„Ich bin dort auch schon geradelt, es ging gut“

Noch mal zurück zur lustigen Fahrbahnmalerei in Augsburg. Nach dem A2011-Blogeintrag nahm sich jetzt die Augsburger Allgemeine den roten Streifen an: Roter Radstreifen in der Adenauer-Allee löst Diskussionen aus

Die Markierung in der Adenauer-Allee löst Diskussionen aus. Ein Blogger kritisiert den roten Streifen, der viel zu schmal sei. Bei der Stadt sieht man das anders.

Die Stadt findet ihre eigene Maßnahme natürlich total in Ordnung, wäre ja auch seltsam, wenn nicht, und eine Mitarbeiterin des Tiefbauamtes meint: „Ich bin dort auch schon geradelt, es ging gut.“ Das ist witzigerweise exakt die Antwort, die man als querulierender Radfahrer jedes Mal von den Behörden bekommt: Deren Mitarbeiter sind nämlich da auch schon mal langgefahren und das ging natürlich bequem und toll und sicher. Selbst bei solchen Schutzstreifen von einem halben Meter Breite, die sich noch nicht einmal mit einem Fahrradkorb hinten auf dem Bike beradeln lassen, weil der sonst ständig am Lack parkender Kraftfahrzeuge schrammt, wäre doch alles ganz in Ordnung, man müsse eben ein bisschen aufpassen, sich als Radfahrer eben an die Regeln halten und auch mal auf seine Rechte verzichten.

Offenbar gibt es innerhalb der Behörden ein grundsätzlich falsches Verständnis von der eigenen Aufgabe: Es ist nicht Aufgabe der Stadt, irgendeine Radverkehrsinfrastruktur auf den Boden zu pinseln, die mit viel Vorsicht und Verzicht auf die eigenen Rechte womöglich unfallfrei zu befahren sein könnte, nein, es ist Aufgabe der Stadt, eine vernünftige und sichere Infrastruktur anzubieten.

Nun ist nicht ganz klar, ob das Augsburger Tiefbauamt beim Hantieren mit Fachbegriffen und Verkehrsregeln durcheinander kam oder ob sich das erst während der Verschriftlichung in der Augsburger Allgemeinen zugetragen hat. Man scheint sich ja leider nicht ganz im Klaren zu sein, ob das nun ein Radfahrstreifen sein soll oder doch ein Schutzstreifen, was allerdings bezüglich der baulichen Vorschriften und der damit einhergehenden Verkehrsregeln wesentliche Unterschiede bedeutet. Im Endeffekt ist das übrigens weder ein Schutz- noch ein Radfahrstreifen: Beide verlangen unter anderem nach einer weißen Markierung, entweder durchgehend oder unterbrochen, die hier überhaupt nicht vorhanden ist.

Selbst wenn es sich um einen Schutzstreifen handelte, muss — und sollte! — der natürlich nicht benutzt werden. § 2 Abs. 2 StVO verlangt zwar von Fahrzeugführern das so genannte Rechtsfahrgebot einzuhalten, aber wenn das Einhalten des Rechtsfahrgebotes nunmal nicht mit der Breite eines Schutzstreifens korrespondiert, tja, dann fährt man eben links davon. Wichtiger als aufgemalte Streifen jeglicher Farbe ist die Einhaltung des eigenen Sicherheitsabstandes nach rechts. Und anders als der Artikel suggeriert, darf auch permanent links neben dem Streifen gefahren werden, nicht nur beim Überholen anderer Radfahrer.

Ein solches Verhalten wird natürlich zwangsläufig wieder Reaktionen der Kraftfahrer provozieren, die sich wieder im Glauben bestärkt fühlen, Radfahrer hielten sich ja eh nie an die Verkehrsregeln, in einer Tempo-30-Zone dann aber doch noch um jeden Preis und mit überhöhter Geschwindigkeit überholen müssen und im Zusammenspiel mit den lustigen Streifen der Straßenverkehrsbehörde wieder für ein signifikant erhöhtes Gefährdungspotenzial in dieser Straße sorgen.

Insofern: Ja, man kann bestimmt „gut“ auf diesen Streifen fahren, wenn man die eigene Sicherheit in Form eines Sicherheitsabstandes außer Acht lässt. Einen größeren Gefallen hätte man sich wahrscheinlich getan, die Streifen einfach beiseite zu lassen.

Kurz korrigiert: Cloppenburg will Seitenstreifen-Parker beknollen

Die Stadt Cloppenburg hat nach der Einrichtung eines Radfahrstreifens ein Problem mit Kampfparkern: Stadt droht mit Knöllchen

20 Euro werden fällig, wenn ein Autofahrer dabei erwischt wird, wie er sein Fahrzeug auf dem Radfahrstreifen an der Eschstraße abstellt. Viele Autofahrer lässt diese Drohung kalt.

