Und das alles bekommen wir für unsere Gebühren

Es ist immer ganz witzig, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft aufläuft und mehrere Millionen verkannte Bundestrainer vor den Fernsehgeräten genau wissen, wie man unsere Elf zum Sieg führen könnte. Oder wenn am Stammtisch über die Lösung der Finanzkrise diskutiert wird, obschon keiner der Bierglashalter etwas von der Europäischen Zentralbank gehört hat. Oder, noch viel schlimmer, wenn über den Klimawandel sinniert wird und ganz furchtbar abstruse Theorien entstehen, die darin enden, dass es ja keinen Klimawandel geben könne, weil vor ein paar Wochen drei Zentimeter Schnee auf der Garagenauffahrt lagen.

Insofern ist es natürlich auch fraglich, ob ein Student der Medieninformatik fernab seines Fachgebietes über Radverkehrspolitik bloggen sollte. Ehrlich gesagt traue ich mir allerdings etwas Fachwissen zu und wenigstens kann ich die Straßenverkehrs-Ordnung beinahe auswendig rezitieren. Personen, die sich zu diesem Thema zurückhalten sollten, wären beispielsweise jegliche Verkehrsteilnehmer, die sich über das Thema noch niemals Gedanken gemacht haben und stattdessen den bereits hinlänglich bekannten Stammtischweisheiten hinterhertrauern.

Leider lässt die rbb-Abendschau ausgerechnet jene ihre Meinung über Berlin als Fahrradstadt kundtun: Pro und Contra Fahrradhauptstadt

Mit dem bevorstehenden Frühling nutzen wieder mehr Berliner ihr Fahrrad. Die stetig wachsende Radler-Gemeinde fordert noch mehr Unterstützung und vor allem mehr Radwege in der Hauptstadt. Doch diese Initiative findet auch Kritiker.

Das geht auch schon ganz verquer mit der Anmoderation los, die eine beeindruckende Zahl von 500.000 Berliner Radfahrern pro Tag nennt, die sich ganz offenkundig 700 Kilometer Radwege teilen müssen. Hinter dem Thema „Pro und Contra Fahrradhauptstadt“ verstecken sich hingegen keine tiefergehenden Überlegungen über das Fahrrad als Verkehrsmittel und Alternative zum Kraftfahrzeug, sondern lediglich ein dreiminütiger Beitrag, der im rasenden Tempo kreuz und quer alle niederen Empfindungen der Kraftfahrer bedient. Interessanterweise vermag noch nicht einmal der Pro-Fahrradstadt-Beitrag zu überzeugen, obschon er gut die Hälfte der Sendezeit belegte. Schuld daran ist die bereits genannte Konzeptlosigkeit, denen jegliche positive Argumentationen zum Opfer gefallen sind.

Okay, wir setzen lieber einen Sturzhelm auf, denn schon bei den letzten Worten der Anmoderation gerät der radfahrende Zuschauer ins Straucheln: Soll es nun um „Pro und Contra Fahrradstadt“ gehen? Oder um „Pro und Contra Radverkehrsförderung“? Oder um „Pro und Contra Fahrradweg“? Oder doch letztlich um „Pro und Contra Fahrradfahrer“? Die Moderation vermag das Thema nicht so richtig zu klären, denn sie fragt, ob für Radfahrer mehr getan werden müsste — oder ob schon viel zu viel getan wurde.

Letztere Frage stößt dem Alltagsradler natürlich sauer auf, wie kann den schon zu viel für Radfahrer getan worden sein? Dabei ist die Fragestellung durchaus berechtigt, mancherorts wurde beispielsweise subjektiv gesehen zu viel für den Kraftverkehr getan, als nach dem Krieg autobahnähnliche Trassen quer und ohne Rücksicht auf die Stadt als Lebensraum durch die im Aufbau begriffenen Städte geschlagen wurden. Teilweise stand nicht einmal zwei Jahrzehnte später die nächste Generation der Stadtplaner fassungslos am Straßenrand und fragte sich, warum um alles in der Welt die Chance auf eine lebenswerte Stadt gegen eine autogerechte, aber vernabte Betonlandschaft eingetauscht wurde. Und noch nicht einmal fünfzig Jahre später zeigt man sich ehrlich bemüht, wenigstens die größten Sünden der Automobilnation unter Schutzstreifen und Fahrradstaßen zu kaschieren.

Ja, es besteht durchaus die Möglichkeit, es mit den Maßnahmen zur Radverkehrsförderung zu übertreiben, wenngleich sich davor momentan wohl noch niemand fürchten braucht. Das liegt nicht nur an den Verwaltungen, die sich mit dem unbekannten Fahrrad als Verkehrsmittel nur schwer anfreunden können als auch die Tatsache, dass, wenn denn Planungen stattfinden, in der Regel mit mehr Weitblick geplant wird als zu Zeiten des Wirtschaftswunders, als es bloß galt, mit möglichst breiten Straßen und möglichst vielen Parkplätzen möglichst viele Kraftfahrzeuge in möglichst kurzer Zeit von A nach B zu drücken, was, wie man ja heute weiß, verkehrstechnisch überhaupt nicht so richtig funktionieren konnte. Hingegen kann natürlich argumentiert werden, Maßnahmen wie Schutzstreifen, die sich in einigen Städten wie ein Organismus quer durch die Stadtteile verbreiten, seien „zu viel“ für den Radverkehr, gerade wenn sie in mangelhaften Breiten und zu dicht an parkenden Kraftfahrzeugen geführt werden, woran solche Streifen nunmal in der Regel kranken.

Die letzten vier Absätze enthalten ganz schön viele Überlegungen angesichts der Tatsache, dass der eigentliche Beitrag noch gar nicht begonnen hat — ein sicheres Zeichen dafür, dass allein schon an der Formulierung „zu viel für den Radverkehr tun“ stundenlang und durchaus auch mit Berechtigung diskutiert werden könnte, was aber in der Abendschau natürlich gar nicht stattfindet.

