Fahrradhelm-Urteil: Unverständig oder Unverständlich?

Guido Kleinhubbert berichtet in der morgigen Ausgabe des SPIEGELs auf Seite 42 über das Revisionsverfahren des Fahrradhelm-Urteils vor dem Bundesgerichtshof.

Der Artikel beginnt ganz harmlos mit der Fahrradfahrt zur Arbeit, die an einer grob verkehrswidrig geöffneten Fahrertür eines BMWs ein jähes Ende fand. Ein paar Absätze später versucht Kleinhubbert zu beschreiben, wie die Argumentation des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts funktioniert. Er stellt zunächst fest, dass eine Helmtragequote von vielleicht gerade mal zehn Prozent zunächst einmal kein Indiz dafür wäre, dass ein verständiger Mensch sich beim Radfahren mit einem Helm schütze, wie es das Gericht in seinem Urteil behauptete.

Dieser Argumentation folgte ich auch damals in einem längeren Artikel über die Urteilsbegründung der Schleswiger Richter: Wenn nur zehn Prozent einen Helm tragen, bezeichnet das Gericht neunzig Prozent der Radfahrer offenbar als unverständig und im Grunde genommen auch als verantwortungslos. So einfach ist es jedoch nicht, wie nämlich zahlreiche im Zuge des Urteils veröffentliche Umfragen bewiesen: Zwar fährt nur eine kleine Minderheit mit Kopfschutz, doch beinahe jeder Befragte gab zu Protokoll, dass ein Helm vor schweren Verletzungen schütze und er eigentlich beim Radfahren einen tragen sollte, aus verschiedenen Gründen aber den Griff zum Helm unterließ.

Soll heißen: Ein verständiger Mensch schützt sich durchaus mit einem Fahrradhelm. Und der hier im Blog bereits hinreichend beschriebenen Argumentation über den § 254 BGB kommt es eben zugute, dass ein Fahrradhelm in Deutschland als grundsätzlich anerkanntes Mittel zur Vermeidung schwerer Verletzungen beim Radfahren gilt — auch wenn ihn nur jeder zehnte Radfahrer aufsetzt.

Eine ganz besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club: Einerseits trommelt er aktiv gegen eine Helmpflicht, weil er in dem Zusammenhang einen Rückgang des Radverkehrsanteils befürchtet, andererseits wird er nicht müde zu betonen, Radfahrer sollten sich freiwillig mit einem Helm schützen. Das ist besonders interessant, weil er die verunglückte Radfahrerin in ihrem Verfahren vor dem Bundesgerichtshof unterstützt, aber gleichzeitig hintenrum die eigene Argumentation torpediert.

Leider stellt Kleinhubbert diesen Zusammenhang nicht heraus, sondern greift aus der argumentativen Wunschbox die Fußgänger- und Treppensteiger-Helme heraus, denen er dann glatt ein Viertel seines Artikels spendiert. Aber diese Vergleiche waren, sind und bleiben Unfug, nicht mehr als eine lustige Argumentation, die aber nicht einmal taugt, um das Unverständnis über das Urteil des OLG Schleswig darzustellen. Es mag in Deutschland zwar — noch? — unüblich sein, beim Radfahren einen Helm zu tragen, aber so gut wie jeder Verkehrsteilnehmer ist von dessen Schutz überzeugt.

Man wird im Fachhandel allerdings weder Autobahn-Helme finden noch wird sich jemand zum Lampenwechsel einen Helm aufsetzen: Das ist offenkundig unüblich und jede Umfrage zu diesem Thema wird bezeugen — und das ist eben der Unterschied zum Fahrradhelm — dass niemand bei diesen Tätigkeiten einen Helm für geboten hält. Dass ein Schutzhelm auch beim Autofahren und beim unaufmerksamen Herumwühlen auf dem Dachboden schützen kann, spielt in diesem Zusammenhang leider keine Rolle.

Und in diesem Sinne muss auch kein bei Glatteis gestrauchelter Fußgänger eine Kürzung seiner Forderungen fürchten, weil er keine Protektoren trug, und ein Autofahrer ohne Helm wird ebenfalls kaum in Regress genommen werden. Selbst der Skifahrer ohne Rückenprotektoren dürfte mit seinem angeknacksten Wirbel gute Chancen auf seine Ansprüche haben: Das Tragen von Rückenprotektoren auf der Piste ist eher unüblich. Seinen ungeschützten Kopf sollte er sich allerdings nicht verletzen, denn Skihelme waren schon vor Michael Schumachers Unfall weit verbreitet.

