Aachener Polizei bekämpft schwere Fahrradunfälle

Zum Start der Fahrradsaison sorgt die Aachener Polizei für mehr Sicherheit im Straßenverkehr: Bilanz der Kontrollen der Aachener Polizei zur Bekämpfung der Verkehrsunfälle mit Radfahrern und Fußgängern

Die Beamten führten während ihrer Kontrolle erzieherische Gespräche mit den Verkehrsteilnehmern, vor allem mit Radfahrer, die auf Gehwegen unterwegs waren, falsch abbogen oder keinen Fahrradhelm trugen, der zwar nicht vorgeschrieben ist, aber schwere Verletzungen verhindern könne. Mit einigen Kraftfahrzeugführern wurden offenbar ebenfalls Gespräche geführt. Ob der fehlende Schulterblick beim Abbiegen, der in der Fahrgastzelle nur äußerst ungern praktiziert wird, ebenfalls Gegenstand der erzieherischen Maßnahme war, ist leider nicht überliefert.

Vorsicht beim neuen Geisterradler-Urteil

Momentan macht ein Urteil des Amtsgerichts München die Runde in den sozialen Netzwerken — leider meistens in irreführend verkürzter Form.

Hinter dem Aktenzeichen 345 C 23506/12 entschied das Amtsgericht München, dass eine Radfahrerin, die auf der linken Fahrbahnseite unterwegs war, um sich einem Umweg an einer Kreuzung um Linksabbiegen zu sparen, und dabei mit einem entgegenkommenden Kraftfahrzeug kollidierte, sich in einem Maße verkehrswidrig verhält, dass sogar die Betriebsgefahr des am Unfall beteiligten Kraftfahrzeuges zurückstehe.

Es handelt sich dabei also nicht, wie häufig behauptet wird, um eine Radfahrerin, die auf dem linken Radweg Geisterradelei praktizierte und dabei an einer Kreuzung von einem aus einer Nebenstraße einfahrenden Kraftfahrzeug übersehen wurde. Letzterer Fall geht in der Regel, wenn auch mit Abzügen, zu Gunsten der Radfahrerin aus.

Osnabrück: 20-Jähriger vom rechtsabbiegenden Lastkraftwagen getötet

In Osnabrück wurde gestern am frühen Nachmittag ein 20-jähriger Radfahrer von einem abbiegenden Lastkraftwagen erfasst und starb kurz darauf im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen: 20-jähriger Radfahrer stirbt in Osnabrück nach Unfall mit Lkw

Am Dienstagnachmittag ist ein 20-jähriger Radfahrer in Osnabrück von einem Lkw überrollt und tödlich verletzt worden. Der 42-jährige Lkw-Fahrer erlitt einen schweren Schock. Er befindet sich in stationärer Behandlung.

Besonders bitter: Die Kreuzung gilt seit einigen Jahren als Unfallschwerpunkt, an dem sich in den letzten Jahren mindestens ein weiterer Todesfall, mehrere Unfälle mit verletzen Radfahrern und unzählige Gefahrensituationen ereignet hatten. Daraufhin wurde neben einem Signalgeber der Lichtzeichenanlage ein Spiegel installiert, der Lastkraftwagen und anderen Verkehrsteilnehmern Einblick in ihren toten Winkel ermöglichen sollte — in diesem Fall offenbar vergebens. In den letzten zehn Jahren starben laut der Osnabrücker Zeitung acht Radfahrer im Osnabrücker Straßenverkehr, sieben davon kamen im Zusammenhang mit abbiegenden Lastkraftwagen ums Leben.

London: Lastkraftwagen bald nur noch mit Unterfahrschutz

Rechtsabbiegende Lastkraftwagen sind für Radfahrer immer eine unangenehme Sache. Je nach baulichen Gegebenheiten der Kreuzung oder Einmündung und je nach Konfiguration der Spiegel und des eigentlichen Lastkraftwagens zieht das Fahrzeug einen erheblichen toten Winkel neben sich her, in dem Radfahrer gefährdet sind.

Nach dem tödlichen Unfall in der Hamburger Innenstadt vor einem Monat fordere unter anderem Katharina Reiche, Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, ein entsprechendes Warnsystem vorzuschreiben: Nach Unfalltod einer Radfahrerin: Forderung nach Warnsystem für Lkw

Einen Tag nach dem Unfalltod einer 18 Jahre alten Radfahrerin in Hamburg hat die Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Katharina Reiche (CDU), ein elektronisches Warnsystem für Lastwagen gefordert. «Das Warnsystem muss verpflichtend zumindest für alle neu zugelassenen LKW sein – sobald es zuverlässig einsetzbar ist», erklärte Reiche am Freitag.