Christian Titze beginnt als Fürsprecher der Fahrradstadt und schießt sich binnen Sekunden darauf ein, wie gefährlich das Radfahren doch sei, gerade in Ermangelung von Radwegen. Dazu gibt‘s ein paar Szenen aus dem Berliner Verkehrsalltag, die angesichts des vielen Blechs zwar bedrohlich aussehen, mitunter so schlimm aber gar nicht schienen, wenn nicht der Kommentator dem Zuschauer seine Meinung souffliert hätte. Christian Meier, der seit ein paar Jahren als Fahrradkurier, pardon, als Messenger unterwegs ist, fordert weitere Schutzstreifen. Als Gegenbeispiel werden die so genannten Hochbordradwege angeführt, die gerne mit Hindernissen zugestellt oder von Fußgängern zum Flanieren missbraucht werden.

Der ADFC fordert gleich noch mal Schutzstreifen, weil die bisherige Infrastruktur nicht ausreiche. Die mangelhaften Radverkehrsanlagen werden sicherlich ganz zu Recht kritisiert, aber warum gilt nun plötzlich der Schutzstreifen als Lösung sämtlicher Probleme? Immerhin besteht durchaus die Möglichkeit, dass der Schutzstreifen aufgrund der mangelhaften Ausführung in ein paar Jahren das ist, was die Hochbordradwege in den letzten Jahrzehnten geworden sind: Eine Infrastruktur für Radfahrer, die Sicherheit suggeriert und auf dem Papier auch Sicherheit bieten könnte, aufgrund der eklatanten Unterschreitung sämtlicher Sicherheitsabstände und der Ignoranz jeglicher Vorschriften im Zusammenspiel mit einigen Kraftfahrern die Unfallwahrscheinlichkeit ganz drastisch erhöht.

Immerhin ist langsam klar geworden, in welche Richtung hier denn mit Pro und Contra argumentiert werden soll: Wenigstens im Pro-Fahrradhauptstadt-Teil geht es nicht um Hochbordradwege, nicht um Kampfradler, sondern um weitere Schutzstreifen für Radfahrer. Na gut, das hätte man auch einfacher haben können. Das Resume lautet erwartungsgemäß, dass für die hunderttausenden Radfahrer mehr und sichererer Platz möglich sein sollte.

Agnes Taegener beginnt ihre Argumentation gegen eine Fahrradhauptstadt passenderweise mit den Worten: „Damit die noch gemütlicher fahren können?“ Sofort fragt sich der Zuschauer, ob dieser Zusammenhang nun Absicht oder ein Versehen ist, gerade weil zeitgleich zwei Radfahrerinnen auf einem einigermaßen breiten Schutzstreifen eingeblendet werden. Was der erste Beitrag an Niveau und argumentativer Sicherheit noch einigermaßen einhalten konnte, macht der zweite Teil mit einer geradezu herabwürdigenden Sichtweise auf den Radfahrer wieder zunichte. Taegener hat kaum sechs Wörter in ihren Beitrag gesprochen und schon ausgedrückt, dass sie das Fahrrad nicht als Verkehrsmittel begreift, sondern lediglich als störendes Verkehrshindernis, dass sich in den Städten ausbreitet. Man stelle sich vor, wie sehr die Rassismus-Keule in der rbb-Redaktion gewütet und wer alles seinen Job verloren hätte, ginge es hier nicht um Fahrradfahrer, sondern um mit ähnlichen Worten kommentierte Einwanderungspolitik.

Taegener stellt ihre Unwissenheit über die Verkehrsregeln auch gleich noch weiter zur Schau, als sie kommentiert: „Völlig daneben ist das Fahren auf der Straße, wenn es da auch noch sowas wie einen Fahrradweg gibt“. Das dazu eingeblendete Beispiel ist natürlich nicht benutzungspflichtig und zu allem Überfluss auch noch exakt jene Stelle, an der dreißig Sekunden zuvor die plötzlich auf den Radweg tretenden Fußgänger reklamiert wurden. Das mit den Verkehrsregeln ist peinlich, den selben Radweg zur Argumentation zu verwenden durchaus legitim: Der Radfahrer sieht den Radweg womöglich als niemals versiegenden Quell eines steten Fußgängerstromes, der plötzlich vom Trottoir auf den Radweg wechselt, der Kraftfahrer sieht in selben Streifen durch die Windschutzscheibe bloß einen bestens ausgebauten und breiten Radweg, den es doch bitteschön zu benutzen gäbe, schließlich halten sich Radfahrer eh nie an die Verkehrsregeln und zahlen gar keine Steuern!

Nun kommt natürlich kein Beitrag dieses Schlages ohne den empörten Kraftfahrer aus, der durch die heruntergekurbelte Scheibe befragt wird. „Weil die überhaupt nicht aufpassen und glauben, dass sie die Helden der Straße sind“, sagt der erste und merkt vermutlich gar nicht, dass seine Beschreibung genauso gut auf einen wesentlichen Teil der Kraftfahrer passt. Die nächste Wortmeldung ist allerdings mal wieder der Knaller: „Die sind doch schon sehr dreist, ich finde, die sind ein schwächeres Glied in dem Verkehr, aber die nehmen sich so einiges raus.“ Es wird nun nicht so ganz klar, was sich die Radfahrer nun rausnehmen, ob es nun um die üblichen roten Ampeln geht oder um das zuvor besprochene Fahrbahnradeln trotz des bestens ausgebauten und breiten Radweges, aber gemeint war sicherlich, dass Radfahrer nicht dem Kraftverkehr im Wege sein sollten und vor allem an den üblichen Konfliktpunkten, beispielsweise an Kreuzungen unbedingt bremsen sollten, um den unaufmerksamen Kraftfahrern das ungestörte und schulterblicklose Rechtsabbiegen zu ermöglichen. Okay, fairerweise muss man anerkennen, dass sie letzteres nicht gesagt hat, aber alle Argumentationen mit dem Radfahrer als schwaches Glied enden früher oder später unter dem abbiegenden Lastkraftwagen. Es ist schon ein Rätsel, wie es ein solch inhaltsleerer Kommentar in den fertigen Beitrag schaffen konnte.

