Der ADAC testet sein Alltagswissen in Sachen Verkehr

Wenn sich die Presse an Verkehrsregeln versucht, geht meistens etwas schief und es gibt sehr viel zu lachen. Man kann dem ADAC nicht verübeln, dass er sich eher für die Rechte des motorisierten Individualverkehrs einsetzt, doch bleibt die Verwunderung, dass der Club, genau wie ein Großteil seiner Millionen Mitglieder, nur den Teil der Straßenverkehrsordnung kennt, der für das Auto relevant ist.

In der Februar-Ausgabe der ADAC Motorwelt findet der Leser zwischen Eigenlob und Treppenliften die zweite Ausgabe des Verkehrsquiz’ — es geht um blinkende Busse in Bushaltestellen, das Rechtsfahrgebot auf dreispurigen Autobahnen und: Fahrradfahrern auf Fußgängerüberwegen, immer wieder ein gern genommenes Reizthema.

Die Frage lautet also:

Der Radfahrer möchte den Zebrastreifen überqueren. Was muss er tun?

  1. Der Radfahrer muss absteigen und sein Rad über den Zebrastreifen auf die andere Straßenseite schieben
  2. Er darf langsam über den Zebrastreifen fahren, hat dabei aber eine besondere Sorgfaltspflicht
  3. Er darf den Zebrastreifen gar nicht benutzen

Laut dem ADAC lautet die richtige Antwort:

Antwort A. Der Vorrang an einem Fußgängerüberweg mit Zebrastreifen (Zeichen 293) gilt nach § 26 StVO nur für Fußgänger und Rollstuhlfahrer. Radfahrer müssen deshalb absteigen und das Fahrrad schieben. Wer mit dem Rad fährt, gilt als Fahrzeugführer. Kommt es dann zum Unfall, hat der Radfahrer ein erhebliches Mitverschulden.

Das Problem ist, dass der kausale Schluss in dieser Art nicht gilt, wie der Blick in die Straßenverkehrsordnung zeigt:

§ 26 Fußgängerüberwege

(1) An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge mit Ausnahme von Schienenfahrzeugen den Fußgängern sowie Fahrern von Krankenfahrstühlen oder Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten.
(2) Stockt der Verkehr, so dürfen Fahrzeuge nicht auf den Überweg fahren, wenn sie auf ihm warten müßten.
(3) An Überwegen darf nicht überholt werden.
(4) Führt die Markierung über einen Radweg oder einen anderen Straßenteil, so gelten diese Vorschriften entsprechend.

Aus § 26 Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung sagt also aus, dass Fußgänger auf Fußgängerüberwegen Vorrang genießen, solange sie sich nicht mit einem Schienenfahrzeug anlegen. Es ist allerdings kein Verbot enthalten, den Fußgängerüberweg auch mit dem Fahrrad zu benutzen, sofern der Fußgängerüberweg auf dem Rad erreicht werden kann, also etwa nicht der Gehweg beradelt werden muss. Auf dem Rad gibt es lediglich keinen Vorrang.

Noch unglücklicher als Fragestellung und Antwort ist die dazugehörige Grafik. Dort hätte der Fußgängerüberweg in Gestalt von Zeichen 293 auch auf dem Radweg markiert werden, denn sonst hätten Fußgänger dort wiederum keinen Vorrang gegenüber den auf dem Radweg fahrenden Radfahrern. Auf dem dort abgebildeten Fußgängerüberweg dürften Radfahrer allerdings ganz im Sinne der Straßenverkehrsordnung den abgesenkten Bordstein nutzen, um die Straßenseite zu wechseln — nur eben ohne Vorrang. Sobald aber der Radfahrer sich etwa am Pfosten des Zeichens 350 festhält und einen Fuß abstellt, ist er wieder Fußgänger mit dem damit einhergehenden Vorrang.

Falls der ADAC noch weitere Fragen für die nächsten Ausgaben des Verkehrsquiz’ sucht:

  • Welche Vorrangsregelungen gelten innerhalb einer abknickenden Vorfahrt?
  • Wie lauten die Vorrangs- und Vorfahrtsbeziehungen zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern in einem Kreisverkehr, wenn Radfahrer auf einem Radweg um den Kreisverkehr geführt und mit Verkehrszeichen 205 wartepflichtig werden?
  • Darf man innerorts auf der Kraftfahrstraße rechts überholen und welches Tempolimit gilt zunächst?
  • Welche Regelungen gelten im Verkehrsberuhigten Bereich?
  • Wie lauten die Verkehrsregeln für Radfahrer, wenn Einbahnstraßen gegen die Fahrtrichtung freigegeben sind?
  • Wer hat nach der aktuellen Straßenverkehrsordnung an einer Engstelle Vorrang?
  • Und vor allem: welche Straßenverkehrsordnung gilt denn überhaupt momentan?
  • Und ganz zum Schluss: Was passiert, wenn entgegen der Verwaltungsvorschriften ein Radweg an einer Kreuzung direkt über den Fußgängerüberweg geführt wird?

Das wären mal wirklich interessante Fragen, nicht solch ein Pipifax wie blinkende Busse in Bushaltestellen. Vermutlich sind die Antworten allerdings für den normalen Verkehrsteilnehmer zu komplex, gerade was Kreisverkehre und abknickende Vorfahren angeht — deshalb gelten solche Konstrukte eigentlich auch als besonders problematisch und funktionieren nur, weil Fußgänger gar nicht auf die Idee kommen, ihren Vorrang dort wahrzunehmen.