Kein Verständnis bei ADAC-Mitgliedern für § 2 Abs. 4 StVO

Schon häufiger kursierte im Fahrrad-Teil des Internets die Forderung, der ADAC möge doch bitte einmal in der Motorwelt über den § 2 Abs. 4 StVO aufklären. Der findet zwar etwa einmal im Jahr Erwähnung, allerdings nur so beiläufig, dass die Regelungen auf dem Weg vom Frühstückstisch bis zum Lenkrad wieder aus dem Gedächtnis gerollt sind.

Wenigstens auf der Seite des ADAC auf facebook wird nun das interessierte Publikum angesprochen. Unter einem großen Zeichen 237 ist unter einem auf 17 Uhr datierten Beitrag dort zu lesen:

Immer wieder Grund für Meinungsverschiedenheiten: Fahrradfahrer, die auf der Straße unterwegs sind, obwohl es einen Radweg gibt. Dabei ist das rechtlich klar geregelt: Der Radfahrer darf zwischen Fahrbahn und Radweg wählen. Ausnahme: Wenn ein blaues Verkehrsschild 237 (siehe Foto), 240 oder 241 den Radweg anzeigt, muss dieser – wegen besonderer Gefahren – auch benutzt werden.

Das ist immerhin schon mal nicht grundsätzlich falsch. Grundsätzlich ist es ja nicht so, dass man beim ADAC beim Blick in die Straßenverkehrs-Ordnung vollkommen überrascht wäre, was sich da im zweiten Paragraphen so alles offenbart. Man erwähnt es eben nur nicht jeden Tag, gibt aber in der Regel auf Nachfrage auch keine falschen Informationen heraus. Keine intensive Propaganda für den § 2 Abs. 4 StVO zu betreiben darf man dem ADAC allerdings auch gar nicht so richtig vorwerfen, denn wenn gleich die Erhöhung der Regelkenntnis noch in sein Aufgabengebiet fallen dürfte, dürfte für Radverkehrsregelungen eher der ADFC der richtige Ansprechpartner sein.

Wie auch immer, nun hat der ADAC das auf seiner Seite auf facebook stehen und es ist ja eigentlich nicht vollkommen verkehrt, das was da steht. Meinungsverschiedenheiten ist zwar noch milde ausgedrückt, mancher Kraftfahrer rückt einem Radfahrer schließlich gleich mit der kompletten Beifahrer-Breitseite auf die Pelle, genaugenommen wird nicht nur die Straße, sondern vor allem die Fahrbahn befahren und es muss vermutlich auch nicht längst jeder Radweg benutzt werden, auf dem irgendwo ein blaues Verkehrszeichen herumsteht. Eine Interpretation der Rechtslage lautet nämlich, dass der Radweg auch zumutbar und vor allem benutzbar sein muss: Ist er das nicht, weil da jemand seine Karre parkt oder sich eine Arbeitsstelle auf dem Radweg ausbreitet, dann darf eben auch auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Und die Fahrbahnradelei ist dann nicht nur für ein paar Meter neben der blockierten Strecke erlaubt, sondern gar von einer geeigneten Möglichkeit zum Wechsel auf die Fahrbahn bis zu einer geeigneten Möglichkeit zum Wechsel auf den Radweg. Man muss weder eine buckelige Auffahrt hochkraxeln noch sein Rad den Kantstein emporstemmen, schließlich ist ein Fahrrad ein Fahrzeug und kein Tragzeug.

Nun muss man als eingefleischter Kraftfahrer den § 2 Abs. 4 StVO nicht toll finden und sich stattdessen die glücksseeligen Zeiten von vor 1998 zurücksehnen, in denen jeder Radweg per Existenz beradelt werden musste. Nein, man braucht die Regelung nicht toll finden, man kann der Meinung sein, Radfahrer hielten den Verkehr auf und darf auch behaupten, Radwege wären ja viel sicherer als die Fahrbahn. Das ist vollkommen legitim und ein wichtiger Baustein in der Meinungsfreiheit, auch wenn es deutliche Untersuchungen und Studien gibt, die recht eindeutig das Gegenteil belegen. Nicht ohne Grund wurde zum 1. Januar 1998 die allgemeine Radwegbenutzungspflicht aus der Straßenverkehrs-Ordnung gestrichen.