So, einer hat noch was zu sagen: „Die fahren dann bei rot, wenn am rotesten ist.“ Das alles hätte auch weiter ausgeführt werden können, sogar über die Rotlichtverstöße ließe sich lange und trefflich diskutieren, stattdessen beließ man es bei plakativen Sprüchen.

Der viele unverhoffte Platz für Radfahrer stelle vor allem Taxifahrer vor Probleme. Komisch, Lastkraftwagen, Lieferanten und normale Kraftfahrer kommen demnach bestens mit der neuen Situation zurecht? Uwe Gawehn von der örtlichen Taxi-Innung hält gar nichts von Fahrradwegen auf der Fahrbahn, dadurch werde das Unfallrisiko erhöht, solche Fahrradwege führten zu Stress, sie erhöhten den Straßenverkehr und das Stauaufkommen.

Das meiste stellt sich nach einem Blick in die einschlägigen Studien als Unfug heraus. Das Unfallrisiko ist, auch wenn Schutzstreifen keineswegs die beste Lösung darstellen, auf Hochbordradwegen abseits der Fahrbahn deutlich erhöht. Der Stresspegel steigt bei den traditionellen Radwegen ohnehin auf beiden Seiten, weil die einen schauen müssen, den anderen nicht beim Abbiegen zu überfahren und die anderen schauen müssen, nicht plötzlich überfahren zu werden. Die Sache mit dem erhöhten Straßenverkehr ist natürlich auch ganz plausibel, denn genau wie breite Straßen noch mehr Kraftverkehr generieren, werden bessere Radverkehrsanlagen auf Dauer auch mehr Radverkehr verursachen — das war aber sicherlich nicht gemeint, Gawehn sorgt sich eher um den verbleibenden Platz auf der Fahrbahn, der, je nachdem, welcher Studie man nun glaubt, tatsächlich für Kraftfahrer problematisch sein könnte. Es gäbe also durchaus Diskussionsbedarf für dieses Thema… aber: Wer hat denn schon Zeit? Und vor allem: Wer hat Lust, sich damit zu befassen, wenn die Redaktion auch mit solch seichten, aber leicht kommunizierbaren Argumenten zufrieden ist?

Über die Hälfte der Unfälle von Radfahrer werde von den Radfahrern selbst verursacht, rechnet Taegener vor, gibt aber leider nicht an, in welcher Spalte sie diesen Wert gefunden hat. Gemeinhin lässt sich überschlage, dass etwas weniger als die Hälfte der Unfälle zwischen Rad- und Kraftfahrern von den unmotorisierten Verkehrsteilnehmern verursacht wird, was aber umgekehrt auch bedeutet, dass Kraftfahrer in mehr als der Hälfte aller Unfälle als Unfallverursacher geführt werden. Außen vor blieben offensichtlich die vielen Alleinunfälle, die, das ist ja nunmal der Witz an einem Alleinunfall, vom Verunfallten persönlich verursacht wurden, wobei dort meistens auch noch weitere Einflüsse ursächlich sind — beispielsweise schlechte Radverkehrsanlagen, die mehr einer Buckelpiste als einem Straßenteil gleichen.

Schon fast zynisch klingt es da, wenn Taegener resümiert, mehr Sicherheit im Radverkehr gäbe es vor allem durch sicheres Fahren, aber mutmaßlich meint, Radfahrer sollten gefälligst von der Fahrbahn fernbleiben, an Kreuzungen selbst aufpassen, nicht überfahren zu werden und ihre Geschwindigkeit soweit verringern, dass auch der schlechteste Radweg noch befahren werden kann.

Hatte das eigentlich noch etwas mit dem Thema zu tun? Im Endeffekt ging es offensichtlich darum, ob es noch mehr Schutzstreifen geben solle oder nicht. Das ist, wie oben erwähnt, durchaus ein vollkommen legitimes Thema für eine Diskussion, denn obwohl der Schutzstreifen durchaus zum Zwecke der Radverkehrsförderung taugt, ist er leider mit einer ganzen Reihe von Nebenwirkungen gestraft, deren Ausführung schon einen mehrstündigen Fernsehbeitrag rechtfertigen könnte. Natürlich lässt sich zu diesem Thema auch eine Befragung der Verkehrsteilnehmer senden, aber so richtig ergiebig wird das nie, dürfte doch den allermeisten jegliches Hintergrundwissen, geschweigedenn eine Kenntnis von § 2 Abs. 4 StVO fehlen, sofern sie nicht ihren Vorstellungen des Kampfradlers verhaftet sind, der sich bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzt.

Vielleicht ist das auch eine Besonderheit im Berlin-Brandenburger Rundfunk: Argumentationen werden hier sinnlos an die Mattscheibe geprügelt, die angekündigte Diskussion findet — zum Glück? — überhaupt nicht statt. Für eine Diskussion wäre es für beide Parteien notwendig, sich auf die Thematik einzulassen, sich mit der Materie zu beschäftigen und anschließend wohldurchdachte Argumentationsstränge auszuführen, gerne gewürzt mit ein paar markigen Sprüchen. Diese Unart, sich vollkommen stumpf an den Kampfradler-Zug anzuhängen und mal zu gucken, wen man mit der Argumentation denn am besten treffen kann, sollte endlich beendet werden.

Immerhin fiel nicht der Begriff des Kampfradlers. Dafür zahlt man doch gerne die neue Rundfunkgebühr.

Hartaberfair und die widerliche Doppelmoral

50 Minuten dauerte es, bis endlich das Thema Fahrradfahren diskutiert wurde und ja, wie es sich für eine lockere Talkrunde im Abendprogramm gehört, wurde zur Einstimmung der Kampfradler serviert. Ein kleines Einspielfilmchen präsentiert den Radfahrer als Anarchisten, der gegen Einbahnstraßen, auf dem Gehweg und über rote Ampeln fährt. Prinzipiell galt spätestens hier, was schon die vorigen 50 Minuten lang galt: Anschauen braucht man sich den Stuss nicht.

