Endlich aktualisiert und deutlich einfacher: Welche Ampel gilt für den Radverkehr?

Manchmal gehen einem trotz der Straßenverkehrs-Ordnung unter dem Kopfkissen und dem Hentschel als Schlummerlektüre so ein paar Dinge durch die Lappen: Mit Inkrafttreten der Neufassung der Straßenverkehrsordnung wurde die damals noch recht komplizierte Frage, welche Ampel denn in welchem Fall für den Radverkehr gilt, deutlich vereinfacht: Welche Ampel gilt für den Radverkehr? (2013)

Fahrradampeln: Irgendwie kracht’s immer

Im Herbst 2009, irgendwann im ersten Semester, überquerte ich als Fußgänger eine Kreuzung auf der linken Straßenseite. Das Wetter war noch recht schön, es war warm, sonnig und die Vöglein zwitscherten aus den Bäumen ein Lied. Ich hatte gerade die Querungsfurt bis zur Mittelinsel bewältigt und nahm gerade die zweite Querung in Angriff, als aus der entgegengerichteten Fahrtrichtung ein Kraftfahrer nach rechts abbiegen wollte, theatralisch und laut hupend kurz vor mir zum Stehen kam, am Steuer den sterbenden Schwan aus Schwanensee aufführte und auf den auf der Mittelinsel stehenden Signalgeber für Fußgänger und Radfahrer zeigte. Dort leuchtete tatsächlich rotes Licht, also deutete ich auf den Signalgeber in meiner Richtung, der noch Grün zeigte, da schaute er aber gar nicht hin, führte noch ein paar Takte aus Schwanensee auf und fuhr schließlich mit quietschenden Reifen weiter. Worüber er sich aufregte, war mir klar: Er dachte, ich ginge ganz dreist bei rotem Licht über die Kreuzung und wollte mich dafür maßregeln, dabei übersah er in seinem Wutanfall allerdings, dass der für mich relevante Signalgeber noch Grün zeigte.

Rissen Kreuzung Mittelinsel

Wie man’s macht, man macht’s verkehrt. Die abweichende Schaltung der verschiedenen Signalgeber passiert natürlich nicht grundlos, sondern soll Fußgängern und Radfahrern ermöglichen, den bereits begonnenen Querungsvorgang zu beenden, ohne bis zum nächsten Umlauf auf der Mittelinsel verhungern zu müssen. Das entspricht nicht mehr dem Mantra der autogerechten Stadt, sondern ist eher als kleines Zugeständnis an die Existenz nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer zu werten.

Nur dummerweise kommen Kraftfahrer damit teilweise gar nicht zurecht. Aus der Windschutzscheiben-Perspektive ist meistens nur der Signalgeber auf der Mittelinsel im Blickfeld, nicht aber die Farbe der Gegenrichtung. So mancher Kraftfahrer meint ja, er könne drum bei rotem Licht auf der Mittelinsel gefahrlos und ohne Schulterblick abbiegen, weil dann ja eh nichts mehr kommen könnte und wenn noch jemand auf der Fahrbahn tritt, wäre er ja bei einem Unfall selbst schuld. Dumm nur, wenn der nicht motorisierte Verkehr aus der Gegenrichtung teilweise noch grünes Licht hat und aufgrund ähnlich kluger Überlegungen gefährdet wird. Da staunt man wieder einmal, dass einige Kraftfahrer offenbar bereits seit Jahrzehnten auf deutschen Straßen unterwegs sind ohne zu merken, dass Fußgängerampeln teilweise unterschiedlich geschaltet werden.

Wenn man so will, war das bis vor wenigen Jahren noch unproblematisch. Obwohl, nein, eigentlich war es noch nie unproblematisch, denn auch wenn man natürlich eigentlich nicht mehr bei rotem Licht mit der Überquerung der Kreuzung beginnt, ist das noch keinen Grund, jemanden vorsätzlich über den Haufen zu fahren. Und es ist sowas von überhaupt gar kein Grund, beim Abbiegen weniger Sorgfalt walten zu lassen, denn tatsächlich ist der Kraftfahrer hinter der Windschutzscheibe nie vollkommen sicher, ob nicht doch noch irgendwo ein grünes Licht zu sehen sein könnte, das abseits seines Aufmerksamkeitbereiches angebracht wurde.

