Punkte-Reform: Die Spannung steigt

SPIEGEL ONLINE berichtet über die Hindernisse bei der Umrechnung der „Altpunkte“ auf das reformierte System: Knackpunkt sind die Altpunkte

Die Flensburger Verkehrssünder-Datei wird reformiert, an diesem Dienstag präsentiert Minister Ramsauer die mit Spannung erwarteten Details. Fest steht, dass der Führerschein künftig schon bei acht Punkten weg sein soll. Die wichtigste Frage bleibt aber wohl offen: Was passiert mit den Altpunkten?

Bislang stehen offenbar zwei Modelle zur Diskussion: entweder werden die alten Einträge auf das neue System umgerechnet, wobei Verkehrssünder, die nach der Gleichung bei acht oder mehr Punkten landen, ihren Führerschein nicht sofort abgeben müssen, oder es werden zwei Konten nebeneinander geführt — ob das einem Neubeginn für jedes Konto gleichkommt oder die Vorfälle miteinander verrechnet werden, bleibt offen.

Im Laufe des Dienstages sollen endlich weitere Details veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wer richtig schummelt, ist nicht zu fassen

Nachdem der seltsame Artikel über Radarfallen nicht so ganz der Hit war, versucht sich SPIEGEL ONLINE am nächsten Thema: Wer richtig schummelt, ist nicht zu fassen

Die Reform des Verkehrssünderregisters in Flensburg könnte einem speziellen Service zur Renaissance verhelfen: Autofahrer mit wenigen Punkten auf dem Konto stellen sich Rasern oder Ampelsündern als Sündenböcke zur Verfügung und nehmen die Strafe auf sich – die Behörden sind weitgehend machtlos.

Im Endeffekt ergibt sich allerdings auch dieses Mal bloß eine relativ interessenarme Abbildung von mehreren Möglichkeiten, der Bestrafung mit Einträgen beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg zu entgehen — etwa mit Alberto und Ersafa, also für internetaffine Fahrer ohnehin nichts neues.

Flensburger Punktereform: Nichts genaues weiß man nicht

Bevor es hier mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer weitergeht, muss der Award für das dümmste Symbolfoto des Jahres schon im Februar vergeben werden. Gewinnerin ist wie im August 2009 die BILD, die das gleiche Foto schon vor zweieinhalb Jahren einsetzte und angesichts der damaligen Häme klammheimlich löschte. Für den Rest des Artikels sollen dagegen seriösere Quellen herangezogen werden, obwohl die sich wiederum auf den ursprünglichen Bericht der BILD beziehen.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer will also das Flensburger Zentralregister für Verkehrsverstöße reformieren — und zwar schon gleich nächstes Jahr. Das ist schon ein ambitioniertes Ziel angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland seit knapp zweieinhalb Jahren an einer gültigen Straßenverkehrsordnung mangelt.

Nach dem neuen System wird der Führerschein schon bei acht Punkten eingezogen, dafür gibt es aber pro Verstoß auch nur noch deutlich weniger Punkte: „kleine Vergehen“ wie zu schnelles Fahren bringen einen Punkt, schwerere Verstöße wie die Missachtung einer roten Ampel belasten das Konto mit zwei Punkten. Für Verstöße, die keinen Einfluss auf die Verkehrssicherheit haben, gibt es künftig keine Punkte mehr. Nach vier und nach sechs Punkten gibt es außerdem eine freundliche Benachrichtigung über das aktuelle Guthaben. Sehr viel einfacher läuft die künftige Tilgung: einzelne Punkte werden nach zwei Jahren, Doppelpunkte nach drei gelöscht.

So weit, so schlecht — was passiert mit den 45 Millionen Punkten, die momentan in Flensburg verwaltet werden? Das weiß man noch nicht so genau, aber eine einfache Umrechnung auf das neue System kommt sicherlich genauso wenig in Frage wie eine Neubewertung aller bislang gespeicherten Vorfälle. Das alte Konto parallel zum neuen zu führen klappt aber genauso wenig, entspricht es doch praktisch einer Löschung aller bisherigen Punkte.

