Das Kampfradler-Virus greift weiter um sich

Knapp ein Jahr ist es her, dass in einem bayerischen Dienstwagen das Kampfradler-Virus ausbrach. Gefährdet sind vor allem Kraftfahrer, die Symptome eindeutig: Jeder nicht-motorisierte Zweiradfahrer gleicht plötzlich einem furchterregenden Kampfradler, der locker das Bügelschloss in der Hand schwingend die Außenspiegel von parkenden Kraftfahrzeugen schlägt, über rote Ampeln mitten durch den rollenden Querverkehr fährt und auf Gehwegen vorzugsweise Senioren verklingelt.

Besonders ansteckend ist dieses Virus in Zeitungs- oder Online-Nachrichten: Wurden Radfahrer noch vor einigen Monaten als solche bezeichnet, gibt es heutzutage nur noch rabiate Rüpel-Radler, kämpfende Kampf-Radler oder pedalierende Pedal-Ritter. Der einfache Radfahrer, der sich womöglich auch noch an die Verkehrsregeln hält, ist weder ausgestorben noch plattgefahren, sondern einfach bloß der Wahrnehmung des Autors und seiner zitierten Quellen entwichen.

Und das ist lästig.

Es lässt sich kaum verleugnen, dass es im deutschen Straßenverkehr Probleme gibt und insbesondere die Beziehung zwischen Kraft- und Radfahrern nicht gerade harmonisch verläuft. Aber indem Radfahrer pauschal zu marodierenden Minderbemittelten mit bemitleidenswerter Kenntnis der Verkehrsregeln stilisiert werden, wird eine unvoreingenommene Diskussion gar unmöglich. Und spätestens wenn geradezu zwanghaft versucht wird, einem unschuldigen Unfallopfer etwas anzuhängen, sei es der fehlende Helm oder lustige Kriegs-Attribute, sind die Resultate mehr als unverschämt.

Nun ist eigentlich eine Analyse der Unfallstatistik eine recht nüchterne Sache, gerade wenn sie im offiziellen Internetportal einer Stadt stattfindet — man sollte meinen, dass wenigstens dort noch behördliche Sachlichkeit herrscht. Von wegen, schon die Schlagzeile kachelt los: Rabiate Radler und erheblich mehr Diebstähle

Polizei Wedel stellte Jahresstatistik 2012 vor

Hier ist nicht klar, wer den Rüpel-Radler eingesetzt hat: Schon direkt der zitierte Beamte? Oder später die schmückende Feder des Autors?

Nach Angaben der Polizei haben Unfallbeteiligungen von Radfahren ein „erschreckend hohes Niveau“ (Timm) erreicht. Aus diesem Grund werden Radler in nächster Zeit unter besonderer Beobachtung stehen.

Das ist erst einmal nichts neues, denn Repressalien gegen Radfahrer sind die ganz normale Reaktion der Polizei auf eine gestiegene Unfallbeteiligung von Zweiradfahrern. Da wird plötzlich an Unfallschwerpunkten die vorgeschriebene Ausstattung der Fahrräder kontrolliert, obwohl nur drei Meter entfernt unfallursächlich eher mangelnde Schulterblicke der abbiegenden Kraftfahrer in Kombination mit einer schlechten Radverkehrsinfrastruktur waren.

„Leider ist es so, dass Fahrradfahrer nicht oft genug verzichten, auch wenn sie mal Vorrecht haben. Defensives Fahren wäre manchmal besser.“

Ja: Bevor es denn kracht, sollte der Radfahrer lieber abbremsen. Und wenn er merkt, der Radfahrer, dass der von links anrollende Kraftfahrer nichts von Vorfahrtsregeln hält, stürzt man sich nicht mutig vor die Motorhaube. Aber wenn doch Radfahrer über den Haufen gefahren werden, wenn sie ihre Vorrechte wahrnehmen: Sollte dann nicht statt der Fahrradbeleuchtung eher das Verhalten der Kraftfahrer kontrolliert werden, die offenbar ja ein ganz großes Problem mit der Präsenz von Radfahrern im Straßenverkehr haben, wenn Radfahrer so häufig auf ihre Rechte verzichten müssen?

Er berichtete von Radfahrern, die ihre Vorfahrt erzwingen und dann im Vorbeifahren auch schon mal mit der Faust auf Motorhauben von Autos hauen.

