Polizeikontrollen: München wird endlich wieder autofreundlich

Zugegebenermaßen ist es relativ kompliziert, die Ankündigung einer Fahrradkontrolle derart zu formulieren, dass bei Radverkehrspolitik nicht sofort wieder die Empörungsmaschinerie auf Betriebstemperatur getreten wird. Allerdings konnte in den letzten beiden Jahren kaum eine Kontrollaktion auch nur ansatzweise überzeugen — meistens war es Augenzeugenberichten zufolge eher eine Qual.

In München ist es angesichts der sommerlichen Temperaturen endlich wieder einmal an der Zeit: Radler-Polizei soll Unfallzahlen senken

In den vergangenen Tagen ist die Zahl der verunglückten Radfahrer deutlich gestiegen. Von Montag an kontrollieren mehr Beamte als sonst, ob alle Verkehrsteilnehmer die Regeln beachten. Bei Verstößen wird ein Bußgeld fällig.

Immerhin hat sich die Sprache mittlerweile etwas verbessert: Früher wurden quasi automatisch angesichts der Tabellen in der Unfallstatistik repressive Maßnahmen angekündigt. Das trieb mitunter ganz witzig anzusehende Blüten, wenn an einem Unfallschwerpunkt die Beleuchtung und Bremsanlage der Radlinge kontrolliert wurde, zwei Meter weiter nebenan auf der Fahrbahn ganz in Ruhe und unbehelligt ohne Schulterblick abgebogen werden konnte. Vielleicht ging man davon aus, die am Tage meistens vorschriftsmäßig ausgeschaltete Beleuchtung am Fahrrad wäre ursächlich dafür, hinter parkenden Kraftfahrzeugen, Hecken, Liftfaßsäulen und ähnlichen Straßenimmobilien pedalierende Kampfradler beim Abbiegen zu übersehen (womöglich schlugen die beinahe angefahrenden Radfahrer dann auch noch auf die Motorhaube!).

Nun hat sich die Wortwahl etwas geändert, aber leider wirklich nur etwas:

Die Polizei wird sich zum Beispiel an Ampeln entlang der Leopoldstraße postieren und dort Bußgeld verlangen, wenn Radler das Rotlicht missachten. Aber auch Autofahrer, die zum Beispiel beim Abbiegen nicht auf Radler achten, werde man ansprechen und gegebenenfalls verwarnen oder auch Anzeigen schreiben. Die Polizei werde dabei aber „mit Augenmaß“ vorgehen, kündigte Kopp an.

Unabhängig über die Diskussion über das womöglich sicherere Queren von Kreuzungen bei rotem Licht, die auch hier schon hinlänglich geführt wurde, ist das ja ganz okay, bei rotem Licht fahrende Radfahrer anzuhalten. Die große Frage in den nächsten Wochen wird dann wohl tatsächlich sein, ob die Münchener Polizei sich tatsächlich dazu durchringen kann, auch verträumte Kraftfahrer anzuhalten und wie sich das angekündigte Augenmaß auswirken wird, also ob tatsächlich nach Ende des Aktionszeitraumes einige Verwarnungen von Kraftfahrern zu verbuchen sind.

Tatsächlich ist das unachtsame Abbiegen in der Unfallstatistik viel weiter oben vertreten als die radfahrende Missachtung einer roten Lichtzeichenanlage. Da täuscht auch gerne der Eindruck im Verkehrsalltag, denn Rotlichtverstöße auf zwei Rädern werden hinter der Windschutzscheibe gerne zur Kenntnis genommen und in jeglichen Diskussionen über Sicherheit im Straßenverkehr gleich zuerst angeführt. Das unachtsame Abbiegen hingegen lässt sich aus dem Kraftfahrzeug heraus nur schwer erkennen und ist bei derartigen Diskussionen selten präsent.

Theoretisch wäre die Frage angebracht, ob die Polizei denn nicht auch mit soviel Augenmaß vorgehen müsste, sämtliche Rotlichtverstöße ohne Gefährdungspotenzial überhaupt nicht zu verfolgen. Radfahrer sind trotz vieler Radverkehrsförderungsmaßnahmen noch oft genug gehalten, die Lichtzeichen für Fußgänger zu Fuß Gehende zu beachten, so dass mitunter eine halbe Minute lang am Pfosten gewartet wird, während der parallel fließende Kraftverkehr noch grünes Licht bekommt und die Querung mit dem Rad durchaus innerhalb des Möglichen liegt.

Allerdings würde damit auch die Kampfradler-Quote sinken. Man kann es eben nicht jedem Recht machen.

