Der sommerliche Krieg auf der Straße

Sendungen, die jene drei verhängnisvollen Wörter „Fahrradfahrer“, „Autofahrer“ und „Krieg“ im Titel tragen, braucht man sich eigentlich auch nicht mehr ansehen. Alle Weisheiten wurden in den letzten Jahren ausgetauscht und eigentlich geht es nur noch darum, möglichst viele falsche Informationen und Halbwahrheiten zu verbreiten, um die tatsächlich nicht immer gute Stimmung zwischen Auto- und Radfahrern noch weiter anzuheizen.

Mal sehen, was Klipp & Klar am Dienstag um 21 Uhr aus dem Verkehrsalltag dreht: Auto gegen Fahrrad – Krieg auf der Straße?

Die letzten Fernsehsendungen mit ähnlichen Themen waren so unterirdisch, dass sich eine Rezension schon von selbst verbot.

AutoBILD: Radfahrer sollen Radwege benutzen, wann immer es möglich ist

In der Aufregung über den damaligen und deutlich misslungenen Artikel in der BILD ging tatsächlich ein echter Knaller des Schwesterblattes AutoBILD unter: Was dürfen Radfahrer?

Dieser Artikel taucht zu allem Überfluss sogar in der Kategorie Verkehrsrecht auf und ist zwar sachlich gesehen nicht falsch, aber so geschickt formuliert, dass der oft beschworene Krieg zwischen Auto- und Radfahrern allenfalls weiter angefacht wird. Das geht schon mit dem eingangs aufgebauten Szenario los:

Berufsverkehr, halb acht. Autos quälen sich zweispurig in die Stadt. Auf der rechten Spur geht nichts voran: Dort zuckelt ein Radfahrer, obwohl er auf einen Radweg ausweichen könnte. Folge: genervte Autofahrer, Hupkonzert.

Klar, wer kennt dieses Szenario nicht, wird sich jeder Leser denken. Fraglich ist aber auch ein knappes halbes Jahr nach Erscheinen des Artikels, wie viele Leser denn das wohlvertraute Szenario des Autofahrers kennen, der mitten im Stau steht und nicht so recht vorankommt, weil abertausende andere Pendler ebenfalls auf die Idee gekommen sind, um halb acht mit dem Auto zur Arbeit zu fahren — und wie viel später der Autofahrer wohl tatsächlich allein wegen der Fahrradfahrer zur Arbeit kommt und wie viel Verspätung hingegen die anderen Kraftfahrzeuge zwischen Stoßstange und Fahrtziel ausmachen.

Fairerweise sollten womöglich auch die Radfahrer erwähnt werden, die zwischen Start und Ziel geradezu artistische Meisterleistung auf unzulässig blau beschilderten Radwegen vollbringen, vor jeder Kreuzung an der Fußgängerampel warten müssen und so sehr genervt sind, dass sie tatsächlich auf die Fahrbahn ausweichen, um wenigstens noch einigermaßen rechtzeitig zur Arbeit zu fahren. Dort nerven sie dann wieder die Autofahrer und das Spiel beginnt von vorne.

Die unausweichliche Frage lautet also:

Und die Frage: Darf der da überhaupt fahren?

Das erinnert immer ein wenig an eine Frage aus der Fahrschulzeit, die in etwa lautete: „Von hinten nähert sich ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn. Was müssen Sie tun?“ Und eine der Antwortmöglichkeiten lautete in etwa: „Sich fragen, ob das Fahrzeug die Sonderrechte in Anspruch nehmen darf.“ Denn eigentlich geht den Autofahrer die Wahl des Radfahrers, welchen Straßenteil er hier gerade bevorzugt, überhaupt gar nichts an. Einerseits wird die durchschnittliche Verlängerung der Fahrzeit wegen Radfahrern auf der Fahrbahn kaum messbar ausfallen, auch wenn immer wieder gegenteiliges behauptet wird und es freilich wirklich die Radfahrer geben mag, die auf einer Bundesstraße über zwanzig oder dreißig Kilometer eine endlose Fahrzeugschlange ohne Überholmöglichkeit hinter sich herziehen, andererseits darf der Autofahrer auch getrost davon ausgehen, dass der Radfahrer einen guten Grund haben wird, eben nicht auf dem Radweg zu fahren.