In den Kommentaren zu dem ADAC-Beitrag wird allerdings weniger über die Rechtslage diskutiert als viel mehr darüber, was in Deutschland alles schief geht. Die einen empören sich, offenbar vollkommen überrascht von einer letalen Dosis der Straßenverkehrs-Ordnung, darüber, dass Radfahrer auf der Fahrbahn fahren dürfen, obwohl sie a) keine Steuern zahlen, b) keine Kennzeichen brauchen und sich c) noch nicht einmal an die Verkehrsregeln halten, die anderen streuen ihre Erfahrungen mit Gehwegradlern ein und dann irgendjemand droht dann mit Auswanderung. Naja. Was man vermeiden sollte wären Aufrufe zu Straftaten, also beispielsweise dervon Interpretationsschwierigkeiten der ADAC-Erklärung zeugende Aufruf, am besten alle auf der Fahrbahn rollenden Radfahrer auf die Motorhaube zu nehmen oder mit Scheibenwaschwasser nasszuspritzen. Schließlich leben wir nicht mehr in den glücksseeligen Zeiten von vor 1998, heutzutage ist die Polizei auch auf facebook präsent und heutzutage interessiert sich die Polizei auch durchaus für gegen Radfahrer gerichtete Straftaten.

Das erschreckenste an diesem Beispiel: Die mangelnde Kenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung wird offensichtlich tatsächlich besonders gerne mit starken Aggressionen kompensiert.

Radverkehrspolitik ergrimmt über das geheime Zebrastreifen-Urteil des Nordkuriers

Es ist immer ganz lustig, sich durch das Internet zu hangeln und zu staunen, wo man schon nach wenigen Klicks landet. Das geht bei Wikipedia ganz prima, macht aber auch in den Online-Angeboten der Tageszeitungen Spaß. Unter dem Sitzbank-Artikel des Nordkuriers lockte ein Link zu einem ganz verheißungsvollen Artikel: Radfahrer müssen absteigen

Dürfen sie oder dürfen sie nicht? Ob Radfahren auf dem Zebrastreifen erlaubt ist – darüber gibt es ­unterschiedliche Ansichten. Die Straßenverkehrsordnung hält sich da bedeckt, aber die Polizei ist sich trotzdem sicher.

Dummerweise ist der Artikel nur für Abonnenten des Nordkuriers lesbar. Ein Online-Monatsabo kostet zwar nur knapp fünf Euro und läuft automatisch nach einem Monat aus, aber der Nordkurier will partout kein Geld von mir: Nach der Registrierung bricht der Zahlungsvorgang ab, angeblich stimmten meine Zugangsdaten nicht oder meine E-Mail-Adresse würde bereits verwendet.

Naja, dann eben nicht. Man kann sich ja denken, was die Polizei dort für ein Urteil ausgegraben hat: Mutmaßlich geriet ein den Fußgängerüberweg fahrender Radfahrer auf Kollisionskurs mit einem Kraftfahrer, im anschließenden Zivilprozess stellte das Gericht fest, der Radfahrer hätte dort ja gar keine Vorfahrt gegenüber dem Kraftverkehr und wäre dementsprechend zu soundsoviel Prozent mitschuldig.

Daraus, dass ein Gericht im Einzelfall die Vorfahrt so beurteilt, lässt sich aber noch kein Verbot der Benutzung des Fußgängerüberweges herleiten: Das bloße Überfahren des Fußgängerüberweges dürfte nach wie vor nicht verboten sein, man hat eben als Radfahrer keine Vorrechte gegenüber dem Verkehr auf der Fahrbahn.

Vermutlich ist in Neubrandenburg die Sache aber noch etwas komplizierter, wenn man sich den Kreisverkehr einmal ansieht, um dessen Fußgängerüberwege es geht: Oststadt-Bewohnerin ergrimmt: Kontrollen gegen Rüpel-Radler gefordert

Radfahrer rollen auch am Oststadt-Kreisel trotz Verbots über die Zebrastreifen. Die Polizei sieht aber hier keinen Unfallschwerpunkt.

