Berliner Radwege sind trotz Unfällen sicher

Die Berliner Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers hat sich zur Situation des Verkehrs im vergangenen Jahr geäußert — leider widersprüchlich. Der wichtigste Satz steht erst im Resumee:

Letztlich muss ein Umdenken der Verkehrsteilnehmer stattfinden, um Berlins Straßen noch sicherer zu machen. Nicht das Auto steht im Vordergrund unseres mobilen Denkens, sondern immer der Mensch!

Natürlich fehlt auch nicht der übliche Teil über die Rowdy-Radfahrer, wenngleich Koppers wenigstens im Sommer auch selber mit dem Rad unterwegs ist:

Ich selbst fahre im Sommer viel mit dem Fahrrad und beobachte den Straßenverkehr in meinem neuen Amt natürlich kritischer und mit anderen Augen als früher. An den zahlreichen roten Ampeln auf meinem Weg zum Platz der Luftbrücke bin ich meist die einzige, die anhält. Die mich überholenden und offenbar ohne jeden Skrupel weiterfahrenden Radfahrer machen eher den Eindruck, dass sie mein Verhalten „schräg“ finden; gelegentlich muss ich mich beschimpfen lassen, wenn ich bei „Gelb“ bremse und die hinter mir fahrenden Radfahrer dadurch anhalten oder ausweichen müssen. Rote Ampeln zu überfahren, ausgewiesene Radwege zu ignorieren, obwohl sie Schutz bieten, und nur für Fußgänger vorgesehene Gehwege zu nutzen, scheint selbstverständlich. Auch hier entsteht also der Eindruck, Verkehrsregeln seien nur unverbindliche Verhaltensempfehlungen, denen man nach Lust und Laune folgen kann oder eben nicht. Ist es wirklich spießig oder uncool, Regeln einzuhalten?

Interessant wird es nun mit dem nächsten Absatz:

Zudem ist es doch ein Trugschluss, selbst genau einschätzen zu können, wie gefährlich die Situation tatsächlich ist. Denn auf die Rücksicht der anderen Verkehrsteilnehmer können wir nicht zwingend setzen. Als Radfahrerin kenne ich natürlich auch die Opferperspektive, habe unfreiwillig einen Salto über eine geöffnete Autotür hinter mir, bin von einem rechts abbiegenden Auto erfasst oder von einem BVG-Bus so an die hohe Bordsteinkante gedrängt worden, dass ich quer über den Bürgersteig geflogen bin.

Wenn Koppers selber von einer Tür und einem rechtsabbiegenden Auto getroffen wurde, warum hält sie Radwege nach wie vor für sicher? Auf der Fahrbahn mit vernünftigen Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos wären beide Unfälle mutmaßlich nicht passiert, wenngleich die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe für ihr rabiates Durchgreifen bei sogar berechtigten Fahrbahnradlern bekannt sind.

Schade, dass sich die Prävention auf Alkohol- und Drogendelikte konzentriert und Maßnahmen zur Reduzierung der so genannten Rüpelradler gar nicht in Erwägung gezogen werden. Über rote Ampeln fährt man sicherlich nicht aus Versehen, auf Gehwegen aus falschem Sicherheitsgefühl — und auf der Fahrbahn ganz berechtigt, denn dort ist auch in Berlin die Unfallwahrscheinlichkeit am geringsten.

Der 52-jährige Fahrer des Lkw blieb unverletzt

Drüben in Berlin wurde schon wieder eine Radfahrerin von einem rechtsabbiegenden Lastkraftwagen übersehen. Ein solcher Unfall ist eigentlich tragisch genug, als dass man mit unsinnigen Bemerkungen sparen sollte und so fehlt dieses Mal wenigstens der Hinweis, ob die Radfahrerin einen Helm getragen hat oder ungeschützt unterwegs war.

Das, was man sich stattdessen ausgedacht hat, soll wohl noch einmal das Kräfteverhältnis zwischen Fahrrad und Lastkraftwagen verdeutlichen:

Der 52-jährige Fahrer des Lkw blieb unverletzt.

Die Ölspur auf der Fahrbahn und die Radwegbenutzungspflicht

Wer nicht auf dem benutzungspflichtigen Radweg fährt, ist mitschuldig, wenn etwas passiert — das war 1993, Jahre vor Aufhebung der generellen Radwegbenutzungspflicht, durchaus üblich an deutschen Gerichten. Nun sorgt ein neues Urteil für Aufregung: Lieber Straße als Radweg — Radler hat bei Unfall Mitschuld

Ein Radfahrer, der statt eines ausgeschilderten Radweges eine parallel verlaufende Straße benutzt, haftet nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt grundsätzlich mit. Nach Auffassung des Gerichts müssen Radfahrer einen eigens ausgeschilderten Radweg auch benutzen. Wer trotzdem auf der Straße fahre, tue dies letztlich auf eigenes Risiko.

Der Artikel von n-tv ist so umfassend nicht: Es wird nicht einmal auf das Urteil verlinkt. Obwohl in der Überschrift das Wort „Mitschuld“ auftaucht und im Text wenigstens darauf hingedeutet wird, geht die Interpretation in der Fahrradwelt eher in Richtung eines Skandalurteiles — durchaus zurecht, obschon die Rechtslage komplizierter ist.