Schleswig-Holstein: Repressionen gegen den Fahrrad-Boom

Schleswig-Holstein tut sich offensichtlich schwer mit dem Fahrrad als Verkehrsmittel. Es ist allerdings nicht so richtig klar, ob Eckard Gehm in seinem Artikel oder die Schleswig-Holsteinische Polizei die Sache durcheinanderbringt: Radfahrer sind Sorgenkind im Verkehr

2012 registrierte die Polizei mehr Unfälle aber weniger Verletzte auf den Straßen in Schleswig-Holstein

Schon der allererste Satz kündigt härtere Kontrollen gegen Radfahrer an und dummerweise erwecken die restlichen Sätze des ersten Absatzes die Vermutung, dass diese Kontrollen dem gestiegenen Radverkehrsanteil entgegenwirken sollen. Anschließend folgt die Auflösung: Jener gestiegene Radverkehrsanteil sei auch in den Unfallzahlen zu erkennen.

Der nächste Absatz führt dann jene Unfallzahlen genauer aus, bezieht sich dabei aber nicht auf den gesamten vorigen Satz, sondern lediglich auf dessen Wort „Unfallzahlen“. Es gab keineswegs 71.422 Verkehrsunfälle mit Radfahrern, 14.921 verletzte und 109 getötete Radfahrer — diese Zahlen beziehen sich auf alle Verkehrsteilnehmer.

Soweit, so gut, wir blicken durch. Weiter geht’s im dritten Absatz, der dann endlich die lang ersehnte Fortführung des ersten Absatzes darstellt und erklärt, dass Radfahrer mit strengeren Kontrollen rechnen müssten, weil jeder vierte Verunglückte und jeder achte Unfalltote auf dem Rad saß. Sorge hat die Polizei offenbar auch wegen der superklugen Verkehrsteilnehmer, die aus Angst um ihre Fahrerlaubnis mit Rad statt mit dem Auto nicht nur zur Kneipe, sondern auch wieder nach Hause fahren: „Das Auto wird bewusst stehen gelassen, stattdessen betrunken aufs Rad gestiegen“, beklagt Landesinnenminister Andreas Breitner, „das Unrechtsbewusstsein ist in diesem Punkt nur schwach ausgeprägt.“

Nur: Im ganzen Artikel geht’s nicht einmal mit einem Wort um Kraftfahrer, die — auf welche Weise auch immer — Radfahrer gefährden, obschon nicht einmal die Hälfte der Unfälle zwischen Rad- und Autofahrern vom Radfahrer verursacht wird. Gerade das berühmte Rechtsabbiegen ohne Schulterblick gehört vermutlich zu einer der Hauptunfallursachen, eine Kontrolle deren strikter Einhaltung könnte womöglich tatsächlich einen wertvollen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.

Stattdessen müssen sich Radfahrer an Unfallschwerpunkten an Kontrollen einstellen, die Landesverkehrswacht will Jugendlichen die Gefahr des Toten Winkels verinnerlichen. Letzteres ist sicherlich keine schlechte Idee, aber ohne eine entgegengesetzte Kontrolle unachtsam abbiegender Kraftfahrer recht witzlos.

Keine Hetzjagd auf Radfahrer?

Schade, dass es in diesem Interview fast nur um Fahrradkontrollen geht:

Kontrolliert die Polizei in Würzburg zu oft? Radkurier Volker Schneidereit diskutiert mit den Beamten Fritz Schneider und Wolfgang Glücker.

Ein gewisser Erfahrungsaustausch abseits der Kontrollen wäre sicherlich noch interessanter zu lesen gewesen.

„Verkehrswacht fordert Tempo 10 für Radfahrer!“

Nein, so schlimm, wie es die ausrufezeichenbewehrte Überschrift suggeriert ist es zum Glück nicht: Verkehrswacht fordert Tempo 10 für Radfahrer!

Hannovers Rad-Rambos fahren harten Zeiten entgegen! Jetzt fordert die erste Verkehrsexpertin ein Tempolimit für Fahrräder in der City!

Cornelia Zieseniß fordert gar kein generelles Tempolimit für Radfahrer, sondern immerhin nur eines in bestimmten Situationen. In Bereichen mit starkem Fußgängeraufkommen soll nach ihrem Willen ein Tempolimit zwischen 30 und zehn Kilometern pro Stunde angeordnet werden. Ob das rechtlich möglich ist, scheint wenigstens fraglich, allerdings ist der Vorschlag gar nicht so abwägig wie er auf dem ersten Blick scheint: in Bereichen, in denen Radfahrer und Fußgänger aufeinander losgelassen werden, ist in Ermangelung von Platz eine hohe Geschwindigkeit tatsächlich halsbrecherisch.