Man kann sich vorstellen, wie viel Zeit die Entwicklung eines „zuverlässig einsetzbaren“ Warnsystemes in Anspruch nehmen wird — und wie lange es angesichts der Nutzungsdauer eines normalen Lastkraftwagen dauern wird, bis ein nennenswerter Teil des umherfahrenden Güterverkehrs mit einem solchen System ausgestattet ist. Abgesehen davon sind außerhalb Deutschlands zugelassene Lastkraftwagen von dieser Vorschrift wahrscheinlich nicht betroffen, stellen aber im Transitland Deutschland einen wesentlichen Teil des Lastkraftwagenverkehrs, der sich zwar häufig nur auf den kreuzungsfreien Fernstraßen bewegt, aber hin und wieder eben auch innerorts unterwegs ist.

In London geht man hingegen einen Schritt weiter: Ab Ende des Jahres dürfen nur noch Lastkraftwagen den Bereich der City of London befahren, die mit speziellen Schutzflächen an den Seiten ausgestattet sind. Diese Schutzflächen sollen verhindern, dass Radfahrer bei Abbiegevorgängen unter die Räder geraten: London to ban lorries which have no protection for cyclists and pedestrians

Officials to introduce requirement for trucks to fit side guards and better mirrors, with hefty charge for non-compliance

Da dieser Ansatz allein noch keine Unfälle verhindert, sondern allenfalls deren Folgen mindert, sollen Lastkraftwagen außerdem mit zusätzlichen Spiegeln ausgestattet werden, die einen besseren Blick auf das Geschehen ermöglichen. Zur Einhaltung der Regel werden spezielle Kontrollen durchgeführt, die unter anderem auf das Videomaterial von Verkehrsüberwachungskameras zurückgreifen. Auf den Straßen der britischen Hauptstadt kamen im vergangenen Jahr 14 Radfahrer ums Leben.

Radfahren in Baden-Württemberg: Lieber oben ohne?

Statistiken sind so eine Sache. Mit etwas Geschick kann man locker herumargumentieren, wie es gerade passt und wenn es morgen nicht mehr passt, dreht man die Statistik einfach um. So leicht kann’s gehen. Winfried Hermann, Minister für Verkehr und Infrastruktur in Baden-Württemberg und erklärter Fan von Fahrradhelmen und Fahrradhelmpflichten, wird wohl ein bisschen gestaunt haben angesichts der Unfallbilanz, die sein Kollege Reinhold Gall aus dem Innenministerium vorlegte: Unfallbilanz 2013: Weniger Verkehrstote und Verletzte – Innenminister Reinhold Gall: „Leider mehr Radfahrer ohne Helm auf den Straßen ums Leben gekommen“

Dort heißt es:

Auf den Straßen in Baden-Württemberg verunglückten 2013 insgesamt zwar weniger Menschen als im Vorjahr. Aber die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer ist von 44 auf 52 gestiegen – also um mehr als 18 Prozent. „Erschreckend finde ich, dass 70 Prozent der getöteten Fahrradfahrer keinen Helm trugen“, beklagte Innenminister Reinhold Gall bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz für 2013 am Freitag, 21. Februar 2014, in Stuttgart.

Es gibt noch ein paar andere Aspekte, die angesichts der Zahlen erschreckend sind. Zum Beispiel, dass vermutlich ein wesentlicher Teil von Kraftfahrzeugen übersehen, Pardon, getötet wurde — das geht zwar aus der Pressemitteilung nicht hervor, wohl aber aus einem groben Überblick über die Unfallberichte aus dem letzten Jahr. Man wird allerdings auch nicht so richtig aus der Aussage des Innenmisters schlau: Offenbar zielt er mit seiner Aussage auf die Wirksamkeit des Fahrradhelmes ab und möchte suggerieren, dass ein wesentlicher Teil der getöteten Radfahrer ihren Unfall mit Kopfschutz überlebt hätte.

Nun beträgt die ungefähre Tragequote des Fahrradhelmes bundesweit insgesamt etwa zehn Prozent. Wenn siebzig Prozent der getöteten Radfahrer keinen Helm trugen, waren also umgekehrt dreißig Prozent der getöteten Radfahrer mit einem Fahrradhelm unterwegs. Dieser Unterschied von immerhin zwanzig Prozentpunkten ist deutlich mehr als eine statistische Ungenauigkeit, das muss etwas zu bedeuten haben. Wenn ein Fahrradhelm tatsächlich lebensrettend eingreift, dürften doch eigentlich nur grob geschätzte fünf Prozent der tödlich verunglückten Radfahrer einen Helm getragen haben, dann wäre immerhin jeder zweite dank seines Kopfschutzes noch am Leben.

Vielleicht ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm tödlich zu verunglücken, deutlich höher als ohne Fahrradhelm; angesichts der so genannten Risikokompensation wäre das eine mögliche Erklärung. So richtig passt das aber auch nicht: Ein Fahrradhelm mag tatsächlich zu einer riskanteren Fahrweise animieren, weil ja genau wie bei einem modernen Kraftfahrzeug mit seinen fünfzig elektronischen Sicherheitsassistenten subjektiv gesehen gar nichts mehr passieren kann. Aber tritt diese riskantere Fahrweise tatsächlich so drastisch hervor, dass über drei bis sechs Mal so viele Radfahrer tödlich verunglücken? Vor allem spielt die Risikokompensation bei dem üblichen Unfall-Klassiker nur eine untergeordnete Rolle: Kein einigermaßen klar denkender Radfahrer fährt vor ein unachtsam abbiegendes Kraftfahrzeug und riskiert einen Unfall, den er mit einem Helm einfacher zu überleben glaubt.