Sei es die in Studien hinreichend oft dargelegte Unsicherheit auf dem Radweg, sei es die mangelnde Bausubstanz des durchschnittlichen deutschen Radweges, die sich durch die Windschutzscheibe gerne als „tadellos und bestens ausgebauter Radweg“ beschrieben wird, aber stellenweise nur im Schritttempo befahren werden kann, seien es parkende Kraftfahrzeuge auf dem Radweg, plötzlich öffnende Autotüren, Mülltonnen, Fußgänger oder Baustellen, sei es, dass der Radfahrer bald links abbiegen möchte oder dass der Radweg irgendwo hinführt, wo er gar nicht hin will: wer zu den ein bis zwei Prozent der Fahrbahnradler gehört, die sich nicht mit Begeisterung auf jeden Radweg stürzen, wird sich dabei schon etwas überlegt haben und Autofahrer, die ihm dann ihre Weisheiten unterbreiten und mit der Hupe Nachdruck verleihen, sind sicherlich mit das letzte, worauf er dann Lust hat.

Die Radfahrer, die freiwillig einen unbeschilderten Radweg oder gar einen nicht freigegebenen Gehweg befahren, tun das meistens aus Unkenntnis über die tatsächliche Gefahrenlage: auf dem Radweg hat man erst einmal nichts mit den Autos zu tun, da scheint es subjektiv sicherer zu sein. Die Gefahr wartet aber spätestens an der nächsten Kreuzung, wenn der Radfahrer dort vom rechtsabbiegenden Fahrzeugführer übersehen wird. Auch wenn 98 bis 99 von einhundert Radfahrern den Radweg bevorzugen und notfalls auf dem Gehweg weiterfahren, heißt es nicht, dass der Radfahrer auf der Fahrbahn ein Bösewicht ist: in der Regel handelt es sich — ganz im Gegenteil — um einen Verkehrsteilnehmer, der sich gründlich mit der Straßenverkehrs-Ordnung und dem sicheren Radfahren auseinandergesetzt hat.

Solche Überlegungen etwa hätte man in den Artikel einstreuen können. Entschieden hat sich der Autor für etwas anderes:

Jein. Ist ein Radweg vorhanden, sollen Radfahrer ihn benutzen, wann immer das möglich ist. Eine Radwegsbenutzungspflicht, etwa wegen besonderer Gefährdung, muss jedoch extra ausgewiesen werden – andernfalls darf bei stark beschädigten Radwegen auf die Straße ausgewichen werden.

Man hätte auch folgendes schreiben können, ohne den Sinn der Aussage zu entstellen:

Nein. Sobald rechts oder links neben der Fahrbahn etwas nach einem Radweg aussieht, müssen Radfahrer ihn befahren. Weisen Sie den Bösewicht notfalls mit der Hupe darauf hin oder rufen Sie die Polizei.

Im Ernst: dieser eine Absatz in der AutoBILD ist schon so grotesk verkehrt, dass es nicht mal mehr mit Kopfschütteln getan ist. „Ist ein Radweg vorhanden, sollen Radfahrer ihn benutzen, wann immer das möglich ist“ — wo in der Straßenverkehrs-Ordnung hat der Autor das denn herausgelesen? Wäre der Satz im Konjunktiv verfasst, so könnte man noch glauben, der Autor sei dem Glauben an sichere Radwege und gefährliche Fahrbahnen verfallen oder meint, es sollte aus Rücksichtnahme auf Autofahrer alles befahren werden, was nach Radwegen aussieht. Das steht dort aber nicht im Artikel und das ist grundlegend falsch.