Drei weitere Minuten dauerte es bis zum Begriff des Kampfradlers.

Manuel Andrack, mittlerweile aus Harald Schmidts Schatten erwachsen und sogar mit einer Fahrerlaubnis ausgestattet, fährt „natürlich“ bei ganz gefährlichen Straßen ohne Radweg auf dem Gehweg, Einbahnstraßen, tja, das mit den freigegebenen Einbahnstraßen, das kapiert ja eh kein Mensch und dass auch gegenüber einem Radfahrer die bewährte Rechts-vor-links-Regelung gilt, schade, dass lernte der Führerscheinneuling auch erst in der Fahrschule. Andrack fiel in dieser Runde der Ahnungslosen gar nicht weiter auf, aber karikierte immerhin ganz prima das Bild des durchschnittlichen Verkehrsteilnehmers, der von den Regeln nur bedingt Ahnung hat, aber wenigstens noch darüber lachen kann.

Es war schon ziemlich traurig, was die ARD am Montagabend im Programm bot: Blitzer, Steuern, City-Maut – freie Fahrt nur für reiche Bürger?

Ein Tempolimit will die Politik Deutschlands Autofahrern nicht zumuten und hält sie so bei Laune. Gleichzeitig wird abkassiert wie nie zuvor: Mit Kfz- und Spritsteuern, teureren Knöllchen und bald auch mit Mautgebühren? Wie lange macht Autofahren so noch Spaß? Und sind die vielen Auflagen für Autos nur blinde Regelungswut – oder am Ende nötig, weil wir sonst im Verkehr ersticken?
hartaberfair diskutiert die Lust und den Frust am Auto – direkt nach dem Markencheck ADAC!

Immerhin: Es ging nicht primär um Radfahrer. Ganz im Gegenteil, die lustige Talkrunde dümpelte eine ganze Weile lang herum, schrammte am Tempolimit vorbei und tat sich auch ansonsten nicht mit besonderen intellektuellen Glanzleistungen hervor. Die Berliner Autohausbesitzerin Heidi Hetzer als Vertreterin der „Freie Fahrt für freie Bürger“-Fraktion durfte ihre Ängste über Radfahrer darlegen und erhält viel Applaus für ihre Ansage gegenüber unbeleuchteten und dunkel gekleideten Radfahrern — dass fehlendes Licht, so ärgerlich es durch die Windschutzscheibe auch sein mag, sicherlich ärgerlich ist, aber weder zu den Hauptunfallursachen zählt noch den Kraftfahrer vom Sichtfahrgebot entbindet, das war wohl zu viel Detailwissen in einer solchen Sendung.

Hetzers nächste Argumentation geht im Beifall unter, richtet sich aber an die Radfahrer, die von rechts kommend Hetzer beim Ausfahren aus ihrem Grundstück stören. Mutmaßlich haben die Radfahrer in dieser Fahrtrichtung dort nichts verloren, aber trotzdem Vorfahrt, und auch wenn sich die Dame mit der etwas peinlichen autoförmigen Handtasche bitterlich beklagt, trägt sie nunmal die Hauptschuld an so einem Unfall, die sie auch bekäme, nähme sie einem just in diesem Moment auf der Fahrbahn überholenden, also auf der linken Fahrspur fahrenden Fahrzeug die Vorfahrt. Bei einer solchen relativ eindeutigen Situation hilft auch der erboste Hinweis auf die fehlenden Kennzeichen nichts; ja, man weiß sofort, wohin die argumentative Reise geht. Gezeichnet wird wieder das Bild des rücksichtslosen Radfahrers, gegen den etwas getan werden muss, ohne dass jemand auf die Idee käme, bei Falschparkern, Rotlichtverstößen oder Geschwindigkeitsübertretungen gleich mit dem Kennzeichen zur Polizei zu laufen, aber wenn Radfahrer gegen die Regeln verstoßen, was hier keinesfalls gutgeheißen werden soll, dann klingeln sämtliche Alarmglocken.

Hetzers Probleme mit der Straßenverkehrs-Ordnung werden immer größer, mit dramatischer Stimme erklärt sie die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht am Berliner Kaiserdamm und echauffiert sich über die Radfahrer, die sich alles erlauben könnten und sich an keine Regeln halten und darum auf der Fahrbahn radeln. Man weiß gar nicht, wie wenig man von der Radwegbenutzungspflicht verstehen kann, denn wenn die Schilder an dieser Berliner Prachtstraße abgeschraubt worden sind, gab es offenkundig ja berechtigte Bedenken gegen die Nutzung des Radweges, mitnichten verstoßen Radfahrer gegen irgendeine Regel, wenn sie in Ermangelung blauer Schilder auf die Fahrbahn wechseln, sie sind noch nicht einmal moralisch angreifbar, denn Hetzer muss nun wenigstens nicht mehr fürchten, beim Ausfahren aus einem Grundstück oder beim Abbiegen einen Radfahrer umzubügeln. Freuen Sie sich doch mal, Frau Hetzer! Recht entrüstet musste Hetzer feststellen, dass ihr niemand mehr zuhörte, vermutlich waren die meisten bei der seltsamen Argumentation über Radwegbenutzungspflichten ausgestiegen.

Ein Problem dieser Sendung war sicherlich, dass jeder seine Meinung sagen musste, auch wenn er eigentlich keine Ahnung hatte. Das schlimmste an dieser Stelle: Von den angesetzten 75 Minuten waren noch immer knapp 20 übrig.

