Die Märkische Allgemeine erleichtert die Wahl

Eine aktuelle Umfrage lautet:

Wer soll der nächste Bundeskanzler werden?

Angela Merkel oder Peer Steinbrück? Während Angela Merkel mit ihrer sicheren und unaufgeregten Handhabung der Euro-Krise glänzt, lässt Herausforderer Peer Steinbrück kein Fettnäpfchen aus und disqualifiziert sich beinahe täglich für das Amt des Bundeskanzlers.

Okay, das war natürlich dreist gelogen, so tendenziös hätte sich keine Zeitung eine Einleitung getraut.

Bei der Helmpflicht hat die Märkische Allgemeine allerdings kein Problem damit: Sollte es eine Helmpflicht für Radfahrer geben?

Schön, dass in dem Artikel die kaum relevanten Fahrradländer Schweden, Finnland und Spanien genannt werden, ohne zu erwähnen, dass Amsterdam und Kopenhagen vermutlich nicht einmal müde lächeln über unserer Helmpflichterei. Schön, dass die jahrzentelangen Bemühungen zur Einführung einer Helmpflicht erwähnt werden, aber kein Platz mehr war für die physikalischen Zusammenhänge, unter denen eine Helmpflicht wenigstens nicht halb so eindeutig gesehen werden kann.

Ob man in der Redaktion sehr enttäuscht war, dass sich die Leser von den kleinen Formulierungstricks nicht beeinflussen ließen?

Deutsche zählen zu den schlimmsten Verkehrssündern

Traditionell sind die Rollen im deutschen Straßenverkehr längst verteilt: die Radfahrer hielten sich eh nie an die Verkehrsregeln und führen über rote Ampeln aber nicht auf den bestens ausgebauten und breiten Radwegen, wogegen Kraftfahrer vollkommen regelgetreu unterwegs wären und sich strengstens an die Straßenverkehrs-Ordnung hielten. Eine Umfrage unter jungen Autofahrern stellt das allerdings etwas anders dar: Wir sind ein Volk von Rüpeln

Viele junge Autofahrer pfeifen auf die Verkehrsregeln, sie fluchen dabei gern und benehmen sich auch sonst im Fahrzeug oft daneben. Das sind Ergebnisse einer Umfrage, die den ganz normalen Wahnsinn auf den Straßen Europas dokumentiert. Vor allem die Deutschen geben kein gutes Bild ab.

Genau genommen ist das mit den Rotlichtverstößen auch gleich schon wieder so eine Sache, denn:

85 geben noch mal Gas, wenn die Ampel schon auf Gelb steht.

Gelbes Licht heißt nunmal, vor der Kreuzung auf das nächste Zeichen zu warten. Wer dann noch aufs Gaspedal drückt, wie es in Deutschland nunmal ganz offensichtlich Brauch ist, nimmt eine Gefährdung willentlich in Kauf: Aus gelbem Licht wird schnell rotes Licht und nicht selten rollt schon der Querverkehr los, bevor das eigene Fahrzeug die Kreuzung verlassen hat. Oder noch schlimmer: gegenüber bekommen querende Fußgänger ihre Freigabe und betreten schon die Fahrbahn. Und doch wird das alles im Cockpit unter die Begründung eingereiht, dass es ja mutwillig keine grüne Welle gebe und man sich daher selber helfen müsse.

Oder:

Mehr als der Hälfte der Befragten platzt im Auto außerdem der Kragen: 62 Prozent gaben an, während der Fahrt zu schimpfen.

Insofern beeindruckt es gar doppelt, dass am Stammtisch vor allem auf die Radfahrer geschimpft wird, die den bestens ausgebauten und breiten Radweg nicht benutzen.

Deutschlands Städte am Limit

Beinahe zeitgleich berichten das Hamburger Abendblatt und der Berliner Tagesspiegel über den Kollaps ihrer jeweiligen Innenstädte. Im Tagesspiegel schreibt Stefan Jacobs: Es wird eng in Berlin

Die Autos werden größer, die Radler anspruchsvoller, die Fußgänger mehr. Man müsste die Häuser auseinander schieben, um es allen recht zu machen. Eine Geschichte über den Kampf um den Platz in der Stadt.

