Osnabrück: 20-Jähriger vom rechtsabbiegenden Lastkraftwagen getötet

In Osnabrück wurde gestern am frühen Nachmittag ein 20-jähriger Radfahrer von einem abbiegenden Lastkraftwagen erfasst und starb kurz darauf im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen: 20-jähriger Radfahrer stirbt in Osnabrück nach Unfall mit Lkw

Am Dienstagnachmittag ist ein 20-jähriger Radfahrer in Osnabrück von einem Lkw überrollt und tödlich verletzt worden. Der 42-jährige Lkw-Fahrer erlitt einen schweren Schock. Er befindet sich in stationärer Behandlung.

Besonders bitter: Die Kreuzung gilt seit einigen Jahren als Unfallschwerpunkt, an dem sich in den letzten Jahren mindestens ein weiterer Todesfall, mehrere Unfälle mit verletzen Radfahrern und unzählige Gefahrensituationen ereignet hatten. Daraufhin wurde neben einem Signalgeber der Lichtzeichenanlage ein Spiegel installiert, der Lastkraftwagen und anderen Verkehrsteilnehmern Einblick in ihren toten Winkel ermöglichen sollte — in diesem Fall offenbar vergebens. In den letzten zehn Jahren starben laut der Osnabrücker Zeitung acht Radfahrer im Osnabrücker Straßenverkehr, sieben davon kamen im Zusammenhang mit abbiegenden Lastkraftwagen ums Leben.

Fahrradhelm-Urteil: Unverständig oder Unverständlich?

Guido Kleinhubbert berichtet in der morgigen Ausgabe des SPIEGELs auf Seite 42 über das Revisionsverfahren des Fahrradhelm-Urteils vor dem Bundesgerichtshof.

Der Artikel beginnt ganz harmlos mit der Fahrradfahrt zur Arbeit, die an einer grob verkehrswidrig geöffneten Fahrertür eines BMWs ein jähes Ende fand. Ein paar Absätze später versucht Kleinhubbert zu beschreiben, wie die Argumentation des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts funktioniert. Er stellt zunächst fest, dass eine Helmtragequote von vielleicht gerade mal zehn Prozent zunächst einmal kein Indiz dafür wäre, dass ein verständiger Mensch sich beim Radfahren mit einem Helm schütze, wie es das Gericht in seinem Urteil behauptete.

Dieser Argumentation folgte ich auch damals in einem längeren Artikel über die Urteilsbegründung der Schleswiger Richter: Wenn nur zehn Prozent einen Helm tragen, bezeichnet das Gericht neunzig Prozent der Radfahrer offenbar als unverständig und im Grunde genommen auch als verantwortungslos. So einfach ist es jedoch nicht, wie nämlich zahlreiche im Zuge des Urteils veröffentliche Umfragen bewiesen: Zwar fährt nur eine kleine Minderheit mit Kopfschutz, doch beinahe jeder Befragte gab zu Protokoll, dass ein Helm vor schweren Verletzungen schütze und er eigentlich beim Radfahren einen tragen sollte, aus verschiedenen Gründen aber den Griff zum Helm unterließ.

Soll heißen: Ein verständiger Mensch schützt sich durchaus mit einem Fahrradhelm. Und der hier im Blog bereits hinreichend beschriebenen Argumentation über den § 254 BGB kommt es eben zugute, dass ein Fahrradhelm in Deutschland als grundsätzlich anerkanntes Mittel zur Vermeidung schwerer Verletzungen beim Radfahren gilt — auch wenn ihn nur jeder zehnte Radfahrer aufsetzt.

Eine ganz besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club: Einerseits trommelt er aktiv gegen eine Helmpflicht, weil er in dem Zusammenhang einen Rückgang des Radverkehrsanteils befürchtet, andererseits wird er nicht müde zu betonen, Radfahrer sollten sich freiwillig mit einem Helm schützen. Das ist besonders interessant, weil er die verunglückte Radfahrerin in ihrem Verfahren vor dem Bundesgerichtshof unterstützt, aber gleichzeitig hintenrum die eigene Argumentation torpediert.

Leider stellt Kleinhubbert diesen Zusammenhang nicht heraus, sondern greift aus der argumentativen Wunschbox die Fußgänger- und Treppensteiger-Helme heraus, denen er dann glatt ein Viertel seines Artikels spendiert. Aber diese Vergleiche waren, sind und bleiben Unfug, nicht mehr als eine lustige Argumentation, die aber nicht einmal taugt, um das Unverständnis über das Urteil des OLG Schleswig darzustellen. Es mag in Deutschland zwar — noch? — unüblich sein, beim Radfahren einen Helm zu tragen, aber so gut wie jeder Verkehrsteilnehmer ist von dessen Schutz überzeugt.