Mehr Skihelmträger, aber nicht weniger Verletzungen — oder doch nicht?

Bereits ein paar Tage vor Michael Schumachers schweren Skiunfall wurde anlässlich der beginnenden Winterferien wieder eine Helmpflicht für Skifahrer ins Gespräch gebracht — die Debatte wechselt sich offenbar halbjährlich mit der Fahrradhelm-Pflicht-Debatte um die Osterzeit herum ab: Chirurgen fordern Helmpflicht auf deutschen Pisten

Kopfverletzungen zählen zu den selteneren Unfallfolgen auf Skipisten, doch im Fall von Schädelbruch oder Hirnblutung sind sie besonders schwer. Um diesen vorzubeugen, fordern Chirurgen nun Helmpflicht für alle auf deutschen Pisten.

Die Basler Zeitung schreibt hingegen, dass es Trotz Skihelmen nicht weniger Kopfverletzungen gab:

90 Prozent der Wintersportler tragen mittlerweile auf der Piste einen Helm. Trotzdem geht die Anzahl schwerer Kopfverletzungen gemäss einer Studie nicht zurück. Grund dürfte die Geschwindigkeit sein.

Grund sei, ähnlich wie beim Radfahren, dass ein Skihelm für Aufprall-Geschwindigkeiten von etwa 20 Kilometern pro Stunde ausgelegt sei. Sehr viel schneller war Schumacher nach neusten Erkenntnissen zwar auch nicht unterwegs, aber bei einem Unfall verursacht ja nicht die eigentliche Fahrgeschwindigkeit, sondern die Kraft beim Aufprall auf das Hindernis die resultierenden Verletzungen. Und auch auf der Skipiste scheint das Prinzip der Risikokompensation zu gelten: Aufgrund des diffusen Halbwissens, das auch im Wintersport von Aussagen wie „Mit Helm kann nichts passieren“ untermauert wird, scheinen einige Skifahrer zu riskanterem Fahrverhalten bereit zu sein.

Für Deutschland scheint das allerdings nicht zu gelten, schreibt der Nordbayerische Kurier: Thema „Pro Helmpflicht“: Skihelme retten Leben

Seit Jahren läuft die Wachablösung auf den Skipisten. Die gute alte Pudelmütze wird zurückgedrängt. Der Skihelm ist auf dem Vormarsch. Gibt es gute Argumente, die gegen eine Helmpflicht sprechen, um auch noch den letzten Unbelehrbaren zu seinem Glück zu zwingen?

Zu dem Artikel gibt’s auch eine Gegenmeinung. Leider scheint es zu diesem Thema auch kein eindeutiges Zahlenmaterial in der Unfallstatistik zu geben — so bleibt es wohl bei unterschiedlichen Interpretationen.

SPIEGEL ONLINE deckt auf: Skihelme schützen nicht zu hundert Prozent

Michael Schumacher wird womöglich nie wieder Auto, geschweige denn Formel-1-Rennen fahren. So genau weiß man das zwar noch nicht, aber Spekulationen stehen gerade hoch im Kurs, seit der siebenmalige Formel-1-Weltmeister bei einem Skiausflug verunglückte. Die obligatorische Spekulation darf dabei natürlich nicht fehlen: Ohne Helm wäre Michael Schumacher jetzt ganz sicher tot. Andersherum kann man aus einigen Nachrichtenbeiträgen durchaus die Verwundern heraushören, dass Schumacher „trotz seines Skihelmes“ größere Verletzungen am Kopf davongetragen hat.

Der Chef der Anästhesie des Universitätsklinikums Grenoble, Jean-François Payen, sagt:

Auch beim Skifahren im französischen Méribel hat der ehemalige Rennfahrer einen Helm getragen, und das hat ihm bei einem schweren Sturz am Sonntag vorerst das Leben gerettet. „Sein Helm hat ihn geschützt (…) Jemand, der diesen Unfall ohne Helm gehabt hätte, hätte es wohl nicht bis ins Krankenhaus geschafft.“