Aber es war bis vor wenigen Jahren noch einigermaßen unproblematisch, weil sich die konflikträchtigen Verkehrsströme in die Augen sehen konnten. Da war in der einen Fahrtrichtung der abbiegende Fahrzeugführer, der wenigstens die Signalgeber in seiner Fahrtrichtung im Blick hatte, also sehen konnte, dass in seiner Fahrtrichtung eigentlich niemand mehr passieren kann. Es kam also nur der Gegenverkehr für Kalamitäten in Frage, denn dessen Signalgeber konnte er nicht einsehen. Aber trotzdem hatte man sich im Blick. Dann wurde zwar gehupt und der sterbende Schwan zum Besten gegeben, aber beide Konfliktparteien kamen noch lebend aus der Sache heraus.

Das hat sich mittlerweile geändert.

Nachdem sich in den deutschen Straßenverkehrsbehörden so langsam herumgesprochen hatte, dass außer Fußgängern und Kraftfahrern auch noch so genannte Radfahrer die Kreuzungen überqueren wollten, wurde schließlich einer lange gepflegten Tradition nachgegeben: Radfahrer bekommen an immer mehr Kreuzungen eigene Signalgeber installiert und brauchen sich nicht mehr an die Fußgängerampel halten. Die Überlegung dahinter ist relativ simpel: Wenn sich Radfahrer etwa drei bis zehn Mal so schnell wie ein Fußgänger bewegen, ein Kraftfahrzeug allerdings nur vier bis zwei Mal so schnell wie ein Radfahrer über die Kreuzung rollt, warum müssen Radfahrer dann eine gefühlte Ewigkeit vor der roten Fußgängerampel warten, wenn sie teilweise noch eine halbe Minute lang Zeit hätten, die Kreuzung locker mehrfach zu überqueren?

Dahinter versteckt sich auch ein Grund für einige Rotlichtverstöße am Fahrradlenker. Wenn man alle paar hundert Meter an der roten Fußgängerampel steht, obwohl der Kraftverkehr noch stellenweise eine ganze Minute länger fließen kann, denkt man sich halt auch irgendwann: Eigentlich warte ich hier nur, weil die Fußgänger länger für die Überquerung der Kreuzung brauchen als ich. Die speziellen Eigenheiten des Radverkehrs fanden, wie an vielen Stellen, keine gesonderte Berücksichtigung, man meinte, das würde schon irgendwie so klappen. Natürlich bleibt ganz unbenommen von dieser Überlegung die rote Ampel eine rote Ampel, die man nicht einfach so überquert und schon gar nicht, wenn für den Kraftverkehr spezielle Ampelphasen eingerichtet wurden, die beispielsweise konfliktfreies Abbiegen nach rechts signalisieren — dummerweise sind ausgerechnet große Differenzen zwischen den Umlaufzeiten für Fußgänger und für Kraftfahrer, die zur Missachtung des Rotlichts animieren, ein Indiz dafür, dass an der Kreuzung solche konfliktfreien Abbiegevorgänge signalisiert werden.

Trotzdem, man kann ja nicht in Abrede stellen, dass der Radverkehr inzwischen mehr Berücksichtigung findet, trotzdem werden an immer mehr Kreuzungen immer häufiger solche kleinen Baby-Ampeln installiert, die für Radfahrer eine separate Signalisierung anbieten. Auf diese Weise lassen sich für alle drei Verkehrsarten, also Fußgänger, Radfahrer und Kraftfahrer, eigene Räumzeiten signalisieren, die auf deren durchschnittlicher Geschwindigkeit basieren. Das ist eigentlich ziemlich cool und eine der wesentlichen Forderungen vieler Radfahrer, um nicht ständig mehr oder weniger grundlos an roten Ampeln warten zu müssen.

