Ist das schon Satire oder ist das noch Ernst?

Simon Lorenz hat im Kölner Stadt-Anzeiger etwas geschrieben, das sich nur schwer einordnen lässt. Handelt es sich um den verunglückten Versuch eines Kommentares? Oder sollte das nur eine lustige Glosse werden? Satire? Oder doch ein falsches Verständnis des Straßenverkehrs? „Fataler Irrtum“ und es gab wohl noch nie eine Überschrift, die besser zu einem Artikel passte.

Denn mit fataler Irrtum ist leider nicht das Werk an sich gemeint, sondern die Straßenverkehrs-Ordnung:

Das Fahrrad ist ein Fahrzeug, sagt die Straßenverkehrsordnung. Doch sie irrt damit auf fatale Weise. Denn dadurch gibt sie dem Radfahrer das Gefühl, ein dem Auto gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer zu sein. Die Folgen werden im Straßenverkehr deutlich.

Oh je, mag man sich denken, was kommt denn nun? Erst lernt sogar der normale Verkehrsteilnehmer, er steuere mit den Händen den Fahrradlenker umgriffen ein Fahrzeug und nehme als vollwertiger und gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer im Verkehr teil, müsse sich also an rote Ampeln halten und die übrigen Verkehrsregeln und dann kommt Lorenz und erklärt, ha, alles Unfug, alles ein großer Fehler im System.

Allerdings nimmt der Artikel eine ungewohnte Wendung, denn eigentlich müsste der Leser nun erwarten, es folgte nun das übliche Gejammer über Radfahrer, die auf der Fahrbahn fahren und freigegebene Einbahnstraßen nutzen und noch immer gibt es keine Helmpflicht und ein Kennzeichen haben sie auch nicht, diese Radfahrer, diese Rowdys, allesamt.

Stattdessen kommt es viel schlimmer: furchtbar genug, dass die Straßenverkehrs-Ordnung das Fahrrad als Fahrzeug definiert, nein, die Radlinge sind auch noch verwegen genug, ihre Rechte im Straßenverkehr wahrzunehmen! Und die armen Autofahrer, bekanntlich die Melkkühe der Nation, die müssen beim Abbiegen sogar aufpassen, weil die Radfahrer nicht freiwillig auf ihre Vorfahrt verzichten.

Nicht selten sieht man Fahrradfahrer, die auf ihrem Vorfahrts- oder Abbiegerecht beharren und sich damit in Gefahr bringen. Sie vergessen, das Fahrrad ist eben kein Fahrzeug. Es hat keine Knautschzone, keine Airbags, keinen stabilen Stahlrahmen, der sie schützt. Macht der Fahrer einen Fehler, sind nicht Blechschäden, sondern schwerste Verletzungen die Folge.

Ist das Niveau eigentlich schon reif für den obligatorischen Hitler-Vergleich?

Fangen wir mal von hinten an: es ist ja nicht verkehrt, dass ein Radfahrer bei einem Unfall tendenziell eher der Dumme ist. Und obschon es an Knautschzonen, Airbags und stabilen Stahlrahmen mangelt, ist das Fahrrad immer noch ein Fahrzeug: man kann nämlich damit fahren. Fahren kann man mit einem Roller zwar auch, aber den sieht die Straßenverkehrs-Ordnung nun doch nicht als Fahrzeug an. Das Fahrrad schon.

Der erste Satz ist allerdings schon recht frech. Eigentlich müsste es heißen: „Nicht selten sieht man Autofahrer, die nicht auf vorfahrtberechtigte Radfahrer achten und sie damit in Gefahr bringen.“ Die Gefahr geht nämlich immer noch vom Autofahrer aus, der sich zu fein ist für den Schulterblick oder seine Aufmerksamkeit während des Abbiegevorganges eher dem Radio oder dem Handy oder dem Navigationsgerät oder der Oberweite seiner Beifahrerin schenkt anstatt auf den Verkehr zu achten. Ja, es soll tatsächlich Kraftfahrzeugführer geben, die ihre Hand erst aus dem Dekolleté ihrer Beifahrerin befreien mussten, bevor sie den Radfahrer von der Beifahrertür kratzen konnten.

Tief innen drin steckt allerdings durchaus ein diskussionswürdiger Ansatz. Wenn absehbar ist, dass ein Kraftfahrzeugführer den Abbiegevorgang nicht ohne Fremdgefährdung geregelt bekommt, dann ist es selbstverständlich sicherer und unbedingt anzuraten, kräftig die Bremsen zu ziehen anstatt maulend und schimpfend auszuweichen.