Der Rest ist nicht sehr viel besser. Eine Benutzungspflicht muss ausgewiesen werden, okay, auch wenn hier eine Erwähnung der dafür notwendigen Beschilderungen schön gewesen wäre. Ein Gehweg mit „Radfahrer frei“ ist nämlich nicht benutzungspflichtig, auch wenn das viele Verkehrsteilnehmer glauben. Geschickt angebaut ist der letzte Satz mit den beschädigten Radwegen, denn zusammengefasst sagt jener Absatz eigentlich folgendes aus:

Radfahrer sollen Radwege generell benutzen. Es darf allenfalls bei stark beschädigten Radwegen auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Ist ein Radweg als benutzungspflichtig beschildert, darf die Fahrbahn in gar keinem Fall benutzt werden.

Und diese Regelung steht nunmal weder in der Straßenverkehrs-Ordnung noch wurde sie von der Rechtsprechung in diese Richtung entwickelt. Ganz im Gegenteil: die Rechtsprechung sagt, der Radverkehr gehöre primär auf die Fahrbahn und sieht benutzungspflichtige Radwege als die absolute Ausnahme. Die AutoBILD verteilt hingegen lieber falsche Informationen und sorgt mit solchen Artikeln sicherlich dafür, dass Fahrbahnradler im eingangs beschriebenen Szenario nach wie vor behupt, bedrängelt und belehrt werden.

Krieg auf der Straße

Eigentlich sollte hier bei Gelegenheit ein Artikel über die Nordreportage „Zoff auf der Straße“ erscheinen — nach knapp drei Wochen steht allerdings fest: das ist ein vollkommen aussichtsloses Unterfangen. Die Reportage konstruiert einen Krieg auf den deutschen Straßen, den es in der Wirklichkeit nicht gibt, versucht die Stimmung mit halbgaren Argumenten und seltsamen Protagonisten anzuheizen und am Ende steht eigentlich nur fest, dass Radfahrer zum Abschaum der Gesellschaft gehören und selbst schuld sind, wenn sie von der Fahrbahn gehupt werden.

Die Reportage war die 30 Minuten auf der Couch nicht wert. Und darüber zu schreiben ist noch unsinniger.

Zoff auf der Straße

Der NDR mischt fleißig mit beim Kampf um die Straße. Die Beschreibung der Nordreportage muss man einfach komplett zitieren:

Mehr Radfahrer, mehr Autos – weniger Platz. Der Verkehr wird stressiger, für alle Teilnehmer: Autofahrer, Fußgänger, Radfahrer. Jeder pocht auf seine Vorfahrt. Die Stimmung scheint aggressiver geworden zu sein: Radfahrer fühlen sich von Autofahrern drangsaliert, kritisieren die schlechte Verkehrspolitik. „Radler-Rambo“, ein Trendwort, das ausdrückt, wie viele Radfahrer gesehen werden, sei es von Fußgängern oder Autofahrern.

Die Reportage begibt sich direkt in die Kampfzone Verkehr. Das Autorenteam Sara Rainer und Julian Prahl ist mit kleinen Kameras auf dem Lastenrad oder im Taxi unterwegs, um unverfälschte Situationen zu erleben: Wie kommt es zu den Streitereien, warum wird gepöbelt, wer hat Recht?

Stefanie Fischer aus Hamburg ist auf ihr Fahrrad angewiesen, sie möchte eigentlich auf der Fahrbahn fahren um schnell voranzukommen, denn die 50-Jährige kann sich kein Auto oder die „Öffentlichen“ leisten. Doch sie findet, dass die Autos ihr keinen Platz lassen. Rentner Dieter Beck aus Osnabrück ist Vorsitzender der einzigen Bürgerinitiative in Norddeutschland, die sich direkt gegen Falschradler richtet. Er beobachtet eine Verwahrlosung der Verkehrssitten seitens der Radfahrer. Otto Stark, seit 18 Jahren Taxifahrer in Kiel, sieht die Radfahrer klar in der Pflicht, sich besser zu verhalten und Rücksicht zu nehmen, denn die Straßen sind für die Autos gebaut. Alle drei Personen werden durch den Verkehr begleitet, der Zuschauer erlebt dabei die direkten Konfrontationen.