Und alles wäre cool und perfekt, wenn, ja, wenn es nicht wieder einige Kraftfahrer mit klugen Überlegungen gäbe. Während Fußgängerampeln in der Regel auf der anderen Seite der zu querenden Fläche stehen, also entweder auf der anderen Straßenseite oder auf der Mittelinsel, werden Fahrradampeln in der Regel vor jener zu querenden Fläche angebracht — und damit meistens abseits des Sichtbereiches des abbiegenden Kraftverkehrs. Wenn die Fußgängerampel auf rotes Licht schaltet, entwickelt sich am Steuer wieder eine Idee, die bereits oben beschrieben wurde: Jetzt könne doch gefahrlos abgebogen werden, jetzt darf ja nichts mehr kommen. Dass an dieser Kreuzung eine separate Fahrradampel existiert, die sogar noch Grün hat, das wird hinter dem Steuerrad einfach wegrationalisiert. Stattdessen wird wütend gehupt und Krawall geschlagen, wenn sich entgegen der Überlegungen noch ein Radfahrer erdreistet, die Kreuzung zu queren.

Kreuzung Dammtor 1

Eines lässt sich vielen Kraftfahrern sicherlich nicht vorwerfen: Sie finden immer wieder einen Weg, Radfahrer in Gefahr zu bringen.

Einige Zeit lang ließ sich dieses gefährliche Abbiegeverhalten auch an vielen Hamburger Kreuzungen beobachten: Die Fußgängerampel schaltet auf rotes Licht um, die Kraftfahrer wähnen sich in der Gewissheit, jetzt gefahrlos abbiegen zu können aber dummerweise gibt’s dann irgendwo noch eine grüne Baby-Ampel. Es gab jetzt verschiedene Möglichkeiten, wie die Behörden auf dieses nicht ungefährliche Problem reagieren konnten: Entweder erklärt man den Radfahrern, sie sollten langsamer auf Kreuzungen zufahren und Rücksicht auf die Kraftfahrer nehmen, die sich mit den Regeln nicht so genau auskennen. Oder man baut die kleinen Signalgeber wieder ab.

Oder: Man baut die Kreuzungen so um, dass es selbst der blödeste Autofahrer kapiert.

In Hamburg wird das erreicht, indem der Signalgeber für Fußgänger mit Abschirmblenden soweit abgedeckt wird, dass er nur von der Fußgängerfurt zu sehen ist. Zusätzlich wird der Signalgeber für Radfahrer auf der Mittelinsel wiederholt. Das sieht dann etwa so aus:

Kreuzung Dammtor 3

Wohlgemerkt sollen sich nicht Radfahrer an der kleinen Fahrrad-Ampel auf der Mittelinsel orientieren, sondern die Kraftfahrern: Die sollen dort ablesen können, dass von hinten rechts noch Radverkehr im Anmarsch sein könnte:

Kreuzung Dammtor 2

Das verlagerte das Problem allerdings nur in ein anderes Gebiet: Nun blieben plötzlich Radfahrer bei roter Fahrradampel auf der Mittelinsel stehen. An einigen Kreuzungen wird offenbar aus diesem Grunde eine andere Bauform der Fahrradampel angeschraubt, bei denen klar ersichtlich ist, dass Radfahrer nicht mitten auf der Kreuzung stehen bleiben sollen:

Kreuzung Ballindamm 1

So richtig weitergeholfen hat dieser neue Signalgeber allerdings auch nicht: Die abbiegenden Kraftfahrzeuge stellen gerade im Feierabendverkehr beinahe bei jeder Ampelphase die Fahrradfurt dicht und schieben sich langsam durch die querenden Radfahrer. Wahrscheinlich hat ein Großteil der Kraftfahrzeugführer den Fahrrad-Signalgeber in der Mitte noch überhaupt nicht bemerkt und stellt erstaunt fest, ach, da kommen noch Radfahrer? Die habe ich ja überhaupt nicht gesehen!

Kreuzung Ballindamm 3

Wie viel Prozent der „Radfahrer fahren eh immer über Rot“-Berichte wohl darauf basieren, dass der Radfahrer bei roter Fußgängerampel noch grünes „Fahrrad-Licht“ hatte, das der Kraftfahrer aber nicht sehen konnte?

BILD entdeckt das Fahrrad

Man möchte fast an einen Aprilscherz glauben angesichts dessen, was die BILD hier schreibt. Ja, ist denn das zu fassen? Zwar ist das nur ein lockerer Artikel mit ein paar Survival-Tipps für den Asphaltdschungel der Großstadt, aber trotzdem, wo bleibt denn das Kampfradler-Vokabular?