Nachdem man sich beruhigt hat über den feinen Titel des Artikels, wird man aus der Sache aber immer noch nicht so richtig schlau. Da fahren also Radfahrer über die Fußgängerüberwege, die an den Zu- und Abfahrten eines Kreisverkehrs angelegt wurden — das ist, anders als der Artikel behauptet, nicht verboten: Es gibt einfach kein solches Verbot, nicht einmal indirekt über ein zivilrechtliches Gerichtsurteil. Viel schlimmer noch: Die Radfahrer nehmen hier sogar an der Vorfahrtsregelung des Kreisverkehrs teil, haben also Vorfahrt gegenüber den ein- und ausfahrenden Fahrzeugen. Diese Vorfahrt verlieren sie nicht, nur weil sie über einen Fußgängerüberweg rollen.

Viel interessanter ist eigentlich die Frage, ob Radfahrer auf den Gehwegen um den Kreisverkehr herum überhaupt fahren dürfen, denn daraus ergäben sich auch rechtliche Konsequenzen, was die Wahrnehmung der Vorfahrt angeht. Zwar verliert ein Radfahrer seine Vorfahrt nicht automatisch, nur weil er auf einem nicht für ihn vorgesehenen Straßenteil pedaliert, unbedingt klug bezüglich der Erfolgsaussichten vor Gericht ist das aber auch nicht. Auf dem Foto ist leider nicht zu erkennen, ob es sich um einen gemeinsamen Fuß- und Radweg, einen freigegebenen Gehweg oder einen reinen Gehweg ohne Freigabe handelt, da aber die ergrimmte Bewohnerin nicht das ordnungswidrige Befahren des Gehwegs reklamiert und über derartige Gehwegradeleien kein Wort im Artikel verloren wird, darf man wohl davon ausgehen, dass das so seine Ordnung hat.

So erinnert die Sache dann allerdings wiederum an den Ochsenzoll-Kreisverkehr — und da war bekanntlich nur ganz wenig in Ordnung.

Fahrradsaison-Presseberichte bleiben Sorgenkinder

Das morgenweb aus der Rhein-Neckar-Region titelt: Radfahrer bleiben Sorgenkinder

Da stimmt irgendwas nicht. Der Artikel leitet mit der Beschreibung eines Unfalls ein, bei dem ein Radfahrer von einem unaufmerksam abbiegenden Lastkraftwagen leicht verletzt wurde. Dann kommt ein bisschen später die Polizei zu Wort, die bemängelt, dass Radfahrer im komplexen Verkehrsgeschehen aufgrund nicht getragener Warnwesten und fehlendem Tagfahrlicht übersehen werden.

Man könnte jetzt wieder die obligatorische Radverkehrspolitik-Frage stellen: Wer erklärt das dann dem Kraftverkehr? Wie sehr sind denn Kraftfahrer mit dem heutigen Straßenverhältnissen überfordert, dass sie selbst bei Tageslicht Radfahrer nur mit Warnwesten und Tagfahrlicht wahrnehmen? Und auch wenn es im Sinne der Unfallvermeidung erst einmal seine Berechtigung haben mag, Warnwesten und Tagfahrlicht zu empfehlen, wer sorgt denn bitte von der anderen Seite dafür, dass Radfahrer ohne diese Utensilien nicht gleich umgefahren werden?

Weiter unten heißt es dann recht schwammig:

In 60 Prozent der Unfälle sei der Radler mitverantwortlich, die häufigste Unfallursache sei, dass der Radler die Straße falsch nutze, etwa in falscher Richtung auf der Fahrbahn unterwegs sei. Die Ampel zu ignorieren und alkoholisiert aufs Rad zu steigen, waren bei mehr als einem Drittel der Unfälle Faktoren.

„Mitverantwortlich“ ist ja eine recht dehnbare Schuldzuweisung, da wüsste man doch gerne, was das genau bedeutet. „Mitverantwortlich“ soll wohl sein, wer eine Ampel ignoriert oder alkoholisiert unterwegs ist — dass bemerkenswert viele Radfahrer auf der falschen Fahrbahnseite fahren mag man hingegen nicht glauben, hier ist wohl eher die falsche Straßenseite gemeint, die ja von einigen Radfahrern tatsächlich heiß und innig geliebt wird.

„Mitverantwortlich“ wäre dementsprechend aber immer noch abzugrenzen von „mitschuldig“, denn, das zeigt ja auch die Rechtsprechung der letzten Jahre, nur weil er auf der falschen Straßenseite pedaliert, verliert der Radfahrer nicht automatisch seine Vorfahrt. Offenbar gibt es aber eine deutliche Diskrepanz zwischen den in der Polizeipresse veröffentlichten und tatsächlich vorgefallenen Unfällen, denn wenigstens in der Polizeipresse werden Radfahrer andauernd „übersehen“, von missachteten Rotlichtern oder Alkoholkonsum ist überraschend selten die Rede.