Damit werden alle eindimensionalen Positionen hinreichend abgebildet. Man darf gespannt sein, ob wieder nur eine Berichterstattung aus dem Krieg stattfindet oder tatsächlich Hintergründe und Ursachen gesucht werden.

die nordreportage: Zoff auf der Straße
Montag, 20. Februar 2012, 18:15
Mittwoch, 22.02.2012, 02:10 Uhr
Freitag, 24.02.2012, 13:00 Uhr

SPIEGEL ONLINE bläst zur Radfahrer-Hatz

SPIEGEL ONLINE macht wieder gegen Radfahrer mobil: Rad-Rambos blasen zur Auto-Hatz

(…) Auto- und Fahrradfahrer stehen sich bisweilen unversöhnlich gegenüber, keiner gibt nach. Mittlerweile findet der Kleinkrieg aber auch im Internet statt. In den Web-Foren geht es manchmal so derb und hemmungslos zu wie am Stammtisch. Um – vermeintliche – Fehler ihrer Kontrahenten abzustrafen, überbieten sich Chatter mit fiesen Tipps.

Aufkleber auf die Windschutzscheibe pappen, Spiegel abtreten, den Wagen anspucken oder ein Schlag mit der flachen Hand aufs Fahrzeugdach – das sind auf Seiten der Radfahrer die gängigsten Kampfmethoden, die im Web genannt werden. Radrennfahrer schlagen auch den Wurf mit Energieriegeln oder Trinkflaschen vor, „um drängelnde Autofahrer abzuwehren“.(…)

Auch wenn es die Überschrift nicht hergibt und das Aufmacherfoto einen offenbar korrekt fahrenden Radfahrer zeigt, dem die Vorfahrt von einem abbiegenden Kraftfahrwagen genommen wurde— auch in den bekannten Auto-Foren gibt es entsprechende Diskussionen (Verlinkungen eingefügt):

(…) Aber auch die Autofahrer haben ihre Methoden: In Internetforen erklären sie, wie sie mit Hilfe von Nadeln die Beifahrerdüse der Scheibenwaschanlage so einstellen, dass sie statt der Scheibe die neben dem Auto fahrenden Radfahrer treffen. Anonym vor dem Rechner verliert mancher Schreiber jede Hemmung. Den Zusammenstoß eines Radfahrers mit einem Auto kommentiert ein User im Freaksearch Forum: „Haste nachgetreten? Finalen Rettungsschuss angesetzt? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft.“

Allein die Tatsache, dass Radfahrer auf der Straße fahren, bringt einige Autofahrer in Rage. „Ich hupe Radfahrer immer an, wenn sie so ein Verhalten an den Tag legen“, schreibt ein Mitglied im Forum Gutefrage.net. Und ein Chatter anwortet: „Das mach ich auch. Wenn sie sich erschrecken ist es besonders lustig :).“

Natürlich kursieren auch harmlosere Tipps, etwa möglichst dicht an den Straßenrand zu fahren, wenn man an einer roten Ampel halten muss, damit Radfahrer sich nicht „nach vorn mogeln“ können (obwohl sie es der Straßenverkehrsordnung nach dürfen). Oder den Abstand zum Vordermann in der Ampelschlange so gering zu halten, dass auch dort kein Radler durchkommt. (…)

Leider konnte sich SPIEGEL ONLINE nicht dagegen erwehren, der schon tausende Male geführten Radfahrer-Autofahrer-Diskussion ein neues Forum einzurichten — mal sehen, wie lange es bis zur Eskalation dauert. Die Forderung einer sinnlosen Kennzeichnungspflicht taucht immerhin schon auf Seite 3 auf.

Man möchte schon fast vermuten, dass das eigentliche Problem im Straßenverkehr nicht die Verkehrsteilnehmer, sondern die hetzerische Berichterstattung ist.

Was dürfen Autofahrer sich alles erlauben?

