Polizeikontrolle: Radwege vs. Vorschriften

Im Spätsommer beklagte sich die Polizei im Fazit ihrer Fahrradkontrollen über die Radfahrer, die sich nicht mehr an die Regeln halten und dadurch Unfälle verursachen. Der obligatorische Fingerzeig auf die roten Ampeln mag ja gerechtfertigt sein, obwohl Rotlichtsünder auf zwei Rädern verhältnismäßig wenige Unfälle verursachen, aber spätestens bei dem Vorwurf der Benutzung des falschen Radweges wird man hellhörig:

In Wedel, wo vergleichbar viele von Radfahrern verschuldete Unfälle registriert wurden (an Stelle 3 im Land), bot die Polizei 18 Beamte auf, um das Thema Radfahrersicherheit auch an diesen beiden Tagen zu bearbeiten. Bei Standkontrollen sowie mit mobilen Kontrollteams sind neben zahlreichen Gesprächen und mündlichen Verwarnungen 19 Radfahrer zur Kasse gebeten worden, weil sie den falschen Radweg nutzten, oder den Gehweg oder die Beleuchtung am Rad nicht funktionierte.

Jahrzehntelang wurde Deutschland von mehr oder weniger brauchbaren Radwegen überzogen und verdeutlichten dem Radfahrer, dass er auf der Fahrbahn mehr oder weniger dem Tod geweiht wäre. Dadurch, dass überall dort, wo kein Platz für einen Radweg blieb — der Kraftverkehr auf der Fahrbahn brauchte schließlich eine gewisse Breite — wurden Radfahrer kraft Zeichen 240 auf den Gehweg verbannt. Als dann 1997 die Bestimmungen zur Benutzung von Radwegen gelockert wurden, mussten die Behörden allerdings feststellen: Wer Radwege säht, wird Gehwegradler ernten. Die Leute dachten überhaupt nicht daran, anstatt auf dem ehemals benutzungspflichtigen Gehweg jetzt auf die Fahrbahn zu wechseln, sofern ihnen das fehlende Zeichen 240 überhaupt aufgefallen und ihnen die korrespondierende Rechtslage geläufig war. Was jahrzehntelang sicher und vorgeschrieben war, konnte ja schließlich nicht über Nacht verboten und gefährlich werden.

Ein anderes Problem: In den letzten Jahren verloren, nachdem sich die neue Rechtslage dann doch mal in den Behördengängen herumgesprochen hatte, immer mehr Radwege und Gehwege ihre blauen Schilder, wogegen die dazugehörige Infrastruktur nicht angepasst wurde. Während der dunklen Zeiten der generellen Radwegbenutzungspflicht wurde der Radweg-Verlauf mit Markierungen und dabei insbesondere mit eingefärbten Querungsfurten an Kreuzungen hervorgehoben, das Beradeln linksseitiger Radwege mit Fahrrad-Piktogrammen verdeutlicht und mit diversen Markierungen allerhand Schindluder getrieben.

Wer könnte sich zum Beispiel hier in der schönen Rolandstadt Wedel gegen das freundliche Angebot verwehren, von der Fahrbahn auf den Radweg zu wechseln?

ABC-Straße Wedel

Der Kraftverkehr wird natürlich erwarten, dass ab hier der Radweg beradelt wird — aufgrund dieses Phänomens verbleibt bei Überholmanövern auch entsprechend wenig Platz, denn der Kraftfahrer vermutet schließlich, dass der Radfahrer bei Beendigung des Überholmanövers schon längst nebenan auf dem Radweg zugange ist.

Drunten am Hafen, in der Nähe des weltberühmten Willkomm Höft, war leider stellenweise für separate Radwege kein Platz; die enden jeweils einige hundert Meter vor den Flutschutztoren. Früher war das Beradeln der Radwege allerdings vorgeschrieben, vermutlich um den touristischen Parksuchverkehr auf der Fahrbahn nicht allzu sehr zu stören. Davon zeugt noch immer diese rote Querungsfurt, die mittlerweile von einem reinen Gehweg zu einem so genannten anderen Radweg führt:

Schulauer Straße Wedel 1

Das ist natürlich recht witzig: Radfahrer vermuten natürlich, dass wohl vorher das Radeln auf dem Radweg in irgendeiner Weise auch erlaubt sein muss, sonst gäbe es ja diese Markierung nicht. Auf der Gegenseitige scheint man sich allerdings die Mühe gemacht zu haben, die Querungsfurt mehr oder weniger sorgfältig zu entfernen:

Schulauer Straße Wedel 2

Das wäre natürlich auch zu schön: Von einem nicht benutzungspflichtigen Radweg führt eine rote Querungsfurt direkt auf einen reinen Gehweg, auf dem das Radfahren eine Ordnungswidrigkeit darstellt. Ein Glück, dass wenigstens diese Markierung entfernt wurde, das wäre ja quasi schon eine Anstiftung zu Ordnungswidrigkeiten oder eben der typische Fall von: Radverkehrsregeln kapiert ja eh kein Mensch.

So wie hier zum Beispiel:

Steinberg Wedel

Diese Markierung dürfte sich im Laufe der Zeit selbst etwas wegrationalisiert haben, so dass der Rest von einem benutzungspflichtigen Fuß- und Radweg über die zwischengelagerte Verkehrsinsel direkt auf einen reinen Gehweg führt, auf dem das Radfahren eine Ordnungswidrigkeit darstellt. Wie soll denn ein normaler Verkehrsteilnehmer ohne überdurchschnittliche Kenntnisse der Straßenverkehrs-Ordnung und der einschlägigen Vorschriften kapieren, dass das hier Blödsinn ist? Stattdessen wird doch jeder normal denkende Mensch hier auf dem Gehweg weiterfahren — und sich dann womöglich von der Polizei zehn Euro wegen Gehwegradelei aus der Tasche ziehen lassen? Vielleicht braucht man sich bei manchen Fahrradkontrollen auch gar nicht über die renitenten Radfahrer zu wundern, die ihr Fehlverhalten überhaupt nicht einsehen wollen, wenn sie nämlich derart komische und teilweise im Widerspruch zu den Verkehrsregeln stehende Radverkehrsführungen gewöhnt sind.