Jedenfalls nahm die Polizei diese Zahlen zum Anlass, zu Beginn der so genannten Fahrradsaison wieder einmal Kontrollen durchzuführen. Auch da fällt wieder auf, das gilt exemplarisch für den Rest der bundesweiten Radwege, dass das Befahren der falschen Straßenseite einerseits als relativ gefährlich dargestellt wird, was meistens auch zutrifft, andererseits aber je nach Laune der Straßenverkehrsbehörde beinahe flächendeckend so angeordnet wird. Einem Verkehrsteilnehmer zu erklären, warum er dort den linksseitigen Radweg benutzen muss, da hinten den linksseitigen Radweg benutzen darf, hier aber auf der rechten Seite fahren muss, das ist bestimmt nicht einfach; da helfen auch keine fünf Euro schweren Verwarnungen.

Der Artikel schließt mit dem Satz:

Einen Helm trugen 66 der 309 verunglückten Radfahrer – also immerhin jeder Fünfte.

Den Zahlen nach ergibt sich eine Tragequote von 21,4 Prozent — das ist ja fast doppelt so hoch wie im bundesweiten Durchschnitt. Verdächtigerweise liegt Heidelberg in Baden-Württemberg, da gibt’s nun zwei Erklärungsmöglichkeiten: Entweder ist in Baden-Württemberg die Tragequote allgemein deutlich höher als in den übrigen Bundesländern, vielleicht aufgrund des erklärten Fahrradhelm-Fans im Landesverkehrsministerium, oder in Baden-Württemberg ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm in einen Unfall verwickelt zu werden, besonders hoch.

Aachener Polizei bekämpft schwere Fahrradunfälle

Zum Start der Fahrradsaison sorgt die Aachener Polizei für mehr Sicherheit im Straßenverkehr: Bilanz der Kontrollen der Aachener Polizei zur Bekämpfung der Verkehrsunfälle mit Radfahrern und Fußgängern

Die Beamten führten während ihrer Kontrolle erzieherische Gespräche mit den Verkehrsteilnehmern, vor allem mit Radfahrer, die auf Gehwegen unterwegs waren, falsch abbogen oder keinen Fahrradhelm trugen, der zwar nicht vorgeschrieben ist, aber schwere Verletzungen verhindern könne. Mit einigen Kraftfahrzeugführern wurden offenbar ebenfalls Gespräche geführt. Ob der fehlende Schulterblick beim Abbiegen, der in der Fahrgastzelle nur äußerst ungern praktiziert wird, ebenfalls Gegenstand der erzieherischen Maßnahme war, ist leider nicht überliefert.

Polizei kontrolliert nicht absteigende Radfahrer in Geesthacht

Die Bergedorfer Zeitung berichtete im Herbst letzten Jahres über eine Fahrradkontrolle in Geesthacht: Radfahrer auf Abwegen

Bei einer landesweiten Aktion werden derzeit Radfahrer kontrolliert. Auch die Geesthachter Polizei war am Montag im Einsatz, um Verstöße gegen Verkehrsregeln zu ahnden. Der Grund: Die Unfallzahlen mit Radfahrern sind gestiegen.

Soweit erstmal nichts ungewöhnliches: Da werden Radfahrer angehalten, die auf der falschen Straßenseite fuhren oder deren Lichtanlage nicht funktionierte oder die zu laut Musik hörten oder mit dem Handy telefonierten. Ein ertappter Geisterradler zeigte sich uneinsichtig und will das Bußgeld von zwanzig Euro gerichtlich überprüfen lassen — man kann ihm dabei nur viel Spaß wünschen.

Blöd ist allerdings der Anfang des Artikels: Das Zusatzzeichen 1012-32 „Radfahrer absteigen“ mag zwar eindeutig sein, eine rechtliche Wirkung hat ihm der Gesetzgeber allerdings nicht zugestanden. Weder die Straßenverkehrs-Ordnung noch der Bußgeldkatalog enthalten Vorschriften, dass ein Radfahrer an einer solchen Beschilderung absteigen müsste oder welches Bußgeld bei Verstößen zu erwarten wäre. Trotzdem mag das Absteigen zu empfehlen sein, weil das Schild tatsächlich sehr häufig dort zum Einsatz kommt, wo niemand so richtig Lust hatte, Gedanken über die Radverkehrsführung anzustellen, etwa in unübersichtlichen Arbeitsstellen oder anderen ärgerlichen Stellen im Straßenverkehr — im Zweifelsfall sollte ein Radfahrer in der Regel auf der Fahrbahn weiterradeln.