Man wird im Fachhandel allerdings weder Autobahn-Helme finden noch wird sich jemand zum Lampenwechsel einen Helm aufsetzen: Das ist offenkundig unüblich und jede Umfrage zu diesem Thema wird bezeugen — und das ist eben der Unterschied zum Fahrradhelm — dass niemand bei diesen Tätigkeiten einen Helm für geboten hält. Dass ein Schutzhelm auch beim Autofahren und beim unaufmerksamen Herumwühlen auf dem Dachboden schützen kann, spielt in diesem Zusammenhang leider keine Rolle.

Und in diesem Sinne muss auch kein bei Glatteis gestrauchelter Fußgänger eine Kürzung seiner Forderungen fürchten, weil er keine Protektoren trug, und ein Autofahrer ohne Helm wird ebenfalls kaum in Regress genommen werden. Selbst der Skifahrer ohne Rückenprotektoren dürfte mit seinem angeknacksten Wirbel gute Chancen auf seine Ansprüche haben: Das Tragen von Rückenprotektoren auf der Piste ist eher unüblich. Seinen ungeschützten Kopf sollte er sich allerdings nicht verletzen, denn Skihelme waren schon vor Michael Schumachers Unfall weit verbreitet.

Delmenhorst: Ampel-Spiegel-Experiment erfolglos beendet

Im Kampf gegen den so genannten Toten Winkel gelten konvexe Spiegel an den Ampeln als eine Möglichkeit, tödliche Unfälle zwischen abbiegenden Kraftfahrzeugen und Radfahrern zu verhindern. Die Idee klingt erstmal gut, doch bleibt die Frage, ob so etwas auch im Automobilland Deutschland funktioniert.

Die banalste Feststellung zuerst: In so einem Spiegel kann man nur etwas sehen, wenn man auch hinguckt. Abgesehen von Lastkraftwagen-Fahrern, deren Sicht an der roten Ampel in den fraglichen Bereich eingeschränkt ist, bringen es auch Personenkraftwagen-Fahrer immer wieder fertig, ohne Schulterblick abzubiegen, obschon der tote Winkel bei normalen Kraftfahrzeugen sehr viel kleiner und besser zu handhaben ist. Und man muss nicht nur hingucken, sondern das gesehene auch noch verarbeiten und wahrnehmen: Es gibt schließlich auch Verkehrsteilnehmer, die ein Hindernis sehen, aber trotzdem dagegen oder wenigstens darüber fahren, weil das Gehirn gerade mit etwas anderem beschäftigt war als mit der Mustererkennung in den vom Auge gelieferten Bildern.

Außerdem zeigt auch ein konvexer Spiegel nur einen bestimmten Bereich an, der aufgrund der vom eigentlichen Signalgeber beschränkten Größe des Spiegels auch nur in einem bestimmten Bereich vor der Kreuzung sinnvoll zu erkennen ist. Fährt man hingegen bei grünem Licht auf die Kreuzung zu und biegt ohne anzuhalten ab, dürfte auch der Ampel-Spiegel relativ wenig bringen, weil der bezüglich des toten Winkels interessante Bereich nur einen kurzen Moment lang zu sehen ist, bevor der Spiegel aufgrund des Blickwinkels wieder irrelevante Sachen reflektiert — und damit nicht genug: In diesem kurzen Moment muss sich auch der Radfahrer im fraglichen Bereich befinden.

Das eigentliche Problem dieser Spiegel ist aber etwas anderes: Bei bestimmten Temperaturen beschlagen sie und nach Vandalismus-Attacken sind die Spiegel blind oder wenigstens so weit verstellt, dass sie den fraglichen Toten Winkel nicht mehr anzeigen: Nach Testphase: Spiegel müssen weichen

Seit April dieses Jahres hat die Stadt Delmenhorst sogenannte Ampelspiegel getestet, mit denen Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer einen besseren Blick in den toten Winkel haben sollen. Doch die Idee, die Radfahrer auf diese Weise zu schützen, wurde jetzt beerdigt. Die Spiegel werden Anfang kommenden Jahres abmontiert.