Im Netz heißt es eigentlich, dass Mediziner nicht unbedingt die erste Adresse für Auskünfte über den Gesundheitszustand eines Patienten bei diesem oder jenem Unfallverlauf seien, weil sie derartige Prognosen nur anhand der vorliegenden Verletzungen, aber nicht anhand des eigentlichen Unfallverlaufes stellen. Natürlich taugt eine Ferndiagnose von einem fachfremden Fahrrad-Blogger sicherlich noch weniger, zumal Payen vermutlich recht haben dürfte: Wer mit der Geschwindigkeit, die Schumacher laut anderen Berichten wohl drauf hatte, mit dem Kopf voraus mit einem Felsen oder einem ähnlichen Hindernis kollidiert, dürfte eher geringe Überlebenschancen haben — ob nun der Helm tatsächlich das so genannte Zünglein an der Waage zwischen Leben und Tod war, sei mal dahingestellt.

Immerhin kommen die Medien jetzt in die Verlegenheit, sich aufgrund dieses Unfalls intensiver mit Helmen und deren Wirkungsweise auseinanderzusetzen. Der oben verlinkte SPIEGEL-ONLINE-Artikel bietet dazu sogar eine grafische Darstellung des Gehirns und eine Beschreibung der einzelnen Verletzungen und ihrer Abläufe. Allerdings heißt es auch in einem anderen Artikel wieder:

Eines aber machte der Arzt sehr deutlich: Ohne einen Helm hätte Schumacher den Unfall nicht überlebt. „Sein Helm hat ihn geschützt. Jemand, der diesen Unfall ohne Helm gehabt hätte, hätte es wohl nicht bis ins Krankenhaus geschafft.“ Den Verletzungen nach zu urteilen, müsse der Aufprall sehr mächtig gewesen und bei hohem Tempo erfolgt sein.

Die SPIEGEL-ONLINE-Startseite überrascht in diesem Zusammenhang momentan mit einer besonderen Erkenntnis: Skihelm schützt nicht zu hundert Prozent

Es ist wie beim Gurt im Auto: Ein Skihelm schützt bei einem Unfall vor schweren Kopfverletzungen – aber nicht in jedem Fall. Auch bei Michael Schumacher war der Aufprall auf einen Felsen zu stark, um Schlimmeres zu verhindern. Deutsche Chirurgen fordern dennoch eine Helmpflicht.

Es fühlt sich recht unangenehm an, diese Fragen angesichts von Schumachers momentanen Zustand zu diskutieren, aber man kann die Überraschung, die sich in der Überschrift verbirgt, schon beinahe spüren: Ein Helm schützt also tatsächlich nicht zu einhundert Prozent. Das ist im Hinblick auf viele andere Artikel, insbesondere aus der Polizeipresse, eine besondere Erkenntnis, denn die lesen sich spätestens zwischen den Zeilen immer nach: „Der Helm hat alle Verletzungen verhindert.“

Besonders interessant, wie oft im verlinkten Artikel an dem „hundertprozentigen Schutz“ herumdiskutiert wird. Hat denn ernsthaft jemand geglaubt, ein Schutzhelm könnte auch nur ansatzweise einen so vollständigen Schutz bieten? Hat das wirklich jemand geglaubt? Schumachers Helm hat es beim Aufprall laut Medienberichten in drei Teile zerlegt, es waren also offensichtlich Kräfte in einer Größenordnung zugange, die der Helm nicht mal mehr ansatzweise kompensieren konnte, so dass der Kopf am Ende nicht mehr beeinflusst wird.

Tragisches Detail am Rande: Nur wenige Tage vorher machte diese Pressemitteilung die Runde:
Chirurgen fordern Helmpflicht auf deutschen Skipisten

Für die Einführung einer Helmpflicht auf deutschen Skipisten setzt sich der Berufsverband der deutschen Chirurgen ein. Helm sei „die einfachste Möglichkeit“, die Zahl schwerer Verletzungen zu verringern.

Eigentlich ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis die Helmpflicht-Diskussion auch wieder auf den Radverkehr überschwappen wird.

Fahrradhelm: Lebenswichtig auch beim Eislaufen

Pünktlich zum Weihnachtsfest gibt’s Fahrradhelme für Kissinger Erstklässler

Das Gesunde Städtenetzwerk Bad Kissingen hat sich zum Ziel gesetzt, Lebensumfeld und Lebensbedingungen der Bad Kissinger Bürger gesünder zu gestalten und die Stadt nachhaltig zu einem Ort der Gesundheit für alle Bürger zu entwickeln. Auf diesem Weg spiele die Sicherheit und die Gesundheit der jüngsten Kissinger eine wichtige Rolle.

