„Rücksicht und Besonnenheit im Straßenverkehr“

W wie Wissen versucht sich ebenfalls an einer Interpretation des Krieges auf der Straße, obwohl man doch hoffen und meinen sollte, mit der Fahrradsaison endete auch der angebliche Kriegszustand auf der Straße: Kampfzone Verkehr

Mehr Radfahrer, mehr Autos – immer weniger Platz. Das wachsende Verkehrsaufkommen wird für alle Teilnehmer immer anstrengender: Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, jeder pocht auf seine Rechte. Die Stimmung ist aggressiv geworden: Radfahrer fühlen sich von Autofahrern drangsaliert und umgekehrt, alle kritisieren die zunehmende Rücksichtslosigkeit. Von „Radler-Rambos“, „Krieg auf der Straße“ und „gnadenloser Verdrängung“ ist die Rede. Aber geraten wir auf der Straße tatsächlich in einen Kampfmodus? Psychologen warnen: je dichter der Verkehr, desto angespannter die Menschen.
Doch wann – und vor allem warum – verwandeln sich gemütliche Spaziergänger, brave Radler und verantwortungsvolle Familien-Papas in „Streetfighter“? „W wie Wissen“ sucht im Asphaltdschungel nach der Lösung.

Na, nach der Lösung wird gesucht. Das ist doch erst vor einer Woche gründlich schiefgegangen? Egal, denn dem Thema kann sich ja trotzdem, wie sagt man so schön, ergebnisoffen genähert werden. Das fällt allerdings schwer, denn der Beitrag beginnt mit Filmen aus der Konserve: sowohl die warnwestenbewehrte Radfahrerin aus Hamburg, den einigermaßen aggressiven Taxifahrer aus Kiel und Dieter Beck aus Osnabrück, der als Vorzeige-Fußgänger in keiner Kriegsberichterstattung fehlen darf, die kennt man doch schon vom Norddeutschen Rundfunk aus einer misslungenen Reportage.

Immerhin: es gibt inzwischen einen Verkehrspsychologen, der die bereits bekannten Sequenzen etwas auflockert. Viel mehr aus dem vorhandenen Material gemacht wurde allerdings nicht: Dieter Beck, inzwischen Vorsitzender einer Bürgerinitiative mit dem wohlklingenden Namen Fußgängerschutz gegen Falschradler. Auch unter dem neuen Namen findet er weiterhin die Kraft, jedem Radfahrer hinterher zu rennen, um ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen und ihn leicht oberlehrerhaft zu belehren, aber auch diese Reportage bleibt die angekündigte Lösung schuldig: warum denn nun Radfahrer auf dem Gehweg mitten durch die Eisdiele radeln wird nicht weiter ausgeführt.

Beck darf sich weiterhin in teuren Sendeminuten über die bösen Radfahrer echauffieren, es wird nicht hinterfragt, ob Radfahrer denn nun aus purer Boshaftigkeit auf dem Gehweg radeln, um dort möglichst viele Fußgänger zu gefährden und zur Seite zu klingeln, oder ob, was eigentlich viel wahrscheinlicher ist, der Grund nicht doch eine Mischung aus Unkenntnis der Verkehrsregeln, der jahrzehntelangen Propaganda, Radfahren auf der Fahrbahn sei tödlich, und vor allem schlechten Angewohnheiten ist. Denn auch fünfzehn Jahre nach Aufhebung der generellen Radwegbenutzungspflicht gilt in den Köpfen der Verkehrsteilnehmer die Fahrbahn immer noch als ein absolut tödlicher Straßenteil. Und weil den Radfahrern weiterhin erklärt wird, es sei auf dem Radweg so viel sicherer als auf der Fahrbahn, was im Übrigen mittlerweile als widerlegt gilt, landen viele Radfahrer aus reinem Sicherheitsbedürfnis plötzlich auf dem Gehweg, wenn es keinen Radweg gibt. Man sagt nicht umsonst: wer Radwege säht, wird Gehwegradler ernten.

Die Verwaltung tut derweil ihr übriges, um die Situation möglichst unscharf wirken zu lassen. Mal muss der rechte Radweg benutzt werden, mal der linke, mal darf auf dem Gehweg geradelt werden, mal wird die Gehwegradelei kraft Zeichen 240 vorgeschrieben, dann endet sie plötzlich an der nächsten Kreuzung, obwohl der folgende Gehweg genauso aussieht wie der vorige und die Verkehrsbelastung auf der Fahrbahn nicht nennenswert gesunken ist. Klar, informierte Radfahrer blicken da durch, aber wer nur hin und wieder unbehelligt vom Studium der Straßenverkehrs-Ordnung auf dem Sattel sitzt, wird sich die Sache möglichst einfach und vermeintlich sicher machen: er befährt einfach alles, was nicht der Fahrbahn angehört. Tatsächlich sind es empirischen Untersuchungen gemäß vor allem so genannte „Nur-Autofahrer“, die zwei oder drei Sonntage im Sommer für eine kleine Radtour auf dem Sattel sitzen, sonst aber nur im Auto unterwegs sind, die eine besonders lockere Auslegung der Verkehrsregeln beherzigen und links und rechts der Fahrbahn und über rot und entgegen der Einbahnstraße holpern, weil sie das Fahrradfahren überhaupt nicht gewohnt sind und tatsächlich überhaupt gar keine Ahnung haben, welche Verkehrsregeln ungefähr gelten könnten.

Ja, man hätte schon aus diesem kleinen Thema herausarbeiten können, dass die ständige Hetze auf Fahrradfahrer als Wurzel allen Übels verfehlt, ungerecht und nur mittelbar zutreffend ist, aber entweder mangelte es dazu an Lust oder Sendezeit oder beidem, jedenfalls bleibt der Radfahrer zurück als das, was er angeblich ist: der schlimmste aller Verkehrsteilnehmer.

Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn bringt nun die Ellenbogenmentalität ins Spiel. Seine Erklärung ist einleuchtend: die Interaktionen im Straßenverkehr sind nicht vom Miteinander, sondern vom Gegeneinander geprägt. Man fährt nicht mehr zusammen mit anderen Verkehrsteilnehmern auf der Straße, sondern gegen sie. Und gerade andersartige Verkehrsteilnehmer, die sich etwa in der Anzahl der Räder unterscheiden, gelten da ganz schnell als Konkurrenz.