Die Lösung sollte allerdings nicht ein Tempolimit sein, dass einerseits nicht eingehalten wird, weil man mit zehn Kilometern pro Stunde schon fast vom Rad fällt, und andererseits schlecht kontrolliert werden kann. Viel mehr sollten Fußgänger und Fahrradfahrer voneinander getrennt werden: vom Bewegungscharakter her passen die Fahrräder eher auf die Fahrbahn als auf gemeinsame Fuß- und Radwege. Allenfalls in gemeinsamen Flächen, die gar nicht in der Nähe von Fahrbahnen verlaufen, wären Tempolimitierungen notwendig: allerdings handelt es sich dabei meistens um Fußgängerzonen, in denen je nach gültiger Straßenverkehrs-Ordnung etwas zwischen Schritt- und angepasster Geschwindigkeit gilt.

Für die Einführung eines solchen Tempolimits wird mit den Unfallzahlen des Radverkehres argumentiert — obschon die dortigen Zahlen eher von Unfällen mit Kraftfahrzeugen stammen, denn es scheint unwahrscheinlich, dass im letzten Jahr sieben Radfahrer nach Unfällen mit Fußgängern starben. Das ist so sinnvoll, als würde mit der Unfallwahrscheinlichkeit auf Landstraßen für ein Tempolimit vor dem örtlichen Kindergarten argumentiert.

Zieseniß fordert außerdem ein Überholverbot auf schmalen Wegen, obwohl das bislang noch gar nicht als besonders gefährlich genannt wurde und sicherlich eine interessante rechtliche Umsetzung mit sich brächte — insbesondere weil auf schmalen Fahrbahnen sicherlich kein Überholverbot für Kraftfahrzeuge gelten würde, bliebe von der Fahrbahn abzüglich des Fahrrades und seiner Sicherheitsabstände nicht genügend Platz. Und natürlich fordert Zieseniß auch Fahrradkennzeichen, die gemeinhin als kompletter Unsinn gelten.

Es ist schon überraschend, dass die Deutsche Verkehrswacht mit Händen und Füßen gegen vernünftige Radverkehrsbedingungen wehrt. Vermutlich möchte man unbedingt Peter Ramsauer seine Medienpräsenz streitig machen und verzichtet noch nicht einmal auf die stumpfsten Forderungen.

Und abgesehen davon ist bei BILD das Kampfradler inzwischen schon synonym für jeden beliebigen Radfahrer geworden. Aber ein solches Verhalten wundert bei der BILD immerhin nicht mehr.

Jagd auf Radl-Rambos

In München werden momentan schwerpunktmäßige Fahrrad-Kontrollen durchgeführt: Ab heute: Große Kontroll-Aktion der Polizei

Bei Rot über die Ampel, auf dem Gehweg, in falscher Richtung: Wer ab heute als Radl-Rambo unterwegs ist, muss sich auf empfindliche Strafen gefasst machen. Hier erhalten Sie alle Informationen!

So eine Fahrradkontrolle muss ja nicht pauschal etwas schlechtes sein, auch wenn sich im Netz genügend Berichte zu abenteuerlichen Kontrollen finden. Trotzdem tut die Gegenwart der Ordnungsmacht so manchem Sommerradler ganz gut, der sich in Unkenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung links und rechts der Straße ans Ziel mogelt und auch mit der Farbe der Ampel so seine Probleme hat, denn schließ fährt er ja kein Auto, da sei doch alles halb so wild.

Viel interessanter als so manche misslungene Fahrradkontrolle, um die es hier nicht gehen soll, ist jedoch die begleitende Berichterstattung. „Hier erhalten Sie alle Informationen!“, tönt der Merkur und zählt die Straßen auf, in denen besonders mit Polizeikontrollen zu rechnen ist. Abgesehen von einer Tabelle, die haargenau die Bußgelder auflistet, sind Informationen im Artikel allerdings rar gesät: schön, dass die fehlende Klingel zehn Euro kostet, aber was ist denn nun mit den teilweise komplizierten Regelungen für Radfahrer? Was hat es denn mit Radwegen und den blauen Schildern auf sich, wann dürfen denn Einbahnstraßen in Gegenrichtung befahren werden und welche Regelungen gelten da?

