SPD will Fahrradfahrer bekämpfen

Höhere Bußgelder, dann wird alles gut: die Traumwelt der Sozialdemokraten könnte verquerer kaum sein. Mit einer kräftigen Verschiebung im Bußgeldkatalog plant die SPD den Radverkehr zu ordnen: SPD will Radler strafen

Innenbehörde hat schärferen Bußgeldkatalog erarbeitet. Dabei ist die Zahl der verunglückten RadfahrerInnen gesunken.

Bekämpft werden soll damit allerdings nicht nur der womöglich unfallträchtige defekte Scheinwerfer oder das Handy am Ohr, sondern auch die Benutzung des Radweges in Gegenrichtung oder das Radeln auf dem Gehweg. Und gleich damit entlarvt die SPD ihr Verständnis von Radverkehrsförderung: die allermeisten Gehwegradler dürften eben nicht auf dem Gehweg fahren, um möglichst schnell an wartenden Kraftfahrzeugen nach vorne an die Ampel zu preschen, die allermeisten Gehwegradler hängen auf dem Trottoir fest, weil sie sich dort sicherer fühlen oder weil sie glauben, nicht auf der Fahrbahn fahren zu dürfen.

Zieht die Staatsmacht solchen Verkehrsteilnehmern anschließend 35 Euro oder mehr aus der Tasche, weil sie glaubt, damit eine Verhaltensänderung erzielen zu können, wird sie ihr Ziel definitiv verfehlen: ja, das verhalten wird sich ändern, aber eben nur insofern, dass künftig die Räder im Keller verstauben. Viel wichtig wäre es wieder einmal, für eine vernünftige Ausbildung der Radfahrer zu sorgen, anstatt im so genannten Verkehrsunterricht in der Grundschule behelmte Wassermelonen von der Leiter zu werfen.

Der Radverkehr ist jedoch unschuldig am schlechten Zustand der Hamburger Radwege, es ist widernatürlich, ihn zur Kasse zu bitten, weil er ordnungswidrig auf die Fahrbahn oder auf den parallel verlaufenden Gehweg ausweicht. Es ist genauso widernatürlich, mit Unfallzahlen zu hantieren und mit dem Finger auf betrunkene oder telefonierende Radfahrer zu zeigen, obschon der wesentlich größere Teil der Unfälle von schlechten Radverkehrsanlagen oder unachtsamen Autofahrern verursacht werden. Da fällt das Pinneberger Tageblatt komplett durch, wenn es ein Fahrrad zeigt, das offensichtlich von einem Kraftfahrzeug überfahren wurde, unterschreibt mit:

Radunfälle kommen häufig zustande, weil die Konzentration oder die Fahrtauglichkeit fehlt – unter anderem durch Alkohol oder Telefonieren.

Das gleiche ließe sich auch den Kraftfahrzeugführern andichten. Dass die mitunter betrunken oder telefonierend oder unachtsam im Straßenverkehr unterwegs sind, sorgt zwar hier und da für leichte Empörung, doch der gezwungene Aktionismus, der beim Thema Fahrrad sofort auftritt, fehlt dort.

Lesenswert ist im Pinneberger Tageblatt die Rechtfertigung für die Erhöhung der Bußgelder:

Hintergrund der härteren Gangart ist die stetige Zunahme des Radverkehrs. Der Hamburger Senat will den Anteil der Radfahrten am Gesamtverkehrsaufkommen der Metropole in den kommenden Jahren nochmals verdoppeln. Entsprechend, so die Erwartung der Innenbehörde, werde auch die Zahl von Verkehrsdelikten zunehmen.

Das ist ja ein tolles Ziel: den Radverkehrsanteil auf ausgesprochen schlechten Radverkehrsanlagen verdoppeln und gleichzeitig die Bußgelder für Verstöße anziehen, die in der Regel aus Regelunkenntnis begangen werden, weil das Fahrrad in den letzten Jahrzehnten nur als Spielzeug galt.

Und für diese Zahlen hätte man dann doch gerne eine Quelle gesehen:

Tatsächlich nehmen Drahtesel-Verstöße schon jetzt teils deutlich zu. Wie aus der Senatsantwort auf eine CDU-Anfrage hervorgeht, haben sich etwa die festgestellten allgemeinen Sorgfaltsmängel bei Radlern im vorigen Jahr fast verdreifacht. Nahezu verdoppelt haben sich die verbotenen Fahrten auf Gehwegen. Handy-Telefonierer am Lenker haben um 15 Prozent zugenommen, Mängel an der Beleuchtung gar um 50 Prozent. Steil nach oben geht es zudem beim Überfahren roter Ampeln (plus 50 Prozent).