Der Sachverhalt ist relativ einfach: das Unfallopfer fuhr mit dem Rad auf der Fahrbahn neben einem parallel verlaufenden und als benutzungspflichtig gekennzeichneten Radweg. Auf einer Ölspur kam der Radfahrer ins Schleudern, stürzte und verklagte den Verursacher der Verschmutzung auf Schadensersatz. Das Frankfurter Oberlandesgericht attestierte dem Radfahrer im Urteil hingegen eine Mitschuld von knapp fünfzig Prozent (Urteil vom 28. Oktober 2011, Az.: 24 U 134/11) — das ist, angesichts der Tatsache, dass der Verursacher in der Regel nicht gefunden wird, eigentlich immer noch ein erfreuliches Ergebnis. Motorradfahrer, die unter derartigen Verschmutzungen häufiger zu leiden haben, wären sicherlich froh, wenn der Verursacher überhaupt bekannt wäre.

Der Knackpunkt hingegen ist die Begründung, laut der die ordnungswidrige Nutzung der Fahrbahn an dieser Stelle zur Haftungsminderung des Ursachers geführt habe. Das Gericht sieht in der Radwegbenutzungspflicht eine Schutzfunktion des Radfahrers, die in unter anderem vor derartigen Unfällen schützen solle. Da er sich freiwillig auf die offenbar gefährlichere Fahrbahn begeben habe, müsse er mit den entsprechenden Konsequenzen zurechtkommen.

Diese Sichtweise bietet natürlich schon breite Angriffsfläche aufgrund der durchaus komplexen Materie. Im Urteil werden sogar munter die Begriffe „Fahrbahn“ und „Straße“ durcheinandergeworfen, was ja wenigstens leichte Zweifel an der Kompetenz des Gerichtes aufkommen lässt. Nun hat der Gesetzgeber damals das Instrument der Radwegbenutzungspflicht eingerichtet, um durch die Entmischung der Verkehrsarten die schwächeren Radfahrer zu schützen. Das ist, wie in allzu vielen Städten zu sehen ist, nicht unbedingt geglückt. Es ist aber unwahrscheinlich, dass der Gesetzgeber auch den Schutz vor Ölspuren und ähnlichen Hinterlassenschaften der Kraftfahrzeuge im Sinn hatte. Ansonsten müsste sich jener Schutzzweck auch auf vereiste Fahrbahnen oder Glasscherben erstrecken, die aber auf Radwegen wenigstens ebenso häufig drohen.

Auch eine Ölspur kann sich problemlos auf einem Radweg breitmachen, etwa wenn sich ein Kraftfahrzeug beim misslungenen Radwegparken die Ölwanne aufreißt oder an einer der häufigen Überlappungen der beiden Verkehrsarten in Form von Kreuzungen und Einmündungen. Wenn dort ebenfalls relativ regelmäßig Unfallmöglichkeiten herumliegen, kann der Schutzzweck der Radwegbenutzungspflicht kaum der Schutz vor den gleichen Unfallarten auf der Fahrbahn gewesen sein. Das Urteil folgt an dieser Stelle allerdings der schlanken Überlegung, es gäbe auf Radwegen keine Kraftfahrzeuge und damit keine Ölspuren, ganz ungeachtet der Tatsache, dass der Radweg relativ häufig vom Kraftfahrzeugverkehr gekreuzt wird. An einem innerörtlichen Radweg dürfte gut ein Viertel der Strecke von Autos benutzt werden. Das Argument der Unfallgefahren auf dem Radweg begegnet das Gericht, indem es feststellt, dass der Radfahrer den benutzungspflichten Radweg vor einem Scherbenhaufen zwar verlassen darf, aber gleich die folgende Auffahrmöglichkeit wahrnehmen muss, um sich nicht in die dauerhafte Gefahrensituation auf der Fahrbahn zu begeben, vor der die Radwegbenutzungspflicht schützen soll.

Etwas verquer wirkt vor diesem Hintergrund auch die Tatsache, dass der Gesetzgeber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte vor nunmehr fünfzehn Jahren die allgemeine Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gestrichen hat. Soll ein Radweg aber vor allerlei Ungemach, also auch für Ölspuren auf der Fahrbahn schützen, so müssten Radfahrer auch weiterhin verpflichtet sein, alles zu beradeln, was auch nur entfernt an einen Radweg erinnert. Oder korrespondiert die Wahrscheinlichkeit für Ölspuren in irgendeiner Weise mit der Gegenwart von benutzungspflichtigen Radwegen? Wären die Ansprüche des Radfahrers nicht zur Hälfte abgewiesen worden, wenn jemand die blauen Schilder beiseite geklagt hätte?

Insofern reiht sich das Oberlandesgericht Frankfurt mit seinem Urteil in die lange Reihe der etwas verqueren Urteile ein. Es ist hingegen unwahrscheinlich, dass das Unfallopfer auf aufgrund einer anderen Urteilsbegründung einen höheren Schadensersatz hätte erstreiten können.

Warum Radfahren ohne Radwege nicht funktioniert

Unter leidenschaftlichen Fahrradfahrern ist es längst kein Geheimnis, dass die normalen deutschen Fahrradwege allenfalls zum Verunfallen taugen, aber sicherlich nicht zum sicheren, schnellen oder gar bequemen Vorankommen. Leider ist das eine Erkenntnis, die sich nur bei einem Bruchteil der Radfahrer festgesetzt hat — und überhaupt nicht bei Fußgängern oder Autofahrern.

Fährt man auf dem Radweg, muss man eigentlich auf alles achten — nicht nur auf die Fahrzeuge auf der Fahrbahn, die plötzlich ohne Rücksicht abbiegen, und nicht nur auf Fußgänger, die plötzlich auf dem Radweg auftauchen. Hat man dagegen in Ermangelung einer Benutzungspflicht die Möglichkeit der Fahrbahnbenutzung, ist man dort den Sanktionen der Autofahrer ausgesetzt, die das vermeintliche Fehlverhalten des Fahrbahnradelns in einem kurzen Akt von Selbstjustiz mit der Hupe oder gar dem gesamten Fahrzeug als Waffe ahnden.