Hier stellt schon wieder die Frage nach dem direkten Zusammenhang: Schlagen die Radfahrer aus Spaß an der Kampfradelei auf die Motorhauben? Oder erst nachdem in Ermangelung eines Schulterblickes am Steuerrad eine gefährliche Situation beim Abbiegen entstanden ist? Schade, dass hier noch einmal versucht wird, den Radfahrer als das potenzielle Opfer des Abbiegeunfalls in Misskredit zu reden. Natürlich ist die Frage, ob Schläge auf die Motorhaube sein müssen, andersherum gefragt: Ist das denn nicht wenigstens eine halbwegs nachvollziehbare Reaktion auf eine Gefährdungssituation in Form von einer Tonne Metall beim unkontrollierten Abbiegen?

Und einer geht noch:

Timm nannte Beispiel aus der Uetersener Klosterkoppel, wo es öfter zu beobachten sei, dass Fahrradfahrer Autos dann noch umkurven, die bereits mit der Fahrzeugfront schon an der Fahrbahnkante stehen. „Sie weichen sogar auf die Fahrbahn aus, um noch vorbeizukommen“, so Timm.

Es ist vollkommen sinnlos, sich an solchen Sätzen abzuarbeiten. Wie wäre es denn andersherum: Nicht nur in Uetersen, sondern in der gesamten Bundesrepublik fahren Kraftfahrzeuge über den Radweg bis zur Fahrbahnkante, obwohl sich von links auf dem Radweg ein vorfahrtsberechtigtes Fahrrad nähert.

Und noch viel schlimmer: In dieser Situation kann man es auf dem Sattel kaum jemandem Recht machen. Fährt man vorne oder hinten um das Fahrzeug herum, landet man als Kampfradler im nächsten Artikel über die Unfallstatistik. Bleibt man stehen, kostet das nicht nur mehrmals pro Kilometer Zeit, sondern provoziert entsprechende Reaktionen aus dem Cockpit: Der Kraftfahrer fühlt sich dann nämlich plötzlich unter Druck gesetzt, versucht dann entweder nach vorne oder hinten auszuweichen, was ja erstmal sehr nett ist, aber insbesondere beim Rangieren nach hinten schon mal schiefgeht, wenn da schon ein Wagen steht oder sich ein Radfahrer vorbeischleicht, oder es werden plötzlich als letzter Versuch, diesen Schauplatz als Sieger zu verlassen, Mittelfinger durchs Fenster gezeigt.

Die Empörung sollte doch eigentlich eher darauf zielen, warum denn ständig Kraftfahrzeuge auf dem Radweg herumstehen. Aber so wie sich das liest, müsste wohl als nächstes Beispiel der Kampfradler erwähnt werden, der in Notwehr einen Angreifer abwehrt, der ihm nach einem Unfall mehrmals mit der Faust auf die Nase geben wollte. Unerhört, sowas!

Zum Glück habe Timm das so nicht gesagt, oder wenigstens nicht in diesem Zusammenhang. Und zwar nicht nur das konstruierte Beispiel aus dem letzten Satz, sondern den gesamten Abschnitt über die Kampfradler. Ein paar Tage später fand sich ein weiterer Artikel auf der Internetseite der Stadt Wedel: Der Radfahrer das agressive Wesen?

Dort heißt es:

Die Bemerkung „Radfahrer würden auch schon mal mit der Faust auf die Motorhaube hauen“ sein nie gefallen, so Revierleiter Reino Timm. Der Bericht über die Unfallstatistik mit Radfahrerbeteiligung sei weitgehend aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Die Frage ist natürlich, warum solche Einlassungen trotzdem den Weg in einen Artikel finden, der immerhin nicht bloß in irgendeiner Lokalzeitung auf der vorletzten Seite, sondern unter anderem auf der Startseite der Webseite der Stadt Wedel veröffentlicht wird. Was tatsächlich von der Pressekonferenz übrig bleibt, lässt sich auch sehr viel objektiver beschreiben: Wedel: Radunfälle auf hohem Niveau

Verkehrsteilnehmer lebten 2012 offenkundig gefährlicher als noch im Jahr zuvor: Sowohl bei der Gesamtzahl der Verkehrsunfälle mit Verletzten als auch bei Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern musste Wedels Polizei eine Zunahme verzeichnen. Dies zeigt die Unfallstatistik für die Rolandstadt, die Marcel Kretschmer, Leiter des Ermittlungsdienstes, und Wedels stellvertretender Revierleiter Reino Timm vorgestellt haben.

Und der Artikel kommt erfrischenderweise ganz ohne Kampfradler aus.

Nissen Bike-Spot: Für mehr Sicherheit auf Radwegen?

Mehr Sicherheit auf Radwegen und reduzierte Gefährdung durch tote Winkel verspricht die Firma Nissen mit ihrem Bike-Spot. Nachdem nun in Wedel bei Hamburg eine Kreuzung mit dem System ausgerüstet wurde, kommen zumindest erste Zweifel an der tatsächlichen Sicherheit des Systemes auf.