Wie vernünftiges Radfahren funktioniert weiß leider kaum ein Radfahrer: in der Grundschule und auf weiterführenden Schulen lernt man dazu nicht zwangsweise brauchbare Verhaltensweisen, in der Fahrschule bleibt das Fahrrad komplett ausgespart und selbst Zeitungsartikel geizen mit sinnvollen Hinweisen. So weiß dann der so genannte Kampfradler zwar nicht, welche Ampel eigentlich für ihn gilt, kann aber wenigstens den passenden Tarif rezitieren. Frei nach dem Motto: Regeln interessieren niemanden, lasst euch bloß nicht erwischen.

Das ist schon ein bisschen traurig. Andererseits: hätte der Artikel tatsächlich alle Verhaltensregeln für Radfahrer aufgezählt, wäre damit auch niemandem geholfen — da blickt in der Regel niemand durch.

Die Reporter-Guerilla

Die Aufregung über Kampfradler am Leben zu erhalten gehört offenbar zum primären Auftrag eines guten Journalistens — anders ist die einseitige und rechtlich leider längst nicht fehlerfreie Berichterstattung kaum noch zu interpretieren. Dieses Mal ist die Lokalzeit des Westdeutschen Rundfunks aus Bonn an der Reihe: Die Fahrrad-Guerilla

Schon im Angesichte der Kurzbeschreibung des Videos lässt sich erkennen, dass im besten Falle sechs Minuten verschwendete Lebenszeit folgen werden:

Die sitten werden zunehmend rauher in Bonn: Fahrradfahrer missachten Verkehrsregeln und behindern vor allem an den Uferpromenaden Fußgänger. Den Problemen mit so genannten „Kampfradlern“ begegnet die Polizei im Mai wieder mit eigenen Radlerkontrollen. Werden die Ordnungshüter tätig, werden 45 Euro fällig.

Na gut, also los. Es dauert keine drei Sekunden bis zum Rotlichtverstoß: eine Radfahrerin fährt über eine rote Ampel und biegt anschließend nach rechts auf den Radweg ab. Das ist nicht in Ordnung, aber die Fahrzeuge aus dem Querverkehr wurden gar nicht behindert, denn schließlich bog die Dame auf den Radweg ab und nicht auf die Fahrbahn. Insofern bleibt zwar rotes Licht auch hier rotes Licht, aber möglicherweise erwächst daraus kein Rotlichtverstoß: der liegt nämlich erst bei Verletzung des so genannten geschützten Bereiches vor, alles andere bleibt ein Haltlinienverstoß. Obwohl es eigentlich logisch wäre, zählt ein Radweg nicht zwangsläufig zum geschützten Bereich, der beginnt stellenweise gar sehr viel später. Und „einfach abgebogen“, wie es der Sprecher erklärt, ist die Dame auch nicht, sie hat sich ja durchaus vergewissert, niemandem in die Quere zu kommen.

Ein solches Verhalten ist leider alltäglich, längst nicht nur bei den so genannten Kampfradlern, sondern auch bei der Oma auf dem Weg zum Supermarkt oder dem erfolgreichen Manager auf dem Weg zur Arbeit — ja, sogar Polizeibeamte, Bürgermeister und Richter wurden schon gesehen, auf diese Weise abgebogen zu sein. Die Alltäglichkeit ist eben leicht begründet: man überquert als Radfahrer nicht die Kreuzung, man kommt dem Kraftfahrzeugverquer nicht in die Quere, sondern will ja nur nach rechts auf den Radweg — die rote Ampel fällt da plötzlich nicht so sehr ins Gewicht. Allerdings dürfte auch dieser Verstoß eher zu den weniger gefährlichen zählen. Interessant, dass die Polizei gleich zweihundert Meter später das Fehlverhalten erklärt, mutmaßlich aber nicht auf diese Aspekte eingehen wird und sich das Fernsehbild noch mit einer blödsinnigen Beschilderung teilen muss, die stark darauf hinweist, wie es um das Radfahren in Bonn bestellt ist: mit Zeichen 254 möchte man das Radfahren auf dem linksseitigen Radweg verbieten, gute Idee, aber leider sperrt Zeichen 254 keine einzelnen Straßenteile, da fiele ja auch die Zuordnung schwer, sondern gleich den kompletten Straßenquerschnitt.

Es folgt die übliche Erklärung einer andere Radfahrerin, mit dem Auto natürlich nie und niemals über rote Ampeln zu fahren. Das ist einleuchtend, denn im Gegensatz zum Auto gilt das Fahrrad in Deutschland nicht als vollwertiges Verkehrsmittel, ein Radfahrer ist eher ein beräderter Fußgänger, muss sich so manche Wege aufgrund behördlicher Anordnungen mit Fußgängern teilen und sieht sich in der Regel nicht als Verkehrsteilnehmer verstanden. Klar, dass man sich auf dem Rad auch mehr herausnehmen mag.