Radler gegen Autofahrer — der tägliche Kleinkrieg nervt beide Seiten. Fahrradfahrer fragen sich: Dürfen die sich eigentlich alles erlauben?

BILD versucht nach eigenen Angaben aufzuklären — und scheitert wie erwartet. Der Artikel macht freilich auch nicht den Eindruck eines Versuches, sich dem Thema Radverkehr auf eine recherchierte und wohlüberlegte Art zu nähern. Mutmaßlich war hier der berühmte Praktikant im Einsatz, der mit wenig Mühe und noch weniger Fachkenntnissen eine kurze Klickstrecke gebastelt hat. Schon die erste Information ist reichlich misslungen:

Wann darf ein Radfahrer überhaupt auf der Straße fahren?
Ist ein Radweg vorhanden, müssen Radfahrer ihn benutzen. Wer trotzdem auf der Straße fährt, riskiert 15 Euro Strafe. Wer andere dabei behindert, zahlt 20 Euro.

Die versuchte Abhandlung über die geltende Rechtslage disqualifiziert sich schon in Ermangelung von Fachbegriffen. Sofern ein Radfahrer nicht gerade durch einen Park oder einen Fluss fährt, benutzt er ohnehin die Straße, denn zu ihr gehört nicht nur die eigentliche Fahrbahn, die umgangssprachlich als ebenjene Straße bezeichnet wird, sondern auch Seitenstreifen und Sonderwege, also auch Rad- und Gehwege.

Abgesehen davon muss ein Radfahrer längst nicht jeden vorhandenen Radweg benutzen, sondern lediglich benutzungspflichtige Radwege, also jene, die mit Zeichen 237, Zeichen 240 oder Zeichen 241 gekennzeichnet sind. Bei allen anderen Wegen handelt es sich lediglich um so genannte „Andere Radwege“, deren Benutzung im Allgemeinen nicht zu empfehlen ist. Die Probleme beginnen bereits mit deren Erkennbarkeit, denn ohne die blauen Verkehrsschilder muss ein solcher Radweg erst einmal gefunden werden. Bei den schwarzen Teerstreifen, die sich in vielen Städten zwischen Gehweg und Fahrbahn entlangschlängeln, handelt es sich freilich um leicht erkennbare Andere Radwege.

Leider ist längst nicht jeder Anderer Radweg so leicht zu erkennen, besonders wenn sich Rad- und Gehweg nur durch die Art oder Farbe der Pflasterung unterscheiden, wobei es nicht nur zwischen verschiedenen Städten, sondern bereits von Straße zu Straße variierende Farben und Muster gibt. Mancherorts wird sogar nur eine schmale Fuge oder ein dünner weißer Strich eingesetzt, um einen Anderen Radweg abzugrenzen. Solche Anderen Radwege werden zum Problem, sobald es zu einem Unfall, im schlimmeren Falle sogar zu einer Kollision mit einem Fußgänger kommt, die gerade bei schlecht erkennbaren Radwegen wahrscheinlicher werden — in solchen Fällen wurde schon so mancher Radfahrer belehrt, dass jene Fläche, die er jahrelang für einen Radweg hielt, in Wirklichkeit nur ein Gehweg ist, den er gar nicht hätte befahren dürfen.

Das größte Problem der Radwege soll dabei nicht unerwähnt bleiben: es gibt kaum einen Radweg, der wirklich den Anforderungen entspricht und angenehm zu befahren ist. Fußgänger, Mülltonnen, Verkehrsschilder, öffnende Autotüren, parkende Fahrzeuge blockieren den Radweg, er wird von Baumwurzeln aufgebrochen, an jeder Einfahrt abgesenkt, mit unebenen Gullideckeln verziert, im Winter nicht geräumt, im Herbst nicht vom Laub gereinigt und im Frühjahr nicht von Schlaglöchern befreit und im Sommer, ja, im Sommer sind dort die sonntäglichen Geisterradler unterwegs. Ein benutzungspflichtiger Radweg wird in solchen Fällen unbenutzbar, so dass Radfahrer die Fahrbahn nutzen dürfen. Übrigens darf ein benutzungspflichtiger Radweg auch verlassen werden, wenn nicht ersichtlich ist, dass er zum eigentlichen Ziel führt, wenn er nicht straßenbegleitend geführt wird oder Radfahrer an Kreuzungen direktes Linksabbiegen praktizieren wollen.