SPIEGEL ONLINE bläst zur Radfahrer-Hatz

SPIEGEL ONLINE macht wieder gegen Radfahrer mobil: Rad-Rambos blasen zur Auto-Hatz

(…) Auto- und Fahrradfahrer stehen sich bisweilen unversöhnlich gegenüber, keiner gibt nach. Mittlerweile findet der Kleinkrieg aber auch im Internet statt. In den Web-Foren geht es manchmal so derb und hemmungslos zu wie am Stammtisch. Um – vermeintliche – Fehler ihrer Kontrahenten abzustrafen, überbieten sich Chatter mit fiesen Tipps.

Aufkleber auf die Windschutzscheibe pappen, Spiegel abtreten, den Wagen anspucken oder ein Schlag mit der flachen Hand aufs Fahrzeugdach – das sind auf Seiten der Radfahrer die gängigsten Kampfmethoden, die im Web genannt werden. Radrennfahrer schlagen auch den Wurf mit Energieriegeln oder Trinkflaschen vor, „um drängelnde Autofahrer abzuwehren“.(…)

Auch wenn es die Überschrift nicht hergibt und das Aufmacherfoto einen offenbar korrekt fahrenden Radfahrer zeigt, dem die Vorfahrt von einem abbiegenden Kraftfahrwagen genommen wurde— auch in den bekannten Auto-Foren gibt es entsprechende Diskussionen (Verlinkungen eingefügt):

(…) Aber auch die Autofahrer haben ihre Methoden: In Internetforen erklären sie, wie sie mit Hilfe von Nadeln die Beifahrerdüse der Scheibenwaschanlage so einstellen, dass sie statt der Scheibe die neben dem Auto fahrenden Radfahrer treffen. Anonym vor dem Rechner verliert mancher Schreiber jede Hemmung. Den Zusammenstoß eines Radfahrers mit einem Auto kommentiert ein User im Freaksearch Forum: „Haste nachgetreten? Finalen Rettungsschuss angesetzt? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft.“

Allein die Tatsache, dass Radfahrer auf der Straße fahren, bringt einige Autofahrer in Rage. „Ich hupe Radfahrer immer an, wenn sie so ein Verhalten an den Tag legen“, schreibt ein Mitglied im Forum Gutefrage.net. Und ein Chatter anwortet: „Das mach ich auch. Wenn sie sich erschrecken ist es besonders lustig :).“

Natürlich kursieren auch harmlosere Tipps, etwa möglichst dicht an den Straßenrand zu fahren, wenn man an einer roten Ampel halten muss, damit Radfahrer sich nicht „nach vorn mogeln“ können (obwohl sie es der Straßenverkehrsordnung nach dürfen). Oder den Abstand zum Vordermann in der Ampelschlange so gering zu halten, dass auch dort kein Radler durchkommt. (…)

Leider konnte sich SPIEGEL ONLINE nicht dagegen erwehren, der schon tausende Male geführten Radfahrer-Autofahrer-Diskussion ein neues Forum einzurichten — mal sehen, wie lange es bis zur Eskalation dauert. Die Forderung einer sinnlosen Kennzeichnungspflicht taucht immerhin schon auf Seite 3 auf.

Man möchte schon fast vermuten, dass das eigentliche Problem im Straßenverkehr nicht die Verkehrsteilnehmer, sondern die hetzerische Berichterstattung ist.

„Schluss mit der aufstachelnden Berichterstattung!“

Der SPIEGEL kann es nicht lassen und tut sein bestes, um die propagierte schlechte Stimmung im Straßenverkehr weiter aufrecht zu erhalten. Der neuste Artikel beschäftigt sich mit den Zusendungen zu den letzten Artikeln der Mobilitäts-Reihe, ohne sich aber so recht mit den Zusendungen zu beschäftigen — stattdessen werden die bereits bekannten Meinungen und Vorurteile angeführt. Da klagt der eine:

„Ich erlebe es täglich, dass mich die Autofahrer anschauen und trotzdem weiterfahren. Sie denken wohl, der wird schon bremsen, obwohl ich eindeutig Vorfahrt habe.“

Und andere:

Manche plädieren für das Wiedereinführen von Nummernschildern für Radfahrer: „Früher gab es das auch schon mal.“

Natürlich darf auch die böse Polizei nicht fehlen:

Oft genug stünden die Polizeiwagen mitten auf dem Fahrradstreifen. Spreche man die Beamten darauf an, könne man Sätze hören wie: „Wir sind im Dienst. Sie können uns gar nichts.“

Platte Sätze, die ohne eine Betrachtung der Hintergründe auskommen, sind natürlich bequem geschrieben, aber wenig zielführend, sofern man denn etwas anderes vorhatte als bloßes Herumstänkern. Insofern ist der klügste Absatz wohl noch dieser:

Umso bemerkenswerter ist, dass sie, sobald sie auf dem Rad oder im Auto sitzen, zu vergessen scheinen, wie es sich in der anderen Position anfühlt. Alle beteuern unisono, sich möglichst vorbildlich zu verhalten, Gefahrenquellen und Hindernisse im Auge zu behalten – von ein paar roten Ampeln mal abgesehen – und die Geschwindigkeit dem Verkehrsfluss anzupassen. Es überwiegt die Klage über den jeweils anderen Verkehrsteilnehmer.