Acht rote Ampeln wurden während der zweistündigen Kontrolle missachtet, empört sich der Sprecher. Donnerwetter, mag man da denken, diesen Kampfradlern gehört das Fahrrad weggesperrt, doch bleibt dabei außer acht, dass parallel zur Polizeikontrolle auch dutzende Autofahrer wenigstens das gelbe Licht der Ampel missachtet haben dürften und lieber noch schnell mit Vollgas über die Kreuzung geflitzt sind. Wenigstens in Hamburg braucht man für acht vollqualifizierte Rotlichtverstöße durch Autofahrer an einer ordentlichen Kreuzung sicherlich keine halbe Stunde.

Und natürlich versuchen sich auch Rad fahrende Verkehrsteilnehmer aus der Affäre zu ziehen, doch in solchen Reportagen werden die Ausflüchte und Ausreden der Radfahrer so kommentiert, als nähmen Autofahrer ihre Strafe auf Knien und dankend entgegen.

Es bleibt nicht bei roten Ampeln, auch Gehwegradler werden zur Kasse gebeten. Auch hier zeigt sich die Polizeikontrolle außerordentlich kontraproduktiv, wenn auch in Bonn wird, so man denn unbestätigten Erzählungen glauben darf, durchaus vor allem deswegen auf dem Gehweg geradelt, weil jahrelang die Polizei die gefährliche Fahrbahn als tödlich für Radfahrer propagierte und entgegen der Straßenverkehrs-Ordnung empfahl, bei solchen Straßen lieber auf dem Gehweg zu radeln — um nun, ein paar Jahre später, die eigenen Erklärungen vergessen zu haben und die Radfahrer abzukassieren, die sich seitdem an den Rat der Beamten gehalten hatten. Interessant auch, dass so mancher erwischter Radfahrer sich über die zugeparkten Radwege beklagt, die Polizei sich dafür aber nicht weiter interessiert. Für den normalen Radfahrer ist es aber logischer, bei zugeparkten oder versperrten Radwegen auf den Gehweg auszuweichen als auf die Fahrbahn, denn auch das lernen sie an jeder Baustelle, die den Radweg blockiert: da wird mit Zeichen 240 plötzlich die Benutzung des Gehweges angeordnet, als dass es eine Rampe auf die Fahrbahn gäbe. So soll der Radfahrer also wissen, dass bei Arbeitsstellen der Gehweg, bei zugeparkten Radwegen aber die Fahrbahn zu benutzen ist?

Nach knapp zwei Minuten wird dann Zeichen 237 mit der damit einhergehenden Benutzungspflicht erklärt. Soweit, so gut, man hatte schon Hoffnung auf eine halbwegs ordentliche Auseinandersetzung mit der Straßenverkehrs-Ordnung, aber dann kommt gleich der nächste Unfug: kurz vor einer Kreuzung wird der Radverkehr von der Fahrbahn einer Einbahnstraße mit einer Rampe auf einen linksseitigen Radweg geleitet. Was machen Radfahrer, die nach rechts abbiegen wollen, fragt der Sprecher berechtigterweise. Die Antwort ist: auf der Fahrbahn bleiben, denn das aufgemalte Zeichen 237 auf dem Boden entfaltet kein Benutzungszwang, ganz im Gegenteil, weil es sich nur um Fahrbahnmalerei und nicht um ein Verkehrszeichen handelt, darf der linksseitige Radweg überhaupt nicht benutzt werden. Der Sprecher weiß das aber nicht und glaubt, das Rechtsabbiegen sei hier nur schiebend möglich. Er weiß allerdings nicht von seinem Glück, dass die Kamera eine dieser Situationen eingefangen hat, in der man sich als Radfahrer nur falsch verhalten kann: fährt man auf den linksseitigen Radweg auf, steckt man gleich in Kalamitäten, was das richtige Rechtsabbiegen angeht, denn theoretisch könnte ein findiger richtiger aus dieser Umfahrung einer Ampel durchaus einen Rotlichtverstoß konstruieren, denn das Abkürzen über Tankstellen oder Parkplätze ist ebenfalls untersagt. Andererseits darf ein Radfahrer diesen Weg überhaupt nicht benutzen, auch wenn die Behörde das gerne mit ihrem Piktogramm auf der Fahrbahn gewollt hätte. So kompliziert kann das Radfahren sein, woraus auch die vielen Regelverstöße resultieren, doch der WDR sieht nur die Regelverstöße, versteht aber die Komplexität dahinter nicht. Stattdessen bleibt dem Sprecher nur noch populistisches Geschwätz: „Stoppt den Kampfradler!“