Interessant sind dann so manche Rechnungen für künftige Vergehen. Einmal kurz das Handy in die Hand zu nehmen kostet dann genauso viele Punkte wie mit 90 Kilometern pro Stunde durch eine geschlossene Ortschaft zu heizen. Auch die gleichartige Punktebewertung von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten ist eigentlich eher unschön. Es bleibt also spannend, wie denn die konkreten Pläne am Monatsende aussehen.

Ungeachtet der Tatsache, dass die Missachtung von Verkehrsregeln in Deutschland immer noch sehr günstig und entsprechend selbstverständlich sein wird, kochen die Gemüter in den einschlägigen Foren schon wieder hoch. Das ist, angesichts der üblichen Ideen aus dem Bundesverkehrsministerium, so verwunderlich nicht.

Ramsauer identifiziert Kopfhörer als neue Gefahr im Straßenverkehr

Vorsicht: Peter Ramsauer ist wieder zugange. Dieses Mal hat er sich auf Kopfhörer eingeschossen:

Ramsauer beklagt, dass Fußgänger und Radler sich mit lauter Musik ablenken. Dies erhöhe das Unfallrisiko. Die Berliner Polizei stimmt ihm zu. Das Gesetz will der Minister aber nicht verschärfen.

Keine Frage: wenn das Thema sicherheitsrelevant ist, gehört es ordentlich diskutiert. Nur hat man bei Peter Ramsauer das Gefühl, er habe schon wieder ein Thema gefunden, um sich bei der Presse darzustellen. Da klingt dieses Satzgefüge ja beinahe süß:

(…) Die Moral und das Verantwortungsbewusstsein im Straßenverkehr nehmen ab.

Dies hat nach der Polizei auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erkannt und den grassierenden Leichtsinn auf den Straßen kritisiert. (…)

Das Thema wird im Laufe des Artikels auf ebenjene Kopfhörer konkretisiert, aber am Ende heißt es wieder:

Das Bundesverkehrsministerium will es aber beim Appell belassen. Eine Gesetzesinitiative sei nicht geplant, sagte ein Sprecher Ramsauers am Freitag.

Das erinnert ja an die freiwillige Selbstverpflichtung für die Radfahrer, den Helmanteil im Radverkehr auf über fünfzig Prozent zu steigern, ansonsten sehe sich Ramsauer zu einer Helmpflicht gezwungen. Und ein bisschen lustig ist schon die Tatsache, dass Ramsauer Musik für Radfahrer und Fußgänger als gefährdend einstuft, bei Autofahrern mit selbstkomponierten Stücken aber die Gefährdung senken möchte.

Fahrradhelm: „Neun von zehn Radfahrern könnten noch leben“

Im Gegensatz zum gestrigen Artikel von SPIEGEL ONLINE konzentriert sich RP-Online auf die Sicherheit der Radfahrer: Ramsauer droht mit Radhelm-Pflicht

Bemerkenswert scheint vor allem:

(…) Dem hielt Ramsauer entgegen, dass nach neuesten Studien neun von zehn getöteten Radfahrer noch leben könnten, wenn sie einen Helm getragen hätten. Derzeit sterben pro Jahr zwischen 380 und 440 Radfahrer – die Hälfte aufgrund schwerster Kopfverletzungen. (…)

Das als überraschend zu bezeichnen dürfte noch glatt untertrieben sein. Dabei ist es gar keine Frage, dass es tatsächlich tödliche Unfälle im Radverkehr gibt, die mit einem Fahrradhelm sicher vermeidbar gewesen wären, aber wenn ein Helm neun von zehn Radfahrern vor dem Tode schützen kann, muss es sich bei Fahrradhelmen um wahre Wunderwerke handeln — und momentan sieht alles nicht gerade danach aus.