Im Zweifelsfall und abseits der blauen Fahrradschilder sollten Radfahrer auf jeden Fall die Fahrbahn benutzen. Autofahrer haben dafür in der Regel wenig Verständnis — und es ist davon auszugehen, dass das Miteinander zwischen Zwei- und Vierradführern nach solchen Artikeln für ein paar Wochen ganz besonders gestört wird, wenn Kraftfahrzeugführer von solchem Unsinn ermutigt mit Hupe und Scheibenwaschanlage zur Selbstjustiz greifen.

Abzuraten ist übrigens in jedem Fall von so genannten freigegebenen Gehwegen. Auf solchen Wegen dürfen Fahrradfahrer nur mit Schrittgeschwindigkeit bewegt fahren und haben im Falle eines Unfalls beinahe immer das Nachsehen. Es gibt in der Regel keinen vernünftigen Grund, als Radfahrer solche Wege zu nutzen.

Der nächste Unfug wartet nur drei Mausklicks entfernt:

Haben Radfahrer Vorrechte am Zebrastreifen?
Nicht wenn sie über den Zebrastriefen radeln. Sie müssen absteigen.

Auch das Thema Fußgängerüberwege und Radfahrer ist in zwei Sätzen längst nicht zu bewältigen. Richtig ist: Radfahrer haben keinen Vorrang am Fußgängerüberweg. Falsch ist: Radfahrer müssen absteigen. Tatsächlich dürfen Radfahrer den Zebrastreifen benutzen, um die Fahrbahn zu überqueren, sie haben dabei bloß keinen Vorrang. Sie können sich beim Warten auch an einem Laternenpfahl oder am Pfahl des Zeichen 350 festhalten — wenn sie nämlich absteigen, hat das einen ganz anderen Effekt, dann werden sie zum Fußgänger und bekommen im Handumdrehen den zuvor verwehrten Vorrang. Das bringt allerdings sogar der ADAC gerne durcheinander.

Nun gibt es in der Praxis nur wenig Fälle, in denen Radfahrer überhaupt in die Verlegenheit kommen, einen Fußgängerüberweg zu benutzen, sofern nicht vorher verbotswidrig der Gehweg befahren wurde oder entgegen der Vorschriften ein Radweg längs über den Fußgängerüberweg geführt wird. Solche Fälle bedürfen einer separaten Untersuchung.

Sofern der Radverkehr nicht ohnehin auf der Fahrbahn geführt wird, sollte parallel zum Fußgängerüberweg eine Radfahrerfurt eingerichtet werden. Das sieht dann beispielsweise so aus:

Hier haben Radfahrer in jeder Situation Vorrang, denn der Radweg wird auf der Seite der Sparkasse straßenbegleitend zu einer Vorfahrtstraße geführt, das rote Auto muss also jegliche Radfahrer durchlassen. Sofern das graue Auto jetzt nach rechts in die Straße abbiegen würde, müsste es ebenfalls Radfahrer passieren lassen, denn beim Abbiegen muss in einer solchen Situation ohnehin Vorrang gewährt werden. Radfahrer bekommen also keinen Vorrang aufgrund eines Fußgängerüberweges, verlieren ihn jedoch auch nicht. Aufgrund der verkürzten Darstellung der BILD wären in nächster Zeit beinahe häufigere Unfälle an solchen Punkten zu erwarten.