Das hier ist eigentlich ebenso witzig:

Holmer Straße Wedel

Der abgebildete Gehweg ist in der rechten Richtung in beiden Fahrtrichtungen benutzungspflichtig. Vermutlich soll die Benutzungspflicht an dieser Stelle nicht nur beginnen, sondern auch enden — das hat man allerdings mit diesem parallel zur Fahrtrichtung aufgestelltem Blech eher schlecht ausgewiesen. Dementsprechend darf man sich dann auch nicht wundern, wenn Radfahrer von der rechten Seite aus ordnungswidrig auf dem Gehweg weiterradeln, anstatt über den abgesenkten Kantstein auf die Fahrbahn zu wechseln. Zusatzfrage: Erfolgt der Wechsel auf die Fahrbahn bei grüner Fußgängerampel oder bei grüner Fahrbahnampel? Das Foto zeigt allerdings einen älteren Zustand, inzwischen hat die Behörde eine direkte Rampe auf die Fahrbahn geschaffen und das Ende des benutzungspflichtigen Radweges deutlicher hervorgehoben.

Bezüglich des Befahrens der falschen Straßenseite interessant ist auch diese Kreuzung im Herzen des Wedeler Stadtteils Schulau:

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 2

Für die vollständige Besprechung dieser Situation reichen ein paar Fotos eigentlich gar nicht aus. Um es mal in ein paar Sätzen zu versuchen: An dieser Straße gibt es auf beiden Seiten der Fahrbahn einen nicht benutzungspflichtigen Radweg. Hier rechts im Bild ist zu erkennen, dass der Radweg auf der einen Seite etwas breiter ist und weiter hinten am Ende der Kreuzung wieder schmaler.

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 3

Gedacht war wohl mal, dass aus der rechtsseitigen Einfahrt des damaligen Hallenbades heraus direkt in die im nächsten zu sehende Straße eingebogen werden soll, ohne dafür die Straßenseite wechseln zu müssen. Leider mangelt es an der Beschilderung, die diese Geisterradelei legitimieren könnte, dafür aber gibt es eine ganze Reihe von Piktogrammen auf dem Radweg und insgesamt vier Signalgeber für den Radverkehr: Zwei für jede Fahrtrichtung an jedem der beiden Ampelmasten.

Selbstverständlich wird auch heute noch in beide Richtungen geradelt, was bereits auf dem verbreiterten Teil des Radwegs ordnungswidrig ist. Aber wenn es dort mal hätte erlaubt sein können, warum sollte es denn dann woanders verboten sein? Und schwups wird in der gesamten Straße auf der linken Seite geradelt — vermutlich ohne böse Hintergedanken:

Rudolf-Breitscheid-Straße Wedel 1

Vor allem gibt und gab es auch schon zu den Zeiten des Hallenbades eine andere Wegverbindung, die hinter dem Hallenbad entlang zu einer Straße führt, die relativ schnell wieder in die auf dem Foto zu sehende Straße einmündet — man hätte sich diese Radweg-Experimente auch eigentlich sparen können und stattdessen die andere Verbindung mit einer geeigneten Beschilderung prominenter hervorheben können.

Nächste Situation, nächstes Foto. Hier, hmm, weiß man auch nicht so genau. Ein eigener Signalgeber an einer Kreuzung, an der ein nicht benutzungspflichtiger Radweg endet. Witzig wäre es ja, würde der Signalgeber genutzt, um dem Radverkehr einen gewissen Vorsprung gegenüber dem Kraftverkehr zu schenken, damit’s nachher dort hinten auf der anderen Seite keinen Stress gibt. Zwar deutet die Markierung auf der Fahrbahnoberfläche schon darauf hin, dass es hier auf der Fahrbahn weitergeht, aber wenn es im einen Teil der Straße einen Radweg gibt, warum soll dann in dem tendenziell mit höherer Verkehrsdichte belasteten Teil der Straße auf der Fahrbahn pedaliert werden? Auch hier fahren die meisten Radlinge ordnungswidrig auf dem Gehweg weiter…

Pinneberger Straße Wedel 1

… um sich dann mit den Geisterradlern aus der entgegengesetzten Fahrtrichtung anzulegen, die nämlich seltsamerweise zur Benutzung dieses Gehweges gezwungen werden:

Pinneberger Straße Wedel 2

Das hier ist eine andere Art der Fahrrad-Falle: Ein für den Radverkehr freigegebener Gehweg führt, immerhin ohne rote Querungsfurt, über eine Ampel mit Fahrrad-Piktogramm auf einen reinen Gehweg. Preisfrage: Wie viele Radfahrer werden hier vor dem Gehweg auf die durchaus stark befahrene Bundesstraße 431 wechseln?

Rissener Straße Wedel 2

Auch da gibt’s dann Gegenverkehr auf zwei Rädern, denn die andere Seite des Weges sieht so aus:

Rissener Straße Wedel 1

Auch hier wurde mittlerweile vor einiger Zeit das fehlende Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ unter das Zeichen 239 geschraubt und die Beschilderung auf der anderen Seite entfernt. Das verlagert das Problem allerdings nur vom reinen Gehweg auf den freigegebenen Gehweg: Da ja kein normaler Radfahrer auf einer so stark befahrenen Bundesstraße radeln möchte, zumal die Verkehrsführung im weiteren Verlauf jenseits der Hamburger Landesgrenze noch deutlich komplizierter wird, bleiben natürlich alle auf dem freigegebenen Gehweg. Problematisch: Wer wird denn eine Strecke von mehreren hundert Metern mit angepasster oder gar Schrittgeschwindigkeit zurücklegen? Eine solche Konstruktion mag zwar den Vorschriften entgegenkommen, ist aber sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss.

Und hier weiß man dann auch nicht weiter: Wird der Radweg jetzt einfach mit zum freigegebenen Gehweg gezählt? Oder ist der Gehweg ebenfalls für den Radverkehr freigegeben, um langsame Radfahrer auf der Steigung überholen zu können? Hier ist jedenfalls die Wahrscheinlichkeit recht hoch, beim Ausweichen auf der Fahrbahn vom Kraftfahrzeugverkehr angegangen zu werden:

Autal Wedel

Zurück zum eigentlichen Thema. Die kleine Auswahl an Fotos war auch nur die so genannte Spitze des Eisberges, denn unmotiviert in der Gegend herumstehende Zeichen 240 gibt’s ungefähr so häufig wie für den Radverkehr freigegebene Rad- und Gehwege — da blickt man auch als kampferprobter Alltagsradler nicht durch.

