Critical Mass Köln: „Die Straße gehört allen“

Im Kölner Stadt-Anzeiger geht’s heute um die dortige Critical Mass: Straßenprotest mit vielen Fahrrädern

Unter dem Motto „reclaim the streets“ – erobere die Straßen zurück – fahren Teilnehmer der Fahrrad-Bewegung „critical mass“ quer durch die Straßen Kölns und nehmen die Fahrspuren in Beschlag. Die Idee dahinter ist, die Straßen so mit Fahrradfahrern zu überfluten, dass der Verkehr ruhiger wird.

Eigentlich schade, dass die Critical Mass als eine Protestform oder eine Demonstration beschrieben wird — das ist sie nämlich eigentlich nicht.

Der „Fahrradfahrer-Minderwertigkeitskomplex“ der Gelegenheitsradler

Im Kölner Stadt-Anzeiger erschien heute ein Artikel, der immerhin etwas anders klingt als das übliche Gebrüll über den bösen Radfahrer: „Fahrräder gehören auf die Fahrbahn“

Jährlich gibt es das Radrennen „Rund um Köln“. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ war dort, aber auch auf einer ganz eigenen Rundfahrt mit einem Fahrrad-Aktivisten, der in seinem Blog auf Missstände für Radfahrer aufmerksam macht.

Leider beginnt in den Kommentaren schon wieder die übliche Prügelei zwischen Rad- und Autofahrern.

Durch den Tunnel zur Selbstanzeige

Zu den wertvollsten Errungenschaften der jahrzehntelangen deutschen Radverkehrspolitik gehört sicherlich die Verklärung der Fahrbahn als tödlicher Straßenteil, den es mit dem Fahrrad um jeden Preis zu meiden gilt. Schon im Verkehrsunterricht lernen Grundschüler, bei Straßen ohne Radweg lieber auf dem Gehweg weiterzuradeln und in Ermangelung eines vernünftigen Verkehrsunterrichtes im Erwachsenenalter halten sich auch viele Radfahrer jenseits des vollendeten zehnten Lebensjahres an diese Weisheit.

So ist es vollkommen normal, dass Radfahrer die vermeintlich schützenden Radwege heiß und innig lieben, mögen sie auch noch so buckelig und gefährlich sein. Und so ist es vollkommen normal, dass Radfahrer ganz automatisch auf dem Gehweg weiterradeln, sobald der Radweg endet. Dieses Phänomen ist allerdings auch vom optischen Zustand der Straße abhängig, es gibt durchaus Straßen, in denen ganz normal auf der Fahrbahn gerollt wird. Allerdings kommen auch nur die wenigsten Radfahrer auf die Idee, parallel zu einem nicht-benutzungspflichtigen Radweg auf der Fahrbahn zu verkehren — schließlich sei es dort zu gefährlich und außerdem wolle man den Kraftfahrzeugverkehr nicht behindern. Es ist schon interesant: Einerseits hört man von Autofahrern fast nur schlechtes über Radfahrer, andererseits bringen sich Radfahrer freiwillig auf dem Gehweg in Gefahr, anstatt dem Kraftfahrzeugführer einen Überholvorgang zuzumuten.

Ein weiteres Phänomen tritt dort auf, wo kein Radweg vorhanden ist und ein breiterer Grünstreifen zwischen Fahrbahn und Gehweg verläuft. Offenbar machen solche Straßen einen seltsamen Eindruck auf Radfahrer, vielleicht weil man dort nicht eben absteigen und schieben kann, zumindest ist an solchen Straßen ohne direkt parallel verlaufenden Gehweg kaum ein Radfahrer zu finden: die wählen entweder einen Umweg oder den Gehweg. So trauen sich dann auch nur ganz verwegene Radfahrer die Fahrt durch einen innerstädtischen Tunnel zu, denn dort mangelt es natürlich an einem Rad- oder wenigstens einem Gehweg.

Vermutlich käme kaum ein Kölner Radfahrer auf die Idee, den Rheinufertunnel zu befahren — für die wenigen, die sich das trotzdem getraut haben, wurden nun die entsprechenden Verkehrsschilder aufgestellt, um die Abkürzung zu unterbinden. Stattdessen werden die Radfahrer auf die von Fußgängern dicht bevölkerte Promenade geschickt, bei der es sich verkehrsrechtlich um einen freigegebenen Gehweg handelt, also ein für Radfahrer eher weniger geeignetes Verbindungsstück.