Kurz kommt ein Radfahrer zu Wort, der sich über diesen Ausdruck beschwert, aber lange darf er nicht reden, denn die Polizei hält sogleich den nächsten Radfahrer an, der auf dem Gehweg fuhr. Man bekommt natürlich nicht so ganz raus, warum er nun tatsächlich angehalten wurde, aber falls er zur Kasse gebeten wird, weil er mit seinem Rad kurz den Radweg verlassen und auf dem niveaugleichen Gehweg geradelt ist, rückte nun wirklich die Vermutung der Abzocke in greifbare Nähe. Natürlich darf im Prinzip nicht einmal der Lenker das Lichtraumprofil des Radweges verlassen, aber gleich darauf zu lauern und sofort zu kassieren kommt doch einem seltsamen Verständnis des Radverkehrs gleich.

Das Bonner Verständnis des Radverkehres darf danach ein Hauptkommissar Volker Burow formulieren:

Meine Einschätzung ist die, dass die Radfahrer meinen, dadurch dass sie Radfahren und nicht die Umwelt belasten durch Autofahrerei haben sie einen gewissen Freibrief, da müsse man Verständnis für haben, dass sie dann auch von der Straßenverkehrs-Ordnung befreit werden.

Es mag sein, dass die Bonner Polizei den einen oder anderen Radfahrer mit diesem Selbstverständnis angehalten hat. Tatsächlich dürften die Gründe ungleich komplexer sein: jahrzehntelange Ignoranz gegenüber Radfahrern, schlechte Radverkehrsanlagen, widersprüchliche Regelungen in der Straßenverkehrs-Ordnung und Attacken von Seiten der Autofahrer haben zu dem heutigen Zustand geführt. Nur die wenigsten fahren aus lauter Boshaftigkeit auf dem Gehweg, eher halten sie die Fahrbahn für so gefährlich, wie es jahrzehntelang propagiert wurde und wollen sich logischerweise nicht unnötig in Gefahr bringen. Dass Radeln auf dem linksseitigen Radweg verboten ist, weiß mutmaßlich auch nur ein Bruchteil der Radfahrer, denn den Verkehrsunterricht aus der Grundschule kann man bezüglich der Straßenverkehrs-Ordnung komplett vergessen, in der Fahrschule knappe zehn Jahre später findet der Radverkehr ebenfalls kaum Berücksichtigung, denn schließlich ist ja auch die Fahrerlaubnis für ein Kraftfahrzeug das finanzierte Ziel. Dann gibt es Städte, die den Radverkehr so weit zerpflückt haben, dass eh niemand mehr durchblickt: mit Pfeilen auf den Radwegen soll das Fahren in beide Fahrtrichtungen erlaubt sein, obwohl die dazu nötigen Schilder fehlen, plötzlich wird man auf die linke Straßenseite geleitet, darf dort aus dem gleichen Grunde aber ebenfalls nicht radeln und mitunter wird das Gehwegradeln nicht ausdrücklich erlaubt, aber dankbar toleriert, um die Fahrbahnen frei von Radfahrern zu halten. Und da soll der normale Verkehrsteilnehmer durchblicken?

Es ist aber leider leichter, auf Rad fahrende Verkehrsteilnehmer zu schimpfen und zu bestrafen als die eigentlichen Hintergründe zu verstehen — oder gar einige Missstände abzustellen.

Danach kommen natürlich noch ein paar aus Prinzip empörte Autofahrer zu Wort. Beklagt wird das Vorbeidrängen der Radfahrer an der roten Ampel, was die Straßenverkehrs-Ordnung aber ausdrücklich erlaubt, die Radfahrer auf dem Radweg, die noch am rechtsabbiegen Autofahrer vorbeifahren, obwohl der Autofahrer hier in der Regel wartepflichtig ist und die Radfahrer lediglich ihre Vorfahrt wahrnehmen, und so weiter und so fort. Auch hier bleibt die Frage: was soll das? Da dürfen sich Autofahrer zu vermeintlichen Verstößen mit Radfahrern empören, so dass zu Hause am Fernsehschirm jeder Zuschauer zornig aufschreien kann, ja, diese Fahrradfahrer, das ist mir auch schon mal passiert, obwohl die Autofahrer eigentlich nur in Unkenntnis der Straßenverkehrs-Ordnung waren? Was soll denn überhaupt diese Einteilung der Verkehrsteilnehmer in Auto- und Radfahrer? Ein Großteil der deutschen wechselt mehrmals zwischen seiner Rolle Autofahrer und Fußgänger, so mancher fährt regelmäßig noch zusätzlich mit dem Rad, aber hier wird wieder eine Gruppierung eingeführt, die sich nur auf dem Fahrrad bewege und nicht an die Verkehrsregeln halte, während die armen Autofahrer bestürzt und empört durch die Fensterscheibe von ihren schlimmsten Erlebnissen berichten dürfen.