Insofern stellt sich auch die Frage, was die Polizei dort kontrollieren oder gar sanktionieren möchte: Einen Tatbestand kennt der Bußgeldkatalog für dieses Schild nicht.

Warum hat die Radfahrerin nicht angehalten?

In Berlin gab es erneut einen Konflikt zwischen einer Radfahrerin und einem abbiegenden Lastkraftwagen, der in schweren Verletzungen endete: Lkw überrollt Radfahrerin

Schwerer Unfall auf der Stralauer Allee: Eine Radfahrerin wurde von einem Laster angefahren und überrollt. Der Lkw-Fahrer hat die Frau beim Abbiegen offenbar nicht gesehen.

Aus dem üblichen „Übersehen“ wurde im Laufe des Artikels etwas anderes:

Die Frau bemerkte nicht, dass der Laster-Fahrer den Blinker einschaltete, um anzuzeigen, dass er nach rechts in die Warschauer Straße einbiegen wollte. (…) Unklar sei, weshalb die Frau, die unmittelbar neben dem Lastwagen fuhr, nicht auf das Fahrzeug reagierte und weiter geradeaus gefahren sei, sagte ein Verkehrspolizist.

Vielleicht hatte die verletzte Radfahrerin die ganz abwegige Idee, der Lastkraftwagen könnte ihr ihre Vorfahrt lassen.

Licht an: Repressionen oder Technik?

Die Münstersche Polizei klopft sich auf die Schulterklappen, denn in der so genannten Fahrradstadt fährt kaum noch jemand ohne Licht: Licht an – auch am Fahrrad

In sieben Jahren von 40 auf 96 Prozent – immer mehr Münsteraner schalten am Fahrrad ihr Licht ein. Ist es die Angst vor Unfällen oder doch der Geiz, der die Radfahrer dazu treibt? Die Polizei hat eine Erklärung.

Die Erklärung der Polizei ist relativ einfach, repressive Kontrollen sollen zu einer Verbesserung der Beleuchtungsmoral geführt haben:

Die Polizei führt diese Entwicklung auf die Sicherheitsoffensive zurück, die vor sieben Jahren startete. „Das Ergebnis zeigt, dass die Präventionsaktionen, die regelmäßigen Kontrollen und die konsequente Verfolgung der Verstöße zu einer kontinuierlichen Verbesserung geführt hat“, heißt es.

Sicherlich haben die Polizeikontrollen ihren Beitrag zu dieser Verbesserung geleistet. Es gibt auch noch weitere Aspekte, die dazu beigetragen haben könnten, beispielsweise eine deutliche Steigerung der Verlässlichkeit der Beleuchtungstechnik. Zu Beginn des Jahrtausends waren beinahe noch ausnahmslos Fahrräder mit den üblichen Halogen-Funzeln und schrubbenden Seitenläuferdynamos unterwegs. Wenn diese Kombination kaputt ging, wurde sie, wenn überhaupt, häufig nur notdürftig repariert und ging wieder kaputt. Die etwas preisgünstigeren Seitenläuferdynamos waren im Regen schnell nicht mehr zu gebrauchen und einmal verstellt, musste man eine ganze Weile fummeln, bis der Dynamo nicht mehr an der Bremsflanke rollt, sondern am Mantel.

Offenbar hat mit der Kombination von Nabendynamos und LED-Scheinwerfern auch ein höherer technischer Standard Einzug gehalten, der nicht andauernd auseinanderfällt. Ein Nabendynamo hat außerdem mittlerweile einen derart geringen Widerstand, so dass das Licht auch permanent brennen kann, da stellt man nachts um drei in der Dunkelheit keine Kosten-Nutzen-Rechnungen mehr an, ob man lieber schnell oder mit Licht fährt. Womöglich wurden in diesen sieben Jahren, die von der Polizei zur Debatte gestellt wurden, die alten Seitenläufer-Fahrräder langsam außer Dienst gestellt und gegen neuere Technik ersetzt, die sich jetzt in diesen erfreulichen Werten niederschlägt.