Schade, dass Sohn nur ein paar Sekunden reden darf, denn gleich drängt Otto Stark, der Taxifahrer, der weiß nämlich, wie unvernünftig die Radfahrer sind. Aha, schon wieder diese Differenzierung: es gibt also Radfahrer, die sind tendenziell ganz böse, und es gibt Autofahrer, die bekanntlich die Melkkühe der Nation sind, die unter den bösen Radfahrern zu leiden haben. Stark weiß auch, wie man als Radfahrer am sichersten ans Ziel kommt: einfach mal auf die Vorfahrt verzichten und Rücksicht gegenüber dem Autofahrer walten lassen. Denn bei einem Unfall habe der Radfahrer den größeren Schaden, der Kraftfahrer nur eine Delle im Fahrzeug. Ja, so ganz verkehrt ist diese Aussage gar nicht, doch führt so etwas unweigerlich dazu, dass Autofahrer allenfalls noch unbekümmerter ihre Schiffe durch die engen Gassen lenken: wenn’s brenzlig wird, dann werden die anderen Verkehrsteilnehmer schon im reinen Eigeninteresse beiseite springen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass diese Denkweise auch einigen Radfahrern anheim fiel: die fahren auch recht unbekümmert hier und dort lang, der Autofahrer wird schon aufpassen, der will schließlich niemanden totfahren.

Trotzdem war schon damals beim Norddeutschen Rundfunk diese Aussage ein ziemlicher Aufreger.

Und nun dass: „Der Stärkere hat Vorfahrt“, tönt es aus dem Off, „der Klügere sollte besser bremsen. Diese Egozentrik zeigen nicht nur Autofahrer, aber sie sind besonders anfällig dafür.“ Das klingt ganz ungewöhnlich, ein totaler Gegensatz zu Stark, der damals die Reportage des Norddeutschen Rundfunks mit seiner eigenwilligen Interpretation des Verkehrsgeschehens dominierte. Glatt möchte man hoffen, diese noch einmal aufgekochte Sendung nähme einen anderen Verlauf. Sohn erklärt, wie sich Autofahrer eigentlich in einem abgeschotteten Raum bewegen, der keinerlei Kommunikation mit der Außenwelt zulässt. Man muss das erst einmal sacken lassen: das Automobil gilt als Meisterleistung der Ingenieurskunst, als Quintessenz von Millionen Jahren der Evolution, aber im Kraftwagen ist der Mensch all seiner Kommunikationsfähigkeiten beraubt und kann sich mit zweideutigen Gesten, Hupe und Lichthupe kaum mehr ausdrücken als ein Kleinkind von vier Monaten.

Taxifahrer Stark behauptet, von sich aus häufig Kommunikation zu suchen. Sofern das in der Regel so geschickt abläuft wie im Intro, wo Stark aus dem Beifahrerfenster brüllt, braucht er sich über den ausbleibenden Erfolg seiner Kommunikationskünste eigentlich nicht zu wundern. Und wenn das Ignorieren der roten Ampel eines Radfahrers, der eigentlich nur einen Haltlinienverstoß begeht, um auf dem Radweg weiterzuradeln, als „ganz heiße Sache“ bezeichnet, lässt das gleichzeitig den Maßstab erahnen, mit denen er das Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer misst.

Gleich darauf kommen erstmals bislang unveröffentlichte Szenen in die Leitung. Vor Stark biegt ein schwer beladener Radfahrer links ab, während ein anderer Kraftfahrer Starks Taxi überholt. Dumme Situation, keine Frage, da hätte auch der Radfahrer besser aufpassen müssen, aber interessant, dass das eigentlich viel gefährlichere Fehlverhalten des überholenden Kraftfahrers überhaupt nicht zur Sprache kommt. Das ist offensichtlich ganz normal — genau wie die ablehnende Reaktion des Radfahrers, als Stark doch recht freundlich das Gespräch sucht. Wieder einmal blitzt das übliche Vorurteil der bösen Radfahrer durch, die nicht einmal zu ihrem Fehlverhalten stehen wollen. Man denke da an die vielen Autofahrer, die auf Knien rutschend gegenüber der Bußgeldstelle Besserung schwören, wenn sie beim Falschparken oder kultivierten Schnellfahren erwischt wurden. Nein: auch alle anderen Verkehrsteilnehmer lassen sich ungern auf ihr Fehlverhalten hinweisen. Schafft es ein Radfahrer, einen Autofahrer einzuholen, der ihm gerade die Vorfahrt nahm, dicht überholte oder sonst irgendwie beinahe über den Haufen fuhr, muss er schon froh sein, nicht direkt aufs Maul zu bekommen. Von Einsicht ist da ebenso wenig zu sehen.

Aber wie großartig die Neuauflage des alten Materials ist, zeigt wieder Verkehrspsychologe Sohn, der erklärt, warum es in der überhitzten Welt des Straßenverkehrs so schwer fällt, vernünftig mit seinen Mitmenschen zu agieren. Man muss Stark schon fast bemitleiden, weil er als Figur des offenbar typischen Autofahrers herhalten muss, der mit den Verkehrsregeln nur halbwegs klarkommt und sich berufen fühlt, im Verkehr für Recht und Ordnung zu sorgen, aber jedes Mal von Sohn belehrt wird. Allzu viel sollte man sich von dieser Reportage nicht versprechen, aber ein bisschen großartig ist das alles schon. Vor allem, weil mit dem bereits bekannten Material, das sich bloß am Krieg auf der Straße versuchte, eine gänzlich andere Reportage zusammengeschnitten wird.

„Ein offener Krieg auf der Straße“

Noch mal zum Nachlesen: Radeln ohne Regeln

Sie fahren über rote Ampeln, bei Dunkelheit ohne Licht, gern auch auf dem Gehweg, und überholen von rechts. Radfahrer in Großstädten pfeifen oft auf die Straßenverkehrsordnung. Viele fahren schnell, aggressiv und ohne Rücksicht auf Verluste. Und ziehen sich so den Zorn der Autofahrer und Fußgänger zu.

Das dazugehörige Protokoll gibt’s unten auf der Seite zum Herunterladen.