So freut man sich zunächst darüber, dass die Vernunft in der Behörde gesiegt und die Benutzungspflicht an einem weiteren Radweg aufgehoben hat, sieht sich aber dann mit der Frage konfrontiert, welchen Straßenteil man denn nun benutzen sollte. Die Fahrbahn ist, sofern ein Radweg parallel verläuft, aufgrund des beschriebenen Verhaltens der Kraftfahrzeugführer wenigstens in der Anfangszeit nach Aufhebung der Benutzungspflicht zu gefährlich, doch auf dem Radweg ist man bekanntlich auch nicht sicherer unterwegs: gerade deswegen wurden die blauen Schilder schließlich entfernt. Damals, unter der Benutzungspflicht, hatte man gar nicht erst die Wahl, doch heute muss man sich zwischen dem unsicheren Radweg mit eindrucksvoller miserabler Führung und der gefährlichen Fahrbahn entscheiden.

Vom Fahrrad aus betrachtet lässt sich die Bundesrepublik nach der Art des Radfahrens prima katalogisieren. In Norddeutschland gibt es Städte, die beinahe an jeder Straße, teilweise sogar in Tempo-30-Zonen, einen Radweg eingerichtet haben. Das Alter der Radwege dürfte inzwischen um die 30 bis 40 Jahre betragen, gepflegt wurden sie seitdem eher selten und so ist die asphaltierte Oberfläche inzwischen dem Verfall begriffen, der von Wurzeln und parkenden Autos begünstigt wird. Häufig, sofern kein engagierter Radfahrer sich mit der Straßenverkehrsbehörde messen wollte, sind die Radwege als benutzungspflichtig markiert, obwohl sie längst nicht einmal den Mindestvorgaben entsprechen.

Dem gegenüber stehen Städte, die das Fahrrad als Verkehrsmittel bis zu letzt ignoriert haben und teilweise komplett ohne Radverkehrsanlagen auskommen. Meistens sind das Städte in der südlichen Bundesrepublik oder in den neuen Bundesländern — und paradoxerweise sind das jene Städte, die heute für den Radverkehr ganz besonders attraktiv und sicher sind, weil das Radeln auf der Fahrbahn seit Jahrzehnten normal und gewohnt ist und heute mit entsprechenden Fahrbahnmarkierungen unterstützt werden kann.

Nun gibt es — womöglich: zum Glück — in jeder norddeutschen Stadt auch Straßen ohne Radwege. Mitunter wurden die Radwege dort einfach vergessen, vielleicht auch erst gar nicht angelegt, denn „dort fährt eh nie einer lang“, oder aufgrund der engen Bebauung war schlicht kein Platz für einen Radweg. In einem solchen Fall müssen Radfahrer die Fahrbahn befahren — und nun wird die Sache kompliziert.

Es gibt tatsächlich Stellen, an denen es üblich ist, dass ein Radfahrer den Gehweg befährt, so schmal und holprig er auch sein mag. Meistens wird dort gefahren, weil man als Radfahrer den Kraftfahrzeugverkehr nicht behindern möchte oder weil alle anderen Radfahrer auch dort fahren oder weil es angeblich verboten sei, auf der Fahrbahn zu radeln. Ja, ein nennenswerter Anteil der Radfahrer scheint tatsächlich zu glauben, dass das Radfahren „auf der Straße“ strengstens untersagt sei — das endet dann eben in der Regel auf dem Gehweg oder in der Wahl einer anderen Strecke mit radwegfreundlichen Straßen.

Ein Radfahrer auf dem Gehweg ist zunächst einmal für Fußgänger lästig, weil stellenweise tatsächlich so viel Verkehr auf jenem Gehweg unterwegs ist, dass man sich kaum bewegen kann, ohne ständig Ausschau nach verkehrswidrig radelnden Verkehrsteilnehmern zu halten. Und trotzdem sind Radfahrer auf dem Gehweg auch für den regelkonformen Radfahrer auf der Fahrbahn lästig, weil sich in den Köpfen der motorisierten Verkehrsteilnehmer der Glaube eingebrannt hat, ausgerechnet an dieser Straße müssten alle Radfahrer den Gehweg benutzen, weil es ja alle so machen. Mit Glück wird ein Radfahrer auf der Fahrbahn dort nur etwas enger überholt, mit etwas mehr Pech wird er angehupt, geschnitten oder ausgebremst, den obligatorischen Zeigefinger in Richtung des Gehweges inklusive.

Paradoxerweise lässt es sich an anderen radweglosen Straßen relativ entspannt auf der Fahrbahn fahren — meistens hat sich dort das Radeln auf dem Gehweg aus irgendwelchen Gründen nicht gewohnheitsmäßig eingebürgert, so dass ängstliche Radfahrer eine andere Route wählen, weil es „auf der Straße“ ja so gefährlich sei, und Kraftfahrzeugführer nicht die Benutzung des Gehweges einfordern. Schon hier fällt auf, dass die meisten Verkehrsteilnehmer nicht einmal in der Lage sind, die einzigen Straßenteile korrekt zu benennen, geschweigedenn die Regeln über deren Benutzung kennen, aber andererseits hinter dem Steuer eines Autos über das Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer urteilen wollen.