Angesichts dieser Zahlen wird man allerdings auch weiterhin nur spekulativ im Trüben fischen, ohne Details über die eigentlichen Unfallursachen kommt man da zahlenmäßig nicht weiter. Hier greift ja noch nicht einmal die so genannte Dunkelziffer, denn im Gegensatz zu „kleineren“ Unfällen, bei denen die Sache mit einem Pflaster oder einem Verband aus dem Erste-Hilfe-Kasten ohne Gegenwart der Polizei geregelt wird, werden Todesfälle zwangsläufig in der Unfallstatistik registriert.

Das nackte Zahlenmaterial aus der Pressemitteilung hingegen hinterlässt zwangsläufig den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt. Was genau da nicht stimmt, das kann ja Winfried Hermann in seiner Helmstudie untersuchen lassen.

Warum hat die Radfahrerin nicht angehalten?

In Berlin gab es erneut einen Konflikt zwischen einer Radfahrerin und einem abbiegenden Lastkraftwagen, der in schweren Verletzungen endete: Lkw überrollt Radfahrerin

Schwerer Unfall auf der Stralauer Allee: Eine Radfahrerin wurde von einem Laster angefahren und überrollt. Der Lkw-Fahrer hat die Frau beim Abbiegen offenbar nicht gesehen.

Aus dem üblichen „Übersehen“ wurde im Laufe des Artikels etwas anderes:

Die Frau bemerkte nicht, dass der Laster-Fahrer den Blinker einschaltete, um anzuzeigen, dass er nach rechts in die Warschauer Straße einbiegen wollte. (…) Unklar sei, weshalb die Frau, die unmittelbar neben dem Lastwagen fuhr, nicht auf das Fahrzeug reagierte und weiter geradeaus gefahren sei, sagte ein Verkehrspolizist.

Vielleicht hatte die verletzte Radfahrerin die ganz abwegige Idee, der Lastkraftwagen könnte ihr ihre Vorfahrt lassen.

Helm-Urteile: Celle widerspricht Schleswig

Man darf es wohl getrost als Paukenschlag bezeichnen, was da gerade durchs Netz rollt. Das Oberlandesgericht Celle entschied vor einigen Tagen: Keine allgemeine Helmtragepflicht für Fahrradfahrer

Kollidiert ein Radfahrer im öffentlichen Straßenverkehr mit einem anderen, sich verkehrswidrig verhaltenden Verkehrsteilnehmer und erleidet er infolge des Sturzes unfallbedingte Kopfverletzungen, die ein Fahrradhelm verhindert oder gemindert hätte, muss er sich gleichwohl nur in Ausnahmefällen – nämlich wenn er sich als sportlich ambitionierter Fahrer auch außerhalb von Rennsportveranstaltungen besonderen Risiken aussetzt oder infolge seiner persönlichen Disposition, beispielsweise aufgrund von Unerfahrenheit im Umgang mit dem Rad oder den Gefahren des Straßenverkehrs ein gesteigertes Gefährdungspotential besteht – ein Mitverschulden wegen Nichttragens eines Fahrradhelms anrechnen lassen (in Abweichung von: OLG Schleswig, Urteil v. 5. Juni 2013 – 7 U 11/12).

In diesem Fall hatte ein Radfahrer im Sommer 2009 eine Radfahrerin überholen wollen, die aber plötzlich nach links in eine Grundstückseinfahrt abbiegen wollte. Beide Verkehrsteilnehmer kollidierten, der Radfahrer erlitt bei dem Zusammenstoß unter anderem schwere Kopfverletzungen. Der Radfahrer stellte daraufhin eine ganze Reihe zivilrechtlicher Ansprüche, die weit über die Behandlungskosten seiner Verletzungen hinausgehen, unter anderem spielen dort noch Arbeiten an einem Bungalow und eine stornierte Urlaubsreise eine Rolle, die er aufgrund des Unfalls nicht durchführen oder antreten konnte.

Das zunächst in erster Instanz zuständige Landgericht hatte dem klagenden Radfahrer eine Mitschuld von 50 Prozent attestiert, da beide Parteien am Unfall und dessen Auswirkungen gleichermaßen beteiligt gewesen wären. Den Umstand, dass er aber trotz seiner recht sportlichen Fahrweise bei einer Geschwindigkeit von 25 bis 30 Kilometern pro Stunde keinen Sturzhelm trug, vergütete das Landgericht mit zusätzlichen 20 Prozent. Die Argumentation gleicht der aus dem bekannten Schleswiger Urteil vom letzten Sommer: Der Helm hätte die Kopfverletzungen nicht verhindert, wohl aber deutlich gemindert, angesichts der sportlichen Fahrweise läge hier eine Sorgfaltspflichtverletzung vor.