Und auf diese Weise klingt es auch ein bisschen witzig, wenn die Polizei jetzt über die Einhaltung der Verkehrsregeln wacht und erklärt, wann linksseitige Radwege benutzt werden dürfen und wann nicht, wenn ihr die Straßenverkehrsbehörde mit solchen seltsamen Beschilderungen dazwischengrätscht. Wie soll ein normaler Radfahrer denn verstehen, ob er hier wirklich auf der linken Straßenseite fahren darf oder fahren muss oder dass die Beschilderung eigentlich schwachsinnig ist und der Bauhof vor ein paar Jahren vergessen hat, das Schild vom Mast zu schrauben? Man geht als Normalsterblicher außerhalb des radverkehrspolitischen Elfenbeinturmes ja auch nicht davon aus, dass eine Beschilderung vollkommen sinnlos sein könnte, auch wenn bei Tempo-Beschränkungen gerne Zweifel angemeldet werden.

Will man von Radfahrern verlangen, sich an die Regeln zu halten, so muss auch die entsprechende Infrastruktur an die gegenwärtigen Verkehrsregeln angepasst werden — ansonsten wird so etwas niemals funktionieren. Eigentlich sind diese seltsamen Konstruktionen in der Infrastruktur ein Fall für eine regelmäßig zu veranstaltende Verkehrsschau. Die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrs-Ordnung verlangen dazu ab Randnummer 56 zu § 45 StVO:

Die Straßenverkehrsbehörden haben bei jeder Gelegenheit die Voraussetzungen für einen reibungslosen Ablauf des Verkehrs zu prüfen. Dabei haben sie besonders darauf zu achten, daß die Verkehrszeichen und die Verkehrseinrichtungen, auch bei Dunkelheit, gut sichtbar sind und sich in gutem Zustand befinden, daß die Sicht an Kreuzungen, Bahnübergängen und Kurven ausreicht und ob sie sich noch verbessern läßt. Gefährliche Stellen sind darauf zu prüfen, ob sie sich ergänzend zu den Verkehrszeichen oder an deren Stelle durch Verkehrseinrichtungen wie Leitpfosten, Leittafeln oder durch Schutzplanken oder durch bauliche Maßnahmen ausreichend sichern lassen.

(…)

Alle zwei Jahre haben die Straßenverkehrsbehörden zu diesem Zweck eine umfassende Verkehrsschau vorzunehmen, auf Straßen von erheblicher Verkehrsbedeutung und überall dort, wo nicht selten Unfälle vorkommen, alljährlich, erforderlichenfalls auch bei Nacht. An den Verkehrsschauen haben sich die Polizei und die Straßenbaubehörden zu beteiligen; auch die Träger der Straßenbaulast, die öffentlichen Verkehrsunternehmen und ortsfremde Sachkundige aus Kreisen der Verkehrsteilnehmer sind dazu einzuladen.

(…)

Eine Verkehrsschau darf nur mit Zustimmung der höheren Verwaltungsbehörde unterbleiben.

Leider scheint es mittlerweile die Regel zu sein, dass eine solche Verkehrsschau nicht durchgeführt wird — auch das ist eben ein Effekt der teilweise drastischen Einsparungen bei Behörden und Polizei.

Thomas wies in den Kommentaren noch auf diesen Absatz hin:

Auch in der Haseldorfer Marsch fanden am Dienstag Fahrradkontrollen statt. Hier hatten die Beamten den Fokus auf Rennradfahrer gelegt, von denen in der Marsch teils unfallträchtige Fehlverhalten ausgehen. Rennradfahrer sind wie andere Radfahrer gehalten, auf dem Radweg zu fahren, wenn vorhanden. Weil dies am Dienstag 39 Mal nicht der Fall war, gab es Verwarnender.

Dieser kleine Absatz hat es schon ziemlich in sich.

Das fängt damit an, dass das aus der Windschutzscheiben-Perspektive offensichtlichste Fehlverhalten jeweils das Ignorieren eines vorhandenen Radweges ist. Das dürfte, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nicht das unfallträchtigste Fehlverhalten darstellen, wenigstens nicht bei ehrlicher Berechnung: Die Unfallgefahr entsteht meistens erst, wenn ein ungeduldiger Kraftfahrer überholen möchte, die Sicht oder der Platz nach vorne aber nicht ausreichend ist und es dann richtig eng wird. Man mag darüber diskutieren, inwiefern jetzt das ordnungswidrige Ignorieren eines Radweges den eigentlichen Unfall begründet, der ja erst aufgrund des zusätzlichen Fehlverhaltens eines Kraftfahrers entstand. Trotzdem wird manchmal im Pressebericht zu einem solchen Unfall vorschnell suggeriert, der Radfahrer wäre an so einem Unfall schuldiger als der Kraftfahrer, weil der Kraftfahrer ja zu einem gefährlichen Überholmanöver gezwungen wurde — das Hinterherfahren und Abwarten einer geeigneten Überholmöglichkeit scheint wohl keine Option zu sein.

Nun mag die massenhafte Präsenz der Rennradler in der besagten Gegend den Kraftverkehr tatsächlich behindern, aber selbst wenn die Rennradler unterhalb der magischen Zahl von 16 Radfahrern, die es zur Bildung eines Fahrrad-Verbandes braucht, auf der Fahrbahn verbleiben, ist das noch kein Freibrief zu gefährlichen Manövern im Straßenverkehr. Die Haseldorfer Marsch ist aber insbesondere am Wochenende kein besonders geeigneter Ort, um das Miteinander der Verkehrsteilnehmer zu zelebrieren. Bei gutem Wetter steigen eine ganze Menge Leute aufs Rad, um die schöne Landschaft bei einer lockeren Radtour zu genießen, andere rollen auf ihren Rennrädern etwas schneller dort entlang. Dazu gesellen sich dann die motorisierten Ausflügler, von denen wiederum einige gerne ihre höherwertigen Kraftfahrzeuge auf den kurvigen Strecken ausfahren möchte. Da mag die aggressive Stimmung auf der Straße nicht verwundern.

Allerdings gibt es in der besagten Gegend gar nicht so viele Radwege, auf die man sich als Radfahrer flüchten könnte. Und die wenigen, die es dort gibt, die sind, da irrt die Pressemitteilung, längst nicht alle benutzungspflichtig — auch wenn die Polizeikontrolle wohl schon an einem benutzungspflichtigen Radweg stattgefunden haben wird. Alles andere wäre nun wirklich zu einfach.

Hamburgs Fahrräder sollen auf die Straße

Hamburgs Politik scheint etwas unschlüssig, wie mit diesem komischen Zweiradfahrern umzugehen ist. Okay, ja, in diesem Sommer wurden vielen buckeligen und engen und unzumutbaren und gefährlichen Radwegen ihre blauen Beschilderungen geklaut, so dass wenigstens geübte Radfahrer mehr oder weniger stressfrei auf der Fahrbahn rollen durften. Das Hamburger Leihradsystem will man dann doch lieber nicht ausbauen, denn Geld, tja, wer hat denn schon Geld?

