Wenn der Radweg überquillt

Holger Dambeck schreibt im SPIEGEL ONLINE über die Probleme „echter“ Fahrradstädte: Hilfe, ich stehe im Fahrradstau!

Mehr Fahrräder sollen Metropolen lebenswerter machen – in manchen Städten Hollands und Dänemarks sorgt die Drahtesel-Flut aber schon für Frust. Und für Staus und Parkprobleme genau wie bei Autos.

Das Problem gibt’s, wie weiter unten beschrieben, natürlich auch jetzt schon in Deutschland: Die deutsche Radverkehrsinfrastruktur ist in der Regel für ein paar weniger Radfahrer auf dem sonntäglichen Weg zum Baggersee ausgelegt, aber genügt nicht einmal einem zweistelligen Radverkehrsanteil. Schade, dass die Platzprobleme des Fahrrades nicht andersherum betrachtet werden: Eine Gruppe von sechs, acht oder gar zehn Radfahrern benötigt schließlich sehr viel weniger Platz als im Auto sitzend.

„Kampfradler: für mich ist das etwas Neues“

Holger Dambeck schreibt bei SPIEGEL ONLINE über Das Rätsel des radelnden Holländers:

Was können die Deutschen von den Niederländern lernen? Vor allem einen entspannten Umgang mit dem Fahrrad. Trotzdem rätseln Verkehrsexperten, warum in Amsterdam, Utrecht und Eindhoven vieles so anders ist als in Deutschland.

Der wesentliche Unterschied: während in der Automobilnation Deutschland immer wieder der Krieg zwischen Kraft- und Radverkehr skizziert wird und das Fahrrad nach Meinung der meisten Verkehrsteilnehmer ohnehin bloß zur Fahrt zum Baggersee taugt, sind Zweiräder in den Niederlanden gesellschaftlich akzeptiert. Daraus folgt auch die Bereitschaft zur Finanzierung der entsprechenden Infrastruktur, während hierzulande Radfahrer einerseits nicht auf der Fahrbahn fahren, andererseits aber bitteschön mit einem handtuchbreiten Radweg zufrieden sein sollen.

Wie die niederländischen Radwege entstanden

Es ist schon interessant, wenn ein Video die niederländischen Radwege in ihrer Form vor dem Zweiten Weltkrieg als schmal, holperig, lückenhaft und an Kreuzungen schlecht geführt bezeichnet und der deutsche Zuschauer nur aus dem Fenster sehen muss, um ebenjene Radwege zu finden, die es wohl vor achtzig Jahren in unserem Nachbarland gab.

Nach dem zweiten Weltkrieg hielt der Wohlstand in das niederländische Leben und in die Verkehrspolitik, Häuser wurden abgerissen und an ihrer Stelle neue Straßen gebaut und fortan zierte nicht mehr der Wochenmarkt den Platz vor dem Rathaus, sondern aberhunderte Autos den neuen Parkplatz. Das Auto stand damals im Mittelpunkt, die Verkehrsinfrastruktur berücksichtigte andere Verkehrsteilnehmer nur unzureichend — auch das ist in großen Teilen der Bundesrepublik noch immer der Stand der Dinge.

Die Bevölkerung mochte allerdings nicht mehr auf die Entwicklung sicherer Kraftfahrzeuge warten: zu hoch waren die Unfallzahlen, so dass Demonstranten sicherere Verkehrsinfrastruktur forderten. Genau wie in Deutschland wollte man Radwege bauen, aber im Gegensatz zu Deutschland machte man bei den Radwegen keine halben Sachen und verzichtete auf die berühmten schwarzgeteerten Buckelpisten, die noch heute häufig links und rechts der deutschen Straßen zu finden sind.

Die damalige Ölkrise beschleunigte die Entwicklung zum Fahrradland, denn im Gegensatz zu ihren östlichen Nachbarn nahmen die Niederländer die Umstellung zu einer insgesamt energieeffizienteren Lebensweise offenbar etwas ernster. Vor allem erkannten die Niederländer, dass es gar keine großen Abstriche in der Lebensqualität bedeutet, innerhalb der Stadt mit dem Rad anstelle des Autos unterwegs zu sein. In Deutschland ist jede dritte Fahrt kürzer als drei Kilometer und nur die Hälfte länger als zehn Kilometer, so dass sich wenigstens in der Theorie auch hier relativ viele Wege mit dem Rad zurücklegen lassen sollten. Dem im Weg steht allerdings die durchschnittlich sehr schlechte Radverkehrsinfrastruktur und wohl auch ein wenig die deutsche Mentalität, die sich als Autonation mit dem Rad als vollwertiges Verkehrsmittel nicht so richtig anfreunden kann.

Und die Niederländer? Die demonstrierten erst einmal weiter gegen den damals tatsächlich sehr gefährlichen motorisierten Individualverkehr — und bauten anschließend vernünftige Radwege, die überhaupt gar keine Ähnlichkeit mit der Infrastruktur haben, die man in Deutschland vorfindet. Das ganze ist absolut sehenswert und ein schönes Beispiel dazu, dass mit dem Fahrrad der Lebensstandard überhaupt nicht sinken muss — ganz im Gegenteil.