Es soll hier nicht schon wieder eine Fahrradhelm-Diskussion entfacht werden, die gab es in der Vergangenheit schon häufig genug. Bei Kindern hingegen, deren Unfälle eher selten im Zusammenhang mit dem Kraftfahrzeugverkehr stattfinden, sondern die eher selbst vom Rad kippen, mag ein Fahrradhelm noch eine gewisse Schutzwirkung entfalten. Dann verteilt man eben in einer Grundschule neue Fahrradhelme — Warum denn nicht?

Spannend wäre natürlich wieder einmal zu erfahren, ob der Fahrradhelm wohl wieder als Allheilmittel gegen Unfälle im Straßenverkehr verkauft wurde. Im Artikel fällt hingegen auf, dass den Kindern ofenbar ein seltsames Verständnis des Fahrradhelmes nahegelegt wurde. Der Verwendungszweck beschränkt sich fortan nicht mehr nur auf das Radfahren, es wird auch das Tragen auf dem Weihnachtsmarkt empfohlen:

Zur Verdeutlichung hatte der Vorsitzende der Lebenshilfe Bad Kissingen, Wolfgang Rompf, den Kindern vorgespielt, er fahre mit Fahrradhelm auf dem Drahtesel. Allerdings tausche er den Helm auf dem Bad Kissinger Weihnachtsmarkt gegen eine Weihnachtsmütze, was die Kinder als falsch erkannten.

Allerdings ist der Satz ohnehin recht missverständlich — man bekommt gar nicht so richtig raus, was da eigentlich passiert ist. Bleibt zu hoffen, dass die Kinder das besser verstanden haben und nicht mit Fahrradhelm auf dem Weihnachtsmarkt herumrennen — das wäre nämlich dann doch etwas zu viel des Guten.

Dann heißt es:

Wie wichtig Helme für die Gesundheit von Kindern sind, unterstrich auch der Schulleiter der Saaletalschule, Norbert Paul, bei der Adventsfeier seiner Schützlinge. Nicht nur beim Fahrradfahren seien die Schüler Gefahren ausgesetzt. Gerade Stürze während des Schlittschuhlaufens könnten fatale Folgen haben. „Der Sehnerv der Kinder kann abreißen, wenn sie nach hinten fallen und mit dem Kopf auf dem Eis aufschlagen“, beschrieb Paul ein mögliches Szenario.

Nun wird’s ja leider wieder haarig. Zweifelsohne besteht beim Eislaufen eine gewisse Verletzungsgefahr, gerade aufgrund der Glätte, die ja irgendwo auch den Witz der ganze Sache darstellt. Da kann man sich verletzen, natürlich auch am Kopf, soweit, so gut.

Da es in dem Artikel primär um Fahrradhelme ging, kann der Leser natürlich vermuten, Fahrradhelme wären auch beim Eislaufen obligatorisch. Das sieht beispielsweise der ESV Eisenstadt anders:

Kopfbedeckung

(…) Von Helmen wird ebensfalls abgeraten, da diese zusätzlich den natürlichen Gleichgewichtssinn stören. (…)

In einer Pressemitteilung von Große schützen Kleine werden ausdrücklich Skihelme empfohlen: Fahrradhelme böten keine hinreichende Sicherheit bei Stürzen auf dem Hinterkopf. Das dürfte angesichts der Konstruktion handelsüblicher Fahrradhelme nicht verkehrt sein, die sind schließlich auf andere Aufprallrichtungen ausgelegt.

Dass nun gerade ein Riss im Sehnerv die gefährlichste Unfallfolge beim Eislaufen ist, darf durchaus bezweifelt werden: Ansonsten müsste theoretisch auch das Fußballspielen aufgrund dieser Gefahr unterbleiben. Eine Befragung des Internets brachte das Ergebnis, dass ein Reißen des Sehnerves gar nicht so häufig auftritt wie man es angesichts des Artikels erwarten sollte. Es wäre angenehmer, die Empfehlungen zum Fahrradhelm mit nüchterner Risikoabwägung abzugeben, anstatt gleich wieder die unwahrscheinlicheren, aber beeindruckenderen Horrorszenarien abzugeben — ansonsten muss man sich wohl wirklich langsam an Fahrradhelme bei stinknormalen Schulausflügen gewöhnen.