Wie akte 20.12 den Krieg auf der Straße inszeniert

Es ist furchtbar. Musste das wirklich sein? Hätte man das nicht besser machen können? Und vor allem: sinnvoller? Hätte man sich nicht Jumbo von Galileo ausleihen und irgendwelche Burger fressen können? Muss es wirklich der Krieg auf der Straße sein?

Der Krieg auf der Straße ist zurück. Dieses Mal inszeniert und dokumentiert von akte 20.12: Krieg auf der Straße!

Der Untertitel lautet ganz verheißungsvoll:

Auto- oder Radfahrer: Wer schert sich weniger um die Verkehrsregeln?

akte 20.12 geht das Thema an, indem zwei Mitarbeiter als Protagonisten auftreten, was schonmal nicht besonders klug gegenüber der eigenen Aufgabenstellung ist, denn wenn zwei eigene Mitarbeiter die Hauptrolle spielen, wird das mit den Verkehrsregeln ja eher so eine Drehbuch-Sache. Mal sehen.

Reporterin Anna fährt ein mit vier GoPro Heros bestücktes Fahrrad. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass die gute Freu zum ersten Mal auf dem Rad sitzt, unter anderem daran erkennbar, dass sie alles besser weiß, aber recht unsicher unterwegs ist. Reporter Manfred fährt mit dem Auto und wirkt deutlich routinierter, unter anderem daran erkennbar, dass er alles besser weiß, vom Schulterblick aber nicht viel hält. Das ist eine ziemlich doofe Kombination, denn beide sollen nun eine mehr oder weniger festgelegte Tour durch Berlin beradeln.

Interessant ist vor allem, wie sich Reporterin Anna verhält. Manfred kann am Steuer nicht allzu viel falsch machen, denn Autofahren, das können in der Automobilnation Deutschland fast alle, vernünftig Radfahren allerdings kaum jemand und auch Anna macht sich ihre Tour durch Berlin unnötig schwer.

Das fängt damit an, dass akte 20.12 den abgegrenzten Radweg als bequem und toll und sicher feiert, dann aber moniert, er verlaufe zu dicht an den Kraftfahrzeugen. So etwas ist leider nicht selten, doch der im Film gezeigte Weg zählt definitiv nicht zu den schmalsten. Trotzdem radelt Anna exakt auf der linken Begrenzungslinie des Radweges und ist — Überraschung! — dem benachbarten Lastkraftwagen natürlich viel zu nah. Auf der folgenden Querungsfurt muss der Zuschauer gar kurz fürchten, die Reporterin schmeiße sich ohne Grund unter die Räder des Lastkraftwagens, denn sie radelt schon beinahe links neben der Furt und kann problemlos das Reifenprofil des Kraftfahrzeuges inspizieren. Kein Wunder, dass der Reporterin mulmig wird, sie den toten Winkel fürchtet, aber keinerlei Anstalten macht, die Gefahrenzone zu verlassen. Sicherlich ist das ein häufiges Problem bei den damit einhergehenden Unfällen, aber dazu verliert der Kommentator aus dem Off kein Wort. Stattdessen betont der Sprecher, es ginge um das Leben der Radfahrer, blendet dazu einen Crashtest zwischen Lastkraftwagen und Radfahrer ein, aber Anna radelt unbeirrt in der Gefahrenzone weiter. Gute Güte: warum bremst sie denn nur nicht?

Manfred nimmt derweil am Alexanderplatz verärgert zur Kenntnis, dass ein Radfahrer nach dem anderen eine rote Ampel passiert. „Ey, gilt rot nicht für Radfahrer?“, brüllt er verägert, man möchte schon beinahe Mitleid haben, denn er brüllt aus dem linken Fenster und wirkt eher hilflos. Aber wehe, ein Autofahrer fahre bei orange, klagt er, dann halte die Polizei sofort die Hand auf. Bei allem Verständnis: das ist gelogen. So ziemlich jeder Autofahrer drückt bei gelbem Licht noch schnell aufs Gas, kassiert wird nur in den allerwenigsten Fällen.

Das macht die potenziellen Rotlichtverstöße der Radfahrer natürlich nicht besser. Allerdings hat sich Manfred die denkbar schlechteste Kreuzung zum Wutbürgern ausgedacht, denn obwohl jener Fahrbahn-Signalgeber höchstwahrscheinlich auch den Radweg sperrt und der geschützte Bereich auch über den Radweg führt, kann bei einem Rotlichtverstoß eigentlich nichts passieren, sofern man auf die möglicherweise querenden Fußgänger achtet, denn andere feindliche Verkehrsströme gibt es auf diesem Radweg nicht. Überhaupt wird man aus der Gestaltung gar nicht so richtig schlau, ob das nun ein Radweg oder eine Radverkehrsanlage auf der Fahrbahn oder irgendein Hybrid sein soll. Trotzdem dürfte die Fahrbahn-Ampel hier gelten.

Die Rotlichtverstöße sind nicht in Ordnung, keine Frage, das braucht nicht schöngeredet zu werden. Anstatt aber mit dem Mikrofon den Radfahrern hinterherzujagen, hätte Manfred in Erfahrung bringen können, warum die Radfahrer denn nicht stehen bleiben. In häufigen Fällen dürfte die ehrliche Antwort mangelnde Regelkenntnis lauten: für Autofahrer ist in der Regel ganz klar, welche Ampel gilt, auf dem Sattel muss man sich zunächst mit einer komplexen Regelung auseinandersetzen und dann eruieren, wo denn wohl der geschützte Bereich verläuft. Das Zusammenspiel von einer recht unglücklich gestalteten Kreuzung im Zusammenspiel mit komplexen und vor allem unbekannten Regelungen führt schon beinahe zwangsläufig dazu, dass Radfahrer leichtfertig über rot fahren. Das ist nicht schön, aber auch nicht unbedingt verwunderlich. Interessant ist jedoch, dass sich akte 20.12 an dieser eigentlich noch recht ungefährlichen Situation so lange aufhält, statt jene Radfahrer auszumachen, die angeblich ständig bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzen. Ja, ob Anna hier gehalten hat, was auch der Sprecher aus dem Off fragt, das wäre interessant — wird aber seltsamerweise nicht aufgeklärt.