So verwundert es dann nur anfangs, dass bei Gesprächen mit „normalen“ Verkehrsteilnehmern ohne ausgeprägte Kenntnis der Straßenverkehrsordnung immer wieder großes Erstaunen auftritt, dass Radfahrer in der Regel, sofern denn nicht anders beschildert, überall auf der Fahrbahn radeln dürfen und Straßen ohne Radweg keineswegs tabu sind. Meistens folgt dann die Frage nach der Sicherheit des Fahrbahnradelns, wiederum sofort gefolgt von der Feststellung, dass man wider der eindeutigen Faktenlage doch lieber den Radweg oder gar den Gehweg wählt: „Ich fühle mich dort eben sicherer.“

Und gerade dieses Gefühl ist so trügerisch und gefährlich, denn Radwege sind nicht sicher. Wirklich nicht. Auch wenn Polizei und Presse und Behörden gerne das Gegenteil behaupten: Radwege sind nicht sicher.

Was Radwege angeht, so muss dort zwischen innerörtlichen und außerörtlichen Radwegen unterschieden werden. Außerörtliche Radwege verlaufen etwa neben einer Straße und sind meistens aufgrund der geringen Frequentierung nicht besonders gut gepflegt. Wurzelaufbrüche sind die Regel, hineinwachsende Pflanzen stellenweise so penetrant, dass vom gesamten Radweg nur noch ein schmaler Spalt von zwanzig oder dreißig Zentimetern verbleibt. Weil Kreuzungen mit der Fahrbahn relativ selten sind, lässt es sich zumindest bezüglich des Kraftfahrzeugverkehres sicher und unfallfrei radeln. Sofern dann doch Kreuzungen auftreten, wird Radfahrern dort gerne die Vorfahrt mit einer entsprechenden Beschilderung genommen, die im Grunde genommen unzulässig ist. Aus der geringen Frequentierung der Wege resultiert leider auch, dass es häufig nur einen einzigen Radweg an einer Seite der Fahrbahn gibt, so dass spätestens auf dem Rückweg auf der linken Straßenseite geradelt wird — das ist aufgrund der seltenen Einfahrten relativ egal, aber leider umso lästiger, wenn der Lichtkegel des Kraftfahrzeugverkehrs ständig blendet. Trotzdem lässt es sich außerorts relativ gut radeln — aber toll ist es nicht.

Innerörtliche Radwege sind dagegen sie Hölle. Meistens wurden sie irgendwie so dazwischengequetscht zwischen eine Fahrbahn, die schon da war, und einen Gehweg, der schon da war, und womöglich auch zwischen Parkplätze und Begrünungen, die schon da waren. Es gibt eigentlich kaum einen Radweg, der wenigstens den Mindestvorgaben eines Radweges entspricht. Man kann nicht besonders schnell darauf radeln, weil einerseits die Oberfläche uneben ist, andererseits ab einer gewissen Geschwindigkeit gar keine Möglichkeit mehr besteht, dem Fußgänger auszuweichen, der plötzlich auf den Radweg tritt, oder vor dem Auto anzuhalten, dass plötzlich aus einer Einfahrt stößt. Neben parkenden Autos entlangzufahren ist immer ein ganz besonderer Nervenkitzel, weil gerade Beifahrer nicht häufig kontrollieren, ob sich von hinten etwas nähert, das möglicherweise mit einer geöffneten Tür kollidieren könnte. Wird nicht neben dem Radweg geparkt, so dann gerne direkt darauf, um den übrigen Kraftfahrzeugverkehr nicht zu behindern — sobald der erste Wagen den Radweg versperrt, beginnen auch die übrigen Verkehrsteilnehmer, ihre Fahrzeuge ähnlich aufzustellen. Natürlich gibt es noch eine Reihe weiterer Hindernisse, etwa die berühmten Mülltonnen auf dem Radweg oder ungesicherte Baugruben, in die man angeblich nicht reinfallen kann, weil es ja das Sichtfahrgebot gibt.

Wenn schon nicht für Sicherheit, so hat diese Separation der Verkehrsarten dazu geführt, dass die Kraftfahrzeugführer auf der Fahrbahn tatsächlich nur noch wahrnehmen, was sich auch auf der Fahrbahn abspielt. So ist dann ein Radfahrer auf dem Radweg nebenan so lange uninteressant, bis er plötzlich beim Rechtsabbiegen auf der Motorhaube liegt. Wird dagegen auf der Fahrbahn geradelt, bleiben Radfahrer als vollwertige Verkehrsteilnehmer ständig im Aufmerksamkeitsbereich der Autofahrer. Und das ist auch das wesentliche Problem der Radwege: man glaubt, sie seien sicher, verhält sich unbesorgt und achtet plötzlich gar nicht mehr darauf, dass jener Fußgänger sich gerade direkt auf den Radweg zubewegt oder der Rechtsabbieger von der Fahrbahn ohne Schulterblick am Steuer dreht. Das ist in etwa wie mit dem Fahrradhelm, der aufgrund der Risikokompensation unbesorgter unterwegs ist — und dennoch muss man, egal ob auf dem Rad oder im Auto, ständig aufmerksam unterwegs sein, denn Routine kann im schlimmsten Falle tödlich enden. Aufmerksames Fahren ist auf der Fahrbahn relativ einfach möglich, auf dem Radweg umso schwieriger und beinahe unmöglich, wenn das Fußgängeraufkommen steigt oder Außengastronomie dazukommt. Ein solcher Radweg kann einfach nicht gefahrlos befahren werden.