Womöglich handelt es sich ja gar nicht um einen Konflikt zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern, sondern einen Konflikt zwischen Menschen, den man sicherlich diskutieren könnte, wenn man denn möchte. SPIEGEL ONLINE hat dazu natürlich ein Forum eröffnet, indem sich wie üblich die Radfahrer und Autofahrer gegenseitig ihre abgedroschenen Argumente an den Kopf werfen.

Straßen zu Radwegen

Der deutsche Journalist kämpft momentan mit vielen Problemen — etwa mit Piraten, mit Griechen und mit Banken. Wenn dazwischen noch Zeit bleibt, legt er sich mit den Radfahrern an und holt sich in der Regel mindestens eine blutige Nase. Insofern ist es schon recht erfrischend, was die ZEIT plötzlich berichtete:

Anfang der Woche ist Deutschland unter die Rüpel gefallen. Wo gerade noch friedliche Fußgänger und Autofahrer ihrer Wege gingen oder fuhren, treiben nun wild gewordene Pedaleure „Kampfsport“ auf Rädern. Weit über den Straßenverkehr hinaus sind die guten Sitten bedroht. In der jüngsten Ausgabe des Spiegels berichten entsetzte Redakteure, „wie der rasant wachsende Fahrradverkehr das Land in eine Rüpel-Republik verwandelt“.

Keine Frage: der SPIEGEL-Artikel ist so kratzbürstig an der Oberfläche zugange, dass man überhaupt nicht hinterherkommt, die ganzen Spuren auszumerzen. Die BILD beschränkte sich immerhin auf plakative sieben Thesen mit einer beachtlich niedrigen Trefferquote, was die Richtigkeit der Informationen angeht, der SPIEGEL aber walzt sich über endlos erscheinende neun Seiten mit dem Rad durch Berlin, eckt hier an, quengelt dort, will dann doch lieber Autofahren und steigt am Ende aus dem gedanklich zum blutbespritzten Panzer mutierten Fahrzeug aus ohne zu wissen, was er eigentlich hier wollte. Das war schon eine kleine Glanzleistung, einfach mal mit zehn Autoren neun Seiten Text zu schreiben, die sich prima als Bettlektüre eignen, weil man zwischendurch einschlummernd ohnehin nichts verpassen kann, schließlich steht ja auch nichts drin.

Der Artikel der ZEIT, der hat durchaus Inhalt, aber wurde leider in der Mitte abgeschnitten. Das Fazit lautet nämlich:

Insgesamt ist der kleine Fahrradboom natürlich eine Erfolgsgeschichte: gut für die Umwelt, gut für Krankenkassen und Gesundheit, gut für Städte und Verkehr. Ausnahmsweise sind die Bürger dem Staat in einer ökologischen Frage einmal voraus. Doch nun muss auch die Verkehrspolitik sich modernisieren. Sie muss für Radfahrer Verkehrspläne entwickeln, wie es sie für Autofahrer seit jeher gibt. Wo der öffentliche Raum knapp ist, muss sie ihn zur Not neu verteilen. Mehr Platz für die Verkehrsteilnehmer, die ihn am sparsamsten nutzen – das heißt: Straßen zu Radwegen!

Schade — dass „Straßen zu Radwegen“ auf diese plakative Weise nicht funktioniert, das dürfte selbst dem allerhärtesten Kampfradler klar sein. Welch eine Verschwendung, die der Autor dort ins Netz getippt hat: der Artikel war auf dem richtigen Weg, wird plötzlich abgewürgt, um dann in einer durchaus netten Formulierung zu enden, die aber keineswegs die Qualität der vorigen Beobachtungen erreicht. Ja, wirklich schade, dass man nicht die einmalige Gelegenheit genutzt hat, einen der wenigen guten und ausgewogenen Artikel über deutsche Verkehrssituationen zu verfassen und — wie sonst in der Zeit beinahe üblich — sich seitenlang über das Thema Gedanken zu machen, um schließlich ein wirklich ausgereiftes Fazit zu kredenzen, dass nicht plötzlich halb in der Luft hängen bleibt.