Diese Tipps retten Radfahrer-Leben

Trotz Schutzhelm, Warnwesten und Fahrradwegen: Auf Europas Straßen sind in den vergangenen Jahren mehr Fahrradfahrer gestorben als je zuvor.

Driescher Kreisel: Noch schlimmer als der Ochsenzoll-Knoten?

Gefunden von @hgdrn: Das lustige Ratespiel mit sieben Fehlern und der großen Frage, wer eigentlich was am Kreisverkehr darf. Und es ist tatsächlich alles da: Kreisverkehr, Fußgängerüberwege, undurchsichtige Regelungen von Radfahrer um den Kreisverkehr herum, „Radfahrer absteigen“-Beschilderungen und sogar eine Schienenbahn! Und einem Fußgängerüberweg über die Gleisanlagen! Und weil das ja eh niemand kapiert und Fußgänger auf Fußgängerüberwegen keine Vorrechte haben, wird der Fußgängerüberweg mit einer Schrankenanlage bei Querung der Bahn gesichert. Da hat man sich ja wirklich Mühe gegeben, das Problem am Ochsenzoll-Kreisverkehr noch einmal zu toppen.

Dementsprechend stellt der Kölner Stadt-Anzeiger nüchtern fest: Für Radfahrer ungeeignet

Am Umbau des Driescher Kreisels regt sich Kritik: Für Radfahrer ist der Kreisverkehr wenig komfortabel. Sie weichen daher vielfach auf die Fußgängerüberwege aus. Carsten Vogt aus Bergisch Gladbach schlägt Lösungen vor.

Auch dort behauptet die Stadtverwaltung, das Radfahren über den Fußgängerüberweg wäre nicht erlaubt. Man kann auf dem Fotomaterial nicht genau erkennen, wie genau dort mit dem Radverkehr umgesprungen wird, aber wenn man überall Fahrrad-Piktogramme aufmalt, braucht man sich eben nicht zu wundern, wenn auch Radfahrer dort herumfahren wollen und womöglich sogar noch mit der Vorfahrt der Kreisfahrbahn im Rücken über den Fußgängerüberweg radeln.

„188 Radler-Rambos erwischt!“

Die Hamburger Morgenpost freut sich: 188 Radler-Rambos erwischt!

188 Radler-Rambos erwischte die Hamburger Polizei am Mittwoch bei Radfahrer-Kontrollen.

Die Berichte über derartige Polizeikontrollen, deren Sinn gar nicht direkt in Abrede gestellt werden sollen, folgen leider immer dem gleichen Muster: Es wird das Vergehen der Radfahrer aufgelistet und anschließend ein Zusammenhang zwischen diesen Vergehen und einer aus einer recht willkürlich aus einer beinahe beliebigen Spalte der Unfallstatistik herausgesuchten Zahl hergestellt. Dann wird suggeriert, mit einer Kontrolle dieser aufgezählten Vergehen erhöhe die Polizei signifikant die Sicherheit des Radverkehrs.

Dass viele Unfälle — Kampf-, Geister-, Rotlicht- und Gehwegradeleien hin oder her — primär von Kraftfahrern verursacht werden, fällt dabei unter den Tisch. Man muss wohl davon ausgehen, dass Schulterblicke, unachtsames Abbiegen und eklatante Mängel in der Kenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung tatsächlich nur dieses eine Mal im Jahr überprüft werden, wenn es denn mal beifällig im Artikel erwähnt wird.

Straßenverkehr: Wie sich alle gegenseitig maßregeln

Gestern auf DRadio Wissen: Pass doch auf, wo ich hinfahre

Fahrradfahrer klingeln Fußgänger vom Radweg, die schimpfen Kampfradlern hinterher und Autofahrer hupen und parken alles zu. Wenn es um Vorfahrt im Straßenverkehr geht, wird der Ton schnell scharf. Und weil wir uns im Recht fühlen, versuchen wir die anderen auch direkt noch zu erziehen.