Die Funktionsweise ist relativ simpel: ein Sensor ist der Kreuzung vorgelagert und erkennt Objekte auf dem Radweg, die sich schneller als acht Kilometer pro Stunde bewegen und aktiviert anschließend ein gelbes Blinklicht mit Fahrradpiktogramm, das an einen Signalgeber der Lichtsignalanlage montiert wird. Dabei wird das System nicht als Bestandteil der Lichtsignalanlage angeschlossen, womit gleich einige Nachteile einhergehen. Etwa wird das Blinklicht auch eingeschaltet, wenn der Radverkehr eine rote Ampel beachten muss, also gar nicht queren kann.

Laut Nissen ist dieses Verhalten allerdings gewollt, um auch vor Radverkehr zu warnen, der eine Kreuzung bei rot überquert, und um mit absichtlichen Fehlalarmen eine Gewöhnung zu unterbinden. Aus der fehlenden Verbindung zwischen Bike-Spot und Ampel resultiert auch, dass ein Radfahrer, der bei rot anhält und bei grün losfährt, vom Blinklicht keine Berücksichtigung findet. Nissen beruft sich hierzu auf Untersuchungen des ADFC, laut denen beim Umschalten auf grün zwischen Fahrradfahrer und abbiegendem Fahrzeug Blickkontakt aufgenommen wird.

In Wedel erkennt der Bike-Spot allerdings nicht einmal jedes zweite Fahrrad, dafür aber gut jedes fünfzigste Auto auf der Fahrbahn. Bis der Radfahrer die Distanz von knapp vierzig Metern zwischen Sensor und Kreuzung zurückgelegt hat, ist das Blinklicht hingegen längst erloschen — wenn man kräftig in die Pedale tritt, kann man gerade eben noch die Kreuzung erreichen, bevor sich das Licht abschaltet.Ein abbiegender Autofahrer, der mit einem Radfahrer überhaupt erst in Konflikt kommen könnte, müsste also sehr früh auf das blinkende Licht achten, bevor er überhaupt die Kreuzung vor dem Abbiegevorgang einsehen kann. Ob es dagegen tatsächlich so sinnvoll ist, dass der Bike-Spot bei roter Ampel vor kreuzenden Radfahrern warnt, wird sich erst zeigen müssen. Als unwissender Kraftfahrzeugführer nähert man sich der Radfahrerfurt und wird plötzlich vor Radfahrern gewarnt, die irgendwo zu erwarten sind — um das nicht alsbald als Fehlfunktion abzutun, müsste man sich also auf der Homepage über die Funktionsweise informieren. Überhaupt müsste die Aufrüstung der Kreuzung mit einem Bike-Spot erst einmal bekannt gemacht werden, sonst werden sowohl Auto- als auch Radfahrer ihn einfach übersehen. Wenigstens das Problem mit der Blinkdauer, dass die Leuchte erlischt, bevor der Radfahrer überhaupt die Kreuzung erreicht hat, wird sich hoffentlich durch eine Justierung des Systemes anpassen lassen.

Vermutlich wird es den gleichen Weg gehen wie die üblichen gelben Warnleuchten an Kreuzungen und im Zuge der Unfallvermeidung nur einen geringen Stellenwert einnehmen. Erst einmal muss ein Autofahrer wissen, ob eine Ampel mit dem System ausgestattet ist und dann muss er noch einkalkulieren, dass nicht jeder Radfahrer den Sensor auslöst und Fehlalarme relativ häufig auftreten. Um einen sorgfältigen Schulterblick kommt er ohnehin nicht herum. Sinnvoller wird es dagegen sein, den Radverkehr erst überhaupt nicht auf unfallträchtigen Radwegen zu führen und dort an den Symptomen zu doktorn, sondern ihn stattdessen auf die Fahrbahn zu verlagern und die Hauptunfallursache zu beseitigen — und sei es mit einem Rückbau der Fahrradwege und aufgemalten Schutzstreifen. Alternativ ließen sich auch die Ampelphasen auftrennen, so dass Fahrradfahrer und Fußgänger nicht gleichzeitig mit den Rechtsabbiegern grün bekommen.

Das Wedel-Schulauer-Tageblatt freute sich bereits vor einem Dreivierteljahr mit einem Artikel über das System, das natürlich etwas positiver dargestellt wird, als es im Endeffekt zu sein scheint. Vermutlich hätte man schon nach zwei Sätzen bei dem Begriff „Fahrradfahrer-Stadt“ stutzig werden müssen, denn Wedel ist von diesem Titel noch weit entfernt. Die Wedeler Radfahrer dürften zumindest nicht wegen, sondern trotz der Radverkehrsanlagen unterwegs sein.