Interessant sind auf jeden Fall noch die zum Artikel gehörigen Kommentare, bei denen man nicht genau weiß, ob sie den Durchschnitt der BILD-Leser oder den Durchschnitt der deutschen Autofahrer widerspiegeln. Dort wird, bestärkt durch die Falschinformationen im Artikel, so kräftig über Radfahrer hergezogen, dass ein Anstieg der Unfallzahlen in den nächsten Wochen tatsächlich unvermeidbar erscheint. Gerade der Radfahrer auf der Fahrbahn, der dort gerne als „fettleibiger Jan Ullrich“ dargestellt wird, scheint das größte Feindbild der deutschen Autofahrer zu sein, dem es mit Hupe und Scheibenwaschanlage zu begegnen gilt. Andere Autofahrer stellen fest, dass eine Unbenutzbarkeit eines Radweges ohnehin nicht gegeben sei und Radfahrer sowieso auf Radwegen viel besser aufgehoben seien. Außerdem sei es eine Frechheit, dass Radwege nicht benutzt werden, wenn doch zuvor mit Milliardensummen und viel Arbeit extra ein solcher Weg hergerichtet wurde — und wozu habe man den schließlich gebaut, wenn nicht für die Sicherheit?

Wenn ich so einen „Jan Ullrich“ für Arme sehe .. die benehmen sich so als ob es keinerlei Gesetze / Regeln für sie gäbe.
ich plädiere für eine Kennzeichenpflicht für Fahrräder und drastische Strafen

Ob eine Kennzeichenpflicht, die ständig von Autofahrern gefordert wird, tatsächlich etwas bringt darf wohl bezweifelt werden. Kraftfahrzeuge fahren schon seit Jahrzehnten mit Kennzeichen, vom Drängeln auf der Autobahn oder dem Gasgeben bei gelber Ampel hält das offenbar nur wenige ab. Allerdings könnte man auch für solche Vergehen die Bußgeldsätze etwas anziehen: 35 Euro für eine innerörtliche Geschwindigkeitsüberschreitung von zwanzig Kilometern pro Stunde sind ja beinahe lächerlich.

Ich finde es schlimm dass sich viele Fahrradfahrer das Recht nehmen zu fahren wo sie wollen.Bei uns wurden für viele Millionen Radwege gebaut,doch werden sie einfach ignoriert da manchmal ein kleiner Umweg gefahren werden muß.

Gut gemeint ist nunmal das Gegenteil von gut gemacht. In den seltensten Fällen genügt ein Radweg den baulichen Mindestvorgaben und stellt tatsächlich eher eine Gängelung als eine Erleichterung des Radverkehrs dar. Und so lange selbst benutzungspflichtige Radwege verlassen werden dürfen ist das vollkommen legitim. Der „kleine Umweg“ tritt besonders häufig bei großen Kreuzungen in Großstädten auf, wenn zum Linksabbiegen mehrere einzelne Ampeln überquert werden müssen. Da liegt es natürlich nahe, sich zum schnellen Linksabbiegen auf der Fahrbahn einzuordnen.

Fußgängerüberwege sind Fußgängerüberwege geblieben – Radfahrer haben dort abzusteigen!!!

Der Unfug wird weder durch Ausrufezeichen noch durch Wiederholungen wahr.

ein kontrollierender Polizist ist kein Rechtsanwalt und muss nicht alle „aktuellen Urteile“ kennen. Er hat die StVO zur Verfügung und steht es eineindeutig: vorhandener Radweg – Nutzungszwang!!!

Der Autor dieses Beitrages hatte offenbar keine Straßenverkehrsordnung zur Verfügung.

Andererseits ist es wahrlich müßig, sich mit solchen Leuten zu unterhalten. Im Endeffekt läuft es wie im Straßenverkehr, wenn ein Autofahrer an der roten Ampel genüsslich das Fenster herunterlässt und mit ekligem Unterton fragt: „Schon mal was von Radwegen gehört?“ und man erklären möchte, dass das, was der Autofahrer als Radweg identifizierte, bloß ein breiter Gehweg ist — der Gesprächspartner ob der grünen Ampel aber längst das Gaspedal getreten hat und über alle Berge ist. Somit bleibt nur etwas Frust — und mit dem können Radfahrer offenbar sehr viel besser umgehen als Autofahrer.