Nun kann man noch etwas weiter philosophieren und einen Blick in das Verkehrssicherheitsprogramm 2011 werfen. Dort steht auf Seite 19:

(…) Im Jahr 2010­ wurden 71.103 Radfahrer von der Polizei als Bet­eiligte bei Unfällen mit Personenschaden ­registriert. Über 62.000 Radfahrer wurden verletzt und 381 getötet. Jeder zehnte Getötete ist damit ein Radfahrer. Die Hälfte der getöteten Radf­ahrer (197 Radfahrer) ist dabei 65 Jahre oder älter, weitere 26 % (99 Getötete) sind zwischen 45 und 64 Jahre alt. Damit sind drei Viertel aller getöteten Radfahrer mindestens 45 Jahre alt. (…)

Dieser Anteil ist doch recht erstaunlich, tippte man doch gefühlsmäßig eher darauf, dass Kinder und Jugendliche, die ja mangels Führerschein überproportional im Radverkehr vertreten und in Ermangelung von Erfahrung und Motorik noch nicht allzu sicher im Umgang mit dem Fahrrad sein sollten, zu den am gefährdetsten Verkehrkehrsteilnehmern gehören sollten. Anscheinend spielt aber das Alter eine wesentliche Rolle, so dass bei älteren Radfahrer schon relativ leichte Unfälle schwere Komplikationen verursachen.

Man möchte ja beinahe fragen, warum denn eigentlich ständig wenigstens eine Helmpflicht für Kinder gefordert wird, die Probleme der älteren Radfahrer allerdings kaum berücksichtigt werden.

Verkehrssicherheit: Für Fahrradfahrer muss ein Helm genügen

Für diesen Artikel standen eine Menge Überschriften zur Auswahl — beispielsweise „Ramsauer erhöht Verkehrssicherheit mit Zauberkraft“ oder „Mehr Sicherheit im Verkehr: Alles bleibt, wie es ist“. Allen ist gemein, dass sie genauso oberflächlich und populistisch sind wie die Maßnahmen, die der SPIEGEL-ONLINE-Artikel ankündigt: „Ramsauers Rezepte gegen den Unfalltod“

Interessanter als Ramsauers Lieblingsrezepte sind jene Rezepte, die ihm nicht so sehr munden: ein generelles Tempolimit auf der Autobahn lehnt er genauso ab wie die geforderte Null-Promille-Grenze. Während das Tempolimit anscheinend tatsächlich nur geringe Auswirkungen auf die Sicherheit auf der deutschen Autobahn hätte, weil dort offenbar nicht unbedingt hohe Geschwindigkeiten, sondern Unaufmerksamkeiten und Fahrfehler problematisch sind, ist wenigstens sein Standpunkt zu Alkohol im Straßenverkehr verwunderlich. Dabei geht es gar nicht, ob man mit einem oder zwei Bier im Kopf noch Autofahren könnte, sondern um die Argumentationskette, die dann spätestens nach dem dritten Bier beginnt: wer mit drei Bieren noch fahren kann, der kann’s auch mit vier Bieren und wer mit vier Bieren noch fahren kann, hat auch mit einem fünften keine Probleme. Dann kommen noch ein paar Schnäpse, bevor man sich auf die Heimfahrt macht. Das geht in den meisten Fällen gut, aber manchmal eben nicht — wenn Ramsauer behauptet, jeder Verkehrstote sei einer zu viel, scheint er den Alkohol als Unfallursache auszusparen und zieht damit jegliche Kampagnen gegen Alkohol im Straßenverkehr ins Lächerliche: schließlich sind 0,5 Promille ja offenbar kein Problem.