Das Urteil des Landgerichts gefiel dem Kläger nicht und er legte Berufung beim Oberlandesgericht Celle ein. Das wiederum ordnete dem fehlenden Helm einen wesentlich geringeren Stellenwert zu und urteile, die beklagte Radfahrerin hafte vollumfänglich für den entstandenen Schaden.

Das Urteil des Oberlandesgerichts ist unter anderem so interessant, weil es sich explizit am Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts abarbeitet und ihm konkret widerspricht, was die im letzten Sommer entstandene Diskussion über eine so genannte „Helmpflicht durch die Hintertür“ noch einmal befeuern dürfte. Umso spannender wird das für den 17. Juni 2014 angesetzte Urteil des Bundesgerichtshofes, das eine gewisse Klarheit und Einheitlichkeit in die Rechtsprechung bringen soll.

Eine ausführliche Besprechung des Urteils des Oberlandesgerichts Celle folgt in den nächsten Tagen.

Weniger Verkehrstote in Berlin

Die rbb-Abendschau berichtet: Berlin hat bundesweit am wenigsten Unfalltote

In Berlin starben im vergangenen Jahr im Vergleich zu anderen Bundesländern gemessen an der Einwohnerzahl am wenigsten Menschen im Straßenverkehr. Im Jahr 2013 wurden in der Hauptstadt 37 Verkehrstote registriert, die niedrigste Zahl seit Einführung der Statistik.

Irgendwie muss Käthe doch mitschuldig sein

Ghostbike Critical Mass Hamburg 1

Am Donnerstagmorgen wurde in Hamburg die 18-jährige Käthe auf dem Weg zur Schule von einem abbiegenden Lastkraftwagen getötet: Käthe (18) von Laster überrollt – tot

Vom Mundsburger Damm will ein Lkw-Fahrer (45) in die Armgartstraße (Hohenfelde) abbiegen – übersieht dabei die Schülerin Käthe W. Der tonnenschwere Laster überrollt die 18-jährige Radfahrerin.

Nach einem solchen Unfall stellen sich meistens mehrere Fragen, unter anderem: Wie ist das passiert und was kann man unternehmen, damit das nicht noch mal passiert? Diskutiert wird meistens leider nur: Wer ist eigentlich Schuld daran?

Bei den Hamburger Radfahrern ist wenigstens in den einschlägigen Diskussionsforen der Fall bereits klar: Lastkraftwagen hätten in der Stadt nichts verloren, ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde muss her, ohne Radwege und auf der Fahrbahn wäre das nicht passiert, alle Lastkraftwagen müssten mit Spiegeln ausgerüstet werden, bis die rechte Fahrzeugseite einem Spiegelkabinett gleicht. Ob das nun sinnvoll ist, sei mal dahingestellt: Auch die heutigen Spiegel decken eigentlich einen recht großen Bereich neben der Fahrbahn ab, helfen aber nur, wenn der Fahrer auch reinguckt und vor allem im richtigen Moment reinguckt. Eine Radfahrerin, die auf dem Radweg an einem abbremsenden Lastkraftwagen vorbeifährt, dürfte nur für ein oder zwei Sekunden den Wahrnehmungsbereich des Fahrers berühren und während der Zeit ist der Kraftfahrzeugführer während eines Abbremsvorganges auch noch mit anderen Dingen beschäftigt, etwa dem Abstand zum Vordermann. Zudem ist es an der Hamburger Unglücksstelle nicht unwahrscheinlich, dass die Radfahrerin nicht auf dem Radweg, sondern zwei Meter weiter rechts auf dem Gehweg radelte und damit den durch die Spiegel sichtbaren Bereich bereits verlassen hatte — gestern Abend ließ sich noch erkennen, dass der Radweg am Tag des Unglücks im Gegensatz zum benachbarten Gehweg vermutlich nicht geräumt gewesen war.

Richtig ist allerdings: Ohne Radwege hätte sich der Unfall sicherlich nicht in dieser Form ereignet. Ohne Radwege wäre Käthe vermutlich nicht dem Rad zur Schule gekommen, sondern hätte den öffentlichen Nahverkehr oder die eigene Fahrerlaubnis genutzt: Die wenigsten Schülerinnen in dem Alter trauen sich mit einem Fahrrad auf eine derart stark befahrene Straße wie den Mundsburger Damm.

Während man bei den Radfahrer-Diskussionen auf facebook, Twitter oder anderswo im Internet nur hin und wieder den Kopf schütteln muss, geht’s im Lager der Kraftfahrer deutlich härter, geradezu menschenverachtender zu. Ein Teil der Kommentare und Meinungen reduziert sich auf das relativ anteilnahmelose „R.I.P. und alles gute für die family“ und die Bestürzung, wie denn so etwas passieren konnte, während andere Kommentatoren sofort die Generalabrechnung mit dem Radverkehr einläuten. Überraschend unverblümt wird bemängelt, dass es immer noch zu viele Radfahrer gäbe, wenngleich das eigentliche Highlight die Kommentare auf der Seite der Hamburger Morgenpost auf facebook sind. Addiert man die restlichen Wortmeldungen aus anderen facebook-Gruppen oder Internetforen dort drauf, die teilweise nicht öffentlich zugänglich oder bereits gelöscht sind, packt einen glatt die Wut, wie viele Verkehrsteilnehmer einfach drauflos schwurbeln, ohne wenigstens die mit drei kurzen Absätzen doch recht leicht zu verarbeitende Meldung zum Unfallhergang zu lesen. Da wird beispielsweise folgendes reklamiert:

  • Das wäre nicht passiert, wäre die Schülerin auf der richtigen Straßenseite gefahren. Man kennt ja diese Radfahrer, die fahren immer falsch. (Die Schülerin war in der richtigen Fahrtrichtung unterwegs.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Man lernt doch schon in der Grundschule, nur bei Grün zu fahren. Fazit: Selbst schuld. (Es gab an dieser Stelle keine Lichtzeichenanlage, die Schülerin hatte Vorrecht gegenüber dem abbiegenden Kraftfahrzeug.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, gäbe es ein Verbot für iPhones am Lenker. (Es gibt keine Hinweise, dass die Schülerin mit einem Telefon beschäftigt war — und das wäre übrigens genauso verboten wie die Handy-Nutzung am Steuerrad.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, hätte sie nicht ihre Vorfahrt erzwungen. (Gut, darüber kann man diskutieren. Viel wichtiger wäre allerdings, warum denn der abbiegende Lastkraftwagen nicht angehalten hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Mit Helm wäre sie noch am Leben. (Standardargument, angesichts der Zwillingsreifen und der beeindruckenden Masse des Lastkraftwagens ist das aber eher unwahrscheinlich. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Hamburger Morgenpost erst noch prominent zu berichten wusste, dass die Radfahrerin keinen Helm trug, den Satz dann allerdings nach Beschwerden der Leser gestrichen hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das kommt davon, mitten auf der Straße anstatt auf dem sicheren Radweg zu fahren. (Die Schülerin fuhr auf dem Radweg.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Sie war bestimmt in den modischen Trendfarben Schwarz, Dunkelgrau und Grau gekleidet. (Darüber schweigt sich die Polizei aus.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß aus eigener Erfahrung zu berichten, dass Schülerinnen in dem Alter meistens betrunken zur Schule fahren. (Auch dafür gibt es keine Indizien — abgesehen davon kann sich auch nüchtern totfahren lassen.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das Fahrrad hatte bestimmt keine funktionierende Lichtanlage. (Man darf davon ausgesehen, dass die Polizei so etwas erwähnt hätte. Außerdem war es zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht „tageshell“, aber schon „hell“.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß zwar nicht genau, gegen welche Regeln die Schülerin verstoßen hat, aber irgendetwas wird sie sich ja zu Schulden kommen lassen haben, sonst wäre sie ja nicht überfahren worden. (Alles klar.)

Man mag diesen menschenverachtenden Unfug überhaupt nicht mehr lesen. Wenn auch nur die zehn Prozent, die solchen Schwachsinn schreiben, mit diesem Selbstbewusstsein im Straßenverkehr unterwegs sind, wundert man sich gar, warum nicht noch mehr tote Radfahrer und Fußgänger in der Unfallstatistik auftauchen. Das ist ja kaum noch zum Aushalten. Ganz krude wird’s dann, wenn das Beileid nicht den Verwandten und Freunden der Schülerin ausgesprochen wird, sondern dem Lastkraftwagenfahrer. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der ist definitiv alles andere als froh über seinen Unfall am Donnerstag und man kann auch ihm nur jegliche Kräfte bei der Verarbeitung der Geschehnisse wünschen. Aber sich jetzt mit ihm zu solidarisieren, weil er womöglich wegen einer „scheiss radfahrerin“ seine Arbeitsstelle los ist und „wgen dieser Scheiß Kampf Radler“ für den Rest seines Lebens traumarisiert sein könnte, deutet doch auf eine arg komplizierte Interpretation des Unfallherganges. Bei einigen Kommentaren fragt man sich ernsthaft, ob das nicht schon für § 189 StGB reichen könnte.

Ghostbike Critical Mass Hamburg 16

Am gestrigen Freitag stellen die Teilnehmer der Critical Mass Hamburg ein so genanntes Ghost-Bike am Unfallort auf: Radfahrer trauern: Ein „Ghostbike“ für Käthe (†18)

Mahnmal für Käthe: Ein weißes Fahrrad steht seit Freitagabend in der Armgartstraße, umringt von brennenden Kerzen. Das „Ghostbike“ soll an die Schülerin erinnern, die nur 18 Jahre alt wurde.

Erwähnenswert, weil besonders bitter ist der folgende Absatz:

Die Idee der „Ghostbikes“ stammt aus den USA. Die weiß gestrichenen Räder sollen als Mahnmale für verunglückte Radfahrer dienen – und gleichzeitg auf mögliche Gefahrenpunkte hinweisen.

Damit sich solch schrecklicke Unfälle nicht wiederholen.