In den letzten Tagen wurde es hingegen etwas gruselig, denn plötzlich hieß es: Bürgerschaft beschließt: Radfahrer sollen auf die Straße

Die Fahrstreifen auf dem Gehweg sollen möglichst ersetzt werden. Die Politik reagiert damit auf den seit Jahren kontinuierlich steigenden Radverkehr in Hamburg.

Bei der Sanierung von Straßen soll künftig geprüft werden, ob der Radverkehr auf der Fahrbahn geführt werden kann — auf diese Weise sollen Gefahrenstellen umgangen werden, beispielsweise die üblichen Beinahe-Unfälle beim Rechtsabbiegen, weil der Radfahrer hinter dem Straßenbegleitgrün oder einer Armada parkender Kraftfahrzeuge verborgen oder ohne den lästigen Schulterblick sowieso nicht zu sehen war. Das Problem dürfte die Unverbindlichkeit des Wortes „soll“ sein: Prinzipiell wurden auch der Vergangenheit derartige Prüfungen angestellt, die dann meistens nach dem „Gut-gemeint-schlecht-gemacht“-Prinzip in handtuchbreiten Schutzstreifen oder aus vermeintlichen Sicherheitsgründen in gemeinsamen Fuß- und Radwegen resultierten.

Auch wenn diese Meldung momentan geradezu euphorisch durchs Netz getragen wird, ist durchaus Skepsis angebracht, ob die Hamburger Behörden künftig tatsächlich den Willen und vor allem den nötigen Mut zeigen, vernünftige Radverkehrsinfrastrukturen zu installieren, die nicht nach dreihundert Metern wieder in einen Hochbordradweg endet, die nicht direkt in der Door-Zone verläuft und nicht just vor der Kreuzung als eigentliche Gefahrenstelle in einen im toten Winkel verlaufenden Radweg wechselt — und womöglich sogar hier und dort mal einen Parkplatz kostet oder auch zwei.

Der Norddeutsche Rundfunk meldet hingegen direkt in der Überschrift Sicherheitsbedenken an: Radfahrer auf die Straße: Wie sicher ist das?

Seit vielen Jahren fordern Radfahrer in Hamburg den Ausbau der Radwege. Doch die Lage ist immer noch schlecht. Dort, wo jetzt neue Radwege entstanden sind, sind zudem noch neue Gefahrenstellen entstanden. Dazu gehören der Siemersplatz und die Kreuzung Grindelallee/Hallerstraße. Radwege kreuzen dort an einigen Stellen die Abbiegespuren der Autos und Lastwagen.

Die Einleitung klingt erst einmal so, als wäre das alte Konzept der Hochbordradwege in irgendeiner Art „sicher“ gewesen. De Fahrspuren der Kraftfahrzeuge werden sich zwangsläufig an verschiedenen Stellen mit Rad- und Gehwegen kreuzen, genau wie sich verschiedene Fahrspuren nunmal untereinander kreuzen. Das ließe sich noch nicht einmal vermeiden, würde der Radverkehr direkt auf der Fahrbahn geführt, sondern nur, baute man für Radwege kreuzungsfreie Brückenbauwerke über jede Kreuzung und jede Einmündung.

Zugegeben: Die nett gemeinte Überleitung auf die Fahrbahn am Siemersplatz ist für den Radfahrer gar nicht mal so ungefährlich. Der Radweg endet dort direkt zu Beginn der Rechtsabbiegespur und es bleibt zu befürchten, dass die Aufmerksamkeit hinter dem Lenkrad beim Wechsel auf die Rechtsabbiegespur noch geringer ist als beim eigentlichen Abbiegevorgang. Martina Koeppen von der SPD findet das alles gar nicht so wild: „Ich sehe da keine Gefährdung. Das sind Fachleute, die das geplant haben.“ Ja, Fachleute planen Dinge, die von Nicht-Fachleuten benutzt werden. Die handtuchbreiten Schutzstreifen, die sich momentan wie eine Krankheit in Hamburg ausbreiten, wurden vermutlich auch von Fachleuten geplant, zumindest wäre es ein Skandal, wenn da jemand heimlich nach Feierabend den Pinsel schwingt.

Übrigens ist der Begriff „Straße“ im Titel durchaus beabsichtigt: Radfahrstreifen sind beispielsweise im Gegensatz zu den Schutzstreifen kein Teil der Fahrbahn. Zur Straße gehört allerdings alles von Hauswand zur Hauswand, insofern macht man damit erstmal nicht allzu viel verkehrt.

Hamburg: Weg mit gammeligen Radwegen

In Hamburg will man die Radfahrer von größtenteils gammeligen Radverkehrsanlagen auf die Fahrbahn holen: SPD schickt Hamburgs Radler auf die Straße

Die SPD plant den ganz großen Befreiungsschlag für alle geplagten Radfahrer der Stadt. Statt auf kaputten, beengten und zugeparkten Radwegen, sollen sie in Zukunft deutlich häufiger direkt auf der Straße fahren und dafür eigene markierte Streifen auf der Fahrbahn bekommen.

Obwohl sich nicht leugnen lässt, dass in der Vergangenheit immer häufiger die blauen Schilder an den Radwegen verschwanden, befindet sich ein Großteil der Radverkehrsinfrastruktur weiterhin in einem absolut bemitleidenswerten Zustand. Die SPD will das offenbar ändern, kaputte Radverkehrsanlagen zurückbauen und den Radverkehr auf der Fahrbahn fahren lassen. Mal sehen, ob das wirklich klappt oder bei Versprechungen bleibt.

Hauptsache Radwegbenutzungspflicht

Das schöne an solchen lokalen Nachrichtenformaten ist die Wahl der Themen, die es auf die Mattscheibe schaffen. Zum Beispiel: Ein Radfahrer will einen Radweg nicht benutzen und legt sich regelmäßig mit der Polizei an. Das ganze läuft dann unter der leicht irreführenden Überschrift: Radweg nicht erkannt

Die Kurzfassung: Im beschaulichen Bergischen Land werden die Radfahrer kurz vor einer außerörtlichen Verbindung unvermittelt auf einen linksseitigen Radweg geschickt — einfach so, kraft Zeichen 240. Für fünfhundert Meter wird dann auf einem Weg abseits der Fahrbahn gerumpelt, anschließend geht’s wieder zurück auf die rechte Fahrbahnseite.