Sein Maßnahmenpaket besteht hingegen aus unzähligen Kleinigkeiten: Rüttelstreifen neben Fahrbahnmarkierungen, um übermüdete Autofahrer aufzuwecken, weitere Seitenstreifenfreigaben, um Staus abzubauen, mehr Parkflächen für Lastkraftwagen, um Überlastungen zu vermeiden, und Warnschilder an Autobahnauffahrten, um Geisterfahrer abzuwenden. Mit seinen ganz leicht verschärften Crashtestverfahren bezieht Ramsauer sogar vom ADAC Schläge, das will schon etwas heißen. Und ob es wirklich hilft, das Automobil mit weiteren Assistenzsystemen auszustatten, darf auch ansatzweise bezweifelt werden, denn den Fahrzeugführern ist die Funktionsweise der bereits heute implementierten Systeme nicht bewusst. Besonders dem ABS und ESP haftet seit Jahren der Irrglaube an, man könne damit auch auf vollkommen vereisten Straßen problemlos bremsen.

Dann folgen endlich die ersten weiseren Worte:

(…) Die beste Sicherheitstechnik hilft wenig, wenn die Autofahrer nicht mitspielen, darüber sind sich auch die Verantwortlichen im Bundesverkehrsministerium klar. An anderer Stelle in Ramsauers Katalog empfehlen sie eine Aufklärungsoffensive, um gegenseitig Rücksicht wieder populär zu machen. (…)

Nun ist Rücksicht ein Thema, was den Radverkehr in Deutschland ganz besonders betrifft, weil weder Autofahrer noch Verkehrsplaner Rücksicht auf unmotorisierte Fahrzeuge nehmen. Fährt man als Radfahrer nicht auf einem Radweg, der von der rücksichtslosen Straßenverkehrsbehörde vollkommen verwahrlost hinterlassen wurde, braucht man auf der Fahrbahn erst gar nicht auf Rücksicht von Seiten der Autofahrer hoffen. Je nach Straßensituation sind es bis zur zurechtweisenden Hupe mitunter nur Sekunden.

Mal sehen, was Ramsauer noch an tollen Ideen für den Radverkehr hat — oh, nur eine einzige?

(…) Radfahrer wird das Tragen eines Helms empfohlen – auf eine Pflicht will Ramsauer aber vorerst verzichten. Er nannte die Helmtragequote von zuletzt neun Prozent allerdings erschreckend. Wenn sich die Quote nicht rasch auf bis zu 50 Prozent erhöhe, „dann muss man über weitere Maßnahmen nachdenken“, betonte der Bundesverkehrsminister. (…)

Okay: vermutlich ist auch hier weniger mehr und man muss sich freuen, dass Ramsauer nur die Idee der freiwilligen Helmpflicht weiter verfolgt und nicht etwa Fahrradkennzeichen einführen möchte. Dennoch wären die in diesem Blog schon häufiger empfohlenen Maßnahmen wie verbesserter Verkehrsunterricht und vor allem sinnvolle Radverkehrsführungen schön, aber dafür, ja, dafür hat der Bundesverkehrsminister offenbar keine Zeit, da muss für Radfahrer ein Fahrradhelm genügen. Dass das definitiv nicht so ist, könnte Ramsauer bei einer Fahrradtour selber ausprobieren.

Die Forderungen sind insgesamt anscheinend sogar dermaßen lächerlich, dass sogar das seit jeher auto-freundliche SPIEGEL-ONLINE-Forum zu Höchstleistungen aufläuft. Und tatsächlich könnte es vielleicht schon einen Sicherheitsgewinn bringen, die bereits bestehenden Verkehrsregeln stärker zu kontrollieren, anstatt mit bürokratischem Aufwand neue Maßnahmen in den Straßenverkehr zu stemmen, die nach Schätzungen allenfalls marginale Auswirkungen auf die Unfallhäufigkeiten haben werden.

