Endlich nicht mehr auf Radfahrer achten

Volvo hat sich etwas ausgedacht, das eigentlich so schlecht gar nicht klingt: Vierrad erkennt Zweirad

Der Autohersteller Volvo hat ein neues Sicherheitssystem entwickelt, das Unfälle mit Fahrradfahrern reduzieren soll.

Nur so richtig wohl mag man sich auf der Straße nicht mehr fühlen, wenn eigentlich nicht mehr der Mensch lenkt, sondern nur noch eine Marionette diverser elektrischer Helferlein ist. Der Spurhalteassistent bewahrt vor dem seitlichen Abdriften, der Abstandsassistent vor dem Vordermann und ABS und ESP werden ohnehin seit längerer Zeit mit physikalischen Unmöglichkeiten verklärt, als ob man damit problemlos auf vereister Fahrbahn bremsen könnte oder die Schrecksekunde aufgehoben würde.

Gut, im Endeffekt bekommen volvofahrende Kraftfahrer nun eine Meldung, wenn es mit dem Radfahrer potenziell enger wird. Hoffentlich ist die Kamera auch so gut wie der Benutzer glaubt, denn wenn einige Kraftfahrer nun schon auf den Schulterblick beim Spurwechsel verzichten, weil das Auto ja Bescheid gäbe, wenn dort etwas im Wege sein sollte und beim Rückwärtsfahren nicht nach hinten sehen, weil’s ja so lustig piept, bevor es knapp wird, dann geht so mancher sicherlich auch davon aus, beim Abbiegen nicht mehr auf Radfahrer achten zu müssen: Das macht ja jetzt der elektronische Assistent.

Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass diese Kamera aus dem Rückspiegel auch um die Ecke schauen oder das gesamte System auf eine wie auch immer geartete Weise Radfahrer hinter parkenden Kraftfahrzeugen erkennen kann. Allenfalls wird es dafür sorgen, dass die Polizeiberichte zu Unfällen zwischen Rad- und Kraftfahrern künftig nicht mehr „Der Autofahrer hatte den Radfahrer übersehen“ lauten, sondern „Der Abbiegeassistent hatte den Radfahrer nicht gemeldet“. Das dazugehörige Video macht schon deutlich, dass offenbar nur Radfahrer vor dem Fahrzeug, also im Längsverkehr erkannt werden, die Seiten und somit der gesamte Abbiegevorgang aber unbeobachtet bleiben. Das wiederum bedeutet aber, dass dieses System auch nur in dem zum Glück recht seltenen Fall eingreift, wenn der Kraftfahrer zeitungslesend unterwegs ist und überhaupt gar nichts mehr bemerkt. Im Längsverkehr ist allerdings nicht die Erkennung der Radfahrer ein grundsätzliches Problem im deutschen Straßenverkehr, sondern die anschließende Reaktion der Kraftfahrer: Wer zu doof ist, einen Radfahrer mit dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zu überholen, dem hilft auch kein Assistent mehr, außer Volvos Erfindung bricht solche gefährlichen Überholversuche automatisch ab. Selbst wenn nun also die Warnleuchte aufblinkt, weil fünf Meter weiter vorne jemand auf der Fahrbahn pedaliert, kann der Kraftfahrzeugführer immer noch gefährdend überholen, davon wird ihn das Sicherheitssystem kaum abhalten können.

Wollte man einen Sicherheitsgewinn erreichen, müsste die Kamera bei Abbiegevorgängen nach links und rechts schauen können, um dort Radfahrer zu identifizieren. Oder noch besser: Man lässt die vielen elektronischen Helfer bleiben und schärft stattdessen das Bewusstsein für Kraftfahrer, dass immer noch sie die Verantwortung für ihre Fahrt tragen und ihre Aufmerksamkeit nicht an elektronische Assistenten delegieren dürfen.