Wie vollkommen kurios und verrückt die Fahrt über die Promenade im Vergleich zu einer einfachen Tunneldurchfahrt ist, lässt sich anschaulich in einem Video von Marco Laufenberg bestaunen: Selbstanzeige wegen Ordnungswidrigkeit

Marco war sogar konsequent genug, seine Tunneldurchfahrt mit einer Selbstanzeige zu ahnden — mal sehen, was daraus wird.

Radfahren in Köln bleibt komisch

Solche Schlagzeilen lassen natürlich aufhorchen: 20 Prozent mehr Radfahrer-Unfälle

Das Fahrradfahren in Köln ist stellenweise sehr gefährlich. Häufigste Unfallursache: Das Fahren auf der falschen Seite des Radweges oder auf dem Gehweg. Die Polizei will nun gegen Geisterfahrer vorgehen.

Oder auch: Stadt und Polizei geben Tipps fürs sichere Fahrradfahren

40 Prozent der Unfälle passieren auf dem Weg zur Arbeit, Schule und der Universität. Dagegen möchte die Stadt Köln gemeinsam mit der Polizei angehen.

Marco hat sich intensiv mit der Veranstaltung befasst und meint: Die gravierendsten Fehler sind angeordnet

Unfallbilanz: Anzahl der verletzten Radfahrer in Köln gestiegen

Drüben in Köln wird über die Unfallzahlen des vergangenen Jahres debattiert: Deutlich mehr Radfahrer verletzt

Die Zahlen sind ernüchternd. Im vergangenen Jahr gab es auf Kölns Straßen deutlich mehr Unfälle. Die Polizei wurde zu 39 154 Karambolagen gerufen; im Vorjahr waren es 37 807 gewesen.

Die Polizei sieht dabei einen Einfluss des guten Wetters auf die Unfallzahlen, weil sich im milden Winter mehr Verkehrsteilnehmer auf die Straße gewagt hatten. Große Sorge haben die Beamten auch bezüglich der Radfahrer:

Große Probleme bereitet der Polizei die Unfälle mit Radfahrern, die nach Angaben von Polizeidirektor Helmut Simon drastisch angestiegen sind. In Köln wurden 1493 Radler zum Teil schwer verletzt; Vorjahr 1248. Drei Radfahrer kamen ums Leben. Und: 71 Radfahrer waren betrunken, als sie in einen Crash verwickelt wurden. In 61 Fällen ignorierten Radfahrer das Rotlicht im Straßenverkehr und kamen danach oftmals mit Verletzungen in die Klinik.

Nicht nur für Köln ist insbesondere der folgende Satz interessant:

Das häufigste Fehlverhalten der Radfahrer sei, auf dem Fahrradweg entgegen der Fahrtrichtung zu fahren, teilte Polizeidirektor Simon weiter mit.

Tatsächlich gibt es kaum lästigeres als Radfahrer im Gegenverkehr und tatsächlich gibt es statistisch gesehen kaum etwas gefährlicheres als auf der falschen Straßenseite zu radeln. Das Problem, das Behörden und Polizei dabei gerne übersehen: das Fahren auf linksseitigen Radwegen ist stellenweise nicht nur ausdrücklich erlaubt, sondern sogar vorgeschrieben, insbesondere dann, wenn an einer Straße nur Platz für einen einzigen Radweg war.

Leider unterscheidet sich ein solcher Zweirichtungsradweg nur in seiner Beschilderung, die eine Benutzung vorschreibt, von einem Einrichtungsradweg: meistens wird weder die Breite verändert noch werden an Kreuzungen und Einmündungen die vorgeschrieben Schilder aufgestellt, die vor Radfahrern aus beiden Richtungen warnen, noch werden an Unfallschwerpunkten die Sichtbeziehungen nennenswert verbessert — geschweigedenn dass die linksseitige Freigabe zurückgenommen wird, wenn sich das Risiko nicht senken lässt.

Fahrradstadt Köln?

Man weiß überhaupt nicht, worüber man mehr staunen soll — dass es offensichtlich möglich ist, Köln trotz aller seiner Widrigkeiten insbesondere gegenüber Radfahrern als Fahrradstadt zu bezeichnen oder die 30 Prozent intakter Radwege, die vermutlich maßgeblich für diesen Eindruck sind: Der weite Weg zur Sicherheit