Andererseits ist das Fahrrad nunmal ein Fahrzeug und somit ein gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer und das in Zeiten des Fahrradboomes sowieso. Autofahrer müssen lernen, nicht wie noch vor fünf Jahren täglich an der Kreuzung ohne Schulterblick abbiegen zu können, weil die Wahrscheinlichkeit, dass einer der drei Radfahrer der Stadt gerade in der Nähe war, naja, doch recht gering war.

Drum kann es durchaus sinnvoll sein, eben nicht ständig automatisch auf die eigene Vorfahrt zu verzichten und brav zu warten, bis der Autofahrer ungestört seines Weges gerollt ist. Mit moderater Geschwindigkeit am Kreuzungsbereich lassen sich Gefahrensituationen unterbinden und doch wacht manch Kraftfahrzeugführer plötzlich erschrocken auf, wenn nach dem verpassten Schulterblick plötzlich ein — bremsbereiter! — Radfahrer im Sichtfeld auftaucht. Dann rappelt’s halt kurz im Bremspedal, das ist immer noch besser als ein Rappeln unterm Auto resultierend aus der Kombination von fehlendem Schulterblick und einem Radfahrer, der seine Vorfahrt wahrgenommen hat. Vielleicht merkt sich der Kraftfahrzeugführer den Schulterblick fürs nächste Mal.

Nebenbei erwähnt: ohne Radwege wäre diese Problematik kaum der Rede wert.

Im Schlusswort wird’s noch mal ganz doll:

Der Radfahrer ist der schwächste Verkehrsteilnehmer. Und diesen Fakt sollte jeder Radler im Kopf haben, der sich auf die Straße wagt. Man sollte nicht den Autofahrern, die mitunter gefährlich dicht an Radfahrern vorbeifahren, sein Leben in die Hand geben, sondern ihnen, wo es geht, aus dem Weg gehen – auch wenn man eigentlich Vorfahrt hätte.

Eieiei. Warum wirkt der ganze Absatz so, als seien die Radfahrer doch alle selbst an ihren Unfällen schuld, weil sie nicht den Autofahrern aus dem Weg gegangen sind? Natürlich muss man sich auf dem Sattel seiner Verwundbarkeit bewusst sein, aber das sollte auch hinter dem Steuerrad gelten — eine Tonne Blech garantieren nunmal keine körperliche Unversehrtheit bei einem Unfall, ganz im Gegenteil. Trotzdem käme niemand auf die Idee, derartige Phrasen durchs Autofenster zu schleudern, denn wenigstens nach der gesellschaftlichen Meinung garantieren Airbag und Sicherheitsgurt doch vollkommene Unversehrtheit, als könne man sich gar nicht dumm genug anstellen, bei einen Unfall ein Bein zu verlieren.

Aber die Radfahrer, die sind tatsächlich doppelt die doofen. Die müssen sich nicht nur den Kram anhören, die sind bei einem Unfall wirklich gefährdet. Nur: wie soll denn das Aus-dem-Weg-gehen funktionieren? Steckt da drin der übliche Aufruf, um Himmels Willen doch überall den Radweg zu benutzen und notfalls auf dem Gehweg weiter zu rollen?

Natürlich darf man sein eigenes Leben nicht einem anderen Verkehrsteilnehmer in die Hand geben, das gilt sowohl als Auto-, als Radfahrer und als Fußgänger. Und dennoch gibt es ein gewisses Mindestvertrauen im Straßenverkehr, nach dem sich eigentlich niemand allzu blöde anstellen sollte. Die eigenen Rechte im Straßenverkehr wahrzunehmen ist völlig legitim und hinreichend ungefährlich, sofern die mittelbare Umgebung nicht aus den Augen und die Hand nicht vom Bremshebel gelassen wird.

Mit Fehlern anderer muss man rechnen — aber die Konsequenzen, die Lorenz hier aufzeichnet, sind einer Gleichberechtigung im Straßenverkehr nicht angemessen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob er überhaupt an einer Gleichberechtigung interessiert ist, denn wenigstens seine Einleitung macht nicht gerade diesen Eindruck.

Die Bildauswahl unterstreicht die Qualität des Artikels: ein Kraftfahrzeug steht vor einem zerfetzten Fahrrad und die Bildunterschrift betont, die Radfahrer hätten keinen Helm getragen.