So klappt’s auch mit den Verkehrsregeln

Das ist sozusagen eine Premiere in diesem Weblog: Der Norddeutsche Rundfunk schafft es, die Straßenverkehrs-Ordnung hinreichend authentisch wiederzugeben. Primär zu bemängeln gibt’s hier, dass nicht „der ADFC“, sondern die Straßenverkehrs-Ordnung die Regeln vorgeben — sowohl Verkehrsteilnehmer als auch Journalisten können selbst die Verkehrsregeln studieren und bräuchten theoretisch nicht Dritte um ihre Meinung fragen. Und warum nun der Kampf auf der Straße gleich prominent in der Überschrift thematisiert werden musste, naja: Der Kampf um die Straße – was ist erlaubt?

In der Regel sind beide Seiten fest davon überzeugt, im Recht zu sein. Doch ein Blick auf die Gesetze für das Radfahren birgt für viele so manche Überraschung. NDR.de hat die wichtigsten Regeln für den Alltag zusammengestellt.

Schildlos im Stockpiper, ahnungslos in Ahlen

Mit den Verkehrszeichen ist es so eine Sache, da blickt auch die Verwaltung nicht immer so ganz durch. Es gibt an deutschen Straßen noch abertausende Zeichen 240, die eine Benutzungspflicht für den gemeinsamen Fuß- und Radweg proklamieren. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass diese gemeinsamen Fuß- und Radwege eigentlich nichts anderes sind als stinknormale Gehwege, auf denen kraft des angehefteten Schildes plötzlich auch Radverkehr stattfinden soll — das ist natürlich eine recht abenteuerliche Idee, denn gemischter Fuß- und Radverkehr führt auf solchen schmalen Flächen definitiv zu Konflikten und unheilbaren Vorurteilen zwischen beiden Gruppen: Radfahrer möchten gerne mit hinreichender Geschwindigkeit vorankommen und klingeln die Fußgänger beiseite, Fußgänger laufen quatschend hin und her und meistens vors Rad. Das klappt nicht, das kann gar nicht klappen.

Es wäre ja nur halb so wild, genügten diese gemeinsamen Fuß- und Radwege wenigstens ansatzweise den Mindestmaßen aus den Verwaltungsvorschriften, aber statt dort einen Blick reinzuwerfen, werden solche Mischwege noch immer so geplant wie vor zwanzig Jahren: Um das, was der Kraftverkehr von der kompletten Breite der Straße übrig lässt, dürfen sich Fußgänger und Radfahrer streiten.

Das schlimmste ist aber beinahe, dass solche gemeinsamen Wege gerade in Mode sind. Wenn eine Straße saniert wird, kommt meistens der Radweg abhanden und wird entweder gegen einen Schutzstreifen getauscht, der dann in Ermangelung des Blickes in die Vorschriften auch nicht den Mindestmaßen genügt, oder es wird ein gemeinsamer Fuß- und Radweg angelegt, der sieht nach Meinung der Verwaltung nämlich besser aus als zwei getrennte Streifen nebeneinander. Und nebenbei glaubt man, auch noch etwas für Radfahrer getan zu haben.

Das allerschlimmste ist, dass man solche Wege auch erst nach dreißig Jahren bei der nächsten Sanierung wieder los wird. Schraubt man das Schild ab, wird aus dem ehemaligen Fuß- und Radweg plötzlich ein reiner Gehweg, der überhaupt nicht befahren werden darf. Radfahrer müssen also auf die Fahrbahn wechseln, wollen dort aber nicht fahren, weil ihnen seit Jahrzehnten erzählt wird, wie gefährlich und tödlich es dort wäre. Platz für einen Schutzstreifen gibt’s auf der Fahrbahn auch keinen, denn der Platz, den vorher der Radweg eingenommen hat, wurde ja wenigstens anteilig dem Gehweg zugeschlagen und nicht der Fahrbahn.

Ganz schön kompliziert, das alles. Und so radeln die Radfahrer weiter auf dem reinen Gehweg, begehen bei jeder Tour eine Ordnungswidrigkeit und in der Zeitung arbeitet sich ein Redakteur dann wieder genüsslich an den so genannten Kampfradlern ab, für die angeblich keine Regeln gelten und die noch nicht einmal einen Helm tragen!