Denn Anna fährt momentan in einer Baustelle, in der es, wie akte 20.12 nicht müde wird zu erwähnen, keinen Radweg gibt. Eigentlich wartet man als Zuschauer nur noch darauf, dass nun endlich das Lied der gefährlichen Fahrbahn angestimmt wird, wo Radfahrer in ständiger Lebensgefahr schweben. Für den Eindruck sorgt Anna eigentlich schon selbst, denn eigentlich fährt sie gar nicht, sondern klemmt zwischen Baustellen und Kraftfahrzeugen und macht sich das Leben mit ihrer Fahrweise selber schwer. Mit einem minimalen Abstand zur rechten Betontrennwand hat sie keinerlei Sicherheitsabstand, geschweigedenn Platz zum Ausweichen, lädt aber alle folgenden Kraftfahrzeugführer zu gefährlichen Überholmanövern ein. Das wäre schon wieder ein Thema, dass die Reportage ausführlicher hätte beleuchten können, stattdessen hat Anna ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht vom Lastkraftwagen hinter ihr überholt werden kann und rettet sich schon beinahe keuchend auf den rettenden Radweg. Schon wieder so eine unterschwellige Darstellung: der Radfahrer ist auf der Fahrbahn nur geduldet, muss sich möglichst unsichtbar machen und darf auf gar keinen Fall den Kraftfahrzeugverkehr behindern.

Auf dem Radweg wiederum läuft Anna zur Höchstform auf, bellt Fußgänger an, die gerade den Radweg queren, und muss einen Geisterfahrer lautstark auf sein Fehlverhalten hinweisen. Kann man machen, wirkt aber auch ein bisschen komisch.

Nun kommt Manfred. Manfred hat sichtlich schlechte Laune, denn wegen seiner Ampelaktion hat er mächtig Zeit verloren und steckt nun gerade in der Baustelle fest, die Anna unlängst passiert hat. Und nun ärgert er sich, weil vor ihm ein Radfahrer fährt und ihn nicht überholen lässt. Auf die Idee, einen Spurwechsel zu praktizieren kommt Manfred nicht, ebenso schwer fällt es ihm zu begreifen, dass der schmale Fahrstreifen gar keinen Platz für ein Kraftfahrzeug und ein Fahrrad bietet, selbst wenn der verhasste Radfahrer schon mit dem rechten Pedal an der Betontrennwand schrammt: „Das gibt’s doch gar nicht, er fährt die ganze Zeit vor uns und lässt uns nicht vorbei!“ Man kann die Entrüstung förmlich spüren! Hier hätte akte 20.12 nun wirklich langsam einen Hinweis anbringen müssen, dass Radfahrer in solchen Situationen keineswegs in der Gosse fahren müssen, um jeden wütenden und spurwechselfaulen Autofahrer das Überholen zu ermöglichen.

Anna macht derweil wieder Dummheiten und fährt viel zu dicht an parkenden Autos vorbei, als sich plötzlich eine Tür öffnet — gerade noch mal gutgegangen. Manfred macht sich derweil mit seinem Fahrzeug auf einer Abbiegespur breit — da ist Halten und Parken natürlich verboten, das ergibt sich aus Zeichen 297, stört aber in dieser Reportage niemanden. Auf dem Rückweg zur Redaktion mäht er glatt beim Rechtsabbiegen zwei Radfahrer um und stellt ganz erstaunt fest, dass die Spiegel in solchen Fällen nicht zu gebrauchen sind. Ein Glück, dass diese Situation gestellt ist, ansonsten müsste einem angesichts von Manfreds angeblicher Fahrpraxis schon Angst und Bange werden.

Noch ein paar Kilometer, schon ist alles vorbei. Und was lernt der interessierte Zuschauer daraus?

Nichts.

Nein, wirklich gar nichts, denn eigentlich hat man sich nur über die regeluntreuen Radfahrer aufgeregt. Dass Autofahrer beim Abbiegen nicht über die Schulter schauen, och ja, das ist wohl richtig, aber die Botschaft ist eindeutig: das eigentliche Problem im Straßenverkehr sollen die Radfahrer sein. Man hätte die Sache mit der roten Ampel vertiefen können, den Radfahrer als gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer vor allem in der engen Baustelle darstellen können, den ganzen anderen Problemen auf den Grund gehen können, die sich aus dem Wissensgefälle der Verkehrsteilnehmer bezüglich der Straßenverkehrs-Ordnung ergibt, das hat man sich aber gespart und stattdessen publikumswirksam den Krieg auf der Straße insziniert.

Vernünftige Reportagen gehen anders.

Von Radfahrern und Kampfradlern

Kein journalistisches Erzeugnis kommt ohne die Assoziation vom Radfahrer zum Kampfradler aus. „Kampfradler“ und „Krieg auf der Straße“ scheinen das Grundvokabular eines heutigen Journalisten zu bilden. Beim Bayerishen Fernsehen heißt es zum Beispiel: Radl-Boom stellt Städte vor Probleme

München soll Radl-Hauptstadt werden. In Zahlen kann der zuständige Bürgermeister Hep Monatzeder das glaubhaft machen: In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Radler um 70% gestiegen. Doch an der Realität droht das ehrgeizige Projekt zu scheitern.

Unter so einer Überschrift kann man sich zweifelsohne viel vorstellen. Damit man nicht auf dumme Gedanken kommt, wird die ganze Sache überschrieben mit dem Begriff „Straßenkampf“.

Es geht ganz kurz um wirkliche Probleme des Radfahrens, die in Form von schmalen Radwegen präsentiert werden, aber dafür ist nur wenig Zeit, denn — hurtig, hurtig — geht es weiter zu den üblichen Kampfradlereien im Straßenverkehr. Und natürlich dürfen auch die empörten Autofahrer nicht fehlen, die sich angesichts des wachsenden Radverkehrs in ihrem mit hart erarbeiteten Steuergeldern markierten Revier als die Dummen fühlen, wenn sie einen Radfahrer über den Haufen fahren.

Ja, solche Dinge ließen sich sicherlich genauer ausarbeiten. Aber dafür ist ja leider keine Zeit.

„Legal, illegal, scheißegal, Hauptsache Parkplatz“

Das ADFC-Blog versucht sich an einer anderen Definition des Kampfradlers: Mehr Kampfradler!

Da heißt es dann:

Kampfradler sind gefragt. Radfahrer, sie sich konsequent und mutig für die Belange der Menschen auf den Straßen einsetzen. Kampfradler verteidigen die Menschenrechte, das Grundgesetz und die Straßenverkehrsordnung gegen den Moloch Auto.