ARD: Siebter Sinn ist nicht mehr zeitgemäß

Zumindest im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen wird es keine Neuauflage der Fernsehsendung „Der 7. Sinn“ geben. Die kleinen Filmchen schärften den Blick für Gefahrensituationen und galten trotz der unglaublich ermüdenden Stimme aus dem Off als wichtiges Werkzeug zur Steigerung der Sicherheit im Verkehr. Vierzig Jahre lang wurden kommentierte Alltagssituationen vor der tagesschau gezeigt, seit 2005 ist Schluss damit: „Der 7. Sinn“ galt nicht mehr als zeitgemäß.

An der Einschätzung hat sich bislang nichts geändert. Mehrfach wurde unter anderem aus der Politik die Weiterführung der preisgekrönten Fernsehreihe gefordert, an der die ARD allerdings kein Interesse mehr hat. Man mag das Konzept, womöglich auch die Herangehensweise als nicht mehr zeitgemäß bekunden: das Thema ist allerdings im Jahre des Kampfradlers aktueller denn je.

Comeback im Internet

Ins Fernsehen wird der Kult-Ratgeber „Der 7. Sinn“ wohl nicht zurückkehren: Die ARD hat eine Neuauflage abgelehnt. Das bestätigte Verkehrsminister Ramsauer gegenüber AUTO BILD. Geplant ist aber ein Comeback im Web-TV.

Radverkehrsregeln: Kampf gegen Windmühlen

Mal wieder ein Artikel über die häufigsten Irrtümer beim Radfahren — die gibt’s in letzter Zeit ja beinahe täglich. Dieses Mal versucht sich Geli Tangermann in der Hamburger Morgenpost an einer Interpretation der Straßenverkehrs-Ordnung: Das sind die größten Radfahr-Irrtümer

Rad-Rüpel sollen ab nächstem Jahr stärker zur Kasse gebeten werden, wenn sie im Straßenverkehr sündigen. Doch darüber, was erlaubt ist und was nicht, herrscht oft Verwirrung. Die MOPO hat die größten Fahrrad-Irrtümer zusammengestellt.

Ja, einerseits ist es natürlich schön, wenn möglichst viele Verkehrsteilnehmer von solchen Berichten erreicht würden und insbesondere den ersten Punkt mit der Benutzung von Radwegen endlich mal den Weg in die Köpfe findet.

Andererseits bleibt die Frage, was nun eigentlich an den Fußgängerüberwegen aus § 26 StVO so schwierig zu verstehen ist. Immerhin heißt es hier in der Morgenpost:

5. Am Zebrastreifen haben Radfahrer die gleichen Rechte wie Fußgänger.

Nein. Die gleichen Rechte haben sie nur, wenn sie absteigen. Ansonsten müssen sie den vorbeifahrenden Autos Vorfahrt gewähren.

Das ist, gemessen an dem, was dem Leser letztes Jahr aufgeschrieben wurde und eher nach „Radfahrer dürfen einen Zebrastreifen nicht benutzen und sind dort vogelfrei“, ein gewaltiger Fortschritt. Tatsächlich dürfen Radfahrer in der Regel auf Fußgängerüberwegen herumkurven wie sie lustig sind, sie bekommen lediglich auf ihrem Zweirad keinen Vorrang — sie verlieren ihn allerdings auch nicht. So finden sich ständig ungeschickt angelegte Fußgängerüberwege, die auch von Radfahrern überquert werden dürfen und es gibt tatsächlich Kraftfahrzeugführer, die Radfahrer anhupen und bedrängen, wenn sie auf einer Radverkehrsführung neben einem Fußgängerüberweg fahren und kraft des Straßenverlaufes Vorfahrt haben. Für Autofahrer muss es in diesen Zeiten sehr schwer sein.

Aber, Donnerwetter, Punkt 4 wurde beinahe richtig wiedergegeben — das ist auch heutzutage noch eine Seltenheit:

4. Radler dürfen auf der Straße nicht nebeneinander fahren.

Autofahrer aufgepasst: Sie dürfen! Aber nur, wenn sie dadurch keine anderen Verkehrsteilnehmer behindern. „Können zum Beispiel Autos mit genügend Sicherheitsabstand überholen, dürfen Fahrradfahrer weiter nebeneinander fahren“, erklärt Dirk Lau vom ADFC. In der Regel müssen sie aber hintereinander radeln, weil Straßen oder Fahrbahnen zu schmal sind.