Aber eben weil es so kompliziert ist, kapiert die Sache ja auch kein Mensch. Der Fingerzeig soll gar nicht den Kraftfahrern gelten, die sich mit den Verkehrsregeln für Radfahrer traditionell schwer tun und mit der Hupe klarstellen, wer auf der Fahrbahn das sagen hat, sondern eher auf die Verwaltungen und die örtlichen Medien, die ihr bestes tun, um die Verwirrung zu komplettieren.

Vorsicht, vor dem Lesen am besten einen Fahrradhelm aufsetzen, man kann ja nie wissen: Schildlos im Stockpiper: „Der Schulweg gesichert“

Die Kritik einer Mutter war für die Stadtverwaltung Anlass, die Verkehrsregelung am Stockpiper klarzustellen: Der rotgepflasterte Bereich entlang der Straße ist auch weiterhin für „Drahtesel“ freigegeben. In der Vorwoche hatte die Polizei fälschlicherweise ein Mädchen des Weges verwiesen und auf die Asphaltfläche geschickt, was die Mutter zu gefährlich fand.

Der Artikel ist überschrieben mit „Radweg weiterhin befahrbar“, was natürlich gar nicht stimmt, denn ein Radweg war und ist die Fläche nicht, allenfalls ein gemeinsamer Fuß- und Radweg. Es geht um einen solchen Weg in der Ahlener Straße Am Stockpiper, der sein Zeichen 240 verlor und auf diese Weise eine Verwandlung zum Gehweg erlebte. Insofern ist die Sachlage auch ohne zusätzliches Zeichen 239 klar: Hier haben Radfahrer nichts mehr verloren.

Die Polizei wusste das überraschenderweise auch, das nun plötzlich auf der Fahrbahn pedaliert werden muss und untersagte einer Schülerin die Gehwegradelei. Das wiederum alarmierte deren Mutter, die wiederum über einen Leserbrief die Verwaltung auf den Plan rief. Alles gut, meint Heino Hilbert, es handle sich weiter um einen gemeinsamen Fuß- und Radweg, der Schulweg wäre weiterhin gesichert.

Natürlich irrt die Verwaltung an dieser Stelle: Es gibt ohne Beschilderungen keine gemeinsamen Fuß- und Radwege. Entweder handelt es sich kraft Zeichen 240 um einen gemeinsamen Fuß- und Radweg, oder um einen freigegebenen Fußweg mit Zeichen 239 und dem Zusatz „Radfahrer frei“ oder um einen reinen Gehweg, der zur Klarstellung noch mit dem Zeichen 239 dekoriert werden kann.

Ein gemeinsamer Fuß- und Radweg ohne Zeichen 240 lässt sich schließlich auch gar nicht erkennen: Ist nun dieser Gehweg ein gemeinsamer Fuß- und Radweg? Oder der da drüben? Der der da hinten? Warum ist der Gehweg Am Stockpiper ein gemeinsamer Fuß- und Radweg ohne Beschilderung, aber der Gehweg zwei Straßen weiter nicht? Warum ist hier das Gehwegradeln erlaubt und da vorne nicht? Und vor allem: Wie erkläre ich es den Fußgängern, die mich als Kampfradler beschimpfen?

Nun macht die Straße Am Stockpiper zumindest aus der Luft nicht den Eindruck, als bedeute die Benutzung der Fahrbahn den sicheren Tod. Stattdessen zeigen sich alle erleichtert, dass ihre Kinder weiterhin auf einem Gehweg fahren dürfen, der zwar nicht den allerschlechtesten Eindruck macht, aber beispielsweise nur im Vordergrund von Schnee geräumt wurde und offenbar an einigen Stellen an Problemen krankt: Die Verwaltung musste schließlich nach eigenem Beteuern die Zeichen 240 wegen der Verstöße gegen die Richtlinien abmontieren.

Dass sich die Verwaltung dann auch noch die Polizei zu einem „klärenden Gespräch“ vorknöpft ist schon ziemlich frech. Dann wird in Ahlen die ordnungswidrige Benutzung des Gehweges nicht mehr sanktioniert, in anderen Städten allerdings schon. Es wäre mal interessant, bei der nächsten Fahrradkontrolle mit dem freigegebenen Gehweg ohne Schild zu argumentieren. Wenn es doch um die angebliche Sicherheit geht, kann es doch gar nicht schiefgehen.