Kampfautor trifft Kampfradler

Über den Kampfradler ist in letzter Zeit genauso viel gesagt worden wie über Peter Ramsauer: nämlich ungefähr alles. Trotzdem hat Johannes Maletz auf Telepolis noch einen weiteren Artikel veröffentlicht: Das Anrollen

Beim Thema Straßenverkehr kochen die Gemüter bekanntlich hoch, und die Internet-Foren werden gefüllt mit Kommentaren hoch emotionaler Menschen, die Ihre Sicht der Dinge ausführlich darstellen müssen. (…)

Es geht eigentlich ganz manierlich los und Maletz erzählt, wie die beiden Gruppen aufeinander losgegangen sind. Die Autofahrer empörten sich über diese Radfahrer, denn Autofahrer empören sich immer, sobald es um Fahrradfahrer geht und stellten Einzelfälle als den täglichen oder gar stündlichen Regelfall dar. Die Fahrradfahrer hingegen wiesen alle Schuld von sich und zeigten mit dem Finger auf die bösen Autofahrer, die sich ja auch nicht an die Verkehrsregeln hielten.

Damit wären die ersten beiden Absätze aus Maletz’ Werk abgearbeitet, das in der Rubrik Meinung erschien, weswegen Maletz auch nicht zögert, sich nun eine Meinung zu bilden, die allerdings ganz klar für den Autofahrer und gegen den Radfahrer lautet. Es schwingt schon einiges an Verachtung mit, wenn der Autor sich auf zwei ADFC-Mitglieder einschießt, deren Meinung, deren Auseinandersetzung aber gar nicht gelten lässt, weil es ja schließlich Radfahrer sind. Man kann sich der gesamten Problematik auf verschiedene Weise nähern, man kann nach den Ursachen suchen, man kann feststellen, dass der Fahrradfahrer eben noch immer kein ernstgenommener Verkehrsteilnehmer im deutschen Straßenverkehr ist, man kann feststellen, dass die von Maletz präferierte starre Unterteilung der Verkehrsteilnehmer in gute Autofahrer und böse Radfahrer unbrauchbar ist, weil sich die meisten Verkehrsteilnehmer mit mehreren Verkehrsmitteln fortbewegen und mitunter als Autofahrer einen ähnlich schlechten Fahrstil zeigen wie als Radfahrer, ja, man hätte viel machen können aus einem solchen Text, man hätte das liefern können, was die Einleitung verspricht, sich tatsächlich mit Radfahrern beschäftigen können, mit Peter Ramsauer, mit den ganzen Ursachen, die hinter diesem gesamten Phänomen stecken, aber Maletz hat einen ganz einfachen Weg gefunden:

Was ist denn ein Kampfradler überhaupt ? Eine wissenschaftliche Definition existiert nicht, deshalb hier ein erster Versuch: Ein Kampfradler ist ein Fahrradfahrer, welcher v.a. im Stadtgebiet seine Wegstrecke und seine Geschwindigkeit rein egoistisch und fahrzeitoptimierend wählt, ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer sehr häufig die Verkehrsregeln, insbesondere Vorfahrtsregeln, Ampelschaltungen, Nutzungsge- und Verbote missachtet, und dabei fahrlässig, grob fahrlässig oder gar vorsätzlich das Unfallrisiko für sich und für andere Verkehrsteilnehmer unnötig erhöht und im Fall verbaler Äußerungen anderer Verkehrsteilnehmer äußerst aggressiv und schwer beleidigend regiert.

Man kann tatsächlich nicht verleugnen, dass es solche Verkehrsteilnehmer geben mag. Es sei auch hier das Wort „Verkehrsteilnehmer“ betont, denn tauscht man in Maletz’ Definition das Fahrrad gegen das Auto ein, erhält man eine ebenso zutreffende Definition einiger Verkehrsteilnehmer, die sich motorisiert, aber keinesfalls zivilisiert durch den Straßenverkehr bewegen. Soll heißen: es sind tatsächlich nicht immer nur die Radfahrer. Wenn allerdings nur die Regelverstöße der Radfahrer beachtet werden, dann fallen natürlich auch nur die Regelverstöße der Radfahrer auf. Den Autofahrer als vollkommen harmlosen Verkehrsteilnehmer freizusprechen scheint allerdings falsch.

Und nun zählt Maletz tatsächlich das auf, was man wohl bei aller Objektivität als Einzelfälle bezeichnen darf: ein Radfahrer schlägt einem Fußgänger ins Gesicht, der ihm nicht schnell genug auf dem Gehweg ausweicht, ein anderer Radfahrer mit Schlittenhunden auf dem Gehweg kollidiert mit einem Auto, wobei weder die Erwähnung des nicht getragenen Fahrradhelmes noch das obligatorische Kind fehlen dürfen. Dann fährt ein martialisch aussehender Radfahrer mit Glatze und Totenkopfventilen durch eine Fußgängerzone, ein anderer schlägt mit einem Teleskopschlagstock um sich, wieder ein anderer zerschlägt einen Blindenstock.

Und nun? Empört wurden Einzelfälle dargestellt, als wären teleskopschlagstöckbewehrte Radfahrer auf dem Gehweg alltäglich und in jeder zweiten Straße anzutreffen. Das ist nichts mehr als die übliche Empörerei, in der sich Rad- und Autofahrer nichts geben, die es aber ungleich schwerer macht, sich einigermaßen objektiv dem Thema zu nähern. Nicht einmal in Großstädten wie Berlin fahren pro Ampelphase noch dutzende Radfahrer bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr, nicht einmal in den radfeindlichen Städten des Ruhrgebietes schweben Radfahrer beim Fahrbahnradeln in ständiger Todesgefahr. Eine solche Herangehensweise taugt der Stimmungsmache, aber nicht einer vernünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Da wirkt es doch seltsam, wenn Maletz anschließend auf Neutralität pocht, obwohl er seinen Autofahrer-Standpunkt in den vorigen Absätzen überdeutlich vertreten hat:

Niemand hat pauschal etwas gegen Radfahrer – auch Herr Ramsauer nicht.