Und so irren die meisten Verkehrsteilnehmer, wenn sie den Radweg für sicher halten. Man mag es ihnen nicht verdenken, denn im Prinzip sollte ein Radweg ja gerade aus Sicherheitsgründen angelegt worden sein und schließlich wird überall propagiert, wie gefährlich das Radeln auf der Fahrbahn doch sei. Man muss sich allerdings tatsächlich fragen, welchem Zweck einige Radwege und die dazugehörigen Beschilderungen denn überhaupt dienen: mitunter kann es gar keinen anderen Zweck gegeben haben, als die lästigen Radfahrer endlich von der Fahrbahn zu verbannen. Sicherheitsbedenken waren da zu keinem Zeitpunkt im Spiel.

Vor zwei Monaten wurde die Radwegbenutzungspflicht in der Krefelder Straße in Köln aufgehoben — eigentlich eine tolle Sache, sollte man denken, das finden aber leider längst nicht alle Radfahrer. Arne Vogel hat sich bei den Radfahrern auf der Krefelder Straße umgehört:

(…) Das Ergebnis war niederschmetternd. Wie eine junge Dame feststellte: Ihr Leben lang hätte man ihr eingetrichtert, den Radweg zu benutzen, weil es sicherer sei, warum solle sie jetzt auf der Fahrbahn fahren? Die Menschen haben Angst auf der Straße zwischen den Autos und LKW. Das kriegt man aus ihren Köpfen so ohne weiteres nicht heraus. Deswegen ist eine gute Aufklärung der Bürger durch alle Beteiligten viel viel wichtiger als das einfache Konfrontieren mit — für die meisten — unverständlichen Tatsachen und da muss auch ich meinen bisherigen Ansatz überdenken. Velo 2010, die Stadt Köln und die Polizei wären hier gefordert. Anstatt unsinnige Lichtaktionen zu zelebrieren — mangelnde technische Ausrüstung der Räder ist nur ein gefühltes Problem und in den wenigsten Fällen unfallträchtig — sollten sie ihren Infostand in die Krefelder Straße stellen und den Betroffenen erklären, warum sie jetzt die Fahrbahn benutzen dürfen und vor allem, dass Radfahrer auf der Fahrbahn sicherer unterwegs seien. Eine Maßnahme, die ich begrüßen und sogar tatkräftig unterstützen würde. (…)

Das verlinkte Interview mit Dutzenden Radfahrern ist die fünf Minuten wirklich wert, denn bei den vielen falschen Argumenten, die die Kölner Radfahrer dort hervorbringen, mag man nicht einmal mehr den Kopf schütteln. Eine Dame äußert, dass Radwege sicherer seien, weil es dort ja keine Autos gäbe, vergisst aber offenbar, dass gerade die Konfrontation mit dem Autoverkehr an Kreuzungen, Grundstückszufahrten und Parkvorgängen zu den häufigsten Unfallursachen zählen. Ein anderer möchte nicht zwischen den ganzen Autos und Lastkraftwagen radeln, weil er sich nicht überfahren lassen möchte und ein dritter fährt bei Straßen ohne Radweg grundsätzlich auf dem Gehweg weiter. Beinahe möchte man resümieren: Radfahrer verfahren aus Sicherheisgefühl gerade so, wie es eigentlich am unsichersten ist.

Engagierte Radfahrer und ADFC-Mitglieder freuen sich natürlich über jeden Radweg, der nicht mehr mit Zeichen 237 oder Zeichen 241 als benutzungspflichtig beschildert ist, weil dann auf der Fahrbahn angenehmes und sicheres Radfahren möglich wird. Mutmaßlich ist die größte Gefahr auf der Fahrbahn tatsächlich das vorsätzliche Fehlverhalten der Kraftfahrzeugführer, die sich außerstande sehen, nicht mit Hupen, Schneiden oder Ausbremsen auf den nicht mehr benutzungspflichtigen Radweg hinzuweisen. Alle anderen Radfahrer werden aus den besagten Sicherheitsgründen weiterhin den Radweg benutzen und sich kopfschüttelnd über die vermeintlich lebensmüden Radfahrer auf der Fahrbahn aufregen. Man möchte beinahe hoffen, dass sie dabei nicht aus Unaufmerksamkeit mit einem Fußgänger kollidieren.

Wird hingegen ein Zeichen 240 entfernt, stellt sich ein ganz besonderer Effekt ein: zuvor musste der gemeinsame Geh- und Radweg von Radfahrern benutzt werden, danach ist die Benutzung hingegen strengstens untersagt, sofern denn keine dieser unsäglichen Freigaben für Radfahrer erfolgt. Allerdings nehmen auch hier weder Autofahrer noch Radfahrer die veränderte Beschilderung war, so dass Autofahrer weiterhin die Fahrbahnradler anhupen und Radfahrer weiterhin auf dem inzwischen reinen Gehweg verkehren. Nebenbei sei erwähnt, dass es keinen, aber auch wirklich gar keinen vernünftigen Grund für Radfahrer gibt, einen freigegebenen Gehweg zu nutzen. Zunächst ist dort nur langsames, angemessenes Tempo erlaubt, etwa um den Bereich der Schrittgeschwindigkeit angesiedelt, und außerdem steckt man bis zum Scheitel in Problemen, sobald man mit einem Fußgänger verunfallt. Als Radfahrer hat man dort, nicht zuletzt in Bezug auf die Sicherheit, ausschließlich Nachteile.