Der Treffpunkt der Critical Mass Hamburg im Januar lag nur etwa fünfhundert Meter entfernt vom Unfallort an einer Wiese an der Außenalster. Zwischen 19 Uhr und 19.40 Uhr, die Critical Mass braucht traditionell etwa eine halbe Stunde, bis sich die Masse zum Losfahren entscheidet, während noch einige Nachzügler an der Unfallstelle vorbei bis zum Treffpunkt sausten, gab es insgesamt neun Zwischenfälle an dieser Einmündung, die schon in die Kategorie „gerade noch mal gutgegangen“ fallen. Drei Mal wurden Radfahrer, die ordnungswidrig, aber angesichts des Unfalls wohl vernünftigerweise auf der Fahrbahn radelten, äußerst dicht überholt, vier Mal stoppte ein abbiegendes Kraftfahrzeug gerade noch rechtzeitig, um geradeaus fahrende Radfahrer nicht auf die Hörner zu nehmen, zwei Mal konnte ein Unfall nur noch mit einer Gefahrenbremsung der Radfahrer vermieden werden.

Ghostbike Critical Mass Hamburg 4

Das Schlimme daran: Trotz der Dunkelheit ließ sich erkennen, dass einige Kraftfahrer beim Abbiegen im Begriff waren, den Schulterblick zu praktizieren, dann aber von den leuchtenden Kerzen abgelenkt wurden und erst Momente später auffiel, ob denn nicht vielleicht Radfahrer im Anmarsch sein könnten. Problematisch in dem Zusammenhang ist auch sicherlich die Verkehrsführung: Der Radweg wird zwar nicht vom Straßenbegleitgrün oder parkenden Kraftfahrzeugen verdeckt, sondern nur mit einem Gitter von der Fahrbahn abgetrennt, doch sind die meisten Kraftfahrer auf der benachbarten Kreuzung noch mit Spurwechseln oder Abbiegevorgängen beschäftigt und finden nur wenig Zeit, um den konfliktträchtigen Verkehr auf dem Radweg in Augenschein zu nehmen.

Siehe auch:

  • Fahrraddemo zum Gedenken an verstorbene 18-Jährige

    Trauer und Bestürzung herrscht nach dem Tod der erst 18 Jahre alten Käthe W. unter den Mitschülern und Lehrern. Schulgemeinschaft kündigt Trauergottesdienst im „Kleinen Michel“ an.

  • So gefährlich sind Hamburgs Radwege

    Todesfalle Radweg: Immer wieder übersehen Autofahrer beim Abbiegen an Kreuzungen oder Einmündungen Radfahrer. Oft mit fatalen Folgen – wie beim schrecklichen Unfall am Mundsburger Damm (Hohenfelde), als ein Lkw Schülerin Käthe W. (✝18) überrollte. Die MOPO erklärt, warum Radwege so riskant sind.

  • Radfahrer warnte vor der Gefahr

    Der Tod der Schülerin Käthe W. (✝18) – hätte er verhindert werden können? Ein 40-Jähriger aus Altona kritisiert Verkehrsbehörde und Polizei.

Action, bitte: Susi stirbt jetzt jeden Tag

Erinnert sich noch jemand an diese Fahrradhelm-Stunt-Verkehrsunterricht an einer Kronshagener Schule vor knapp zwei Monaten? Statt ganz dröge im Klassenraum die Gefahren des Fahrradfahrens zu verdeutlichen und die Schutzwirkung des Fahrradhelmes zu glorifizieren die Kinder zum richtigen Verhalten im Straßenverkehr anzuhalten, werden die Gefahren des Fahrradfahrens und die glorifizierte Schutzwirkung des Fahrradhelmes die Kinder auf dem Schulhof Zeugen, was einem unbehelmten Radfahrer im Straßenverkehr passieren kann einem unbehelmten Radfahrer bei einem Unfall passieren kann.

Eieiei, gar nicht mal so leicht, das Schauspiel einigermaßen neutral zu beschreiben.

Ziel der Stunt-Show: Die Kinder sollen die Gefahren des Radfahrens einschätzen können und sich dagegen mit einem Fahrradhelm schützen. Ob das Angesichts der Kunststücken gelingt, die im Leben doch leicht auch tödlich enden könnten, darf sicherlich in Frage gestellt werden, schließlich resümierte damals in Kronshagen eine Schülerin: „Ich fahre morgen nicht mehr mit dem Fahrrad.“

Nach Michael Schumachers tragischem Skiunfall hat Stuntman Mario Eichendorf, glaubt man seiner Präsenz in den Medien, künftig einen recht vollen Terminkalender. SPIEGEL ONLINE portraitiert seine Arbeit an einer Schule in der Nähe von Wismar: „Susi ist tot“

Früher kam der Verkehrskasper in die Schule, heute darf es gerne ein Stuntman sein. Mario Eichendorf fliegt mit Fahrrädern über Autos, damit Kinder beim Radeln Helme tragen. Und Action, bitte!