Immerhin hat Maletz recht, als er erhöhte Bußgelder als den falschen Weg erkennt — nur sind die üblichen Nehmt-doch-bitte-Rücksicht-Kampagnen auch nicht unbedingt sinnvoll. Sollen Fußgänger auf Radfahrer Rücksicht nehmen, die marodierend mit der Klingel auf dem Gehweg zugange sind? Sollen Radfahrer auf Autofahrer Rücksicht nehmen, die in ihrer Not auf dem Radweg parken, weil sie ihr Fahrzeug ja irgendwo abstellen müssen? Sollen Autofahrer auf Radfahrer Rücksicht nehmen, die sich noch bei roter Ampel in den Querverkehr werfen? Rücksicht fällt schon allein aus technischer Sicht schwer bei Verkehrsteilnehmern, die sich im Vollbesitz ihres Verstandes nicht an die Verkehrsregeln halten wollen.

Und schon ist Maletz fertig mit seinem Werk und lässt den Leser ratlos zurück: was sollte das denn nun? Wieder mal auf allerniedrigstem Niveau auf den Radfahrer eingedroschen? Wozu? Warum?

Und vor allem: was soll eigentlich die vielversprechende Einleitung ganz zu Beginn des Artikels?

Scheel: „Es gibt keinen Krieg auf der Straße“

Es gibt viele Zeitungsartikel zum so genannten Krieg auf der Straße und bei den allermeisten kann man sich die Lektüre sparen, ohne etwas zu verpassen. Claudius Prösser und Bert Schulz sprachen für die taz mit ADFC-Chefin Eva-Maria Scheel: „Es gibt keinen Krieg auf der Straße“

Weniger Aggression und mehr Miteinander im Straßenverkehr wünscht sich die neue ADFC-Vorsitzende Eva-Maria Scheel. Sie gibt aber zu: Man muss ein sicherer Radfahrer sein in Berlin.

Einer der wenigen gelungenen Texte und vermutlich mit das erste sinnvolle Interview zu diesem Thema: es bringt nichts, als Bundesverkehrsminister die einzelnen Verkehrsteilnehmer über mangelnde Kenntnis und populistische Bezeichnungen gegeneinander auszuspielen, um sich vernünftige Lösungsansätze zu sparen — unbedingt lesenswert!

Was ist eigentlich ein Kampfradler?

Der Kampfradler ist nicht erst seit Peter Ramsauers neusten Entdeckungen in aller Munde, er galt auch schon vorher als Synonym für ungezogene Verkehrsteilnehmer, die sich je nach Erzähler mal mehr oder mal weniger marodierend durch die Städte schlagen.

Das Problem an dieser ganzen Debatte ist nach wie vor, dass der Begriff des Kampfradlers noch nicht einmal mehr unscharf umrissen ist. Unter anderem der generellen Unkenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung ist es geschuldet, dass beinahe jeder Verkehrsteilnehmer etwas anderes unter diesem Begriff versteht — die Wirklichkeit sieht allerdings noch nicht einmal halb so schlimm aus.

Die Diskussion um den Kampfradler hat einige interessante Auswirkungen, denn bei den meisten Verkehrsteilnehmern ist alles, was von der Debatte im Kopf hängen bleibt, ebenjener Begriff und die Tatsache, dass sich Radfahrer ja allesamt nicht an die Verkehrsregeln halten. Welche Verkehrsregeln das sind, das kann allerdings kaum jemand benennen. Das führt dann eben dazu, dass die Hupe malträtiert und aus dem Beifahrerfenster lauthals auf die Fahrbahnradler geschimpft wird, die den nicht-benutzungspflichtigen Radweg nicht befahren, obwohl sie in Ermangelung der notwendigen Beschilderung dazu gar nicht verpflichtet sind. Kampfradler sind das, da ist sich der Kraftfahrzeugführer mit dem hochrotem Gesicht sicher, und will gleich zu Hause beim Abendessen über Fahrradkennzeichen referieren, die es unbedingt brauche, um den Bastarden Herr zu werden. Dass Radfahrer laut § 2 Abs. 4 StVO gar nicht verpflichtet sind, jeden Straßenteil zu befahren, der wenigstens ein bisschen nach Radweg aussieht, ist den meisten Verkehrsteilnehmern, sowohl Auto- als auch Radfahrern, gar nicht bekannt. Insbesondere im Web lassen sich aberhunderte, wenn nicht gar tausende dieser Aussagen finden, nach denen jeder Radweg benutzt werden müsse, auch der linksseitige, wenn es rechts keinen gibt, und interpoliert man dieses Meinungsbild, so müssen beängstigend viele Verkehrsteilnehmer dieses Märchen glauben — und leider, sobald sie am Steuer eines Kraftfahrzeuges sitzen, gezwungen sind, diese Falschinformationen mit Hupe und klugen Sprüchen weitergeben müssen.

Dass eben wirklich kaum jemand die Verkehrsregeln kennt, ist insbesondere dort zu erkennen, wo den Straßen kein Fahrradweg gegönnt wurde und theoretisch das Befahren der Fahrbahn vorgeschrieben wäre. Weil aber Behörden, Polizei und Medien jahrzehntelang erklärten, dass Fahrbahnradeln glatter Selbstmord sei, fährt ein Großteil der Radfahrer freiwillig auf dem Gehweg. Ist man dagegen so mutig, auf der Fahrbahn zu fahren, gerät man über kurz oder lang mit einem aggressiven Kraftfahrzeugführer aneinander, der meint, dass unbedingt der Gehweg befahren werden müsse und seine falsche Meinung auch problemlos mit den Fäusten vertreten hätte.

Ganz zu schweigen von den Ampeln: Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass der Radfahrer, dem man gerade beim vermeintlichen Rotlichtverstoß beobachtet hat, noch fahren durfte.