Angeblich soll es sich bei dieser Verkehrsfläche allerdings nicht um einen Radfahrstreifen, sondern lediglich um einen Seitenstreifen mit lustigen weißen Fahrrädern handeln: Es gibt offenbar kein Zeichen 237, dass diesen Seitenstreifen in einen Radfahrstreifen verwandelt hätte. So dürfen Radfahrer auf dieser Fläche fahren, allerdings auch Kraftfahrzeuge abgestellt werden.

Die Breite des Radfahrstreifen wird mit immerhin 1,5 Metern angegeben. Das mag man angesichts des des Bildes kaum glauben, schließlich braucht das aufgemalte Fahrrad eine Lücke in der Seitenmarkierung, um überhaupt in den optisch relativ schmalen Streifen zu passen.

Radwege: Ab durch die Mitte

Es ist geradezu eine rasante Entwicklung: Jahrelang, nein, jahrzehntelang wurden Radwege entlang der Fahrbahnen gebaut. Dann wurde vor knapp 15 Jahren die Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gestrichen, so dass der damals ein kleines bisschen gestiegene Radverkehrsanteil nicht automatisch auf teilweise miserablen Radwegen rollen musste. Den üblichen Nebensatz mit der Aufzählung der Gefahren möge sich der Leser an dieser Stelle selbst denken. Dann merkte man vor einiger Zeit, hmm, enge Radwege direkt neben parkenden Kraftfahrzeugen sind gar nicht mal so ungefährlich — und verlegte die Radwege auf die andere Seite der parkenden Autos. Dort kommen diese Radwege als so genannte Schutz- oder Fahrradstreifen daher, die sich dadurch unterscheiden, dass die einen immer unzulänglich sind und die anderen nur meistens. Dadurch, dass genau wie in den vorigen Jahrzehnten beim Bau von Radwegen auch beim Aufmalen von Schutz- oder Radfahrstreifen die Mindestmaße oder die Abstände zu parkenden Fahrzeugen nicht eingehalten werden, sind die Radverkehrsanlagen auf der Fahrbahnseite nicht wesentlich besser als die Radwege auf der anderen Seite der parkenden Autos. Zusätzlich droht bei den Streifen Ungemach von links, wenn Kraftfahrzeuge ohne jeglichen Sicherheitsabstand überholen und sich Radfahrer geradezu eingeklemmt zwischen Blech wiederfinden, denn aus der Windschutzscheibe scheint alles in bester Ordnung, schließlich bleiben beide Verkehrsteilnehmer auf ihrer „Fahrspur“, selbst wenn nur ein paar Zentimeter den Lenker vom Außenspiegel trennen.

In Berlin geht man nun einen Schritt weiter, denn der Senat will Radwege auf Straßenmitte verlegen:

Rand-Radwege seien viel zu gefährlich. Mittige Fahrstreifen sollen Unfallzahlen reduzieren. Experten loben Plan.

Das klingt nun erstmal drastisch und sieht auch so aus, denn das Bild, mit dem der Artikel eingeläutet wird, wird unterschrieben mit „Radler und Bus behindern sich“. Bei der gezeigten Situation handelt es sich allerdings um einen Kreuzungsbereich, bei dem es so neumodisch nun auch nicht mehr ist, den Radverkehr zwischen den Fahrspuren zu führen, meistens zwischen der Geradeaus- und Rechtsabbiegespur. Das wird sogar schon in der in Belangen des Fahrrades alles andere als fortschrittlichen Hansestadt Hamburg praktiziert. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass in Berlin Radfahrstreifen nun über mehrere Kilometer mitten zwischen zwei Fahrspuren auf der Fahrbahn geführt werden, weil das im Artikel zwar suggeriert wird, bezüglich der Verkehrssicherheit aber auch längst nicht nur mit Vorteilen einhergeht. Vermutlich ist eher gemeint, dass künftige Radfahrstreifen weiter in Richtung Fahrbahnmitte verschoben werden, hoffentlich mit einem großzügigen Abstand nach rechts zu parkenden Kraftfahrzeugen. Diese Lösung passt wenigstens zu den genannten Symptomen der zugeparkten Radverkehrsanlagen. Und schließlich verstehen die meisten Verkehrsteilnehmer unter einer Fahrradfahrweise mit hinreichendem Sicherheitsabstand nach rechts das gleiche wie „mitten auf der Straße“. Mal sehen, ob sich mit den Maßnahmen die Sicherheit des großzügige Berliner Radverkehrsanteils noch weiter steigern lässt.