Das will nicht jeder, aber weil die Polizei offenbar bevorzugt auf den fünfhundert Metern patrouilliert, gibt’s regelmäßige Konflikte zwischen Streifenwagen und Radfahrer. Die Beamten drohen angeblich sogar mit dem Entzug der Fahrerlaubnis, um den renitenten Radfahrer zur Räson zu bringen — wer schon mal mit einem Kraftfahrzeug der Kampfparkerei gefrönt hat, dürfte eine ungefähre Ahnung haben, was man alles vor dem Entzug der Fahrerlaubnis alles so anstellen kann. Die Beamten versuchen sogar die Eigenschaft des Radweges aus dem roten Verkehrszeichen für eine Veloroute herzuleiten, obwohl ja gemeinhin bekannt ist, dass solche Verkehrsschilder sogar an Gehwegen oder für den Radverkehr gesperrten Straßen aufgehängt werden.

Soweit, so gut, man wird sich nicht einig. Ulrich Kalle darf noch ein paar Minuten lang die Verkehrsregeln für Radfahrer und insbesondere die blauen Verkehrsschilder erklären und eigentlich läuft das gar nicht so schlecht, da ist man von der Lokalberichterstattung deutlich schlimmeres gewöhnt.

Nicht zu Wort kommt bislang: Die Polizei, die ja offensichtlich auch eine Meinung zu dem im wahrsten Sinne verfahrenen Sachverhalt haben müsste, diverse Kraftfahrer, die sich, gefilmt durchs geöffnete Beifahrerfenster über die Radfahrer beklagen, die sich sowieso und niemals an die Verkehrsregeln halten und den ganzen Verkehr behindern, obwohl es doch einen bestens ausgebauten und breiten Radweg gäbe, aber leider auch die Verwaltungsvorschriften, die nur einen kurzen Gastauftritt bei Kalle genießen, bezüglich § 2 Abs. 4 StVO durchaus ganz umfangreich sind.

Nun ging die Sache ein paar Tage später in die zweite Runde: Radweg: Herr Conin trifft die Polizei

Die Diskussion zwischen Radfahrer und der Polizei wird allerdings eher unidirektional geführt und gleicht eher einem Monolog. „Verkehrsregeln sind zu Ihrer Sicherheit“, heißt es, aber worin nun der konkrete Sicherheitsgewinn besteht, auf einer Strecke von fünfhundert Metern zwei Mal die Fahrbahn zu queren und zwischendurch auf einer nicht den Vorschriften genügenden Radweg zu poltern, der außerdem noch dicht an parkenden Kraftfahrzeugen und beinahe gar nicht einsehbaren Einfahrten geführt wird, das führt der Beamte leider nicht aus. Für den Hauptkommissar steht unverrückbar fest: Da steht ein blaues Schild, also muss der Radweg benutzt werden, das hat sicherlich alles schon seine Ordnung haben. Stattdessen geht wieder ein wesentlicher Teil des Beitrages dafür drauf, man könne auch als Radfahrer seine Fahrerlaubnis verlieren, weil man einen Radweg, der zwar benutzungspflichtig sein mag, aber nicht ansatzweise den Vorschriften genügt, links liegen lässt.

Man möchte glatt glauben: Wenn die Verwaltungsvorschriften bei der Polizei nicht zu Wort kommen, wird man sich auch bei der Straßenverkehrsbehörde nicht weiter darum gekümmert haben. Vielleicht nimmt man dort ja diese beiden Beiträge doch noch mal zum Anlass, dort einen Blick reinzuwerfen, man kann ja nie wissen. Und die Polizei könnte sich die Zeit auf der 500 Meter langen Geraden künftig damit vertreiben, Kraftfahrzeugführer, die in Gegenwart von Radfahrern hartnäckig und immer wieder gegen die Verkehrsregeln verstoßen, ihre Fahrerlaubnis zu lochen.

Radwege: Ab durch die Mitte

Es ist geradezu eine rasante Entwicklung: Jahrelang, nein, jahrzehntelang wurden Radwege entlang der Fahrbahnen gebaut. Dann wurde vor knapp 15 Jahren die Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gestrichen, so dass der damals ein kleines bisschen gestiegene Radverkehrsanteil nicht automatisch auf teilweise miserablen Radwegen rollen musste. Den üblichen Nebensatz mit der Aufzählung der Gefahren möge sich der Leser an dieser Stelle selbst denken. Dann merkte man vor einiger Zeit, hmm, enge Radwege direkt neben parkenden Kraftfahrzeugen sind gar nicht mal so ungefährlich — und verlegte die Radwege auf die andere Seite der parkenden Autos. Dort kommen diese Radwege als so genannte Schutz- oder Fahrradstreifen daher, die sich dadurch unterscheiden, dass die einen immer unzulänglich sind und die anderen nur meistens. Dadurch, dass genau wie in den vorigen Jahrzehnten beim Bau von Radwegen auch beim Aufmalen von Schutz- oder Radfahrstreifen die Mindestmaße oder die Abstände zu parkenden Fahrzeugen nicht eingehalten werden, sind die Radverkehrsanlagen auf der Fahrbahnseite nicht wesentlich besser als die Radwege auf der anderen Seite der parkenden Autos. Zusätzlich droht bei den Streifen Ungemach von links, wenn Kraftfahrzeuge ohne jeglichen Sicherheitsabstand überholen und sich Radfahrer geradezu eingeklemmt zwischen Blech wiederfinden, denn aus der Windschutzscheibe scheint alles in bester Ordnung, schließlich bleiben beide Verkehrsteilnehmer auf ihrer „Fahrspur“, selbst wenn nur ein paar Zentimeter den Lenker vom Außenspiegel trennen.

In Berlin geht man nun einen Schritt weiter, denn der Senat will Radwege auf Straßenmitte verlegen:

Rand-Radwege seien viel zu gefährlich. Mittige Fahrstreifen sollen Unfallzahlen reduzieren. Experten loben Plan.