Peter Ramsauer liebäugelt schon wieder

Der Sommer ist seit einem Monat vorbei, das Sommerloch noch lange nicht: Ramsauer liebäugelt mit Helmpflicht für Radfahrer

(…) Der Erfolg des Fahrrades bringt auch eine Menge Probleme: Die Zahl der Unfälle mit schweren oder gar tödlichen Verletzungen ist weiterhin alarmierend hoch. Für Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist das nicht hinnehmbar – und er weiß auch genau, wessen Aufgabe es ist, für Abhilfe zu sorgen. Die Radfahrer sollen sie von sich aus mit Helm fahren – oder die Bundesregierung macht den Kopfschutz zur Pflicht. „Wenn sich die Helmtragequote von neun Prozent nicht signifikant auf weit über 50 Prozent erhöht in den kommenden Jahren, dann muss man fast zu einer Helmpflicht kommen“, sagte Ramsauer am Dienstag in Berlin. (…)

Soweit nichts neues. Besorgniserregend geht’s weiter:

(…) Es bereite ihm große Sorge, dass etwa jeder zweite tödliche Fahrradunfall auf schwere Kopfverletzungen zurückgehe. (…)

Aha, na prima, dann wird die Bundesregierung mit Herrn Peter Ramsauer als treibende Kraft sicher etwas unternehmen, um die Straßen für Radfahrer sicherer zu machen. Bis zum Ende des Artikels findet sich dazu… nichts.

Man kommt nicht umhin, bei der Helmpflicht auch das sensible Thema der unsinnigen Radverkehrsführungen anzusprechen, bei denen Radfahrer mit entsprechender Beschilderung auf holprige Radwege gezwungen werden, um sich an der nächsten Kreuzung von den Rechtsabbiegern gefährden zu lassen, oder aber so dicht an Bushaltestellen, Hauseingängen und Ausfahrten vorbeigeführt werden, dass es alle paar hundert Meter zu gefährlichen Situationen kommt. Die meisten Radfahrer sind so sehr an die widrigen Umstände des Radfahrens gewöhnt, dass es grundsätzlich normal ist, auf seine Vorfahrt zu verzichten.

Das grundsätzliche Problem an so manchem Fahrradunfall dürfte das Unwissen der Beteiligten sein, denn außer in der Grundschule, wo die jungen Radfahrer lernen, mit dem Rad nicht umzukippen, auf der weiterführenden Schule, wo behelmte Wassermelonen von der Leiter geworfen werden, und in der Fahrschule, wo das Wort Radfahrer mit etwas Glück beim Thema Autobahn fällt, die von einem Radfahrer nicht befahren werden dürfen, findet keinerlei Fahrradunterricht statt.

Nun muss man nicht gleich auf die Einführung eines Fahrradführerscheines drängen, aber es wäre hilfreich, wenn Radfahrer in der Autonation Deutschland nicht langer bloß als beräderte Fußgänger gelten müssten, die sich mehr schlecht als recht durch den Straßenverkehr kämpfen. Den meisten Radfahrern dürfte gar unbekannt sein, welchen Straßenteil sie überhaupt befahren dürfen. Während die Fahrbahn von den meisten Radfahrern aus trügerischem Sicherheitsgefühl gemieden wird, ist man auf Rad- und Gehwegen hingegen fröhlich in beiden Fahrtrichtungen unterwegs. Dass mit dem Aufsteigen aufs Rad gleich vollkommen unterschiedliche Verkehrsregeln im Gegensatz zu Fußgängern gelten, dürfte ebenso unbekannt sein — vermutlich ist es nur dem ähnlichen Unwissen der Autofahrer zu verdanken, dass Radfahrer am Fußgängerüberweg nicht gleich reihenweise umgefahren werden.

Autofahrer sind im Allgemeinen noch schlechter über die Radverkehrsregeln informiert, denn wer lieber auf vier Rädern unterwegs ist, wird sich nur selten über die widrigen Regeln Gedanken machen, mit denen Radfahrer im Allgemeinen kämpfen. Unvergessen ist die Selbstjustiz, mit denen Radfahrer auf Radwege gedrängt werden sollen, die möglicherweise nicht benutzungspflichtig sind und womöglich noch von Wurzelaufbrüchen, Mülltonnen und parkenden Autos versperrt werden. Beim Abendessen beschwert sich der Vater, dass „diese Radfahrer“ ständig gegen die Einbahnstraße führen, obwohl das mit Zusatzschildern seit Jahren erlaubt ist. Tatsächlich gab es schon motorisierte Verkehrsteilnehmer, die ganz überraschend von den Polizeibeamten erfuhren, dass der Radverkehr den normalen Vorfahrtsregeln unterliegt und der angefahrene Radfahrer aus der rechten Querstraße Vorfahrt hatte.