Es spricht nun Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer über die Sicherheit im Radverkehr und es steht die Befürchtung im Raume, dass das Niveau nicht gerade steigen wird. Radfahrer müssten sich endlich regelkonform verhalten, fordert er, man möchte schon fragen: „So regelkonform wie Kraftfahrer?“ Hetzers Ausführungen bezeichnet er als traurige Entwicklung, als Bundesverkehrsminister hat er also weder einen Schimmer von den Verkehrsregeln noch wenigstens die Sache mit den Benutzungspflichten verstanden, man müsse die moralische Überlegenheit der Radfahrer endlich in den Griff bekommen und weil er diesen Begriff mit der Unfallstatistik vermengt, impliziert er, das einzige Sicherheitsproblem der Radfahrer wäre deren Verhalten. Kein Wort zu mangelhaften und gefährlichen Radverkehrsanlagen, den üblichen Kram mit den toten Winkeln an Kreuzungen, keine Erwähnung des unzureichenden Verkehrsunterrichtes an Schulen — immerhin kommen weder Warnwesten noch Fahrradhelme zu Wort.

Und jetzt wird es schön, zu schön beinahe, aber auch nur ganz kurz, denn während Ramsauer beinahe mit den Fäusten auf den Tisch hauen möchte, weil Verkehrsregeln nunmal auch für Radfahrer gelten, fragt Plasberg ihn nach der Bedeutung von Zusatzzeichen 1000-32, also dem Fahrrad mit den beiden Pfeilen nach links und rechts, das fälschlicherweise gerne unter Stop- und Vorfahrt-achten-Schildern abgebracht wird, eigentlich aber nach oben gehört und ein Hinweis auf die Vorfahrt kreuzender Radfahrer ist, die hier ganz legitim, Vorsicht, Frau Hetzer, auch von rechts radeln dürfen. Ramsauer greift verlegen zum Wasserglas, hat keine Ahnung, immerhin weiß Andrack Bescheid, zwei andere machen blöde Bemerkungen und zeigen deutlich, dass die mangelnde Regelkenntnis, die ein paar Sekunden zuvor noch einstimmig bei Radfahrer beklagt wurde, bei Kraftfahrern ein gesellschaftlich akzeptiertes Problem ist. RTL-Formel-1-Mann Kai Ebel rätselt an einem Überholverbot für Lastkraftwagen, Kraftomnibusse und Personenkraftwagen mit Anhängern herum und meint, das Überholverbot gelte ausgerechnet für die gezeigten drei Fahrzeuggruppen nicht, merkt aber noch nicht einmal, dass seine Interpretation vollkommener Schwachsinn ist, merkt es dann doch und verschlimmbessert sich, man dürfe keine Personenkraftwagen überholen, sondern nur Lastkraftwagen, Kraftomnibusse und Personenkraftwagen mit Anhängern. Es wird nicht gerade besser, Hetzer weiß auch nichts, „sehr kompliziert“, nicht einmal Ramsauer kann eine relativ einfache Überholverbotsbeschilderung interpretieren.

Alle lachen, alle applaudieren begeistert, entgeistert staunen bloß die regelkundigen Radfahrer über die verlogenen fünf Minuten, die da gerade über die Mattscheibe flimmerten. Man mault und hetzt und propagiert unablässig gegen Radfahrer, die nicht auf dem Radweg und gegen Einbahnstraßen fahren, die sich nicht an die Regeln hielten, obschon nicht ein einziger von Plasbergs Gesprächspartnern die Regeln aufsagen kann und noch nicht einmal ein simples Überholverbot erklären kann? Das ist doch vollkommen bescheuert, brüllt man dem Fernseher entgegen, die Fäuste schon fast geballt wie Ramsauer einige Momente zuvor, als seine Argumentation noch gut ankam im Publikum und beim potenziellen Wähler, das ist doch alles vollkommen bescheuert und verrückt und überhaupt!

Wenn sich Hetzer über Radfahrer in Einbahnstraßen und neben Radwegen beklagt, erntet sie lauten Applaus, alle nickend anerkennend, ja, diese Radfahrer, die sind eben ein Problem, wer kennt es nicht? Alles Rowdys, Gesetzlose, Outlaws, die halten sich eh nicht an die Verkehrsregeln! Alle sind empört, betroffen und sich einig, Radfahrer wären ein großes Problem im deutschen Straßenverkehr. Aber wenn es um die eigene Regelkenntnis geht, um beim Beispiel zu bleiben, wenn es darum geht, wann denn ein Radfahrer gegen eine Einbahnstraße fahren darf, nicht auf einem Radweg fahren, wann er auf der linken Straßenseite radeln muss und Vorfahrt hat, dann weiß niemand genau Bescheid, alle drucksen etwas verlegen herum, bemühen sich um ablenkende Witzchen, das Publikum johlt vor Lachen, denn alle sind sich einig: Das ist doch nicht so schlimm!

Das ist eine widerliche Logik: Die mangelhafte Umsetzung der Straßenverkehrs-Ordnung seitens der Radfahrer wird dramatisiert, aber bei den Kraftfahrern klopft man sich lachend auf die Schulter, war ja alles nicht so schlimm! Die mangelhafte Umsetzung der Straßenverkehrs-Ordnung seitens der Kraftfahrer ist eben gesellschaftlich anerkannt, dort kommen die berühmten zweierlei Maß zum Einsatz, da wird drüber gelacht, wohlwissend, dass man selbst am Steuerrad auch nicht die ganz große Leuchte ist und es vermutlich auch nicht besser gewusst hätte.

Andrack interpretiert eine Parkverbotszone mit drei Zusatzschildern richtig, Hetzer staunt, Ramsauer sagt lieber nichts und die übrigen Gäste sowieso nicht, aber Andrack tritt noch mal nach und will das Thema Nachschulung im Alter auf die Tagesordnung setzen, weil’s auf der linken Seite bei Hetzer und Ramsauer ja nicht so ganz gut klappt mit den Verkehrsregeln. Schon wieder großes Gelächter und Applaus, während Andrack aber eigentlich gar keinen Witz machen wollte und tatsächlich etwas erstaunt war über die mangelhafte Regelkenntnis des Bundesverkehrsministers. Hetzer will lieber etwas gegen den Schilderwald unternehmen, diese „Vorfahrt für Radfahrer“ und Überholverbote und Parkverbotszonen, letztere freilich nicht immer gemäß der Straßenverkehrs-Ordnung ausgezeichnet, die gehen eben gar nicht. Ob jemand der alten Dame gesteckt hat, mit welchen abstrusen Regelungen sich Radfahrer täglich herumschlagen müssen? Man darf vermuten, dass Hetzer, stiege sie aus ihrem Opel auf ein Fahrrad, geradewegs jenes Verhalten auf der Straße zeigte, dass sie in den letzten zehn Minuten bitterlich beklagt hatte.