Es hängt am Ende sicher von der Einschätzung des Richters ab, wann eine Behinderung vorliegt, aber angesichts der relativ strikten Umschreibung jener Behinderung, die in der Rechtsprechung gepflegt wird, ist es einem Autofahrer durchaus zuzumuten, auch ein paar Sekunden zu warten, bevor die Verkehrslage gefahrloses Überholen zulässt.

Alles schön und gut — andererseits ist es allerdings sehr bedenklich, dass die meisten Autofahrer diese Artikel zwar lesen, aber entweder nicht verstehen können oder wollen. Anders sind die argumentativen Meisterleistungen in den Kommentaren ja kaum noch zu erklären.

Interessant ist da noch das Aufmacherfoto — offenbar radelt die Dame am linken Fahrbahnrand und das ist nun wirklich nicht erlaubt.

SPD will Fahrradfahrer bekämpfen

Höhere Bußgelder, dann wird alles gut: die Traumwelt der Sozialdemokraten könnte verquerer kaum sein. Mit einer kräftigen Verschiebung im Bußgeldkatalog plant die SPD den Radverkehr zu ordnen: SPD will Radler strafen

Innenbehörde hat schärferen Bußgeldkatalog erarbeitet. Dabei ist die Zahl der verunglückten RadfahrerInnen gesunken.

Bekämpft werden soll damit allerdings nicht nur der womöglich unfallträchtige defekte Scheinwerfer oder das Handy am Ohr, sondern auch die Benutzung des Radweges in Gegenrichtung oder das Radeln auf dem Gehweg. Und gleich damit entlarvt die SPD ihr Verständnis von Radverkehrsförderung: die allermeisten Gehwegradler dürften eben nicht auf dem Gehweg fahren, um möglichst schnell an wartenden Kraftfahrzeugen nach vorne an die Ampel zu preschen, die allermeisten Gehwegradler hängen auf dem Trottoir fest, weil sie sich dort sicherer fühlen oder weil sie glauben, nicht auf der Fahrbahn fahren zu dürfen.

Zieht die Staatsmacht solchen Verkehrsteilnehmern anschließend 35 Euro oder mehr aus der Tasche, weil sie glaubt, damit eine Verhaltensänderung erzielen zu können, wird sie ihr Ziel definitiv verfehlen: ja, das verhalten wird sich ändern, aber eben nur insofern, dass künftig die Räder im Keller verstauben. Viel wichtig wäre es wieder einmal, für eine vernünftige Ausbildung der Radfahrer zu sorgen, anstatt im so genannten Verkehrsunterricht in der Grundschule behelmte Wassermelonen von der Leiter zu werfen.

Der Radverkehr ist jedoch unschuldig am schlechten Zustand der Hamburger Radwege, es ist widernatürlich, ihn zur Kasse zu bitten, weil er ordnungswidrig auf die Fahrbahn oder auf den parallel verlaufenden Gehweg ausweicht. Es ist genauso widernatürlich, mit Unfallzahlen zu hantieren und mit dem Finger auf betrunkene oder telefonierende Radfahrer zu zeigen, obschon der wesentlich größere Teil der Unfälle von schlechten Radverkehrsanlagen oder unachtsamen Autofahrern verursacht werden. Da fällt das Pinneberger Tageblatt komplett durch, wenn es ein Fahrrad zeigt, das offensichtlich von einem Kraftfahrzeug überfahren wurde, unterschreibt mit:

Radunfälle kommen häufig zustande, weil die Konzentration oder die Fahrtauglichkeit fehlt – unter anderem durch Alkohol oder Telefonieren.

Das gleiche ließe sich auch den Kraftfahrzeugführern andichten. Dass die mitunter betrunken oder telefonierend oder unachtsam im Straßenverkehr unterwegs sind, sorgt zwar hier und da für leichte Empörung, doch der gezwungene Aktionismus, der beim Thema Fahrrad sofort auftritt, fehlt dort.

Lesenswert ist im Pinneberger Tageblatt die Rechtfertigung für die Erhöhung der Bußgelder:

Hintergrund der härteren Gangart ist die stetige Zunahme des Radverkehrs. Der Hamburger Senat will den Anteil der Radfahrten am Gesamtverkehrsaufkommen der Metropole in den kommenden Jahren nochmals verdoppeln. Entsprechend, so die Erwartung der Innenbehörde, werde auch die Zahl von Verkehrsdelikten zunehmen.