Das klingt nun erstmal drastisch und sieht auch so aus, denn das Bild, mit dem der Artikel eingeläutet wird, wird unterschrieben mit „Radler und Bus behindern sich“. Bei der gezeigten Situation handelt es sich allerdings um einen Kreuzungsbereich, bei dem es so neumodisch nun auch nicht mehr ist, den Radverkehr zwischen den Fahrspuren zu führen, meistens zwischen der Geradeaus- und Rechtsabbiegespur. Das wird sogar schon in der in Belangen des Fahrrades alles andere als fortschrittlichen Hansestadt Hamburg praktiziert. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass in Berlin Radfahrstreifen nun über mehrere Kilometer mitten zwischen zwei Fahrspuren auf der Fahrbahn geführt werden, weil das im Artikel zwar suggeriert wird, bezüglich der Verkehrssicherheit aber auch längst nicht nur mit Vorteilen einhergeht. Vermutlich ist eher gemeint, dass künftige Radfahrstreifen weiter in Richtung Fahrbahnmitte verschoben werden, hoffentlich mit einem großzügigen Abstand nach rechts zu parkenden Kraftfahrzeugen. Diese Lösung passt wenigstens zu den genannten Symptomen der zugeparkten Radverkehrsanlagen. Und schließlich verstehen die meisten Verkehrsteilnehmer unter einer Fahrradfahrweise mit hinreichendem Sicherheitsabstand nach rechts das gleiche wie „mitten auf der Straße“. Mal sehen, ob sich mit den Maßnahmen die Sicherheit des großzügige Berliner Radverkehrsanteils noch weiter steigern lässt.

Die Polizei findet die ganze Idee jetzt nicht so toll:

Die Berliner Polizei hält Fahrradwege auf der Straße generell für problematisch. „Radfahrer und Autos gemeinsam auf der Straße ist oft ein Unfallrisiko“, erklärt Polizeisprecher Stefan Petersen. „Wir kontrollieren Schutzstreifen und verteilen Bußgelder, wenn Pkw diese nutzen.“

Im Straßenverkehr geht mit Radfahrer und Autos immer ein Unfallrisiko einher, auf getrennten Anlagen, die in übersichtlichen Kreuzungsbereichen aufeinandertreffen genau wie gemeinsam im Mischverkehr oder auf eigenen Fahrspuren. Die Frage ist doch eher, mit welcher Infrastruktur das geringere Risiko einhergeht — und da sieht es für die herkömmlichen Radwege, die bei der Straßenplanung noch irgendwie so zwischen Fahrbahn und Gehweg gequetscht werden, nicht besonders gut aus. Es steht auch außer Frage, dass die Polizei Schutzstreifen kontrolliert und gegebenenfalls Kraftfahrzeuge beknollt, aber offenbar längst nicht in einem Umfang, der für einigermaßen freie Fahrt auf Schutz- und Radfahrstreifen sorgen könnte.

Exzellentes Beispiel für Hamburger Radwege

Weil es gerade so schön zum Thema und den paar Kilometern sanierter Radwege passt: Gefährlicher Radweg

Leider gilt hier nicht die übliche Vermutung, das wäre nur ein besonders krasses Beispiel, dass als Hinweis auf die allgemeine Situation in Hamburg verkauft wird: Es sieht tatsächlich an vielen Stellen ähnlich aus. Und die übrigen paar Meter Radweg wurden heute von Kampfparkern okkupiert, die für einen schönen Herbstspaziergang irgendwo parken mussten.

Oldenburg: Fahrräder auf der Fahrbahn erlaubt

Die Stadt Oldenburg hat festgestellt, dass es sowohl bei Rad- als auch bei Kraftfahrern noch mit dem Wissen über § 2 Abs. 4 StVO mangelt: Dass Radfahrer seit nunmehr fünfzehn Jahren bei nicht benutzungspflichtigen Radwegen auch auf der Fahrbahn pedalieren dürfen, hat sich noch längst nicht herumgesprochen.

An einigen ausgewählten Straßen sollen daher neue Verkehrsschilder für Klarheit sorgen: Neue Schilder und Markierungen für Fahrbahnnutzung

Wer in den nächsten Wochen aufmerksam durch Oldenburg fährt, wird neue Hinweisschilder und Markierungen für den Radverkehr entdecken. Mit Hilfe dieser optischen Signale soll das Radfahren auf der Fahrbahn erleichtert werden.

In Köln wurden auf der Krefelder Straße vor einiger Zeit ähnliche Schilder aufgestellt, die allerdings ungleich größer sind. Bei beiden Varianten gilt aber: Der Kraftfahrzeugführer muss sie erst einmal erkennen, lesen und dann auch noch seinen eventuell aufgestauten Missmut nicht mit der Hupe ausdrücken. Denn unabhängig davon, ob das Fahrbahnradeln nun erlaubt ist oder nicht, gibt es auch in eindeutigen Situationen mitunter Konflikte. Es bleibt abzuwarten, ob solche Schilder tatsächlich für ein friedlicheres Miteinander sorgen können.

Ein Besuch in der motorisierten Welt

Ein kritischer Bericht soll immer mit ein paar netten Worten beginnen, so lernt man es schließlich schon in der Grundschule. Beim MOTOR-TALK-Forum fallen solche Worte gar nicht schwer: Bei autorelevanten Themen gibt es wohl keine bessere Informationsquelle als die in Dutzende Unterbrettern gegliederten Autoforen. Die dortige Fähigkeit, gar aus blinden Kristallkugeln noch eine Ferndiagnose zu lesen, darf wohl getrost legendär genannt werden.

Leider krankt MOTOR-TALK am Willen, sich ein so genanntes „Verkehr & Sicherheit Forum“ leisten zu wollen. Und was in diesem Forum abgeht, hat zwar viel mit Verkehr, aber umso weniger mit Sicherheit zu tun. Womöglich lässt sich die Problematik schon aus dem Klientel des Forums ableiten, denn in der Regel werden Autos nebenan in den übrigen Themen-Foren nicht getunt, um dann unterhalb des Tempolimits über die Autobahn zu zuckeln. Die dortigen Forenmitglieder mögen zwar jede Menge Ahnung von Tuning und Technik zu haben, aber eher weniger von der Straßenverkehrs-Ordnung.

Das ist relativ amüsant, wenn ein Forenmitglied nach einer Geschwindigkeitsübertretung angehalten wurde und anschließend seitenlang im Forum das Abzocklied angestimmt wird. Es sei unzulässig, das Tempolimit an jenen Stellen zu überwachen, an denen sich sowieso niemand an das Tempolimit halte. Parallel dazu wird auf beinahe 130 Seiten mit über 2.000 Antworten diskutiert, ob nicht der so genannte Strichfahrer die Wurzel allen Übels ist. Wer bremst, verliert und wer nicht gerade die obligatorischen „+20“ auf dem Tacho hat, gilt im MOTOR-TALK-Forum als Schleicher. Empirischen Studien der Mitglieder zufolge sind derartige „stur nach Limit“-Fahrer das größte Problem auf deutschen Straßen: Sie seien Schuld an Unfällen, weil kein normaler Verkehrsteilnehmer damit rechne, dass sich jemand ans Tempolimit hält, sie verursachten Staus, weil die „+20“-Fraktion ständig abbremsen müsse, sie gelten als Oberlehrer und deutsche Michel, denen das eigenständige Denken in der Fahrschule ausgetrieben wurde. Freiheit und Selbstständigkeit gibt’s nur mit Bleifuß: Freie Fahrt und Freiheit für freie Bürger.