Insofern: Ein Glück, dass Plasberg zum nächsten Thema weiterleitet — und dass Radfahren wenigstens nicht das Hauptthema der Sendung war.

Was wir daraus lernen? Vor allem nichts. Oder allenfalls: Das Fahrrad ist noch lange kein anerkanntes Verkehrsmittel in Deutschland, solange hier diese widerliche Doppelmoral gilt. Begeht ein Radfahrer eine Ordnungswidrigkeit, wird sofort nach Fahrradkennzeichen gerufen, Kraftfahrer dürfen sich aber unbehelligt jeglicher Verkehrsregeln im Verkehr bewegen und sich vor lachen auf die Oberschenkel schlagen.

Man will glatt auswandern nach Amsterdam oder Kopenhagen.

Mehr dazu:

Krieg auf der Straße: „Wir haben ihn nicht angefangen“

Heute in der ZEIT: „Jeder Radfahrer muss ab und zu kampfradeln“

Jens Siemering und Mehmed Dechert gestehen: Wir sind Kampfradler. Die einseitig auf Autos ausgerichtete Verkehrspolitik zwinge sie dazu, sagen sie im Interview.

Bei dem Interview mit den beiden Kampfradlern wird leider das Thema mit den benutzungspflichtigen Radwegen falsch wiedergegeben — man weiß leider nicht, ob die feine Differenzierung bezüglich benutzungspflichtiger Radwege erst bei der Verschriftlichung des Interviews entfallen ist oder ob den beiden Kampfradlern die Straßenverkehrs-Ordnung dahingehend unbekannt ist, auf jeden Fall sorgen leider solche Kleinigkeiten bei der nächsten Konfrontation auf der Straße womöglich wieder für Missverständnisse.

In den momentan 302 Kommentaren sind die Missverständnisse auf jeden Fall schon einmal angekommen: dort finden sich die üblichen, nicht lesenswerten Weisheiten aus der Fahrgastzelle.

„Kampfradler: für mich ist das etwas Neues“

Holger Dambeck schreibt bei SPIEGEL ONLINE über Das Rätsel des radelnden Holländers:

Was können die Deutschen von den Niederländern lernen? Vor allem einen entspannten Umgang mit dem Fahrrad. Trotzdem rätseln Verkehrsexperten, warum in Amsterdam, Utrecht und Eindhoven vieles so anders ist als in Deutschland.

Der wesentliche Unterschied: während in der Automobilnation Deutschland immer wieder der Krieg zwischen Kraft- und Radverkehr skizziert wird und das Fahrrad nach Meinung der meisten Verkehrsteilnehmer ohnehin bloß zur Fahrt zum Baggersee taugt, sind Zweiräder in den Niederlanden gesellschaftlich akzeptiert. Daraus folgt auch die Bereitschaft zur Finanzierung der entsprechenden Infrastruktur, während hierzulande Radfahrer einerseits nicht auf der Fahrbahn fahren, andererseits aber bitteschön mit einem handtuchbreiten Radweg zufrieden sein sollen.

BILD: Härtere Strafen für Kampfradler, aber nicht für Kampfkraftfahrer

Ach, BILD, schon wieder BILD? Dieses Mal: Härtere Strafen für Rad-Rambos

Hamburgs Innensenator Michael Neumann (42, SPD) geht den Rad-Rambos an den Geldbeutel – und zwar bundesweit!

Das vermutlich beste an der ganzen Sache: die Gefährdung von Radfahrern beim Abbiegen oder öffnen von Fahrzeugtüren wird nunmehr doppelt so hoch besteuert — beide Fälle, die mithin ganz oben in der Unfallstatistik klemmen, kosten künftig zwanzig statt zehn Euro. Schade, dass sich die Meinung bei der Bestrafung von Verkehrsteilnehmern stets gegen Radfahrer wendet, obschon längst nicht nur das Fehlverhalten der Radfahrer für Unfälle ursächlich ist.

Rüpelzone Straßenverkehr

Thore Schröder beschreibt in der B.Z., warum sich der Straßenverkehr mitunter doch als Kampfzone anfühlt: Die Vorfahrt habe: Ich, ich, ich

Rad gegen Auto, Fußgänger gegen Rad. Jeder gegen jeden. Berlins Verkehr wird immer ruppiger und gefährlicher.

Gegen Rüpelradler muss etwas getan werden

Die Polizei rüstet auf: Fahrrad-Cops gegen Rüpel-Radler

Reinhard Naumann, Bürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, will Rambo-Radlern das Leben schwer machen.

Hoffentlich wird auch Kampfkraftfahrern, Kampfparkern und Kampffußgängern genügend Aufmerksamkeit zuteil.

„Radverkehrsregeln sind nicht mehr zeitgemäß“

Bernhard Stoevesandt ist Kampfradler und steht dazu: „Wir nehmen uns die Straße“

Eine Initiative von „Kampfradlern“ ruft Radfahrer zu zivilem Ungehorsam im Verkehr auf. Der Aktivist Bernhard Stoevesandt erklärt warum.

So richtig froh wird man als Radfahrer mit dem Interview allerdings nicht, wird dort doch direkt dazu aufgerufen, die Verkehrsregeln lieber links liegen zu lassen. Keine Frage: es gibt genügend Situationen, denen die Straßenverkehrs-Ordnung nicht gerecht wird und häufig genug steht man als Radfahrer plötzlich am Ende eines Radweges, der in einen reinen Gehweg mündet und fragt sich, wo es denn nun wohl langgehen soll. Da wächst natürlich die Bereitschaft, eigene Regeln zu schaffen, fällt man doch als Radfahrer offenbar durch das Wahrnehmungsraster von Behörden und Gesetzgeber.