Erfrischenderweise arbeitet sich Jacobs nicht bloß an dem so genannten Kampf auf der Straße ab, sondern zeigt auf, wie sich im Wandel der Jahrzehnte die Verkehrswege innerhalb Berlins änderten, beginnend mit einem heute handelsüblichen Kraftfahrzeug, das aufgrund seiner ausladenden Dimensionen kaum noch in eine handelsübliche Parklücke passt.

In Hamburg geht’s auch nicht so recht voran, allerdings liegt der Fokus beim Abendblatt eher bei Baustellen und Radfahrern: Verkehr in Hamburg – eine Stadt am Limit

Straßen stoßen an Grenze ihrer Kapazität. FDP kritisiert „Chaos“ durch Baustellen. Abendblatt zeigt, wo Radler und Autos künftig die Fahrbahn teilen.

Und immerhin: es gibt einen erstaunlich sachlichen und informativen Zusatzbeitrag, auf welchen Routen künftig vermehrt mit Radfahrern auf der Fahrbahn zu rechnen ist: Radwege in Hamburg

Auf welchen Straßen fällt die Benutzungspflicht für Radwege? Das Abendblatt nennt die wichtigsten Routen.

Schön wäre natürlich ein Hinweis gewesen, dass es keineswegs erst seit dem angesprochenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes von vor zwei Jahren die blauen Schilder abmontiert werden dürfen, sondern dass es seit nunmehr fünfzehn Jahren eigentlich verpflichtend ist, Fahrbahn und Radwege auf ihre potenzielle Gefährlichkeit zu überprüfen und gegebenenfalls eine Benutzungspflicht anzuordnen, was im Umkehrschluss eben bedeutet, anschließend in Ermangelung einer vorliegenden Gefahr die Schilder abzuschrauben.

Diese Aspekte betont Axel Tiedemann in seinem Kommentar: Radler sind auf der Straße richtig

Das Ende der Radwegpflicht erfordert aber Tempolimits

Man mag von der so genannten Springerpresse halten was man will, aber für eine zudem eher autofreundlich eingestellte Zeitung sind das ziemlich harte und überraschend ehrliche Worte. Eigentlich war ein Kommentar, der sich für die Fahrbahnradelei stark macht und außerdem noch gleichzeitig ein Tempolimit erwähnt, bis vor wenigen Wochen undenkbar. Allgegenwärtig war in den Medien der Kampfradler, der sich rücksichtslos und ohne Kraftfahrzeugsteuer durch den Verkehr bewegt, so dass Kraftfahrer beim Rechtsabbiegen den Schulterblick praktizieren mussten, obschon sie doch ein Auto fuhren.

Was aber wirklich überflüssig war und den ganzen Eindruck dann doch etwas mildert, ist die dazugehörige Umfrage, die ganz frech fragt: „Finden Sie es richtig, dass Radfahrer auf der Straße fahren dürfen, statt den Radweg benutzen zu müssen?“

Das muss man sich mal vorstellen: insgesamt drei Mitarbeiter werden für drei Artikel abgestellt und befassen sich wirklich und überraschend objektiv mit dem Thema Radverkehr, bringen sogar das Tabuthema eines niedriger angesetzten Tempolimits ins Gespräch, es werden die Gründe für die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht benannt, Sicherheit, Unfälle, abbiegende Kraftfahrzeuge, es werden die entsprechenden Vorschriften zitiert und ADAC und ADFC befragt und dann kommt man da an und sagt, hier, zack, wir machen noch eine Umfrage. Und die Umfrage zeigt eigentlich, dass momentan etwa jedem zweiten Leser nicht nur die Belange der nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer egal sind, sondern dass er entweder die dazugehörigen Artikel nicht gelesen hat oder aber dass ihm die Belange der nicht-motorisierten Verkehrsteilnehmer so egal sind, dass er jene lieber in regelmäßiger Gefährdung sieht als sich als Kraftfahrer ein paar Gedanken zum sicheren und gleichberechtigten Straßenverkehr zu machen. Da bricht wieder das alte Motto durch: bevor ich am Steuer auf andere aufpasse, sollen die sich erstmal an die Verkehrsregeln halten. Das ist schade, das ist traurig, gerade weil die Umfrage vor der Intervention der Radfahrer sehr viel deutlicher in Richtung Radwegbenutzungspflicht ausfiel.