Krefelder Fairkehr: Mit Helm wäre das nicht passiert?

Ein komischer Typ fährt Fahrrad. Vermutlich soll er einen rücksichtslos-coolen Radfahrer repräsentieren, obwohl er mit Sonnenbrille und Gesichtsbehaarung eher auf einem Kraftrad vermutet worden wäre. Mit einer lauten Tröte verschafft er sich an der nächsten Bushaltestelle Platz Gehör und er fährt, mehrmals machen Pfeile auf dem Radweg darauf aufmerksam, auf einem links der Fahrbahn angeordneten Radweg. Der Helm sitzt zwar auf dem Kopf, die Riemen baumeln lässig im Fahrtwind, ein Kaugummi rotiert im Mund und dann, aha, droht Ungemach aus der Gegenrichtung.

Da nähern sich nämlich zwei Kinder, nebeneinander, in der richtigen Fahrtrichtung, natürlich mit Helm. Der coole Typ in der falschen Fahrtrichtung gibt noch mal Gas, will es wissen, will die beiden Kinder offenbar aus der Bahn schubsen, aber dann, hoppla, räumt ihn ein roter Kleinwagen beim Rechtsabiegen ab. „Cooler Helm“, stellen die beiden Mädchen fest, „aber leider die falsche Fahrbahnseite.“ Und aus dem Off erklärt eine Stimme: „Schon gewusst: Die meisten aller Fahrradunfälle passieren durch das Befahren der falschen Fahrbahnseite.“

Mit diesem Kino-Spot versucht die Krefelder Initiative Fairkehr seit mittlerweile vier Jahren vor den Gefahren des Geisterradelns zu warnen: Kinospot „Geisterfahrer“ der Krefelder Initiative Fairkehr

So lästig und gefährlich das Beradeln der falschen Straßenseite auch ist: Der Kinospot stellt die Gefährdung ein bisschen verkehrt dar. Das fängt mit den üblichen Problemen des Radweges an, der zwar im Film hinreichend breit ist, zu etwa einem Drittel in der Door-Zone der parkenden Kraftfahrzeuge verläuft. Die dazugehörige Pressemitteilung freut sich sehr darüber, dass dieser recht kurzfristig geplante Film innerhalb kürzester Zeit produziert werden konnte; es ist daher vermutlich Sache des Zufalls gewesen, die einzelnen Kraftfahrzeuge am Fahrbahnrand zu verteilen. So radeln die beiden Kinder wenigstens nicht unsichtbar hinter den parkenden Autos, denn dann wären sie es vermutlich gewesen, die plötzlich hinter dem roten Kleinwagen verschwunden wären.

Der Abbiegeunfall ist zwar so etwas wie der Klassiker unter den Ursachen für verunfallte Radfahrer, allerdings in der Regel nicht mit entgegenkommenden Radfahrern: Die sind schließlich für Kraftfahrer mit starrem Halse auch schon ohne Schulterblick zu erkennen. Leider spricht der Film keine Kraftfahrer an, beim Abbiegen auf andere Verkehrsteilnehmer zu achten, der einzig doofe ist der Geisterradler, der nach dem Unfall offenbar geistig neben der Spur gerade eben noch so am nächsten Laternenpfosten vorbeischwanken kann. Und die Kinder? Die fahren fröhlich weiter, ohne sich um den Geisterradler zu kümmern. Das Strafgesetzbuch kennt für dieses Verhalten den § 323c StGB, für den Kraftfahrer kommt mindestens § 142 StGB, womöglich auch der fast schon obligatorische § 315b StGB in Betracht.

Okay, okay, wozu die Empörung, es ist doch schließlich nur ein Kinospot, der auf die Gefahren des Geisterradelns aufmerksam machen soll. Dann bleibt allerdings noch die Frage, warum auch im Herbst 2013 überall in der Bundesrepublik verstreut abertausende Kilometer Radweg für beide Fahrtrichtungen freigegeben sind. Dieses Dilemma löst der Film erwartungsgemäß nicht auf.

Insofern bleibt: Geisterradeln ist gefährlich, aber längst nicht nur, wenn es auch verboten ist. Das Befahren eines linken Radweges, dessen Benutzung erlaubt oder gar vorgeschrieben ist, geht stets mit ungleich höheren Risiken einher. Die Gefahr geht allerdings nicht wie im Film dargestellt von aus der Gegenrichtung abbiegenden Kraftfahrzeugen aus, sondern eher von jenen, die aus einer Einfahrt oder Seitenstraße herausstoßen und gar nicht damit rechnen, dass von rechts ein Radling nahen könnte — ganz unabhängig davon, ob der da fahren darf oder nicht. Einige Städte überziehen ihr komplettes Radwegenetz mit beidseitigen Freigaben, ganz unabhängig von deren Beschaffenheit, Sichtbeziehungen und Oberflächenqualität. Da gilt noch, was vor vielen Jahrzehnten den Ausschlag für die Radwegbenutzungspflicht gab: Hauptsache der Radfahrer ist weg von der Fahrbahn.

Teilweise ist für Radfahrer noch nicht einmal ersichtlich, ob sie hier links oder rechts oder gar nicht fahren dürfen, weil die Behörden die Wiederholung der entsprechenden Verkehrsschilder an der nächsten Kreuzung plötzlich vergessen haben oder sich auf bloße Pfeile in beiden Richtungen beschränken, um auf dem Radweg eine Art Freigabe für beide Fahrtrichtungen einzurichten, die natürlich nicht rechtswirksam ist.

Vielleicht lässt sich dieses Thema auch überhaupt nicht in einem so kurzen Clip darstellen. Jedenfalls nicht, ohne dass der Alltagsradler mit dem Grübeln beginnt.