Klar: Das ist auf dem ersten Blick eine lustige Idee. Die Frage ist allerdings: Wow, was soll das eigentlich bringen? Wie schon oben angedeutet könnte das naheliegendste Resultat sein, dass die Kinder überhaupt nicht mehr aufs Fahrrad steigen — Im Sinne der Strategie zur Vermeidung von Radfahrunfällen sicherlich kein schlechtes Ergebnis. Es darf ja durchaus bezweifelt werden, ob die Kinder in diesem Alter so richtig einordnen können, was sie dort sehen.

Wenigstens während der Aufführung dürfte den Kindern inmitten einer für Erwachsene nicht mehr so recht zugänglichen Gefühlswelt vor allem die Überzeugung wachsen, dass Radfahren eine recht gefährliche Angelegenheit sein muss. Ähnliches lässt sich auf den Skipisten seit Michael Schumachers Unfall beobachten: Weil jetzt wieder ins Bewusstsein geraten ist, dass auch beim Skifahren schwere Unfälle passieren können, bleiben offenbar aus Sicherheitsgründen nicht wenige Touristen im Hotel. Analog dazu bleiben Urlauber nach medienwirksamen Flugzeugabstürzen für eine Weile aus Angst am Boden oder vermeiden nach Übergriffen in U- oder S-Bahnhöfen für einige Zeit öffentliche Verkehrsmittel. Das ist nur zu verständlich — aber eben nicht sinnvoll.

Das ist erstens nicht sinnvoll, weil Fahrradfahren so unfassbar gefährlich gar nicht ist. Auch ohne Helm kann man ein Leben lang unverletzt von A nach B kommen. Während aber bei Skiunfällen oder Flugzeugabstürzen die Mahnungen über die potenzielle Gefahr nach einiger Zeit wieder in den Hintergrund geraten, haftet dem Radverkehr permanent der Makel allgegenwärtiger Lebensgefahr an. Das mag daran liegen, dass der normale Durchschnittsbürger maximal einmal pro Jahr in die Berge reist und Flugzeugabstürze glücklicherweise nicht zur Tagesordnung gehören, die Polizeipresse aber täglich darüber berichtet, wer sich jetzt mit oder ohne Helm wieder verletzt oder getötet hat.

Zweitens sind solche Stunt-Shows nicht sinnvoll, weil sie nicht ansatzweise die Realität abbilden. Schon seit Jahrzehnten wird die tatsächliche Schutzwirkung von Fahrradhelmen mit zweifelhaften Prognosen verschleiert, ob ein Radfahrer nach einem Unfall ohne Helm jetzt tot wäre oder ein Helm seine Verletzungen verhindert hätte, selbst wenn Unfallabläufe beschrieben werden, die wenigstens auf den zweiten Blick offenbaren, dass ein Helm nur dekorativen Zwecken genügt hätte. Dieses Prinzip der Verschleierung setzt sich, ob gewollt oder nicht, auch in der auf SPIEGEL ONLINE beschriebenen Vorführung fort.

Da kollidiert Eichendorf auf seinem Rad mit einem Kraftfahrzeug, das angeblich mit fünfzig Kilometern pro Stunde aus einer Seitenstraße herausgeschossen kommt, rollt sich elegant über die Motorhaube ab, bleibt ein paar Sekunden am Boden liegen und springt dann „wie ein Duracell-Häschen“ auf: Der Helm hat ihn ja schließlich vor schweren Verletzungen geschützt. Dieser Unfallhergang ist aber von vorne bis hinten nicht schlüssig — die groben Unstimmigkeiten scheinen dabei der Dramatik geschuldet, aber den Kindern wird mit dieser Show-Einlage suggeriert, der Helm müsste übernatürliche Schutzkräfte ausstrahlen. Eine vernünftige Einordnung der Schutzwirkung des Helmes wird so von vornherein unterbunden, allenfalls wird hier der Risikokompensation die Tür geöffnet: Wer quasi live erfährt, dass man mit einem Fahrradhelm auch bei einer Kollision mit einem 50 Kilometer schnellen Kraftfahrzeug nichts zu befürchten hat, wird sich ganz bestimmt keinen sicheren Fahrstil aneignen. Ein gewisser Respekt vor den Gefahren des Straßenverkehrs gehört nunmal zu ebenjenem sicheren Fahrstil.

Draußen auf der Straße, also in der realen Welt, in der die physikalischen Gesetze noch gelten, wäre Eichendorf wohl nicht sofort wieder auf den Beinen gewesen. Salopp gesagt: Kontrolliert mit einem stehenden Hindernis zu kollidieren ist keine große Kunst. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass Eichendorfs Vorführungen sicherlich alles andere als ungefährlich sind und hartes Training dazugehört, um so einen Tag ohne große Blessuren zu überstehen, aber Eichendorf weiß ja, dass er gleich mit dem Fahrzeug zusammenstößt, er ist darauf vorbereitet, er kann sich ganz komfortabel den tatsächlichen Punkt der Kollision aussuchen, sich aus den Pedalen herausdrücken und kontrolliert über die Motorhaube abrollen.