Weniger Verkehrstote in Berlin

Die rbb-Abendschau berichtet: Berlin hat bundesweit am wenigsten Unfalltote

In Berlin starben im vergangenen Jahr im Vergleich zu anderen Bundesländern gemessen an der Einwohnerzahl am wenigsten Menschen im Straßenverkehr. Im Jahr 2013 wurden in der Hauptstadt 37 Verkehrstote registriert, die niedrigste Zahl seit Einführung der Statistik.

Irgendwie muss Käthe doch mitschuldig sein

Ghostbike Critical Mass Hamburg 1

Am Donnerstagmorgen wurde in Hamburg die 18-jährige Käthe auf dem Weg zur Schule von einem abbiegenden Lastkraftwagen getötet: Käthe (18) von Laster überrollt – tot

Vom Mundsburger Damm will ein Lkw-Fahrer (45) in die Armgartstraße (Hohenfelde) abbiegen – übersieht dabei die Schülerin Käthe W. Der tonnenschwere Laster überrollt die 18-jährige Radfahrerin.

Nach einem solchen Unfall stellen sich meistens mehrere Fragen, unter anderem: Wie ist das passiert und was kann man unternehmen, damit das nicht noch mal passiert? Diskutiert wird meistens leider nur: Wer ist eigentlich Schuld daran?

Bei den Hamburger Radfahrern ist wenigstens in den einschlägigen Diskussionsforen der Fall bereits klar: Lastkraftwagen hätten in der Stadt nichts verloren, ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde muss her, ohne Radwege und auf der Fahrbahn wäre das nicht passiert, alle Lastkraftwagen müssten mit Spiegeln ausgerüstet werden, bis die rechte Fahrzeugseite einem Spiegelkabinett gleicht. Ob das nun sinnvoll ist, sei mal dahingestellt: Auch die heutigen Spiegel decken eigentlich einen recht großen Bereich neben der Fahrbahn ab, helfen aber nur, wenn der Fahrer auch reinguckt und vor allem im richtigen Moment reinguckt. Eine Radfahrerin, die auf dem Radweg an einem abbremsenden Lastkraftwagen vorbeifährt, dürfte nur für ein oder zwei Sekunden den Wahrnehmungsbereich des Fahrers berühren und während der Zeit ist der Kraftfahrzeugführer während eines Abbremsvorganges auch noch mit anderen Dingen beschäftigt, etwa dem Abstand zum Vordermann. Zudem ist es an der Hamburger Unglücksstelle nicht unwahrscheinlich, dass die Radfahrerin nicht auf dem Radweg, sondern zwei Meter weiter rechts auf dem Gehweg radelte und damit den durch die Spiegel sichtbaren Bereich bereits verlassen hatte — gestern Abend ließ sich noch erkennen, dass der Radweg am Tag des Unglücks im Gegensatz zum benachbarten Gehweg vermutlich nicht geräumt gewesen war.

Richtig ist allerdings: Ohne Radwege hätte sich der Unfall sicherlich nicht in dieser Form ereignet. Ohne Radwege wäre Käthe vermutlich nicht dem Rad zur Schule gekommen, sondern hätte den öffentlichen Nahverkehr oder die eigene Fahrerlaubnis genutzt: Die wenigsten Schülerinnen in dem Alter trauen sich mit einem Fahrrad auf eine derart stark befahrene Straße wie den Mundsburger Damm.

Während man bei den Radfahrer-Diskussionen auf facebook, Twitter oder anderswo im Internet nur hin und wieder den Kopf schütteln muss, geht’s im Lager der Kraftfahrer deutlich härter, geradezu menschenverachtender zu. Ein Teil der Kommentare und Meinungen reduziert sich auf das relativ anteilnahmelose „R.I.P. und alles gute für die family“ und die Bestürzung, wie denn so etwas passieren konnte, während andere Kommentatoren sofort die Generalabrechnung mit dem Radverkehr einläuten. Überraschend unverblümt wird bemängelt, dass es immer noch zu viele Radfahrer gäbe, wenngleich das eigentliche Highlight die Kommentare auf der Seite der Hamburger Morgenpost auf facebook sind. Addiert man die restlichen Wortmeldungen aus anderen facebook-Gruppen oder Internetforen dort drauf, die teilweise nicht öffentlich zugänglich oder bereits gelöscht sind, packt einen glatt die Wut, wie viele Verkehrsteilnehmer einfach drauflos schwurbeln, ohne wenigstens die mit drei kurzen Absätzen doch recht leicht zu verarbeitende Meldung zum Unfallhergang zu lesen. Da wird beispielsweise folgendes reklamiert:

  • Das wäre nicht passiert, wäre die Schülerin auf der richtigen Straßenseite gefahren. Man kennt ja diese Radfahrer, die fahren immer falsch. (Die Schülerin war in der richtigen Fahrtrichtung unterwegs.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Man lernt doch schon in der Grundschule, nur bei Grün zu fahren. Fazit: Selbst schuld. (Es gab an dieser Stelle keine Lichtzeichenanlage, die Schülerin hatte Vorrecht gegenüber dem abbiegenden Kraftfahrzeug.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, gäbe es ein Verbot für iPhones am Lenker. (Es gibt keine Hinweise, dass die Schülerin mit einem Telefon beschäftigt war — und das wäre übrigens genauso verboten wie die Handy-Nutzung am Steuerrad.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das wäre nicht passiert, hätte sie nicht ihre Vorfahrt erzwungen. (Gut, darüber kann man diskutieren. Viel wichtiger wäre allerdings, warum denn der abbiegende Lastkraftwagen nicht angehalten hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Mit Helm wäre sie noch am Leben. (Standardargument, angesichts der Zwillingsreifen und der beeindruckenden Masse des Lastkraftwagens ist das aber eher unwahrscheinlich. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Hamburger Morgenpost erst noch prominent zu berichten wusste, dass die Radfahrerin keinen Helm trug, den Satz dann allerdings nach Beschwerden der Leser gestrichen hat.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das kommt davon, mitten auf der Straße anstatt auf dem sicheren Radweg zu fahren. (Die Schülerin fuhr auf dem Radweg.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Sie war bestimmt in den modischen Trendfarben Schwarz, Dunkelgrau und Grau gekleidet. (Darüber schweigt sich die Polizei aus.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß aus eigener Erfahrung zu berichten, dass Schülerinnen in dem Alter meistens betrunken zur Schule fahren. (Auch dafür gibt es keine Indizien — abgesehen davon kann sich auch nüchtern totfahren lassen.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Das Fahrrad hatte bestimmt keine funktionierende Lichtanlage. (Man darf davon ausgesehen, dass die Polizei so etwas erwähnt hätte. Außerdem war es zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht „tageshell“, aber schon „hell“.)
  • Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.
  • Ein Kommentator weiß zwar nicht genau, gegen welche Regeln die Schülerin verstoßen hat, aber irgendetwas wird sie sich ja zu Schulden kommen lassen haben, sonst wäre sie ja nicht überfahren worden. (Alles klar.)

Man mag diesen menschenverachtenden Unfug überhaupt nicht mehr lesen. Wenn auch nur die zehn Prozent, die solchen Schwachsinn schreiben, mit diesem Selbstbewusstsein im Straßenverkehr unterwegs sind, wundert man sich gar, warum nicht noch mehr tote Radfahrer und Fußgänger in der Unfallstatistik auftauchen. Das ist ja kaum noch zum Aushalten. Ganz krude wird’s dann, wenn das Beileid nicht den Verwandten und Freunden der Schülerin ausgesprochen wird, sondern dem Lastkraftwagenfahrer. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der ist definitiv alles andere als froh über seinen Unfall am Donnerstag und man kann auch ihm nur jegliche Kräfte bei der Verarbeitung der Geschehnisse wünschen. Aber sich jetzt mit ihm zu solidarisieren, weil er womöglich wegen einer „scheiss radfahrerin“ seine Arbeitsstelle los ist und „wgen dieser Scheiß Kampf Radler“ für den Rest seines Lebens traumarisiert sein könnte, deutet doch auf eine arg komplizierte Interpretation des Unfallherganges. Bei einigen Kommentaren fragt man sich ernsthaft, ob das nicht schon für § 189 StGB reichen könnte.