29 Prozent wussten mehr als die Anwältin

Ein Glück, dass dieser Beitrag des ProSieben-Boulevard-Magazins taff schon über ein Jahr alt ist — das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dessen mitunter gänzlich falscher Inhalt inzwischen in Vergessenheit geraten ist: Service extrem: Radfahren

Gibt es eine Geschwindigkeitsbegrenzung für Radfahrer? Darf man auf dem Fahrrad Musik hören? Und ist es erlaubt, über einen Zebrastreifen zu fahren? taff klärt auf.

Der folgende Service ist in der Tat extrem, nämlich stellenweise extrem falsch. Von der versprochenen Aufklärung kann da wohl kaum die Rede sein, denn anstatt harter Fakten kommen wieder die gefürchteten Passanten zu Wort, die mit einem Mikrofon im Einkaufszentrum überfallen nach ihrer Meinung gefragt werden. Es ist sowieso seltsam, was hinter diesem Konzept der Sendebeiträge steckt oder umgekehrt: Warum denn Menschen, die offenbar ja keine Ahnung von den jeweiligen Verkehrsregeln haben, überhaupt ihr Gesicht für ihre blamablen Aussagen hergeben. Womöglich ein Zeichen dafür, dass die Unkenntnis von Verkehrsregeln in unserer Gesellschaft kein Makel, sondern schick ist?

Es geht los mit dem vollbeladenen Rad nach dem Wocheneinkauf, der beidseitig am Lenker platziert wurde und dessen Funktionalität einschränkt. Die erste Dame glaubt, man dürfe zwei Gepäcktaschen pro Seite anhängen, die zweite Befragte hat irgendwann mal was von zehn Kilogramm Zuladung gehört, der dritte Passant tippt „Soviel ich will“. 59 Prozent der Berliner glauben, verkündet der Sprecher aus dem Off, die Menge des mitzuführenden Gepäcks sei begrenzt. Ein Glück, dass raff Rechtsanwältin Alicia von Rosenberg befragen konnte, die weiß nämlich Bescheid: man darf sogar das Gepäckstück mit einer Hand festhalten und mit der anderen lenken.

Der zweite Teil des Beitrages haut leider nicht so ganz hin, da geht’s um Radwege und mit Radwegen haben es die deutschen Medien nicht erst seit der dpa-Falschmeldung vom Anfang April nicht so richtig. Das fahren auf der Fahrbahn sei für Fahrradfahrer verboten, will eine Kollegin ihren Protagonisten belehren und die Wortwahl des Sprechers lässt gar keinen Zweifel: Hier folgt gleich handfeste Aufklärung, dass keineswegs jeder Radweg beradelt werden muss. Noch schöner lässt sich so eine Vorlage doch kaum aufbauen.

Sogar die armen Passanten aus dem Einkaufszentrum sind sich beinahe einig, dass es keine generelle Radwegbenutzungspflicht gibt, nur die junge Dame, die im letzten Jahr ihre Fahrerlaubnis bekommen hat, die hat das so verstanden, dass jeder Radweg benutzt werden müsse — das lässt ja gleich tief in die Qualität ihrer Fahrschulausbildung blicken. Hui, im Gegensatz zu den drei Shopping-Menschen wissen allerdings nur 29 Prozent der Berliner, dass die generelle Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gekippt wurde.

„Alicia von Rosenberg weiß es aber besser“, tönt es aus dem Off. Hä? Die 29 Prozent haben doch recht? Stattdessen erklärt die Frau Anwältin: „Wenn es einen Radweg gibt, dann muss ich diesen auch benutzen. Das heißt: Verstoße ich gegen die Benutzungspflicht, begehe ich eine Ordnungswidrigkeit und ein Bußgeld kann gegen mich verhängt werden.“

Und das stimmt nicht. Nur die Radwege mit den blauen Verkehrszeichen 237, 240 und 241 müssen benutzt werden — und davon dürfte es schon vor einem Jahr erfrischend wenige in Berlin gegeben haben. Noch doofer ist nur noch der Hinweis, den ProSieben dazu einblendet: „Hinweis! Ein Fahrradfahrer der einen Radweg nicht benutzt und stattdessen auf der Straße fährt, trägt bei einem Unfall möglicherweise eine Mitschuld. Zudem kann ein Bußgeld verhängt werden.“

