Lastkraftwagen-Unfall: Trotz Sturzhelm tot

Gibt es eigentlich zum Ausklang der Fahrradsaison auch nur einen einzigen Unfallbericht, der dem Fahrradhelm-Thema einigermaßen neutral begegnet? Diese Meldung aus Heilbronn strotzt geradezu vor Verwunderung, dass der Radfahrer nach einer Kollision mit einem Lastkraftwagen, der ein offenbar längerer Flug durch die Luft folgte, schließlich im Krankenhaus verstarb — schließlich trug er einen Fahrradhelm: Radfahrer stirbt nach Zusammenstoß mit Lastwagen

Auch mit Helm kann man sterben

Gerade eben ärgert man sich noch über einen blöden Unfallbericht, da stolpert man über dieses Kunstwerk: Porschefahrer fährt in Radfahrer – Rentner wird in Frontscheibe geschleudert und ist trotz Schutzhelm sofort tot

Polizei vermutet: „Die Lichtschattenspiele könnten eventuell Unfallursache sein!“ – Straße führt durch einen Wald

Wer um alles in der Welt denkt sich eigentlich solche Überschriften aus? Ist der Glaube an die lebensrettenden Fähigkeiten des Fahrradhelmes, die teilweise nicht einmal mehr von der in diesem Universum gültigen Gesetzen der Physik erklärt werden können, schon so tief verankert, dass es vollkommen unwahrscheinlich scheint, dass man auch mit einem behelmten Kopf sterben kann? Schließlich muss der Helm ja gar nichts mit dem Unfall zu tun haben, auch ein Zwillingsreifen eines abbiegenden Lastkraftwagen wirkt sich auf dem Bauch nicht gerade lebensverlängernd aus. Das Unverständnis, dass man es auch mit behelmten Kopf ins Jenseits schafft, wird noch einmal mit derartiger Verwunderung inmitten des Artikels bekräftigt, dass man gar nicht mehr weiß, was man davon halten soll.

Die Polizei identifiziert derweil Licht-Schatten-Spiele auf der Fahrbahn als Unfallursache. Dieser Ansatz folgt allerdings einer ähnlich verqueren Logik wie der lebensrettende Fahrradhelm, denn unfallverursachend dürfte eher die an die Lichtverhältnisse nicht angepasste Geschwindigkeit des Kraftfahrzeugführers gewesen sein, der den Radfahrer von hinten anstieß.

Ganz ähnlich liest sich ein anderer Vorfall in der Mainpost, bei dem es der Helm wenigstens nicht bis in die Schlagzeile geschafft hat: Radfahrer stirbt nach Zusammenstoß mit Lastwagen

Den Zusammenhang zwischen dem prominent erwähnten, weil fehlenden Helm und dem, was er bei einem seitlichen Aufprall „mit voller Wucht“ noch hätte ausrichten können, sucht man vergebens.

Vielleicht sollte man sich solche Berichte einfach nicht mehr durchlesen.

Kraftfahrer brauchen keine Ausrede

Es ist müßig, sich die Presseberichte zu Unfällen im Straßenverkehr durchzulesen. Meistens regt man sich auf, weil die Berichte etwas, naja, einseitig zugunsten der Kraftfahrer geschrieben werden — selbst wenn der Unfallverursacher hinter dem Steuer saß. Womöglich fehlt es tatsächlich am Bewusstsein, auch neutrale Berichte schreiben zu können, die ohne die üblichen Phrasen auskommen — ein Kraftfahrer kann einen Radfahrer schließlich nicht nur übersehen, sondern auch unaufmerksam gewesen sein oder gar die Vorfahrt grob fahrlässig missachtet haben: Der Radfahrer wird ja schon bremsen. Wenn der Unfallverursacher auf dem Rad saß, wird ausführlich und detailliert dessen Fehlverhalten beschrieben, auf den womöglich nicht getragenen Fahrradhelm eingegangen und in einem abschließenden Fazit bemängelt, dass sich Radfahrer eh nie an die Verkehrsregeln hielten. Wenn der Kraftfahrer den Unfall verursacht hat, wird ausführlich und detailliert das Fehlverhalten des Radfahrers beschrieben, auf den womöglich nicht von einem Helm geschützten Kopf des Radfahrers eingegangen und in einem abschließenden Fazit bemängelt, dass Radfahrer ja zu selten auf ihre Vorfahrt verzichteten.

Bei diesem Verkehrsunfall in der Hamburger Fruchtallee war der unfallverursachende Kraftfahrer nicht unaufmerksam, nicht zu schnell oder sonstwas, sondern wurde eventuell von der tiefstehenden Sonne geblendet, so dass er seine rote Ampel nicht wahrnehmen könnte.

Das ist für Kraftfahrzeugführer eine äußerst komfortable Situation: Um Ausreden muss er sich keine Sorgen machen, das übernehmen die Medien und womöglich bereits der Unfallbericht der Polizei.

Davon abgesehen, auch wenn das in den anklagenden Beitragen dieses Weblogs nicht immer hervortritt, dürfte der Kraftfahrer den Unfall längst nicht so locker weggesteckt zu haben, wie es die Begründung mit der tiefstehenden Sonne vermuten lässt — eigentlich noch ein Grund mehr, auf derart einfache Begründungen zu verzichten.