Das ist ja ein tolles Ziel: den Radverkehrsanteil auf ausgesprochen schlechten Radverkehrsanlagen verdoppeln und gleichzeitig die Bußgelder für Verstöße anziehen, die in der Regel aus Regelunkenntnis begangen werden, weil das Fahrrad in den letzten Jahrzehnten nur als Spielzeug galt.

Und für diese Zahlen hätte man dann doch gerne eine Quelle gesehen:

Tatsächlich nehmen Drahtesel-Verstöße schon jetzt teils deutlich zu. Wie aus der Senatsantwort auf eine CDU-Anfrage hervorgeht, haben sich etwa die festgestellten allgemeinen Sorgfaltsmängel bei Radlern im vorigen Jahr fast verdreifacht. Nahezu verdoppelt haben sich die verbotenen Fahrten auf Gehwegen. Handy-Telefonierer am Lenker haben um 15 Prozent zugenommen, Mängel an der Beleuchtung gar um 50 Prozent. Steil nach oben geht es zudem beim Überfahren roter Ampeln (plus 50 Prozent).

Fallende Radwegbenutzungspflichten in Schleswig-Holstein

Wenn eine lokale oder eine regionale Zeitung über Verkehrsregeln für Radfahrer schreibt, was ja im Sommer und angesichts des Fahrradboomes nicht unbedingt selten ist, dann herrscht sofort Krawall, zumindest wenn die Kommentarfunktion nicht vorsorglich zur Schonung der Nerven des zuständigen Redakteures deaktiviert wurde.

Der Reihe nach — Christoph Rohde schreibt in den Kieler Nachrichten: Wann Radler auf die Straße dürfen

Wenn Radwege durch das runde blaue Schild gekennzeichnet sind, müssen sie auch benutzt werden. Fehlt das Schild, darf der Radfahrer alternativ auf der Straße fahren. Doch werden, wie jetzt im Kreisgebiet geschehen, zahlreiche Radwegschilder entfernt, sind Probleme programmiert.

Der Artikel ist eigentlich ganz harmlos und erklärt die aktuelle Rechtslage inklusive der Verwaltungsvorschriften, die allerdings im angesprochenen Gebiet nicht gültig zu sein scheinen: weder in Kiel noch in den umliegenden Landkreisen finden die Mindestmaße Beachtung, nicht einmal bei neu angelegten Radwegen. Es dürfte sehr wenige kombinierte Fuß- und Radwege geben, die wenigstens annähernd zweieinhalb Meter breit sind, der Großteil dürfte deutlich schmaler sein und überdies in einem Zustand, der das Radfahren nicht unbedingt erleichtert.

Unklar bleibt, was hier gemeint ist:

Im Raum Schwansen sind auf diese Weise an Landes- und Kreisstraßen bereits über 50 Radwegschilder demontiert worden. Dazu gehören unter anderem die L26 von Eckernförde über Waabs nach Vogelsang-Grünholz sowie die L27 von Eckernförde über Rieseby Richtung Stubberholz. Auf diesen beiden Landesstraßen darf der Radler also künftig wählen, ob er den Radweg oder die Fahrbahn benutzt.

Außerorts werden in der Regel gemeinsame Fuß- und Radwege angelegt, die mit Zeichen 240 entstehen. Ohne Zeichen 240 gibt es in Ermangelung einer optischen Trennung lediglich einen einzigen Sonderweg neben der Fahrbahn und das wird in der Regel zunächst ein Gehweg sein, den ein Radfahrer entgegen der Information aus dem Artikel nicht benutzen darf. Es ist allerdings möglich, dass nicht bloß die Zeichen 240 abgeschraubt wurden, sondern dass stattdessen ein Austausch gegen die Kombination eines freigegebenen Gehweges stattfand.

Der Hit im Kreisgebiet ist natürlich Günter Wischnewski. Vermutlich wusste der Fachdienstleister Verkehr im Kreis Rendsburg-Eckernförde lange Zeit gar nicht, dass es sowas wie das Fahrrad überhaupt gibt, denn legendär sind die Bemühungen seiner Behörde, jeglichen Radverkehr auf der Fahrbahn zu verhindern und Benutzungspflichten anzuordnen wo auch nur ein Platz für ein Blechschild war. Insofern muss auch bei Wischnewski erst einmal ein Gewöhnungsprozess eingesetzt haben, den er hier den Autofahrern attestiert:

Auch Wischnewski spricht von einem „Gewöhnungsprozess“, der bei den Autofahrern einsetzen müsse, und kündigt an, dass bei der Aufhebung von Benutzungspflichten für Radwege künftig offensiver informiert werde. Gleichwohl gebe es auch Straßen, an denen er persönlich lieber einen – wenn auch engen – Radweg bevorzugen würde.