Am problematischsten ist es jedoch, wenn etwa während Sanierungsarbeiten der Radweg komplett entfernt wird. Meistens werden dann Radfahr- oder Schutzstreifen auf der Fahrbahn eingerichtet, mitunter wird der Radverkehr aber auch komplett auf die Fahrbahn geschickt — dort will er aber gar nicht hin. Es lässt sich dann wenigstens in den ersten Monaten beobachten, dass die Radfahrer auf den Gehweg ausweichen und sogar Schutzstreifen misstrauen. Fragt man die gehwegradelnden Radfahrer dazu, bekommt man mitunter die abenteuerlichsten Theorien zu hören, etwa davon, dass die Behörde vollkommen verantwortungslos wäre, die Radfahrer jetzt auf den Schutzstreifen zu schicken, weil sie dort von den Autos überfahren würden.

Und so bleibt festzustellen, dass diese angestrengten Bemühungen, komplette Radwege oder wenigstens die blauen Beschilderungen loszuwerden, sicherlich nicht zu einem gesteigerten Radverkehrsanteil führen werden. Die meisten Radfahrer glauben offenbar, nicht auf der Fahrbahn fahren zu dürfen oder fühlen sich dort so unsicher, dass das Rad fortan im Keller verbleibt. Abgesehen davon tragen die Autofahrer ihren eigenen Anteil dazu bei, indem sie das Fahren auf der Fahrbahn mit Maßregelungen vorsätzlich verkomplizieren und gefährden.

Radfahrer lieben nunmal Radwege, auch die schlechten, buckeligen und engen. Auf der Fahrbahn will kaum jemand fahren — schließlich können die Radwege, die man extra für den Radverkehr gebaut hat, nicht plötzlich schlecht sein, nachdem sie jahrelang funktionierten?

ADFC: Münchner Radwege sind doch nicht so sicher

Vor knapp zwei Wochen irritierte die Münchener Polizei mit einer seltsame Meldung, nach der Radfahrer unbedingt Radwege befahren sollten, auch wenn sie nicht benutzungspflichtig beschildert oder gar mangelhaft ausgestattet sind:

Die Münchner Verkehrspolizei empfiehlt jedoch allen Radfahrern selbst bei der Aufhebung der Benutzungspflicht bestimmter Radwege, die „unbeschilderten“ Radwege dennoch zu benutzen. Radfahrer zählen neben den Fußgängern zu den am meisten gefährdeten Verkehrsteilnehmern auf Deutschlands Straßen. Gerade der einleitend beschriebene Unfall zeigt, dass Radwege, egal ob die Benutzungspflicht vorgeschrieben ist oder nicht, grundsätzlich mehr Schutz bieten als der Straßenraum des motorisierten Verkehrs.

Nun antwortete der Münchener ADFC in einer Presseinformation:

Radwege nicht automatisch sicherer als Fahrbahn ADFC kontert Polizeiempfehlung zur generellen Radwegbenutzung

Stets den Radweg zu benutzen, das empfiehlt die Münchner Polizei Radfahrern — und zwar unabhängig davon, ob ein Radweg benutzungspflichtig ist. Dies sei für Radfahrer sicherer, so das Polizeipräsidium München in einer Pressemitteilung vom 1. November. Diese Empfehlung steht nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) München in krassem Widerspruch zu den Erkenntnissen der Verkehrssicherheitsforschung. Unfälle zwischen Radfahrenden und Kraftfahrzeugen ereignen sich meist im Bereich von Kreuzungen oder Einmündungen. Baulich von der Fahrbahn getrennte Radwege sind meist entlang der Bürgersteige geführt und oft hinter parkenden Autos oder Gebüsch schwer einsehbar. Auf der Fahrbahn befinden sich Radfahrende dagegen im Sichtbereich der Kraftfahrzeugführer. Wo eigene Bereiche für den Radverkehr angebracht erscheinen, sind unter anderem aus diesem Grund inzwischen Radfahrstreifen oder Schutzstreifen auf der Fahrbahn Stand der Technik. (…)
Die Polizeiempfehlung, trotz Aufhebung der Benutzungspflicht auf diesen Radwegen zu radeln, kommentiert Peter Kappel, der Vorsitzende des ADFC München, so: „Es ist absurd, dass die Polizei Radfahrer nun zurück auf Radwege schicken will, deren Benutzungspflicht das KVR ja nicht ohne Grund aufgehoben hat!“ Alarmierend sei insbesondere eine Formulierung in der Polizeipressemitteilung, so Kappel weiter: „Da wird die Fahrbahn als Straßenraum des motorisierten Verkehr bezeichnet. Dabei ist auch das Fahrrad ein Fahrzeug und keine Gehhilfe und gehört damit zuallererst einmal auf die Fahrbahn. Das steht so in der StVO. Es könnte fast der Eindruck entstehen, als hätte die Münchner Polizei am liebsten gar keine Radfahrer im Straßenverkehr, obwohl in München 14 Prozent aller Wege mit dem Rad zurückgelegt werden. (…)
Nochmals Kappel: „Wenn für die Münchner Polizei abgetrennte Radwege tatsächlich für die Sicherheit von Radfahrerinnen und Radfahrern so wichtig sind, dann erwarten wir als ADFC zumindest, dass sie auf Radwegen stärker gegen Falschparker vorgeht. Wie in anderen Bundesländern auch, könnte die Polizei in diesen Fällen auch einmal das Abschleppen der Kraftfahrzeuge in Betracht ziehen.“ Nur eine stärkere Überwachung des ruhenden Verkehrs garantiere, dass Radwege auch tatsächlich befahren werden könnten, so der ADFC-Vorsitzende.

Schade, dass die Polizei darauf vermutlich nicht antworten wird.

„Radwege statt Umweltzonen“

Die ZEIT hat wieder einmal ein fahrradbezogenes Interview veröffentlicht, dieses mal mit Dirk Lau vom Hamburger ADFC: „Radwege statt Umweltzonen“

(…) ZEIT Wissen: Der ADFC hat kürzlich gefordert, statt in Umweltzonen in den Innenstädten lieber in den Radverkehr zu investieren. Was heißt das konkret?