Es gibt also tatsächlich eine ganze Menge an Problemen, an deren Behebung man für die Sicherung des Radverkehrs angreifen könnte. Herr Peter Ramsauer, mutmaßlich eher selten bis nie mit dem Rad unterwegs, was leider auch für die meisten Mitarbeiter von Straßenverkehrsbehörden gelten dürfte, will aber leider nicht die Unfallrisiken für Radfahrer senken. Man möchte beinahe zynisch behaupten, Radfahrer sollten ruhig weiter im Straßenverkehr verunfallen, dann aber theoretisch nicht so häufig sterben.

Obwohl man über die Wirksamkeit von Fahrradhelmen prächtig streiten kann, sind die Nebenwirkungen einer allgemeinen Helmpflicht durchaus plausibel: der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr sinkt — so geschah es wenigstens in all jenen Staaten nach der Einführung der Helmpflicht. Es ist dabei unerheblich, um Verkehrsteilnehmer aus Angst um ihre Frisur, aus Stolz oder aus Zweifeln an der Helmwirksamkeit nicht mit Fahrradhelm fahren wollen. Das Phänomen dürfte jeder Motorradfahrer bei der Ausfahrt während der ersten Frühjahrstagen kennen: die vierrädrigen Verkehrsteilnehmer sind weder an die Erscheinung eines Motorrades gewöhnt noch an dessen mögliche Geschwindigkeiten.

Natürlich gibt es noch eine ganze Weile ungeklärter Probleme. Wer etwa erklärt Kindern, dass ein Helm im Straßenverkehr Pflicht ist, auf dem Spielplatz aber auf keinen Fall getragen werden darf? Und falls die Fahrradverleihstationen, die sich momentan aufgrund der Popularität des Zweirades wachsener Beliebtheit erfreuen, auch einen Helmverleih anbieten, wer kontrolliert denn, ob ein solcher Helm überhaupt noch sicher und nicht schon mehrmals auf den Asphalt geprallt ist?

Überhaupt darf man davon ausgehen, dass die Versicherungen die Helmpflicht gerne nutzen werden, um bei Unfällen die Zahlung zu verweigern, falls kein Helm oder der Helm nicht vorschriftsmäßig getragen wurde — die Radfahrer, die heutzutage mit Helm unterwegs sind, tragen zwar einen Helm, in den seltensten Fällen allerdings so, dass er bei einem Unfall tatsächlich seine maximale Schutzleistung entfalten könnte.

Der rechtliche Rahmen zur Helmpflicht ist übrigens nicht so einfach, wie Herr Peter Ramsauer das gerne hätte. Und falls er in den nächsten Wochen ein neues Thema abseits des Radverkehrs zur Steigerung der eigenen Popularität sucht: die Bundesrepublik Deutschland hat seit nunmehr zwei Jahren keine gültige Straßenverkehrsordnung mehr und mit den versprochenen Wechselkennzeichen geht es noch immer nicht so recht voran. Und es gibt noch eine Reihe weiterer Tätigkeiten außer Fahrradfahren, bei denen Kopfverletzungen die Haupttodesursache sind.

Eines hingegen ist sicher: eine wirkliche Verbesserung des Radverkehres wird es zumindest von Herrn Peter Ramsauer nicht geben.

Immerhin: auch am Ende des SPIEGEL-Artikels weiß man nicht so recht, wie einem eigentlich geschieht.

(…) Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) lehnt hingegen eine Helmpflicht ab. (…) Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) befürchtet, dass die Pflicht eher die Gefährdung erhöhen wird, weil viele sich dann wieder ins Auto setzten. (…) kritisierte der ADFC.