Nun folgt der unnötige Teil, denn zu dem Artikel gibt es natürlich auch eine Umfrage: Was halten Sie von einer Radweg-Benutzungspflicht? Und, welch Wunder, momentan finden 77 Prozent der Abstimmenden die Benutzungspflichten toll. Mutmaßlich sind darunter recht viele Kraftfahrzeugführer, die gleich im Anschluss in den Kommentaren zum Artikel weitergeschrieben haben. Was da ins Netz getippt wird, mag man sich kaum mehr durchlesen; es wird sogar gefordert, die Fahrbahn für Radfahrer gänzlich zu verbieten und deren Befahren unter Strafe zu stellen. Bedenkt man, was sich Autofahrer alles erlauben dürfen, ohne in den Straftatbestand zu rutschen, sondern nur im Ernstfall mit einer Ordnungswidrigkeit davonzukommen, ist hier jegliche Verhältnismäßigkeit abhanden gekommen, von Vernunft einmal ganz zu schweigen. Und ein Kraftfahrzeugführer beklagt sich gar darüber, dass die Radfahrer die entsprechenden Paragraphen aus der Straßenverkehrs-Ordnung nennen können, nachdem sie, mutmaßlich empört, auf das vermeintliche Fehlverhalten angesprochen wurden.

Man kann es eben niemandem recht machen.

München erklärt Radverkehrsregeln

Erinnert sich noch jemand an die Münchner Polizei, die auch das Beradeln nicht-benutzungspflichtiger Radwege empfahl, weil ein jeder Radweg sicherer als die Fahrbahn sei? Nun gibt es einen achtseitigen Flyer, unter anderem herausgegeben vom Polizeipräsidium München: Entspannt mobil — sicher unterwegs

Es gibt sogar einen Abschnitt „Welche Ampel gilt für mich?“ — da hat man sich ja was getraut. Die dargestellten Regeln sind nicht nur unvollständig, sondern auch falsch und überdies in knapp einem Monat schon veraltet. Klar kann man nicht die vollständige Tabelle abdrucken, die schon viel zu groß für einen solchen Flyer wäre, doch Sätze wie „Grundsätzlich gelten für den Radverkehr dieselben Lichtsignale wie für den Autoverkehr“ sind Unfug, gerade in einer Stadt mit aberhunderten Kilometern Fahrradwegen, gleich darauf heißt es: „Nur wenn keine besonderen Lichtzeichen für Radfahrer vorhan- den sind, erfolgt eine gemeinsame Signalisierung mit dem Fußverkehr.“ Und was ist nun mit der Fahrbahnampel? Und die Erklärungen mit einem Bild zu illustrieren, auf dem eine Radfahrerin offenbar einem unachtsam abbiegenden Autofahrer ausweichen muss, während sich gleich dahinter schon der nächste Lastkraftwagen nähert, darf wohl getrost als unglücklich bezeichnet werden.

Der Abschnitt zur Benutzungspflicht ist zwar grundsätzlich nicht verkehrt, allerdings bleibt es vermutlich für den normalen Radfahrer ein Rätsel, warum denn nicht jeder Radweg nicht benutzt werden muss. Die übliche Argumentation mit Sicherheitsbedenken und ähnlichem Argumenten findet sich erst in den häufig gestellten Fragen: „Wussten Sie schon, dass Radfahrer auf der Fahrbahn oft sicherer fahren, weil die Autofahrer sie dort am Besten sehen können?“ In die ganze Sache grätscht dann noch der Auszug aus dem Bußgeldkatalog, der sehr schwammig 15 Euro für „Nicht den vorhandenen, beschilderten Radweg oder Radfahrstreifen benutzt“ haben möchte. Das lässt sich auch lesen als „Nicht den vorhandenen Radweg, den beschilderten Radweg oder den Radfahrstreifen benutzt“.

Naja, und wozu man überhaupt in so einem Flyer einen Bußgeldkatalog braucht, bleibt ja auch ein Rätsel. Da soll doch eigentlich den Radfahrern näher gebracht werden, wie es richtig geht, und nicht, oh, so viel kostet’s, wenn ihr es verkackt.