Drastisch wird es, wenn ein Mitglied einen Fahrradfahrer sieht, denn dann entwickelt jeder Thread ein ausgesprochen dynamisches Eigenleben, dass ihn in unbekannte Höhen katapultiert. Mit Fahrradfahrern können die meisten MOTOR-TALK-Mitglieder offensichtlich weniger gut umgehen. Ein paar Beispiele gefällig?

Es ist vollkommen müßig, einzelne Aussagen aus den beinahe 10.000 Beiträgen dieser Threads zu destillieren, weil sich ohnehin insebsondere Falschbehauptungen ständig wiederholen und spätestens nach einer Viertelstunde der Lektüre das Gehirn aus der Nase tropft. Etwas übertrieben formuliert gehören Radfahrer für den gemeinen MOTOR-TALKER nicht der menschlichen Spezies an und haben sich schon aus moralischen Gründen auf den Radweg zu flüchten. Die meisten Mitglieder scheinen noch eine halbwegs moderate Einstellung gegenüber Radfahrern zu vertreten, bei einigen wenigen wird der Hass auf alles unmotorisierte offen zur Schau getragen. Die Situation wird auf jeder neuen Seite eines Threads verworrener, weil die ständigen Falschinformationen immer wieder mutieren und Seite für Seite erneut zum Vorschein kommen.

Der Klassiker ist erwartungsgemäß, dass Radfahrer jeden Radweg benützen müssten, denn von § 2 Abs. 4 StVO hat hier noch kaum jemand etwas gehört. Falls § 2 Abs. 4 StVO wider Erwarten doch noch ins Gespräch gebracht wird, ignorieren die Forenmitglieder den ungewohnten Erkenntnisgewinn oder holen die moralische Keule heraus: Radfahrer müssten aus moralischen Gründen jeden Radweg und notfalls auch jeden Gehweg befahren, um den Kraftfahrern nicht im Weg zu sein, denn schließlich bezahlten Kraftfahrer Steuern und Radfahrer nicht und Radfahrer seien sowieso nur zum Spaß unterwegs und um Kraftfahrer zu blockieren. Einerseits wird es gemeinhin begrüßt, wenn Radfahrer freiwillig auf dem Gehweg radeln und nicht dem Kraftverkehr auf der Fahrbahn hinderlich sind, andererseits werden Gehwegradler gehasst, sofern sie Fußgänger gefährden oder beim Rechtsabbiegen und beim Ausfahren aus einer unübersichtlichen Grundstückszufahrt plötzlich auf der Motorhaube landen. Ja, Radfahrer dürften natürlich gerne Rad fahren, aber bitte nicht dort, wo gerade ein Kraftfahrer entlang möchte.

Da die Diskussionen im Verkehr-und-Sicherheit-Forum ganz offensichtlich nicht dem Erkenntnisgewinn dienen können, bleibt nur die kollektive Wutbürgerei gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern. Kaum einer der Diskussionsteilnehmer hat jemals einen Radfahrer gesehen, der sich an die Straßenverkehrs-Ordnung hält, was bei bestimmten Fragestellungen stets ganz besondere Ergebnisse treibt. Selbst ein eindeutig von einem Kraftfahrer verursachter Unfall mit einem Radfahrer wird noch schöngeredet, indem penibel nachgeforscht wird, ob der Radfahrer ohne Licht fuhr, keine Warnweste oder keinen Fahrradhelm trug, ob er auf der falschen Straßenseite fuhr oder auf dem Gehweg oder auf der Fahrbahn oder ob die Ampel nicht doch rot war oder der Himmel blau und das Auto grün. Und selbst wenn sich die Schuld des Kraftfahrers nicht in Abrede stellen lässt, kommt wieder die moralische Keule aus dem Untergrund: Der Radfahrer sei doch mindestens teilschuldig, denn er hätte ja nicht im toten Winkel fahren müssen, wenn der Kraftfahrer beim Abbiegen nicht den Hals zum Schulterblick wendet, er hätte ja auf dem Radweg fahren können, wenn jemanden das Kunststück gelang, einen Radfahrer auf der Fahrbahn anzurempeln, er hätte ja auch den Gehweg benutzen können, sollte es keinen Radweg geben, oder aber doch lieber die Fahrbahn, falls sich der Vorfall auf dem Gehweg zugetragen hat. Was die Suche nach möglichen Rechtfertigungen angeht, sind die Forenmitglieder durchaus flexibel.

Derartige Diskussionen finden stets ohne Beteiligung der Straßenverkehrs-Ordnung statt und es ist absolut abenteuerlich, wie Falschinformationen quer durch das Forum getragen und immer wieder rezitiert werden. „Ich habe mal gehört“, „Meines Wissens“ und „Eigentlich“ sind als Prefix für Behauptungen betreffend der Verkehrsregeln sichere Indikatoren, dass gleich Unfug folgt. Fragt man nach der Quelle für eine Behauptung, wird kurzerhand ein anderer Beitrag zitiert, der teilweise in anderen Threads lagert, mitunter aber nur ein paar Seiten vorher geschrieben wurde und ähnlichen Blödsinn enthält. Dieser zirkelschließender Selbstreferenzierung fiel nicht nur vor langer Zeit § 2 Abs. 4 StVO zum Opfer, sondern auch sämtliche anderen Erkenntnisse, die in den letzten Jahrzehnten zum sicheren Radfahren gewonnen wurden. Führt jemand eine Statistik an, die dem Radweg eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit attestiert, kommt er entweder schlecht zu Wort oder wird lediglich ignoriert, weil doch schon der gesunde Menschenverstand sage, dass es auf dem Radweg sicherer sei und solche Statistiken glattweg bloß von velozentrischen Gutmenschen geschrieben würden. Man darf sich überhaupt nicht die Mühe machen, vernünftige Beiträge zu schreiben oder sich an Erklärungen zu versuchen, warum die jahrzehntelange Überlegung bezüglich der Sicherheit von Radwegen eben nur in den seltensten Fällen zutrifft, denn gegen den angeblich gesunden Menschenverstand der Forenteilnehmer kommt niemand an. Einigermaßen witzig erscheint es da noch, dass sich die Diskussionsteilnehmer ständig gegenseitig ihre eigene Unfähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges bescheinigen, wenn es ständig heißt, Radfahren auf der Fahrbahn sei unter anderem gefährlich, weil Kraftfahrer nicht mit Radfahrern rechneten und sie geradewegs überführen — das spricht ja nun nicht gerade für die angeblich übermenschlichen Fähigkeiten der kultivierten Schnellfahrer am Steuerrad.