Bei einem Kraftfahrzeug, das von einer Häuserecke verdeckt aus einer Seitenstraße herausschießt, klappt das aber nicht. Entweder wird der Radfahrer dort von der Motorhaube aus vom Rad geräumt und mit einer ganz erheblichen Krafteinwirkung in die Luft katapultiert: Dann dürfte auch der Fahrradhelm keine große Rolle mehr spielen. Oder aber der Radfahrer trifft seitlich auf das Kraftfahrzeug auf, dann gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, welchen Verlauf der Unfall nehmen kann. Eine davon ist, dass tatsächlich eine Kollision zwischen Kopf und Blech stattfindet — leider aber meistens ausgerechnet mit dem Bereich des Gesichts, der nicht von einem Helm geschützt ist, zumal auch dort bei einem einigermaßen schnellem Radfahrer während der Kollision Kräfte auftreten, die mit oder ohne Helm rasch in den ungesunden Bereich ragen. Einen gewissen Schutz bietet der Helm allerdings, wenn der Kopf nach der eigentlichen Kollision zu Boden geht, denn da stehen die Chancen gut, dass die auftretenden Kräfte mittlerweile in den Zuständigkeitsbereich des Helmes fallen.

Das alles ist aber auch vollkommen egal, denn darum geht’s bei Eichendorfs Aufführungen ja gar nicht. Da wird bloß der Fahrradhelm beworben, indem Zusammenstöße skizziert werden, die als Beispiel für die Schutzwirkung des Helmes nicht unbedingt taugen. Weil Eichendorf einen Helm trägt, überlebt er den Unfall offenbar unverletzt — die Puppe, die auf dem Kindersitz mitfährt und keinen Helm trägt, soll aber nach dem Unfall tot sein. Deren Tod wird aber weder vom Unfall verursacht noch vom dem nicht allzu geeigneten Kindersitz, der die Puppe in eine mit dem Leben nicht zu vereinbarende Position im Unfallgeschehen bringt, sondern allein von der Tatsache, dass sie keinen Helm trug. Freilich wird das von Eichendorf so nicht behauptet, aber das dürfte bei den jungen Zuschauern als Ergebnis ankommen.

Dass die Kinder mit diesem Schauspiel grundsätzlich überfordert sind, zeigt der SPIEGEL-ONLINE-Artikel bereits an seiner Wortwahl. Margret Hucko gräbt sich geradezu mit Liebe zur Poesie durch die Gefühlswelt der Kinder:

(…) Er schnappt nach frischer Winterluft. Mit aufgerissenen Augen sucht der Grundschüler den Boden ab, nimmt seine Hand an den Kopf und zieht seine Strickmütze noch ein Stück tiefer ins Gesicht. Als könnten die weichen Maschen die Kinderseele schützen. (…) Die Kinder der Grundschule Dorf Mecklenburg reden, hüpfen, verharren. Aufgeregt, entsetzt, erleichtert. Ein bunter Mix an Gefühlen – so vielfältig und überraschend wie die Bestandteile einer Asia-Gewürzmischung. (…) Sie presst ihre Hände auf die Ohren. (…)

Nach dieser Show sollen dann also die Kinder nach Hause gehen und ihren Eltern eröffnen, nie wieder ohne Helm aufs Rad zu steigen? Ist so tatsächlich der Plan? Eine Lehrerin wird zitiert mit den Worten: „Die müssen schon mal schockiert werden, damit sie wissen, worum es geht.“ Ob das tatsächlich so funktioniert? Der Schuldirektor kommentiert die licht- und helmlose Fahrt einer Schülerin durch den morgendlichen Nebel mit der Vermutung: „Die wird das nie mehr machen.“ Das stimmt womöglich auch: Vielleicht lässt sie sich angesichts dieser Eindrücke lieber von den Eltern zur Schule fahren. Das gilt ja gemeinhin auch als sicher, selbst wenn Mami mit unangepasster Geschwindigkeit durch den Nebel steuert und nebenbei ihren Terminkalender am Handy koordiniert.

Warum eigentlich gibt es solche Stunt-Shows eigentlich nicht für Autounfälle? Die Grundschüler könnten doch ruhig einmal erfahren, wie viel von ihnen übrig bleibt, wenn Mamis Terminkalender zuviel Aufmerksamkeit beansprucht und die Fahrt abrupt an einem aus dem Nebel auftauchenden Hindernis endet. Oder wie es um die Überlebenschancen bei einem Unfall bei Tempo 180 auf der Autobahn so bestellt ist, Sicherheitsgurt hin oder her. Oder welche Gefahren jeden Morgen vor dem Schultor drohen, wenn die so genannten Mama-Taxis durch die wimmelnden Schüler manövrieren, um ihre Kinder möglichst nah am Klassenzimmer abzusetzen. Letzteres gilt immerhin als so gefährlich, dass von einzelnen Schulen schon Gegenmaßnahmen getroffen wurden, um den morgendlichen Lieferverkehr vom Schultor freizuhalten. Ansonsten scheint aber vom Kraftfahrzeug keine große Gefahr auszugehen — außer man sitzt unbehelmt auf dem Rad.