Den Hinweis rettet das Wörtchen „möglicherweise“, denn bei einem Unfall wird es bezüglich der Mitschuld auf den genauen Unfallhergang ankommen. Nur wegen der Benutzung der Fahrbahn kassiert der verunfallte Radfahrer noch längst keine Mitschuld — die lässt sich seit 1997 schließlich gar nicht mehr aus der Straßenverkehrs-Ordnung herleiten und dementsprechend sind derartige Urteile nach 1997 nicht mehr zu finden. Von 28. Oktober 1993 stammt beispielsweise das Urteil 6 U 91/93 des Oberlandesgerichts Hamm:

Wird ein Radfahrer, der statt des vorhandenen Radwegs grundlos die Fahrbahn benutzt, von einem überholenden Pkw angefahren und verletzt, muss er wegen mitwirkenden Verschuldens eine Mithaftungsquote von 25 % hinnehmen.

Dann hat bei taff wohl doch jemand gemerkt, dass das nicht so ganz stimmt, was Alicia von Rosenberg da behauptet und korrigiert sie klammheimlich — als die Kamera wieder auf die Straße schwenkt, ist plötzlich nur noch von benutzungspflichtigen Radwegen die Rede. Wie man die erkennt erklärt taff lieber nicht — und es ist auch äußerst zweifelhaft, dass vor dem Interview im Einkaufszentrum den drei Passanten bewusst war, dass die Straßenverkehrs-Ordnung überhaupt verschiedene Arten von Radwegen kennt.

Das nächste Unglück folgt auf dem Fußgängerüberweg, dort verunfallt schon die Fragestellung, die armen Shopping-Wütigen können gar nicht richtig antworten. Radfahrer dürfen über einen Fußgängerüberweg radeln, genießen dort allerdings keinen Vorrang. Im Beitrag wird das allerdings nicht weiter differenziert, so dass sich die angesprochenen 18 Prozent der Befragten durchaus im Recht fühlen dürfen, wenn sie über einen Fußgängerüberweg radeln — vorausgesetzt es naht kein Kraftfahrzeug.

Alicia von Rosenberg erklärt: „Fahrradfahrer, die mit ihrem Fahrrad über einen Zebrastreifen oder Fußgängerüberweg fahren, handeln verbotswidrig.“ Das stimmt in dieser verkürzten Darstellung eben nicht — oder vielleicht versehentlich doch, denn „verbotswidrig“ ist ja schließlich wieder „erlaubt“, auch wenn von Rosenberg das sicherlich nicht formulieren wollte. „Und das richtig gefährliche ist: Wenn ein Unfall passiert, kann es sein, dass ich allein für den Unfall hafte“ — man möchte doch meinen, dass ein Radfahrer bei der beschriebenen Unfallkonstellation andere Sorgen als seine Haftung hat.

Sogar das lustige Thema mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt Alicia von Rosenberg nur unvollständig und damit leider falsch wider. Ja, Fahrradfahrer unterliegen grundsätzlich keinen Geschwindigkeitsbegrenzungen: Laut § 3 Abs. 3 StVO gilt sowohl das innerörtliche Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde als auch die 100 Kilometer pro Stunde außerorts nur für Kraftfahrzeuge, wobei ein Großteil der Radfahrer konditionelle Probleme haben dürfte, derartige Geschwindigkeiten auf Dauer zu halten. Alle anderen Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten allerdings auch für Fahrräder: Sowohl die üblichen Tempolimits kraft Zeichen 274 als auch implizite angemessene Geschwindigkeiten auf freigegebenen Gehwegen oder in freigegebenen Fußgängerzonen. Und dann gilt auch noch § 3 Abs. 1 StVO, nach dem Fahrzeuge nur so schnell bewegt werden dürfen, wie sie der Fahrzeugführer beherrschen kann — letzteres weiß dann auch von Rosenberg wieder.

Bleibt noch die Frage, warum sich so viele Menschen freiwillig hergeben, um ihr Unwissen über die Verkehrsregeln einem Millionenpublikum zu offenbaren. Und warum sich der Sprecher in seinem Off nicht ein einziges Mal darüber wundert: ganz so, als wäre es das normalste der Welt, sich ohne Ahnung im Verkehr zu bewegen.