Man darf mutmaßen, dass in einem der beiden Absätze eigentlich der ADAC gemeint sein dürfte — welcher das ist, kann man aufgrund der Kongruenz der Meinungen gar nicht erkennen.

Eine Helmpflicht macht noch keine Sicherheit

Holger Dambeck schreibt auf SPIEGEL ONLINE einen recht lesenswerten Artikel über den Unsinn einer Fahrradhelmpflicht: Warum eine Helmpflicht Radlern wenig hilft

Muss man die Radfahrer zu mehr Sicherheit zwingen? Verkehrsminister Ramsauer erwägt eine Helmpflicht. Der Zwang zur Haube soll Leben retten. Doch um die Radler wirksam zu schützen, wären andere Maßnahmen viel sinnvoller.

Es ist schon interessant, dass die wirklichen „Fahrradländer“, so man sie denn so bezeichnen möchte, ohne jegliche Ideen einer Helmpflicht auskommen — darüber wird bloß in jenen Parlamenten diskutiert, in denen man sowieso nicht weiß, wie mit diesen Zweiradfahrern auf der Straße umgegangen werden soll. Mag sein, dass ein Fahrradhelm irgendwo sinnvoll ist, eine generelle Helmpflicht ist es auf keinen Fall: Sie lässt das Fahrradfahren gefährlicher erscheinen und verhindert noch lange keinen einzigen Unfall — Unfälle vermeidet eine sinnvolle Radverkehrsstrategie mit sinnvollen Radverkehrsanlagen.

Peter Ramsauer überrascht: Kraftfahrer finden Radfahrer doof

Peter Ramsauer gehört zu den Menschen, die große Pläne mit schlussendlich ganz überschaubaren Ergebnissen schmieden. Man wird nicht so richtig schlau aus dem Mann, nicht als Kraftfahrer, obschon er doch als erklärter Lobbyist der Automobilindustrie gilt, schon gar nicht als Radfahrer, denn obschon er mutmaßlich ein eigenes Zweirad besitzt, sitzt er allenfalls zu Fototerminen mit nicht an den Kopf angepassten Fahrradhelmen im Sattel.

Nachdem der Begriff des Kampfradlers schon als gemeinhin etabliert gelten darf, legt Ramsauer noch einmal nach: Ramsauer attackiert rücksichtslose Radfahrer

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer fordert von den Bundesländern, Radfahrer strenger zu kontrollieren. Rücksichtslose Radler hielten sich offenbar für „Robin Hoods der Straße“.

Alles böse kommt natürlich von diesen Radfahrern und das weiß Peter Ramsauer sogar mit Zahlen zu untermauern:

77 Prozent von 1600 Befragten beklagten, dass sich Radfahrer häufig über die Verkehrsregeln hinwegsetzen. Andererseits warf mehr als jeder zweite Befragte (56 Prozent) den Autofahrern vor, zu wenig Rücksicht auf Radfahrer zu nehmen. Auf verhaltene Zustimmung traf der Vorschlag, die Verkehrsverstöße von Fahrradfahrern konsequenter zu ahnden (55 Prozent).

Als „erschütternd“ soll Ramsauer diese Werte bezeichnet haben, vermutlich aber eher wegen der bösen Radfahrer und nicht aufgrund immerhin jedes zweiten Verkehrsteilnehmers, der sich schon einmal von Kraftfahrern bedrängt gefühlt hatte. Nun braucht aber auch gar keine unnötige Lebenszeit zur Debatte über diese Umfrageergebnisse verschwendet werden, denn im Endeffekt ist alles ganz einfach:

An der Umfrage nahmen 1600 Menschen teil, die zur Hauptuntersuchung an eine Dekra-Niederlassung kamen.

Noch repräsentativere Orte für eine solche Umfrage wären vermutlich Autohändler höherpreisiger Marken gewesen.