Insbesondere dem deutschen Autofahrer fällt es in dieser Zeit besonders leicht, überall Kampfradler auszumachen, die es zu belehren und zu maßregeln gilt, obwohl sie sich eigentlich ziemlich genau an die Straßenverkehrs-Ordnung halten — das weiß nur niemand, weil eben niemand die Straßenverkehrs-Ordnung kennt. In der Fahrschule lernt man gerade mal eben so das Autofahren, aber keine tiefergehende Theorie, im Verkehrsunterricht in der Schule wird die Straßenverkehrs-Ordnung in der Regel überhaupt nicht angesprochen. So schwer es Autofahrern gilt, sich alle paar Jahre über die Änderungen einer neuen Straßenverkehrs-Ordnung zu informieren, so unwahrscheinlich ist es eben, dass Schulkinder oder führerscheinlose Erwachsene aus eigenem Antrieb die Straßenverkehrs-Ordnung studieren und verstehen. Andersrum funktioniert das ganz prima: ein Autofahrer, der die Straßenverkehrs-Ordnung nicht einmal bis § 2 Abs. 4 StVO kennt, hat in der Regel keine Hemmungen, auch noch § 1 StVO nicht zu kennen und einen Radfahrer neben einem nicht-benutzungspflichtigen Radweg anzuhupen, zu belehren oder gleich beinahe anzufahren, um gleich danach beim Abendessen oder am Stammtisch darüber zu schimpfen, dass sich die ganzen Kampfradler nicht an die Straßenverkehrs-Ordnung halten.

So ist das eben: als Autofahrer schimpft man über die Radfahrer, die nicht auf den Radwegen oder sogar nicht auf den Gehwegen fahren, als Fußgänger kann man die Gehwegradler wiederum nicht leiden und als Fahrradfahrer fällt es momentan ohnehin recht schwer, irgendetwas zu mögen.

Und auch das funktioniert andersherum: als Autofahrer, der eigentlich die Straßenverkehrs-Ordnung kennen sollte, so hört man ja wenigstens überall, fährt man mit dem Rad im Zweifelsfall auch lieber auf dem Gehweg, weil es dort wenigstens gefühlt sicherer ist und man ja nicht die Autofahrer auf der Fahrbahn behindern möchte. Und schon mancher Fahrradfahrer hat sich hinter dem Steuer plötzlich mit dem Sicherheitsabstand beim Überholen eines anderen Radfahrers gewundert.

Eigentlich sind alle Verkehrsteilnehmer eben nur Verkehrsteilnehmer. Und Verkehrsteilnehmer machen Fehler. Und wie schon mehrmals gesagt: werden Kontrollen durchgeführt, treten diese Fehler eben zu Tage. Da müssen 800 Autofahrer binnen zehn Tagen ihren Führerschein wegen Geschwindigkeitsübertretungen abtreten und dort werden 97 Fahrradfahrer wegen Radelei auf den falschen Straßenteilen verwarnt und hin und wieder erwischt es tatsächlich auch einen Fußgänger, der bei rotem Licht über die Kreuzung spaziert.

Insofern sind wir beinahe alle Kampfradler. Oder: vielleicht gibt es ja gar keine Kampfradler.

Unbestritten ist die Königsdisziplin des Kampfradlers das Befahren des Gehweges. Und unbestritten ist es gegenüber Fußgängern sehr unfreundlich, den Weg durch die Menschenmassen freizuklingeln und renitente Passanten gleich zu beschimpfen. Nur ist es ziemlich sicher, dass die meisten Radfahrer diese Aggressivität überhaupt nicht im Sinn haben. Die meisten Radfahrer dürften eben gelernt haben, wie tödlich die Fahrbahn doch angeblich ist und aus reinem Selbstschutz auf dem Gehweg unterwegs sein. Das macht es nicht unbedingt besser, doch handelt es sich auch beim Klingeln nicht direkt um eine Aufforderung zum Duell, sondern eher um den Versuch, einen Fußgänger zu überholen. Natürlich ist die Klingel für diesen Wunsch das falsche Instrument und mehr als unhöflich, aber besseres Verhalten wird dem Radfahrer eben auch nirgendwo gelehrt — stattdessen rückt man ihm jetzt mit Bußgeldern und Verfolgungsjagden auf die Gepäckträger.

Handelt es sich also bei den Radfahrern, die aus lauter Falschinformationen den Gehweg beradeln, tatsächlich um Kampfradler? Und ist die Oma aus der Nachbarschaft, die sich torkelradeln auf dem Gehweg zum Supermarkt bewegt, eine Kampfradlerin? Vermutlich eher nicht.

Als Kampfradler gelten sie durch die Windschutzscheibe trotzdem, auf der Fahrbahn will man sie aber auch nicht haben und wenn sie neben dem nicht-benutzungspflichtigen Radweg unterwegs sind, handelt es sich ohnehin um die schlimmsten Kampfradler überhaupt.

Auch das Fahren auf einem linksseitigen Radweg, das in den meisten Fällen zum Glück weder erlaubt noch vorgeschrieben ist, dürfte eher aus fehlender Information praktiziert werden als aus Lust am Kampf auf dem Fahrrad.

Und dass Fußgängerüberwege für Fahrradfahrer eben keinen Vorrang bevorraten, weiß man auch nur nach selbstständigem Studium der Straßenverkehrs-Ordnung, denn das lernt man weder in der Fahrschule noch im Verkehrsunterricht. Und gerade bezüglich der Fußgängerüberwege sind die Gestaltungen so mannigfaltig und so kompliziert, dass es teilweise ohne Ausbildung schwerfällt, die Fragen nach Vorfahrt und Vorrang korrekt zu beantworten. Da gibt es Fahrradfurten neben Fußgängerüberwegen, auf denen Radfahrer kraft der Straßenführung trotzdem Vorfahrt haben, drei Kreuzungen weiter verlaufen beide Wege ebenfalls parallel, doch hat der Radfahrer dort plötzlich keine Vorfahrt. Dann wird mal der Radweg unzulässigerweise direkt über den Überweg geführt und mal dürfen Radfahrer den Überweg benutzen und mal nicht und überhaupt blickt kaum noch jemand durch. Das Unwissen manifestiert sich insbesondere in der Fehlinformationen, dass Radfahrer einen Fußgängerüberweg überhaupt nicht befahren dürften — das eben aber ist falsch, sie genießen dort lediglich keinen Vorrang. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass Radfahrer in vielen Situationen ohnehin Vorfahrt vor den anderen Fahrzeugen hätten.

Trotzdem gilt jeder Radfahrer auf dem Fußgängerüberweg als Kampfradler. Mitunter womöglich zurecht, doch auch dort dominiert eben das Unwissen über die tatsächliche Regelung bezüglich des Zebrastreifens. Radfahrer werden hierzulande wie beräderte Fußgänger behandelt, mit Fußgängern zusammen auf so genannte gemeinsame Fuß- und Radwege gescheucht, da liegt es eben nahe, auch die Überwege mitzubenutzen. Aus bloßer Kampfradlerei geschieht das wahrscheinlich nicht.