Im Prinzip hätte man sich diese Reportage gar nicht ansehen dürfen. Sechs Minuten vergeudete Lebenszeit. Vermutlich muss man froh sein, dass zu diesem Thema keine abendfüllenden Dokumentationen gedreht werden.

„Die sollten sich lieber um andere Sachen kümmern“

Die Hamburger Fahrradstaffel kontrolliert Rotlichtsünder und der Norddeutsche Rundfunk war mit dabei — das verspricht Spannung und gibt bestimmt Anlass zur Diskussion: NDR Fernsehen: Unterwegs mit der Fahrradstaffel

Die Kontrollstelle befindet sich an der Kreuzung zwischen Osterstraße und Eppendorfer Weg und ist wie erwartet schon beinahe urkomisch. Es gibt dort Radwege ohne Benutzungspflicht, so dass Radfahrer ganz legal auf der Fahrbahn radeln dürfen. Man darf es wohl tatsächlich schon als Fortschritt ansehen, dass die Polizei offenbar nicht die Fahrbahnradler zur Benutzung der Radwege auffordert, die Fahrradstaffel kennt im Gegensatz zu manchen Kollegen die Straßenverkehrs-Ordnung wenigstens bis § 2 Abs. 4 StVO. Nun werden an jenen Radwegen die Rotlichtverstöße geahndet und es fahren tatsächlich hinreichend viele Radfahrer über rotes Licht, obwohl die Polizeibeamten recht auffällig in der Gegend herumstehen.

Wenigstens ist die Ampelfrage eindeutig geklärt und die Beamten sanktionieren nach dem richtigen Signalgeber — auch das war in der Vergangenheit alles andere als selbstverständlich. Zwar ist ein Rotlichtverstoß ein Rotlichtverstoß, keine Frage, aber warum nun ausgerechnet die relativ harmlose Variante kontrolliert und sanktioniert wird, ist wohl ein Geheimnis der Beamten. Während nämlich für den Radfahrer auf dem Radweg die Fußgängerampel gilt, die für den Fußgängerverkehr berechnet wurde und dementsprechend früh auf rot umschaltet, dürfen Radfahrer auf der Fahrbahn noch eine gefühlte Ewigkeit die Kreuzung überqueren.

Es handelt sich also keineswegs um den üblichen Rotlichtverstoß, von dem am Stammtisch gerne berichtet wird, sondern um ein halbwegs nachvollziehbares Verhalten. Schließlich mussten derartige Radwege jahrzehntelang benutzt werden und es machte sich unter Radfahrern durchaus Missmut breit, dass für den Radfahrer die für den drei bis zehn Mal langsameren Fußgänger berechnete Räumzeit gilt, während der doppelt so schnelle Kraftfahrzeugverkehr noch eine ganze Weile die Kreuzung überqueren kann. Prinzipiell ist dieser Rotlichtverstoß sogar einigermaßen ungefährlich, sofern man auf rechts abbiegende Kraftfahrzeugführer achtet, die in der Regel nicht mit querenden Radfahrern rechnen.

Insofern hätte man sich definitiv bessere Plätze für eine Rotlichtkontrolle aussuchen können. Wenigstens mokiert man sich nicht wieder über die ertappten Radfahrer, die voller Unverständnis auf die Beschuldigung reagieren — so als ob andere Verkehrsteilnehmer mit Begeisterung und Dankbarkeit ihre Strafe entgegennähmen.