Ob diese Art von zivilem Ungehorsam nun aber tatsächlich zu einem Umdenken in der Politik führt, scheint eher unwahrscheinlich. Bislang sorgten solche Manöver im Verkehr nur dazu, dass bestimmte Minister aus ihren Dienstwagen heraus unvorstellbares sahen und sich dem Kampf gegen den Kampfradler verschrieben.

„Ein offener Krieg auf der Straße“

Noch mal zum Nachlesen: Radeln ohne Regeln

Sie fahren über rote Ampeln, bei Dunkelheit ohne Licht, gern auch auf dem Gehweg, und überholen von rechts. Radfahrer in Großstädten pfeifen oft auf die Straßenverkehrsordnung. Viele fahren schnell, aggressiv und ohne Rücksicht auf Verluste. Und ziehen sich so den Zorn der Autofahrer und Fußgänger zu.

Das dazugehörige Protokoll gibt’s unten auf der Seite zum Herunterladen.

Wie akte 20.12 den Krieg auf der Straße inszeniert

Es ist furchtbar. Musste das wirklich sein? Hätte man das nicht besser machen können? Und vor allem: sinnvoller? Hätte man sich nicht Jumbo von Galileo ausleihen und irgendwelche Burger fressen können? Muss es wirklich der Krieg auf der Straße sein?

Der Krieg auf der Straße ist zurück. Dieses Mal inszeniert und dokumentiert von akte 20.12: Krieg auf der Straße!

Der Untertitel lautet ganz verheißungsvoll:

Auto- oder Radfahrer: Wer schert sich weniger um die Verkehrsregeln?

akte 20.12 geht das Thema an, indem zwei Mitarbeiter als Protagonisten auftreten, was schonmal nicht besonders klug gegenüber der eigenen Aufgabenstellung ist, denn wenn zwei eigene Mitarbeiter die Hauptrolle spielen, wird das mit den Verkehrsregeln ja eher so eine Drehbuch-Sache. Mal sehen.

Reporterin Anna fährt ein mit vier GoPro Heros bestücktes Fahrrad. Schnell gewinnt man den Eindruck, dass die gute Freu zum ersten Mal auf dem Rad sitzt, unter anderem daran erkennbar, dass sie alles besser weiß, aber recht unsicher unterwegs ist. Reporter Manfred fährt mit dem Auto und wirkt deutlich routinierter, unter anderem daran erkennbar, dass er alles besser weiß, vom Schulterblick aber nicht viel hält. Das ist eine ziemlich doofe Kombination, denn beide sollen nun eine mehr oder weniger festgelegte Tour durch Berlin beradeln.

Interessant ist vor allem, wie sich Reporterin Anna verhält. Manfred kann am Steuer nicht allzu viel falsch machen, denn Autofahren, das können in der Automobilnation Deutschland fast alle, vernünftig Radfahren allerdings kaum jemand und auch Anna macht sich ihre Tour durch Berlin unnötig schwer.

Das fängt damit an, dass akte 20.12 den abgegrenzten Radweg als bequem und toll und sicher feiert, dann aber moniert, er verlaufe zu dicht an den Kraftfahrzeugen. So etwas ist leider nicht selten, doch der im Film gezeigte Weg zählt definitiv nicht zu den schmalsten. Trotzdem radelt Anna exakt auf der linken Begrenzungslinie des Radweges und ist — Überraschung! — dem benachbarten Lastkraftwagen natürlich viel zu nah. Auf der folgenden Querungsfurt muss der Zuschauer gar kurz fürchten, die Reporterin schmeiße sich ohne Grund unter die Räder des Lastkraftwagens, denn sie radelt schon beinahe links neben der Furt und kann problemlos das Reifenprofil des Kraftfahrzeuges inspizieren. Kein Wunder, dass der Reporterin mulmig wird, sie den toten Winkel fürchtet, aber keinerlei Anstalten macht, die Gefahrenzone zu verlassen. Sicherlich ist das ein häufiges Problem bei den damit einhergehenden Unfällen, aber dazu verliert der Kommentator aus dem Off kein Wort. Stattdessen betont der Sprecher, es ginge um das Leben der Radfahrer, blendet dazu einen Crashtest zwischen Lastkraftwagen und Radfahrer ein, aber Anna radelt unbeirrt in der Gefahrenzone weiter. Gute Güte: warum bremst sie denn nur nicht?

Manfred nimmt derweil am Alexanderplatz verärgert zur Kenntnis, dass ein Radfahrer nach dem anderen eine rote Ampel passiert. „Ey, gilt rot nicht für Radfahrer?“, brüllt er verägert, man möchte schon beinahe Mitleid haben, denn er brüllt aus dem linken Fenster und wirkt eher hilflos. Aber wehe, ein Autofahrer fahre bei orange, klagt er, dann halte die Polizei sofort die Hand auf. Bei allem Verständnis: das ist gelogen. So ziemlich jeder Autofahrer drückt bei gelbem Licht noch schnell aufs Gas, kassiert wird nur in den allerwenigsten Fällen.

Das macht die potenziellen Rotlichtverstöße der Radfahrer natürlich nicht besser. Allerdings hat sich Manfred die denkbar schlechteste Kreuzung zum Wutbürgern ausgedacht, denn obwohl jener Fahrbahn-Signalgeber höchstwahrscheinlich auch den Radweg sperrt und der geschützte Bereich auch über den Radweg führt, kann bei einem Rotlichtverstoß eigentlich nichts passieren, sofern man auf die möglicherweise querenden Fußgänger achtet, denn andere feindliche Verkehrsströme gibt es auf diesem Radweg nicht. Überhaupt wird man aus der Gestaltung gar nicht so richtig schlau, ob das nun ein Radweg oder eine Radverkehrsanlage auf der Fahrbahn oder irgendein Hybrid sein soll. Trotzdem dürfte die Fahrbahn-Ampel hier gelten.