Leider sehen sich die Moderatoren im Verkehr-und-Sicherheit-Forum nicht in der Lage, gegen die dort versammelte Unwissenheit vorzugehen. Ja, keine Frage, sollen die Leute doch ruhig ihrem eigenen Unwissen huldigen, aber es scheint äußerst fragwürdig, wie weit die Forenleitung den Hass, der dort gegenüber Radfahrern gepredigt wird, tolerieren sollte. Ja, wenn es einem Moderator zu bunt wird und offensichtlich zu Straftaten aufgerufen wird, also beispielsweise den nächsten Fahrbahnradler, der nicht den bestens ausgebauten und breiten Radweg benutzt, geradewegs und mutwillig zu überfahren, dann wird das Thema geschlossen. Trotzdem wird relativ tatenlos zugesehen, wie sich Falschinformationen über Aberhunderte Beiträge im Kreise drehen und sich immer weiter aufschaukeln, bis dann tatsächlich sämtliche Diskussionsteilnehmer der Meinung sind, Radfahrer dürften nie und unter gar keinen Umständen auf der Fahrbahn fahren und seien Freiwild, sofern sie nicht den Radweg benutzen. Es wäre sicherlich nicht nur ein wertvoller Beitrag zur Regelkenntnis innerhalb des Forums, wenn in solchen Diskussionen ein administrativer Finger auf die entsprechenden Paragraphen der Straßenverkehrs-Ordnung zeigen könnte, wenn die Argumente der wenigen regelkundigen Mitglieder ungehört im Wutgebrüll verpuffen. Stattdessen scheint man dem Treiben relativ hilflos gegenüber zu stehen, ja, es werden noch nicht einmal Diskussionsteilnehmer entfernt, die sich ganz eindeutig nur der Trollerei wegen angemeldet haben und den Hass auf Radfahrer mit immer den gleichen dämlichen Argumenten befeuern.

Man mag sich kaum vorstellen, welch explosiver Cocktail dort nach Diskussionen mit tausenden Beiträgen gärt, in der eigentlich seit der allerersten Seite nicht die Erkenntnis, sondern bloß der Hass gewachsen ist. Es ist erschreckend, mit welch einer Mindestausstattung der Verkehrsregeln in der heutigen Zeit die Fahrerlaubnis erteilt wird, es ist furchtbar, dass sich niemand verpflichtet fühlt, wenigstens die gröbsten Irrtümer bezüglich der Verkehrsregeln aufzuklären. Der Straßenverkehr ist kein Spiel, bei dem es relativ egal ist, ob ein Spieler mit einer Sechs aussetzen muss oder nicht, im Straßenverkehr geht es unter Umständen um Leben und Tod — und da ist weder Platz für gefährliches Halbwissen bezüglich der Verkehrsregeln noch für die Aggressionen, die aus jenem Halbwissen erwachsen.

Vielleicht täte MOTOR-TALK tatsächlich ganz gut daran, dass „Verkehr & Sicherheit Forum“ zu schließen — es ist nicht zu befürchten, dass es bezüglich der Informationsvielfalt bei MOTOR-TALK Verluste zu beklagen gäbe.

Schon wieder Fahrradirrtümer

Man mag es langsam kaum noch lesen: Von wegen Radweg-Pflicht und Musikhör-Verbot

Immerhin: es ist im Gegensatz zu den vielen Das-sind-die-Verkehrsregeln-für-Radfahrer-Artikeln aus dem Vorjahr so langsam Fortschritte zu erkennen. Inzwischen hat sich auch in den Redaktionen herumgesprochen, dass Radfahrer längst nicht jeden Radweg benutzen müssen, sogar das Problem mit Fahrrädern und Fußgängerüberwegen, die durchaus ohne Vorrang befahren werden dürfen, wird mittlerweile korrekt wiedergegeben.

So ganz richtig dürfte allerdings dieser Abschnitt bezüglich der Radwegbenutzungspflicht trotzdem nicht sein:

Radler müssen auch einen ausgeschilderten Radweg nur dann benutzen, wenn dieser befahrbar ist. Ist er etwa durch Scherben verschmutzt oder durch Mülltonnen oder parkende Autos versperrt, dürfen sie auf die Straße ausweichen.

Tatsächlich beeinhalten die Zeichen 237, 240 und 241 seit einigen Jahren ein Fahrbahnverbot, das allerdings nicht in § 2 Abs. 4 StVO formuliert ist, sondern viel weiter hinten in Anhang 2 zu § 41 Abs. 1 StVO im Abschnitt 5 zu Sonderwegen. Dort heißt es dann:

Radfahrer dürfen nicht die Fahrbahn, sondern müssen den Radweg benutzen (Radwegbenutzungspflicht).

Dieser Satz muss wohl leider dahingehend ausgelegt werden, dass bei zugeparkten oder sonstwie unbenutzbaren Radwegen eben nicht auf die Fahrbahn ausgewichen werden darf, sondern stattdessen auf dem Trottoir geschoben werden muss.

Münster: Eine Fahrradstadt wider Willen

Rasmus Richter hat auf Zukunft Mobilität einen hervorragenden Artikel über die Fahrradstadt Münster verfasst: Münster – Fahrradstadt wider Willen

Wenn heute irgendwo in Deutschland das Stichwort „Münster“ fällt, dann ist klar, in welche Richtung das Gespräch gleich gelenkt wird: Zunächst fallen die Namen der beiden Tatort-Lieblinge Boerne und Thiel, dann werden vielleicht noch der nette Weihnachtsmarkt und die vielen Studenten erwähnt, aber niemals darf ein Verweis auf Münsters beliebtestes Fortbewegungsmittel fehlen: Das Fahrrad.

Das abschließende Fazit ist eindeutig:

Dabei ist die Sachlage beängstigend und eindeutig: Die Frage, ob Radwege töten, kann in Münster abschließend geklärt werden. Nur hat anscheinend aus der Straßenverkehrsbehörde niemand genau genug hingesehen.