Der Streit um den richtigen Straßenteil

Als Radfahrer kann man es nicht jedem Recht machen: in manchen Gegenden wird traditionell die Fahrbahn um jeden Preis gemieden, in anderen wiederum fröhlich auf der Fahrbahn geradelt. Problematisch wird es, sobald der so genannte andere Radweg auftaucht, denn über dessen Aussehen schweigt sich die Straßenverkehrs-Ordnung aus. Traditionell leicht erkennbar ist natürlich die asphaltierte Fläche zwischen Gehweg und Fahrbahn, doch abseits davon wird es schon recht schwer: ist der graue Streifen neben dem rot gepflasterten Gehweg nun ein Radweg oder nicht? Und wenn in dieser Straße der Radweg grau war, ist das graue Ding in der Querstraße dann auch ein Radweg? Oder: wenn ein Radweg in eine ziemlich große Fläche mündet, die geradezu zum Radeln einlädt, darf dann dort geradelt werden? Letzteres ist gar nicht immer so eindeutig: WDR Lokalzeit: Radler kritisieren Polizeieinsatz

Es ist natürlich hinreichend lästig, dass in anderen Städten Radfahrer von der Polizei angehalten werden, aus Sicherheitsgründen nicht nur solche Flächen, sondern generell auf Gehwegen zu fahren. Da wäre mutmaßlich das Abzock-Lied angebrachter als bei den üblichen Geschwindigkeitsbegrenzungen. Im ADFC-Blog gibt es eine genauere Untersuchung der strittigen Straße: Wenn die Kontrolle aus dem Ruder läuft

ADFC: Hamburger Polizei noch zu autozentriert

Dem Hamburger ADFC missfällt weiterhin das Vorgehen der Polizei in der Hansestadt: Polizei noch zu autofixiert

Mit ihren aufwändigen Fahrrad-Großkontrollen und der begleitenden Pressearbeit trägt die Polizei leider nicht zur Verkehrssicherheit auf Hamburgs Straßen bei.

Obwohl momentan beinahe täglich die Kampfradler durch die Medien getrieben werden, seien Radfahrer verhältnismäßig selten Schuld an Verkehrsunfällen, wenn man die vorliegenden Zahlen nicht umdeutet. Statt höhere Strafen scheint auch dem ADFC eine angemessene Förderung des Radverkehrs sinnvoll, der ohne die üblichen mangelhaften Hamburger Radwege auskommt.

Ganz viel Langeweile bei der Fahrradkontrolle

Verkehrsteilnehmer werden ungern kontrolliert. Bei Autofahrern wird schnell das Abzocklied angestimmt, sobald es aus dem Kasten orangerot leuchtet, und sicherlich lässt sich über die wirkliche Motivation so mancher Kontrollstellen diskutieren. Bei Fahrradkontrollen läuft das mitunter etwas anders, weil es den kontrollierenden Beamten teilweise am nötigen Fachwissen mangelt. Dabei geht es gar nicht mal um komplexe Fragen wie die Wahl der richtigen Ampel, sondern auch teilweise um Grundlagenwissen, etwa dass eben längst nicht jeder Radweg befahren werden muss und ein für Radfahrer freigegebener Gehweg so ziemlich alles ist, aber nicht benutzungspflichtig.

Es sind sogar Berichte überliefert, nach denen Polizeibeamte Schwierigkeiten hatten, einen Nabendynamo zu erkennen oder mit der Standlichtfunktion der Fahrradbeleuchtung überfordert waren und dahinter eine verbotene Batteriebeleuchtung vermuteten. Andere wiederum taten sich angeblich schwer zu glauben, dass an verboten aussehenden Straßen in Ermangelung der entsprechenden Beschilderung ganz normal mit dem Rad auf der Fahrbahn gefahren werden darf. Insofern überraschen Fahrradkontrollen eher wenig, auch wenn dabei sogar die Profiltiefe der Reifen gemessen wird — wenigstens schweigt sich der Bericht darüber aus, ob unzureichendes Profil mit einem Bußgeld belegt wurde, denn das wäre in Ermangelung des passenden Tatbestandes wiederum sehr interessant: Polizei kontrolliert heute Fahrradfahrer in Hamburg

Noch genügend Profil am Reifen? Bremsen sicher? Die Polizei stoppt Radler an verschiedenen großen Kreuzungen in der Hamburger City.

Noch toller als die Hamburger Kollegen treiben es die Kölner Polizeibeamten: Fahrradkontrollen – Farce. Angekündigt war eine Kontrolle der ordnungsgemäßen Radwegbenutzung und des Respekts gegenüber roten Ampeln — postiert haben sich die kontrollierenden Beamten in einer Straße ohne Radwege und rote Ampeln. Das Radeln auf dem Gehweg wird nicht einmal beachtet, obschon es zu den häufigsten Unfallursachen zählt, stattdessen gerät Marco Laufenberg an zwei eher selbstbewusste Beamte — der Bericht ist auf jeden Fall lesenswert.

Eigentlich muss man schon beinahe resümieren: wer sich an einer Fahrradkontrolle ein Bußgeld einfängt, ist schon selber schuld.