eigentlich nichts verloren. Dort darf mit Erlaubnis des Zusatzzeichens 1022-10 geradelt werden, das umgangssprachlich „Fahrräder frei“ heißt. Das Zusatzzeichen 1000-31 mit den beiden vertikalen Pfeilen, aber ohne Fahrrad, kann zwar auch links stehen, soll aber nur unter ebenjenen Zeichen 237, 240 und 241 angebracht werden, um von Radverkehr aus der Gegenrichtung zu warnen. Daraus resultiert dann auch die Erkenntnis, dass auch die drei blauen Schilder das Radfahren auf der linken Straßenseite erlauben — auch wenn der Weser-Kurier das nicht weiß.

Immerhin ist nun vor Fehlern etwas Ruhe, Bild 5 sieht zwar etwas lustig aus, da fährt der Radfahrer offensichtlich auch noch auf der falschen Straßenseite, sofern man denn davon ausgehen will, dass der handtuchbreite Radweg im Hintergrund nicht für beide Richtungen freigegeben ist.

Bild 7 zeigt das Zeichen 224 einer Bushaltestelle, dazu heißt es:

Auf Radwegen sind Fahrradfahrer meistens ungestört. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn Bus- und Straßenbahnhaltestellen unmittelbar an die Radwege angrenzen oder Radwege gar nicht vorhanden sind. Radfahrer sollten auf ein- und aussteigende Leute achten, langsam fahren und wenn nötig anhalten.

Als Alltagsradler wird man zunächst über den ersten Satz lachen, denn mitnichten sind Radfahrer auf Radwegen ungestört — gerade deshalb versucht man die Benutzung von Radwegen auch zu vermeiden. Und das vorsichtige Vorbeifahren an Linienbussen und Straßenbahnen ist kein netter Tipp, sondern eine Vorschrift aus der Straßenverkehrs-Ordnung. § 20 Abs. 1 StVO sagt:

An Omnibussen des Linienverkehrs, an Straßenbahnen und an gekennzeichneten Schulbussen, die an Haltestellen (Zeichen 224) halten, darf, auch im Gegenverkehr, nur vorsichtig vorbeigefahren werden.

Bei Bild 8 ist der Weser-Kurier auf die Fahrradhelm-Propaganda der Polizei hereingefallen:

Fahrradhelme sind nicht gesetzlich vorgeschrieben. Allerdings Allerdings wird ein Helm von der Polizei dringend empfohlen. 90 Prozent aller Verletzungen nach einem Fahrrad-Unfall passieren am Kopf, sagt ein Polizeisprecher. Durch einen Fahrradhelm lasse sich dies vermeiden.

Ein Fahrradhelm mag sicherlich keine schlechte Entscheidung sein, aber dadurch werden auf gar keinen Fall jene 90 Prozent der Kopfverletzungen vermieden. Das hätte man auch besser recherchieren können.

Es gibt eigentlich auch gar keinen Zweifel, dass das Telefonieren im Straßenverkehr nur mit Freisprecheinrichtungen erlaubt ist, das meint § 23 Abs. 1a StVO:

Dem Fahrzeugführer ist die Benutzung eines Mobil- oder Autotelefons untersagt, wenn er hierfür das Mobiltelefon oder den Hörer des Autotelefons aufnimmt oder hält. Dies gilt nicht, wenn das Fahrzeug steht und bei Kraftfahrzeugen der Motor ausgeschaltet ist.

Der Weser-Kurier ist sich aber auch nach Befragung der Verkehrspolizei noch nicht so ganz sicher und formuliert zu Bild 9 vorsichtig distanziert:

Mit dem Handy am Ohr mal kurz beim Fahrradfahren telefonieren? Laut Verkehrspolizei ist das verboten. Wer sich erwischen lässt, bezahlt 25 Euro Strafe.

Bild 10 verunglückt auch unmittelbar, obschon hier nicht ganz so eindeutig ist, ob die Falschinformation von der Verkehrspolizei stammte oder der Autor des Artikels anschließend einen falschen kausalen Zusammenhang strickte:

Und Kopfhörer im Ohr? Wichtig ist laut Polizei, dass Radfahrer beim Fahren ihre Umgebung noch wahrnehmen können: Martinshörner, Autohupen, Motorenbrummen. Bei lauter Musik oder Telefongesprächen ist das aber nicht möglich. Strafe deshalb: zehn Euro.

Tja: Sind die zehn Euro nun lediglich bei lauter Musik oder nur schon bei genereller Benutzung von Kopfhörern fällig? In § 23 Abs. 1 StVO steht unter anderem:

Der Fahrzeugführer ist dafür verantwortlich, daß seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden. (…)

Insofern sind Kopfhörer durchaus erlaubt, allerdings nur bei angemessener Lautstärke.

Bild 11 mit dem Fußgängerüberweg ist schon fast korrekt, bei Bild 12 fehlt nur noch der Hinweis, dass eine Behinderung des Verkehrs nicht vorliegt, wenn ein Kraftfahrer überholen muss oder sogar vorher ein paar Sekunden warten muss.

Bei Bild 18 wurde dann wohl doch aus der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung abgeschrieben, aber natürlich nicht fehlerfrei:

Vorderrad- und Hinterradbremse, rotes Rücklicht mit Rückstrahler, weißer Frontreflektor, Scheinwerfer mit Dynamo, gelbe Pedalrückstrahler, Klingel, roter Großflächenrückstrahler und gelbe Speichenreflektoren (oder rückstrahlende Reifen) – das muss ein Fahrrad haben. Wer sich nicht daran hält, muss für technische Mängel jeweils zehn Euro Strafe zahlen.

Vorder- und Hinterradbremse sind nicht vorgeschrieben, der Gesetzgeber verlangt lediglich zwei unabhängig voneinander wirkende Bremsen. Nur mit Rücktritt- und Hinterradbremse zu radeln ist also erlaubt, aber nicht unbedingt klug. Der Begriff des roten Großflächenrückstrahlers stammt auch aus der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung, leider hat es aber nicht der Hinweis in den Artikel geschafft, dass Schlussleuchte und ein Rückstrahler kombiniert angebracht werden dürfen. Und statt gelber Speichenreflektoren oder rückstrahlenden Reifen, die mittlerweile eher den Stand der Technik repräsentieren und nicht in Klammern gesetzt werden sollten, dürfen auch weiße Rückstrahler an den einzelnen Speichen angebracht werden.

Herrje, hoffentlich liest und glaubt den Kram niemand.