Lau: Da gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen: Bau von genügend modernen Radabstellanlagen, Stärkung des Umweltverbunds aus öffentlichem Nahverkehr und Fahrrad, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es reicht nicht, hier und da mal einen neuen Radstreifen anzulegen. Wir müssen den motorisierten Individualverkehr in den Städten drastisch reduzieren. (…)

Amüsant ist wie immer der obligatorische Schlagabtausch zwischen Rad- und Autofahrern in den Kommentaren.

ADFC-Podiumsdiskussionen zum Fahrbahnradeln

Der Hamburger ADFC veranstaltet zum Jahresende vier Podiumsdiskussionen als Abschluss der Kampagne „Ab auf die Straße“:

In Berlin radelt man gefährlich

Der Tagesspiegel, bekannt für seine kulturell wertvollen Leserdiskussionen in den Kommentaren, schreibt: „Radler und Fußgänger leben wieder gefährlicher“.

Der Artikel dreht sich tatsächlich eine Weile um die Unaufmerksamkeit von Autofahrern und -insassen, die offenbar häufig unfallursächlich sind:

In den vergangenen Tagen verunglückten erneut drei Radfahrer schwer. Wie berichtet, wurde am Mittwoch ein 17-Jähriger von einem rechtsabbiegenden Mülllaster lebensgefährlich verletzt. Am Donnerstag prallte eine Radfahrerin gegen eine Autotür, die der Fahrer eines Fords ohne Blick über die Schulter geöffnet hatte. Und in der Nacht zum Freitag rammte ein Radler in Mitte eine Ampel. Beide Unfallopfer erlitten schwere Verletzungen.

(…)

Wachsende Unachtsamkeit am Lkw- und Pkw-Steuer verursacht laut van Stegen die meisten Radunglücke. Offenbar überfordert die ungewohnte Zunahme des Radverkehrs noch viele Fahrer. So wurden fünf der acht in diesem Jahr ums Leben gekommenen Radler von Rechtsabbiegern gerammt.

Dann folgt zwischendurch eine seltsame Schlussfolgerung:

Allerdings sieht die Polizei auch eine „Hochrisikogruppe“ bei den Radfahrern. „Es ist die Zahl derjenigen, die sich auf ihre Vorfahrt verlassen und ohne umsichtigen Blick zum Autoverkehr bei Grün über die Radfurt fahren.“

Eigentlich sollte es doch möglich sein, die Grünphase einer Radfurt so zu gestalten, dass der Fahrradverkehr ungestört fließen kann und nicht von den möglicherweise unaufmerksamen Autofahrern gefährdet wird. Problematisch ist dabei natürlich wieder die Führung des Radverkehrs rechts von abbiegenden Fahrzeugen, denn schließlich würde niemand auf die Idee kommen, von Kraftfahrzeugen bei grüner Ampel zu fordern, erst einmal zu schauen, ob eine Spur weiter links jemand nach rechts abbiegen möchte.

Aber immerhin hat man das Problem durchaus erkannt:

Die zunehmend direkt auf den Straßen markierten Radwege seien der richtige Weg. „So bringt man Radler in den Fokus der Autofahrer.“

Insofern scheint der Verkehr in Berlin vollkommen anders zu funktionieren als in München, denn dort sind laut der Verkehrspolizei Radwege sicherer als die Fahrbahn.

Und während die Polizei in neuen Erkenntnissen schwelgt, streitet sich die Leserschaft in den Kommentaren, ob für die Einrichtung einer Radverkehrsführung auf der Fahrbahn Parkplätze aufgegeben werden dürfen.

Münchner Radwege sind sicher

Radwege sind sicher — das glauben immer noch viele Verkehrsteilnehmer und außerdem behauptet das die Polizei und die muss das ja wissen. Vor allem müsste sie es besser wissen: Radwege sind keinesfalls so sicher, wie überall behauptet wird, und längst nicht der Schlüssel zu einer fahrradfreundlichen und attraktiven Stadt.

Vor knapp einer Woche wurde ein 58-jähriger Fahrradfahrer in München von einem überholenden Lastkraftwagen erfasst worden. Daraufhin schreibt die Münchener Polizei in ihrem Pressebericht: 1784. Münchner Polizei rät Radfahrern, vorhandene Radwege zu nutzen

Dort heißt es dann:

(…) Auch wenn der Lkw-Fahrer hier den Unfall verursacht hat, wäre der Unfall unter Umständen auch vermeidbar gewesen. Parallel zur Fahrbahn verlief ein gekennzeichneter Radweg, welchen der Radfahrer nicht benutzt hatte. (…)

Der Unfall wäre sicherlich auch vermeidbar gewesen, hätte der Lastkraftwagenfahrer größere Vorsicht beim Überholen walten lassen. Freilich ist das Lenken eines solch großen Fahrzeuges in einer Großstadt kein Vergnügen, entbindet aber sicherlich nicht von den üblichen Vorsichtsmaßnahmen. Tatsächlich dürfte das Risiko, auf der Fahrbahn von einem anderen Fahrzeug erfasst zu werden sehr viel geringer sein als auf dem parallelen Radweg an der nächsten Kreuzung mit ebenjenem Rechtsabbiegendem Fahrzeug zu kollidieren; auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Anteile des Radverkehrs auf Fahrbahn und Radweg.