Die Polizei findet die ganze Idee jetzt nicht so toll:

Die Berliner Polizei hält Fahrradwege auf der Straße generell für problematisch. „Radfahrer und Autos gemeinsam auf der Straße ist oft ein Unfallrisiko“, erklärt Polizeisprecher Stefan Petersen. „Wir kontrollieren Schutzstreifen und verteilen Bußgelder, wenn Pkw diese nutzen.“

Im Straßenverkehr geht mit Radfahrer und Autos immer ein Unfallrisiko einher, auf getrennten Anlagen, die in übersichtlichen Kreuzungsbereichen aufeinandertreffen genau wie gemeinsam im Mischverkehr oder auf eigenen Fahrspuren. Die Frage ist doch eher, mit welcher Infrastruktur das geringere Risiko einhergeht — und da sieht es für die herkömmlichen Radwege, die bei der Straßenplanung noch irgendwie so zwischen Fahrbahn und Gehweg gequetscht werden, nicht besonders gut aus. Es steht auch außer Frage, dass die Polizei Schutzstreifen kontrolliert und gegebenenfalls Kraftfahrzeuge beknollt, aber offenbar längst nicht in einem Umfang, der für einigermaßen freie Fahrt auf Schutz- und Radfahrstreifen sorgen könnte.

Erste Radlspur in München gesichtet

Das ist ja schon fast süß. Nach wochenlangen Straßenarbeiten ist die Münchener Abendzeitung von ziemlich vielen weißen Linien auf der Fahrbahn verwirrt: Was kann diese Radlspur?

Wochenlang hat die Stadt an der Kapuzinerstraße gebuddelt. Die neue Fahrbahn hat jetzt viele weiße Linien. Was das bringen soll…

Mit der Kamera machte man sich auf den Weg und verfolgte die seltsamen Linien. Fehlt eigentlich nur noch, dass man die Radfahrer ganz ehrfürchtig als Außerirdische bezeichnet hätte.

Leider geht aus den Fotos nicht hervor, ob es sich denn tatsächlich um einen Radfahrstreifen handelt: Offenbar fehlen die dazu obligatorischen Zeichen 237, so dass es sich prinzipiell um einen Seitenstreifen handelt — und der steht auch Kraftfahrzeugen zum Parken zur Verfügung. Immerhin hält der Streifen hinreichend Abstand zu parkenden Kraftfahrzeugen, das gelingt in anderen Städten nicht einmal ansatzweise so gut.

Wichtig zu wissen und trotzdem falsch

Es ist manchmal total großartig bei der Hamburger Polizei. Als Zeuge wegen eines Vorfalles im Straßenverkehr mit Fahrradbeteiligung wird man aufs Revier bestellt, soll seine Zeugenaussage gegen einen aggressiven Kampfkraftfahrer zu Protokoll geben und hört sich zunächst einmal an, man müsse doch auch den Kraftfahrer verstehen, denn wenn Radfahrer einfach so die vorgeschriebenen Radwege ignorierten, platze nunmal irgendwann der Kragen.

Dann staunt man erstmal, dann schluckt man erstmal und will von Radwegbenutzungspflichten erzählen, stößt damit aber nur auf taube Beamtenohren, denn jener Beamte weiß ganz sicher, dass es in Deutschland eine generelle Radwegbenutzungspflicht gäbe. Stimmt natürlich nicht, dsa weiß sogar ein Flyer, der unten auf den meisten Polizeiwache ausliegt. „Wichtig zu wissen“, heißt es da und spricht wohl Radfahrer an:

Auf innerstädtischen Straßen dürfen Sie mit dem Rad auf der Fahrbahn fahren, auch wenn ein Radweg vorhanden ist. Ist eines der folgenden Schilder vorhanden, müssen Sie jedoch den Radweg benutzen.

Nun gut, es folgen drei Abbildungen von Zeichen 237, Zeichen 240 und Zeichen 241, doch danach heißt es plötzlich, die Benutzungspflicht gelte auch auf Radfahr- und Schutzstreifen.

Und das stimmt nicht. Und gerade angesichts der Hamburger Unfähigkeit, vernünftige Schutz- und Fahrradstreifen auf die Fahrbahn zu zeichnen, sind solche Informationen gefährlich. Beispielsweise gibt es in Hamburg kaum eine Handvoll echter Fahrradstreifen, weil es den meisten am Zeichen 237 mangelt: es handelt sich bei den Zeichnungen demnach bloß um Seitenstreifen, die zwar mit dem Fahrrad benutzt, aber ebensogut mit dem Kraftfahrzeug beparkt werden dürfen. Und eine Benutzungspflicht für Schutzstreifen ergibt sich allenfalls aus der Verpflichtung, möglichst weit rechts zu fahren — das Prinzip der Schutzstreifen, allenfalls dort aufzutreten, wo es für normale Fahrradstreifen nicht gereicht hätte, zeigt allerdings schon an, dass allzu rechts aufgrund eventuell enger Verhältnisse sicherlich keine gute Idee ist.

Man sollte meinen, dass wenigstens der ADFC, dessen Logo mit auf dem Flyer prangt, eigentlich mehr darüber wissen müsste.