Die Rotlichtverstöße sind nicht in Ordnung, keine Frage, das braucht nicht schöngeredet zu werden. Anstatt aber mit dem Mikrofon den Radfahrern hinterherzujagen, hätte Manfred in Erfahrung bringen können, warum die Radfahrer denn nicht stehen bleiben. In häufigen Fällen dürfte die ehrliche Antwort mangelnde Regelkenntnis lauten: für Autofahrer ist in der Regel ganz klar, welche Ampel gilt, auf dem Sattel muss man sich zunächst mit einer komplexen Regelung auseinandersetzen und dann eruieren, wo denn wohl der geschützte Bereich verläuft. Das Zusammenspiel von einer recht unglücklich gestalteten Kreuzung im Zusammenspiel mit komplexen und vor allem unbekannten Regelungen führt schon beinahe zwangsläufig dazu, dass Radfahrer leichtfertig über rot fahren. Das ist nicht schön, aber auch nicht unbedingt verwunderlich. Interessant ist jedoch, dass sich akte 20.12 an dieser eigentlich noch recht ungefährlichen Situation so lange aufhält, statt jene Radfahrer auszumachen, die angeblich ständig bei roter Ampel in den fließenden Querverkehr stürzen. Ja, ob Anna hier gehalten hat, was auch der Sprecher aus dem Off fragt, das wäre interessant — wird aber seltsamerweise nicht aufgeklärt.

Denn Anna fährt momentan in einer Baustelle, in der es, wie akte 20.12 nicht müde wird zu erwähnen, keinen Radweg gibt. Eigentlich wartet man als Zuschauer nur noch darauf, dass nun endlich das Lied der gefährlichen Fahrbahn angestimmt wird, wo Radfahrer in ständiger Lebensgefahr schweben. Für den Eindruck sorgt Anna eigentlich schon selbst, denn eigentlich fährt sie gar nicht, sondern klemmt zwischen Baustellen und Kraftfahrzeugen und macht sich das Leben mit ihrer Fahrweise selber schwer. Mit einem minimalen Abstand zur rechten Betontrennwand hat sie keinerlei Sicherheitsabstand, geschweigedenn Platz zum Ausweichen, lädt aber alle folgenden Kraftfahrzeugführer zu gefährlichen Überholmanövern ein. Das wäre schon wieder ein Thema, dass die Reportage ausführlicher hätte beleuchten können, stattdessen hat Anna ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht vom Lastkraftwagen hinter ihr überholt werden kann und rettet sich schon beinahe keuchend auf den rettenden Radweg. Schon wieder so eine unterschwellige Darstellung: der Radfahrer ist auf der Fahrbahn nur geduldet, muss sich möglichst unsichtbar machen und darf auf gar keinen Fall den Kraftfahrzeugverkehr behindern.

Auf dem Radweg wiederum läuft Anna zur Höchstform auf, bellt Fußgänger an, die gerade den Radweg queren, und muss einen Geisterfahrer lautstark auf sein Fehlverhalten hinweisen. Kann man machen, wirkt aber auch ein bisschen komisch.

Nun kommt Manfred. Manfred hat sichtlich schlechte Laune, denn wegen seiner Ampelaktion hat er mächtig Zeit verloren und steckt nun gerade in der Baustelle fest, die Anna unlängst passiert hat. Und nun ärgert er sich, weil vor ihm ein Radfahrer fährt und ihn nicht überholen lässt. Auf die Idee, einen Spurwechsel zu praktizieren kommt Manfred nicht, ebenso schwer fällt es ihm zu begreifen, dass der schmale Fahrstreifen gar keinen Platz für ein Kraftfahrzeug und ein Fahrrad bietet, selbst wenn der verhasste Radfahrer schon mit dem rechten Pedal an der Betontrennwand schrammt: „Das gibt’s doch gar nicht, er fährt die ganze Zeit vor uns und lässt uns nicht vorbei!“ Man kann die Entrüstung förmlich spüren! Hier hätte akte 20.12 nun wirklich langsam einen Hinweis anbringen müssen, dass Radfahrer in solchen Situationen keineswegs in der Gosse fahren müssen, um jeden wütenden und spurwechselfaulen Autofahrer das Überholen zu ermöglichen.

Anna macht derweil wieder Dummheiten und fährt viel zu dicht an parkenden Autos vorbei, als sich plötzlich eine Tür öffnet — gerade noch mal gutgegangen. Manfred macht sich derweil mit seinem Fahrzeug auf einer Abbiegespur breit — da ist Halten und Parken natürlich verboten, das ergibt sich aus Zeichen 297, stört aber in dieser Reportage niemanden. Auf dem Rückweg zur Redaktion mäht er glatt beim Rechtsabbiegen zwei Radfahrer um und stellt ganz erstaunt fest, dass die Spiegel in solchen Fällen nicht zu gebrauchen sind. Ein Glück, dass diese Situation gestellt ist, ansonsten müsste einem angesichts von Manfreds angeblicher Fahrpraxis schon Angst und Bange werden.

Noch ein paar Kilometer, schon ist alles vorbei. Und was lernt der interessierte Zuschauer daraus?

Nichts.

Nein, wirklich gar nichts, denn eigentlich hat man sich nur über die regeluntreuen Radfahrer aufgeregt. Dass Autofahrer beim Abbiegen nicht über die Schulter schauen, och ja, das ist wohl richtig, aber die Botschaft ist eindeutig: das eigentliche Problem im Straßenverkehr sollen die Radfahrer sein. Man hätte die Sache mit der roten Ampel vertiefen können, den Radfahrer als gleichberechtigten Verkehrsteilnehmer vor allem in der engen Baustelle darstellen können, den ganzen anderen Problemen auf den Grund gehen können, die sich aus dem Wissensgefälle der Verkehrsteilnehmer bezüglich der Straßenverkehrs-Ordnung ergibt, das hat man sich aber gespart und stattdessen publikumswirksam den Krieg auf der Straße insziniert.

Vernünftige Reportagen gehen anders.