Ghostbike Critical Mass Hamburg 16

Am gestrigen Freitag stellen die Teilnehmer der Critical Mass Hamburg ein so genanntes Ghost-Bike am Unfallort auf: Radfahrer trauern: Ein „Ghostbike“ für Käthe (†18)

Mahnmal für Käthe: Ein weißes Fahrrad steht seit Freitagabend in der Armgartstraße, umringt von brennenden Kerzen. Das „Ghostbike“ soll an die Schülerin erinnern, die nur 18 Jahre alt wurde.

Erwähnenswert, weil besonders bitter ist der folgende Absatz:

Die Idee der „Ghostbikes“ stammt aus den USA. Die weiß gestrichenen Räder sollen als Mahnmale für verunglückte Radfahrer dienen – und gleichzeitg auf mögliche Gefahrenpunkte hinweisen.

Damit sich solch schrecklicke Unfälle nicht wiederholen.

Der Treffpunkt der Critical Mass Hamburg im Januar lag nur etwa fünfhundert Meter entfernt vom Unfallort an einer Wiese an der Außenalster. Zwischen 19 Uhr und 19.40 Uhr, die Critical Mass braucht traditionell etwa eine halbe Stunde, bis sich die Masse zum Losfahren entscheidet, während noch einige Nachzügler an der Unfallstelle vorbei bis zum Treffpunkt sausten, gab es insgesamt neun Zwischenfälle an dieser Einmündung, die schon in die Kategorie „gerade noch mal gutgegangen“ fallen. Drei Mal wurden Radfahrer, die ordnungswidrig, aber angesichts des Unfalls wohl vernünftigerweise auf der Fahrbahn radelten, äußerst dicht überholt, vier Mal stoppte ein abbiegendes Kraftfahrzeug gerade noch rechtzeitig, um geradeaus fahrende Radfahrer nicht auf die Hörner zu nehmen, zwei Mal konnte ein Unfall nur noch mit einer Gefahrenbremsung der Radfahrer vermieden werden.

Ghostbike Critical Mass Hamburg 4

Das Schlimme daran: Trotz der Dunkelheit ließ sich erkennen, dass einige Kraftfahrer beim Abbiegen im Begriff waren, den Schulterblick zu praktizieren, dann aber von den leuchtenden Kerzen abgelenkt wurden und erst Momente später auffiel, ob denn nicht vielleicht Radfahrer im Anmarsch sein könnten. Problematisch in dem Zusammenhang ist auch sicherlich die Verkehrsführung: Der Radweg wird zwar nicht vom Straßenbegleitgrün oder parkenden Kraftfahrzeugen verdeckt, sondern nur mit einem Gitter von der Fahrbahn abgetrennt, doch sind die meisten Kraftfahrer auf der benachbarten Kreuzung noch mit Spurwechseln oder Abbiegevorgängen beschäftigt und finden nur wenig Zeit, um den konfliktträchtigen Verkehr auf dem Radweg in Augenschein zu nehmen.

Siehe auch:

  • Fahrraddemo zum Gedenken an verstorbene 18-Jährige

    Trauer und Bestürzung herrscht nach dem Tod der erst 18 Jahre alten Käthe W. unter den Mitschülern und Lehrern. Schulgemeinschaft kündigt Trauergottesdienst im „Kleinen Michel“ an.

  • So gefährlich sind Hamburgs Radwege

    Todesfalle Radweg: Immer wieder übersehen Autofahrer beim Abbiegen an Kreuzungen oder Einmündungen Radfahrer. Oft mit fatalen Folgen – wie beim schrecklichen Unfall am Mundsburger Damm (Hohenfelde), als ein Lkw Schülerin Käthe W. (✝18) überrollte. Die MOPO erklärt, warum Radwege so riskant sind.

  • Radfahrer warnte vor der Gefahr

    Der Tod der Schülerin Käthe W. (✝18) – hätte er verhindert werden können? Ein 40-Jähriger aus Altona kritisiert Verkehrsbehörde und Polizei.

Wie kann man das formulieren, so dass der Radfahrer schuld ist?

Das PresseRad-Weblog sieht schon mal ganz vielversprechend aus. Besonders lesenswert ist der erste Teil einer offenbar unendlichen Reihe: Wie man eine radfahrerunfreundliche Pressemitteilung formuliert (1)

Am 31.12.2013 hat die Pressestelle der Polizei Minden-Lübbecke noch einmal schnell eine Pressemitteilung zu einem Unfall zwischen einem Radfahrer und einem Auto abgesetzt, die förmlich danach schreit, kommentiert zu werden.