Dem Radfahrer obliegt es nicht, eigenständig zu bewerten, ob die Anordnung der Beschilderung eines Radweges rechtmäßig ist oder nicht. Die Radwegebenutzungspflicht bleibt in diesen Fällen bestehen.

Tatsächlich obliegt es dem Radfahrer nicht, die Anordnung hier und jetzt auf ihre Rechtmäßigkeit zu überprüfen. Es obliegt dem Radfahrer aber sehr wohl zu überprüfen, ob er die Benutzungspflicht überhaupt wahrnehmen kann oder ob gar die „üblichen Verdächtigen“ in Form von Baustellen, Mülltonnen oder parkenden Autos den Radweg versperren. Und schließlich gibt es noch genügend der aufgezählten Verkehrsschilder, die seit Jahrzehnten vergessen an der Straße herumstehen, bei denen teilweise eine Beachtung der Benutzungspflicht schwierig bis unmöglich ist, weil die dazugehörigen Sonderwege mittlerweile womöglich nicht mehr existieren.

Die Münchner Verkehrspolizei empfiehlt jedoch allen Radfahrern selbst bei der Aufhebung der Benutzungspflicht bestimmter Radwege, die „unbeschilderten“ Radwege dennoch zu benutzen. Radfahrer zählen neben den Fußgängern zu den am meisten gefährdeten Verkehrsteilnehmern auf Deutschlands Straßen. Gerade der einleitend beschriebene Unfall zeigt, dass Radwege, egal ob die Benutzungspflicht vorgeschrieben ist oder nicht, grundsätzlich mehr Schutz bieten als der Straßenraum des motorisierten Verkehrs.

„Grundsätzlich mehr Schutz“ dürfte eine sehr optimistische Formulierung angesichts der Verhältnisse im Straßenverkehr sein. „Grundsätzlich“ ist die Fahrbahn für einen Radfahrer die richtige Wahl, wenngleich es tatsächlich Stellen gibt, an denen ein Aufenthalt auf der Fahrbahn nicht zu empfehlen ist. Theoretisch müsste die Straßenverkehrsbehörde an derartigen Stellen zunächst ein reduziertes Tempolimit installieren, bevor eine Radwegbenutzungspflicht erwirkt wird.

Und die Fahrbahn wäre ein wirklich sicherer Straßenteil für Radfahrer, wenn die motorisierten Verkehrsteilnehmer von Selbstjustiz Abstand nähmen. Noch immer ist die Ansicht verbreitet, Radfahrer müssten auf jeden Fall einen vorhandenen Radweg benutzen und noch immer fällt es manchem Verkehrsteilnehmer schwer, die einzelnen Straßenteile korrekt zu benennen. So wurden schon mehrmals Radfahrer genötigt, bedroht oder gar verprügelt, weil sie nicht auf dem Gehweg fuhren, den ein vorbeikommender Autofahrer versehentlich für einen Radweg hielt. Die Gefährdung auf der Fahrbahn entsteht in der Regel erst, wenn aus Ungeduld, Unwissenheit oder ebenjener Selbstjustiz eng überholt oder gar anschließend geschnitten wird.

Das Spektrum der Gefahren auf dem parallel verlaufenden Radweg ist jedoch ungleich breiter und beginnt bereits mit den ungenügenden baulichen Vorraussetzungen: der Radweg ist in der Regel zu schmal und die Oberfläche vom Zahn der Zeit zerstört. Fußgänger treten plötzlich auf den Radweg, der Radweg senkt sich an jeder Auffahrt ab, führt an Wurzelaufbrüchen vorbei und wird an jeder Kreuzung verschwenkt, womit mögliche Sichtbeziehungen zum Fahrbahnverkehr zerstört werden. Der Radweg wird nicht vom Schnee geräumt, vom Laub oder Sand befreit, von Geisterradlern, Mülltonnen und parkenden Autos freigehalten, er wird nicht einmal instandgesetzt, wenn die Fahrbahn nebenan repariert wird. Dann gibt’s Fahrzeugführer, die plötzlich mit ihrem Auto aus der Ausfahrt hervorstoßen oder die Vorfahrt an der nächsten Kreuzung nicht beachten und beim Aussteigen die Beifahrertür unachtsam öffnen. Es ist ganz utopisch anzunehmen, dass es in der Hamburger Innenstadt auch nur einen einzigen Radweg gäbe, auf dem Radfahrer sicherer unterwegs sein könnten als auf der Fahrbahn. Die besten Beispiele sind sicherlich der berühmte Design-Radweg am Jungfernstieg, der vor lauter Fußgängern und Außengastronomie kaum erkennbar ist.

Es ist eben nur ein Radweg und Radverkehr wird in Deutschland leider immer noch nicht ernstgenommen.

Wie man Radfahrer in die Ecke stellt

Der Reportage „Radler, Rowdies, Raser– Fahrradfahrer als Risiko im Straßenverkehr“ von „Zur Sache Baden-Württemberg“ mangelt es an so ziemlich allem, was einen gut recherchierten Fernsehbeitrag ausmacht. Sehenswert bleibt das vierminütige Lehrstück trotzdem allein schon wegen der beispielhaften Weise, mit der Fahrradfahrer als bösartig dargestellt werden. Natürlich sind einige Kritikpunkte des Beitrages durchaus berechtigt, doch endet die Recherche unmittelbar nach dem Griff zur Kamera, denn eine Ursachenforschung findet überhaupt nicht statt — stattdessen wird wie immer das Verhalten eines oder mehrerer nicht regeltreuer Radfahrer auf alle deutschen Radfahrer hochgerechnet.

Wie immer lohnt auch ein Blick in das dazugehörige Diskussionsforum.