Bleiben noch die roten Ampeln, die vor ein paar Tagen bereits beschrieben wurden. Obwohl jeder von einem Radfahrer zu berichten weiß, der ihn einmal trotz grüner Ampel zu einer Vollbremsung gezwungen hat, fahren nur die allerwenigsten Radfahrer bei rotem Licht in den Querverkehr ein. Die meisten Rotlichtsünder haben schlichtweg erkannt, dass die Fußgängerampel viel früher als die Fahrbahnampel auf Rot schaltet und Radfahrer warten müssen, obwohl sie locker noch mehrfach die Kreuzung überqueren konnten.

Womöglich ließen sich solche Radfahrer tatsächlich als Kampfradler titulieren. Im Sinn haben die Diskussionsteilnehmer bezüglich dieses Begriffes leider deutlich harmlosere Feindbilder. Und über kurz oder lang wird diese Diskussion nur dazu führen, dass das Radfahren wieder einmal als eine ganz gefährliche Tätigkeit gilt — dabei hatte sie dieses anhaftende Image gerade in den letzten Monaten im Fahrrad-Boom endlich abgelegt.

Münchener Polizei will Radfahrer schützen

Während momentan Polizei und vor allem die Gewerkschaft der Polizei gegen Fahrradfahrer poltern und höhere Bußgelder, Fahrradkennzeichen und eine Art der Wiedereinführung der generellen Radwegbenutzungspflicht im Sinn haben, geht die Münchener Polizei andere Wege: Polizei will Radfahrer besser schützen

Mehr Kontrollen, neue Schilder und „rote Karten“: Um die Sicherheit für Radfahrer zu erhöhen, wollen Polizei und Kreisverwaltungsreferat ab sofort enger zusammenarbeiten – und härter durchgreifen.

In München will man offenbar nicht nur die Radfahrer vom Gehweg holen, sondern tatsächlich auch überprüfen, ob sich die Kraftfahrzeugfahrer insbesondere beim Abbiegen an ihren Schulterblick erinnern. Und eine solche Beurteilung einer entfallenden Radwegbenutzungspflicht hat man schon lange nicht mehr gelesen:

Das KVR will zudem mit neuen Schildern darauf hinweisen, dass in mittlerweile 39 Straßen die Benutzungspflicht des Radwegs aufgehoben wurde. Dort steht es Radlern frei, sich auf der Fahrbahn parallel zu den Autos zu bewegen oder lieber den (meist schmalen und holprigen) Radweg zu benutzen. Viele Autofahrer kennen diese Neuregelung aber nicht – oft werden Radler beschimpft oder angehupt, die auf der Straße fahren. Nicht selten kommt es auch zu gefährlichen Situationen.

Da sieht man doch glatt darüber hinweg, dass vor ein paar Monaten die Münchener Polizei ihre Radwege für sicher hielt. Einen wichtigen Satz in diesem Zusammenhang sollte man allerdings nicht übersehen:

Die Polizei hat an den Straßen, an denen die Pflicht zur Benutzung des Radweges aufgehoben wurde, bislang keine auffällige Steigerung der Unfallzahlen registriert – und das, obwohl „wir in einigen Fällen skeptisch waren und unser Veto eingelegt hatten“, so Kopp. Ähnlich verhält es sich bei der Öffnung von Einbahnstraßen für Radler.

Damit dürfte wenigstens in München das Argument der sicheren Radwege so langsam in Vergessenheit geraten.

Wie sich die GdP mit Kampfradlern blamiert

Mit Hetze gegen die so genannten Kampfradler kann man im Moment eigentlich nichts verkehrt machen. Die GdP, die sich schon mit einer bemerkenswerten Pressemitteilung dem Spott preisgab, hat es noch einmal mit Karacho in die Medien geschafft: Polizeigewerkschaft droht „Kampfradlern“

Der Bundesverkehrsminister nennt es Verrohung, die Polizeigewerkschaft fordert härtere Strafen bei Verkehrsdelikten mit dem Rad. Wie sinnvoll ist dieses Vorgehen gegen Fahrradsünder?

Der Artikel ist schon beinahe total großartig. Da wird in einem Absatz die Forderung nach Fahrradkennzeichen, die auch hier schon einmal Thema war, abgefertigt, im nächsten geht’s gleich um die offenkundige Unwissenheit der GdP über § 2 Abs. 4 StVO. Dieses Mal werden sogar die Kosten dafür beziffert, 800 Millionen Euro soll der Spaß kosten und gleichzeitig sagt die Unfallforschung der Versicherer: Kennzeichenpflicht für Radfahrer hat keinen Nutzen.

Es ist zwar richtig, dass es durchaus viele benutzungspflichtige Radwege gibt, doch tragen die meisten ihr blaues Schild nicht zu Recht: eine gewisse Gefährdungssituation auf der Fahrbahn lässt sich womöglich nicht abstreiten, doch genügen die meisten Radwege, unter anderem auch die benutzungspflichtigen, nicht einmal ansatzweise den Vorschriften. Was in den Verwaltungsvorschriften und in den diversen ERA-Spezifikationen als Mindestmaß genannt wird, ist in der Realität häufig noch nicht einmal die breiteste Stelle des Radweges. Gleichzeitig strebt die momentane Rechtsprechung in die Richtung, die Benutzungspflicht geradezu aus der Straßenverkehrs-Ordnung zu tilgen oder wenigstens auf Ausnahmen zu beschränken, während momentan reihenweise die blauen Schilder an deutschen Radwegen fallen. Insofern ist die GdP wirklich eine sehr witzige Gewerkschaft:

Das Ansinnen der GdP, Fahrradfahrer, die auf der Straße fahren, mit Bußgeldern zu bestrafen, löst Heiterkeit bei Experten aus. Seit 1997 sind Radwege auf Gehwegen nur noch in Ausnahmefällen benutzungspflichtig – wenn sie durch das blaue Fahrradzeichen gekennzeichnet sind.

Auf der zweiten Seite geht es noch um Unfallursachen und Promillegrenzen. Interessant sind auch wieder die Kommentare, in denen sich Auto- und Fahrradfahrer die Köpfe einschlagen, wie es die Tradition verlangt.

Die Meldung wird auch noch in anderen Medien verarbeitet: