Ja, bitte: Vertragen wir uns endlich

Die B.Z. hat ausgerechnet das Fahrrad zum Thema der Woche erhoben und widmete dem Radverkehr in der Ausgabe des gestrigen Sonntages gleich zwei große Doppelseiten: „Vertragt euch endlich“, heißt es da in großen Lettern. Inhaltlich war zwischen großzügigen Bildern und gespielter Empörung nicht so ganz viel zu reißen: Den meisten Platz nahm etwas ein, was die B.Z. aus unerfindlichen Gründen als „große Vorfahrt Diskussion über Radwege, rote Ampeln, Helm- und Kennzeichenpflicht“ bezeichnete und daraus bestand, dass Taxi-Fahrerin Angelika Warnecke, ADFC-Vertreter Philipp Poll, Fahrlehrer Matthias Preuß und Fahrrad-Kurier Valeriy Leibert zu jedem Thema ein paar Sätze aufsagen durften. Eine Diskussion sieht definitiv anders aus, das war allenfalls die leidliche Bekanntmachung der meist festgefahrenen eigenen Standpunkte.

Und obwohl ein wie auch immer gearteter Erkenntnisgewinn nicht zu verzeichnen war, ergab sich beim Lesen doch der eine oder andere Lacher. Da war beispielsweise Fahrlehrer Preuß, den an der roten Ampel ständig Radfahrer überholen und mit der Tasche den Spiegel abbrechen, was ihn jedes Mal 150 Euro kostet. Soll nun wirklich jemand glauben, der Mann reparierte mehrmals im Monat oder, wie er sagt, „ständig“ seinen rechten Außenspiegel für 150 Euro? Fahrradkurier Leibert spielt ebenfalls mit den Zahlen und beklagt sich über Fahrradkontrollen, von denen an sonnigen Tagen mindestens zehn gleichzeitig stattfänden. Ansonsten? Keine Überraschungen. Die so genannte Diskussion dümpelt eng eingezwängt zwischen Bildern und Großbuchstaben-Überschriften auf zweieinhalb Seiten herum.

Zwischendurch eingestreut wurde so eine Art Ratgeber für den nächsten Fahrradkauf, der mit einer großzügigen Überschrift angekündigt wird („Zu einem sicheren Fahrrad gehört auch die richtige Größe“), während der eigentliche Artikel nur ein paar Zeilen länger als die Einleitung ist. Selbst die Beratung bei Baumarkt-Fahrrädern dürfte umfassender sein. Und dann bildet die B.Z. noch ein altes Holland-Rad ab, um die vorgeschriebenen Einrichtungen am Fahrrad zu erklären, erzählt da was von der „wirkungsvollen Klingel“ und „zwei unabhängig wirkenden Bremsen“, während das Holland-Rad noch so einen verdächtig nach Stempel-Bremse wirkenden Griff am Lenker hat. Das hält man ja im Kopf nicht aus.

Der stimmungsvolle Teil darf ja auch nicht fehlen, irgendwie muss der Blutdruck schließlich auf Kurs gebracht werden, also ging die B.Z. mit der Polizei auf Rotlicht-Radler-Jagd. „In drei Stunden erweichte die Polizei 29 Rot-Radler“ klingt natürlich dramatisch, immer diese Kampfradler, das kennt man ja. Natürlich ist ein Rotlichtverstoß pro sechs Minuten noch immer zuviel, aber wieder einmal wird der Eindruck geschürt, nur diese blöden Radfahrer hielten sich nicht an die Verkehrsregeln. Wie viele Kraftfahrer wohl an der Straße des 17. Juni in dem dreistündigen Zeitraum Probleme mit der Farbwahrnehmung hatten?

Und dann dieser Auszug aus dem Bußgeldkatalog, der bar seiner Unbrauchbarkeit gar nicht groß auffällt. Da gibt’s beispielsweise das „Fahren ohne Licht“ und das ebenso teure „Fahrrad ohne Lampen“, das beliebte „Straße entgegengesetzt befahren“ und, natürlich, der Klassiker darf nicht fehlen, das „Nichtsnutzen des vorhandenen Radweges“. Hmm, gerade eben wurde aufwändig noch die mangelnde Regelkenntnis am Fahrradlenker reklamiert, aber jetzt sorgt die B.Z. mit ihrem tollen Auszug aus dem Bußgeldkatalog gleich noch mal für mehr Verwirrung? Und überhaupt: Wenn man sich doch über diese ganze Kampfradelei echauffiert, warum unternimmt die B.Z. nicht mal was dagegen und druckt einen Auszug mit den wichtigsten Verkehrsregeln für Radfahrer ab? So spiegelt das Thema der Woche nur die allgemeine Mentalität im deutschen Straßenverkehr wider: Verkehrsregeln interessieren nicht, aber wie viel kostet’s denn, wenn’s die Rennleitung sieht?

So wird das nicht mit dem Vertragen.

Ui, schon wieder Helmpflicht-Debatten

Manchmal steigt man abends vom Rad und kommt nach Hause und öffnet den Posteingang und schon steht einem die Sch**** bis zum Scheitel: Kampfradler, Fahrradkennzeichen, Fahrradhelme, Krankenversicherungen? Offenbar war wieder ein streitbarer Beitrag zum Radverkehr in den Medien, der an den heimischen Empfangsgeräten für relativ schlechte Laune gesorgt hatte, die sich in einer spontanen Frustattacke am E-Mail-Client entlud. Marco Laufenberg, warst du es wieder?

Die erste heiße Spur führte zum Westdeutschen Rundfunk, der am Nachmittag zu einer Diskussionsrunde zum Helmpflicht-Thema geladen hatte: Fahrradfahren oben ohne

Keine Knautschzone, kein Gurt und kein Airbag schützen einen Fahrradfahrer: Mehr als 50.000 Fahrradunfälle passieren jedes Jahr im deutschen Straßenverkehr. Schutz vor schwerwiegenden Kopfverletzungen bietet letztlich nur ein Fahrradhelm. (…) Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) spricht sich gegen eine Helmpflicht aus. Das finden wir bemerkenswert und diskutieren heute bei d+u das Für und Wider einer Helmpflicht für Radfahrer.

Leider lässt sich die Sendung in der Mediathek nicht mehr auftreiben, offenbar werden überhaupt keine Sendungen der daheim+unterwegs-Reihe bereitgestellt. Schaut man sich allerdings die Reaktionen auf den Beitrag auf der daheim+unterwegs-Seite auf facebook an, stellt sich ja tatsächlich die Frage, ob man dieses Thema nicht einfach überspringen möchte.

Es lässt sich kaum leugnen, dass das Helmpflicht-Thema ohnehin emotional besetzt ist und jegliche Diskussionen spätestens nach dem zehnten Beitrag in abstruseste Vergleiche abdriften. Ab dann werden nur noch die Schützengräben weiter ausgepolstert, ein wie auch immer gerichteter Wissensaustausch findet nicht mehr statt. Die einen weisen auf die nicht besonders ausgeprägte Schutzwirkung des Fahrradhelmes hin und zeigen auf Verbesserungen in der Radverkehrsinfrastruktur, die anderen bemühen den sagenhaften Melonentest als Beweis für geradezu übersinnliche Fähigkeiten des Fahrradhelmes und kennen jemanden, der jemanden kennt, der ohne Helm jetzt tot wäre und überhaupt sollten doch bitte alle Radfahrer, die keinen Helm tragen, ihre Krankenhausaufenthalte selbst bezahlen.

Am besten schmeißt man die ganzen Mails einfach in den Mülleimer. Das spart auch die fünfzig Euro für eine Kopie der Sendung beim Mitschnittservice: So richtig neue Erkenntnisse scheint die Diskussion ja nicht hervorgebracht zu haben.

„Radfahren in Frankfurt generell verbieten!“

Die Frankfurter Rundschau berichtet über Falträder und die Fahrradmitnahme im öffentlichen Nahverkehr: Faltrad zu Sonderkonditionen

Fahrräder in öffentlichen Verkehrsmitteln sind meistens ein Ärgernis: Sperrig und im schlimmsten Fall sogar ein Sicherheitsrisiko. Das Faltrad soll dieses Problem lösen. ADFC und RMV wollen die platzsparende Alternative fördern, denn das Faltrad kann als Handgepäck mitreisen.

In dem lustigen Kasten in der Mitte kommen — leider? — auch einige Leser zu Wort, die dem Rad nicht besonders freundlich eingestellt sind. Das mag freilich auch anderen Erfahrungen liegen, die offenkundig ja alles andere als positiv waren, das Radfahren in Frankfurt allerdings komplett zu verbieten, um damit die Radfahrer als Reinkarnation des Leibhaftigen aus der Stadt zu vertreiben, das dürfte dann doch etwas zuviel des Guten sein.

„Rot heißt vorwärts keine Frage!“

Man kann wohl davon ausgehen, dass Roland Brockmann keine Radfahrer mag. Im stern schreibt er: Der Terror fährt Rad

„Links vor rechts in jeder Lage – Rot heißt vorwärts keine Frage!“ In Berlin bekennen sich nicht nur „Radterroristen“ zur rabiaten Gangart. Seitdem sich durchtrainierte Angestellte auf dem Rad fit für den Konkurrenzkampf im Büro machen, ist Schluss mit der Gemütlichkeit auf dem Hollandrad.

Die Extrem-Autofahrer schlagen zurück

Als Radfahrer merkt man ziemlich schnell, wenn etwas nicht stimmt. Der siebte Sinn kündigt unachtsame Kraftfahrer an, die gleich ohne Schulterblick abbiegen wollen, der achte Sinn stellt fest, ob in den Medien schon wieder ein hetzerischer Beitrag über Radfahrer veröffentlicht wurde.

Gleich zwei Kraftfahrzeugführer forderten heute gleichzeitig an der roten Ampel durchs Beifahrerfenster die ordnungswidrige Benutzung des Gehweges und vermutlich bestärkt vom gegenseitigen Zusammenhalt investierte der hintere Fahrzeugführer sogar eine komplette Grünphase, um mir trotz des entnervten Gehupes der übrigen Kraftfahrzeuge ganz in Ruhe zu erklären, dass ich „Hurensohn“ keine Steuern zahle, auf der Straße „hartzende Arschlöcher“, vulgo Radfahrer, nur geduldet werden und er einen wesentlichen Teil eines Gehalts für „bescheuerte Scheißradwege“ ausgäbe, die „solche Wixer“ dann noch nicht einmal „verwenden!!!“ Immerhin kam der Fahrradhelm nicht zur Sprache, der aber wenigstens vor den wild prasselnden Ausrufezeichen geschützt hätte.

Bislang befand ich den Weg von meiner Wohnung zur S-Bahn als so ungefährlich, dass ich keine Kamera mitführte — es hätte sich dieses Mal gelohnt. Und natürlich lag der Verdacht nahe, dass da wieder etwas in der Zeitung oder im Netz stand, was zu dieser Aufregung geführt hatte.

Der vorsichtige Blick in den Posteingang klärte die Sache recht schnell: Es ging um Kampfradler, Steuergelder, Helme, Radfahrer mit Kamera und Köln und es dauerte gar nicht lange, bis ich feststellte, dass Marco Laufenberg wohl im Fernsehen aufgetreten ist.

Letztes Mal fingerte ich allerhand Unappetitlichkeiten aus dem Posteingang, dieses Mal ging’s zum Glück nur ums SAT.1-Frühstücksfernsehen, das einerseits aufgrund der unchristlichen Sendezeit nicht ganz so viele Zuschauer wie sternTV zählt und die Leute am Frühstückstisch wohl auch noch entspannter als am Abend sind, schließlich hat man morgens ja erst die anstrengende Autofahrt mit den vielen Kampfradlern links und rechts und auf der Fahrbahn erst noch vor sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Insofern blieb die Resonanz mit einem knappen Dutzend E-Mails noch relativ verhalten.

Der Beitrag, naja, hieß halt schon komisch, da wusste man schon vor dem Werbeblock, worum es gehen würde: Autofahrer vs. Radfahrer

Marco Laufenberg ist Extrem-Radfahrer und will bessere Verhätnisse für Radfahrer.

Auch wenn sich Marco wieder einmal wacker geschlagen hat, bleibt ja die Frage, warum schon mit der Wortwahl immer gleich suggeriert werden muss, dass mit diesen Radfahrern etwas nicht stimme. Die üblichen Bis-zum-Postkasten- und Bis-zum-Bäcker-Autofahrer sind schließlich auch keine Extrem-Autofahrer und mitnichten wird außerhalb des Radfahrer-Stammtisches jemand, der mit Vorliebe auf dem Radweg parkt, als Kampfparker bezeichnet. Nun mag man zurecht entgegnen, dass jemand wie Marco schon ein bisschen was besonderes ist, aber prinzipiell schwingt nicht nur im Frühstücksfernsehen, sondern auch überall sonst der unterschwellige Vorwurf mit, dass mit jedem, der öfter als fünf Mal pro Jahr auf den Sattel klettert, etwas nicht stimmen könne.

Ich will an dieser Stelle überhaupt nicht aus den E-Mails zitieren, es steht bloß der übliche Kram drin, den man eh nur zur Belustigung liest, weil es wie ein Unfall aussieht. Prinzipiell waren die Wortmeldungen sowieso nicht an mich gerichtet, schließlich ließ sich aus der Besucherstatistik ganz eindeutig ablesen, dass die meisten Leute die üblichen Ramsauer-Buzzwords in die Suchmaske geprügelt hatten und dann dummerweise hier herausgepurzelt kamen, aus unerfindlichen Gründen noch den Weg ins Impressum fanden und im E-Mail-Programm ihrer Wut freien Lauf gelassen haben.

Womöglich muss ich meine Meinung langsam korrigieren: Der Krieg auf der Straße wird mittlerweile so kräftig geschürt, dass er vielleicht doch keine märchenhafte Erfindung der Medien ist.

SOLCHE BILD-Berichte müssen endlich verschwinden

Hetze gegen Radfahrer lässt sich in ein paar Minuten am Redaktionscomputer zusammenklicken, da ist nicht mal eine nennenswerte Qualifikation nötig: SOLCHE Rüpel-Radler müssen bald mehr zahlen!

Die Drohung ist ernstzunehmen:

BILD.de zeigt Alltagsfälle von „Radeln brutal“

(…)

Sie fahren gerne Fahrrad? Aber hoffentlich nicht SO!
Verkehrsrüpel sind in allen deutschen Städten ein Problem. BILD.DE zeigt echte Alltagsfälle von „Radeln brutal“!

Es scheint allerdings unerwartete Komplikationen gegeben zu haben, die versprochenen Alltagsfälle vorzustellen. Gefunden hat die Redaktion nur drei Fotos: Das erste zeigt einen „OHNE-LICHT-FAHRER“, okay, den kann man anhalten. Der zweite Radfahrer fährt sogar auf dem Radweg, auf dessen Benutzung BILD traditionell viel Wert legt, und lässt ansonsten nicht viele Anhaltspunkte für Bußgelder offen, zumindest geht aus dem Foto nicht hervor, warum er nun mit seinem Leihrad vom der Ordnungsmacht angehalten wird. Das dritte Foto ist durchaus spektakulär und zeigt einen „Rad-Rüpel“ in Richtung Asphalt fliegend, nachdem er offenbar von einem Polizeibeamten beim Versuch, eine Polizeisperre zu durchbrechen, vom Rad gerissen wurde — sicherlich rüpelhaft, aber keineswegs alltäglich.

So richtig geklappt hat es mit der Hetze dieses Mal nicht: Es bleibt beim misslungenen Versuch.

„Sind das alles Rowdies?“

Weil es gerade so schön zum Thema passt — Andrea Reidl schreibt im Velophil-Blog der ZEIT über Radfahrer, die ewigen Regelbrecher?

Radfahrer werden sie von Politikern und anderen Verkehrsteilnehmern gerne als notorische Regelbrecher dargestellt. Dabei nutzen die meisten Radfahrer auch das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel oder sie sind als Fußgänger unterwegs. Aber was macht Radfahrer zu vermeintlichen Störenfrieden auf der Straße, und welchen Anteil haben die übrigen Verkehrsteilnehmer?

So wird das nichts mit der Kampfradelei

Vorsicht! Stern TV versucht sich am Thema der Kampfradler: Kampfradeln für mehr Gleichberechtigung

Zugeparkte Radwege, unmögliche Verkehrsführung, drängelnde Autofahrer – Radler fühlen sich auf deutschen Straßen benachteiligt. Jetzt sollen sie für Fehlverhalten noch mehr büßen. stern TV diskutiert.

Eigentlich war alles cool, solange Marco Laufenberg im Bild herumradelte. Okay, das Bildmaterial, das war nicht so cool, aber der Beitrag an sich, der war bis zu dieser Stelle in Ordnung, sogar der Passus mit den benutzungspflichtigen Radweg überstand ohne Blessuren seine Sendezeit, herrje, sogar die dazugehörigen Verwaltungsvorschriften wurden zitiert.

Dann musste Marco wohl nach Hause oder es war Feierabend oder es ist sonstwas passiert, aber offenbar wurde der zweite Teil des Beitrages von einem anderen Team produziert. Ab Minute 5:18, als — schwusch! — der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers das Bild betritt, ab Minute 5:18 wurde plötzlich alles anders. Dabei könne er die Radfahrer in seiner Stadt teilweise verstehen, schließlich sei er selbst auch Radfahrer, aber er argumentiert erst einmal locker am Thema vorbei: Ja, Radfahren in Köln, das sei schon manchmal lästig, aber auch als Autofahrer komme man nicht so einfach durch die Stadt.

Darum geht es aber gar nicht. Es geht darum, sicher und nach Möglichkeit innerhalb der Verkehrsregeln durch die Stadt zu fahren. Ob man dann mal einen Umweg fahren muss oder an einer Ampel mehr als der Kraftverkehr festhängt, ist dabei erst mal zweitrangig. Nur dieses ständige Gehupe, radelt man zur Sicherung der eigenen Gesundheit nicht mitten in der Door-Zone oder auf einem buckeligen Radweg, diese ständige Aggression, die sich angesichts eines Fahrbahnradlers im Cockpit aufstaut, die ist unter anderem das Problem. Und sicherlich ist, ganz klar, gar keine Frage, auch ein Problem, von rechts abbiegenden Kraftfahrzeugen gefährdet zu werden.

Und gleich danach folgt der übliche Kram, den wir eigentlich schon hinter uns wähnten: Stern TV rezitiert den aktuellen Bußgeldkatalog und behauptet, die Nichtbenutzung eines vorhandenen Radweges koste nun zwanzig statt fünfzehn Euro. Schade, denn keine fünf Minuten vorher hatte der Sprecher im Off noch gewusst, was es mit § 2 Abs. 4 StVO auf sich hatte. Mal ganz abgesehen davon, dass die Fahrbahnradelei neben einem so genannten anderen Radweg ungefähr eine der bisherigen fünf Beitragsminuten ausmachte.

So. Nächste Szene. Da radeln welche gegen die Fahrtrichtung, werden kontrolliert und bestraft. Stern TV bemängelt das fehlende Unrechtsbewusstsein, was angesichts der Szenen dieser Kontrolle nicht unbedingt verkehrt ist. Daraus aber wiederum zu versuchen, eine Parabel auf die Gesamtheit der Radfahrer zu schlagen schlägt fehl: Auch Kraftfahrer neigen nicht gerade dazu, auf Knien rutschend ihre Strafe zu bezahlen, sondern zitieren ebenso sinnvolle Ausreden („Nachts ist doch eh keiner unterwegs“, „Tempolimits sind nur Abzocke“). Hätte man sich etwas Zeit nehmen können, hätte sich Stern TV ansehen können, warum denn hier so auffällig stark der Geisterradlerei gefrönt wird — womöglich steckt ja auch eine vollkommen missratene Radverkehrsinfrastruktur dahinter, die das Geisterradeln zwar nicht rechtfertigt, aber wenigstens die Reaktionen der ertappten Radlinge erklärt.

Und dann kommt Bernhard Stoevesandt. Es ist momentan noch nicht so ganz klar, ob es noch schlimmer hätte kommen können. Seine Ansichten mögen teilweise berechtigt und nachvollziehbar sein, indem er sich aber als Kampfradler in der Öffentlichkeit echauffiert, erweist er dem Radverkehr vermutlich einen Bärendienst, denn mit seinem Auftreten und seiner Argumentation schürt er hinter der Windschutzscheibe bedingungslose Aggressionen, die sogar bis in dieses Weblog schwappen.

Gut. Stoevesandt hat Recht wenn er bemängelt, dass die Fahrradinfrastruktur stellenweise so mangelhaft ist, dass es kaum noch möglich ist, sich an die Verkehrsregeln zu halten. Das wurde hier auch schon häufig genug diskutiert: Wenn ein Gehweg nur hin und wieder mal mit Zeichen 240 ausgezeichnet ist, dann ist man als Radfahrer, salopp gesagt, am Arsch. Radelt man nach der nächsten Kreuzung auf dem Gehweg weiter, obwohl just an dieser Stelle kein Zeichen 240 aufgestellt wurde, verhält man sich ordnungswidrig, verbleibt man die gesamte Zeit auf der Fahrbahn, verhält man sich ebenfalls ordnungswidrig und zieht sich zusätzlich den Hass der Kraftfahrer zu. Wechselt man artig und ständig zwischen Gehweg und Fahrbahn, wie es dieses Zeichen gerade anzeigt, gefährdet man sich über Gebühr und macht sich nebenbei zum Affen. Und der ganze Rest, der ist auch nicht gerade besser. Da sollen einseitige Beidrichtungs-Radwege befahren werden, die innerorts nicht nur saugefährlich und gemäß der Verwaltungsvorschriften bleiben zu lassen sind, und die sind dann auch noch so eng, also die Radwege, nicht die Verwaltungsvorschriften, dass schon ein einzelnes Fahrrad nicht einmal komplett rauf passt. Und dann soll sich der Radverkehr zum Geradeausfahren über zwei Ampeln schlängeln und zum Linksabbiegen über vier und so langsam wird klar: Das macht niemand auf Dauer gerne, zumindest nicht, wenn er nicht nur aus Spaß am Pedalieren im Sattel sitzt.

Stoevesandt meint, die Idee des Radfahrens sei schnell von A nach B zu kommen. Das ist sicher nicht verkehrt. Und ja, gar keine Frage, allzu großen Unsinn an Radverkehrsanlagen darf man auch getrost mal links rechts liegen lassen. Stoevesandt beachtet aber auch keine roten Ampeln, wenn er sie nicht für sinnvoll hält. Und damit ist leider nicht bloß das beliebte Beispiel der roten Ampel um fünf nach zwei Uhr morgens gemeint, an der weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer zu sehen ist, nein, Stoevesandt bahnt sich tatsächlich auch seinen Weg mitten durch den abbiegenden Querverkehr. Da stellt sich ja fast die Frage, welche Lichtzeichenanlagen er denn wohl außer den grünen noch für sinnvoll hält. Im Kreisverkehr drehe er gleich mehrere Runden und behindere die Kraftfahrer beim Ein- und Ausfahren, wobei da natürlich wieder die Frage ist, wie genau er das mit der Behinderung denn wohl anstellt abgesehen davon, dass er nunmal im Kreisverkehr zirkuliert. Und nebenbei erwähnt ist auch die Verkehrsführung mit diesem Schutzstreifen innerhalb des Kreisverkehres höchst problematisch.

Und nun hatten wir doch ganz zu Beginn des Beitrages erklärt, was es mit § 2 Abs. 4 StVO und den Radwegen und den so genannten anderen Radwegen auf sich hat, aber jetzt wird Stoevesandt vorgehalten, statt des Radweges „die Straße“ zu benutzen, obwohl das in Ermangelung der blauen Beschilderung vollkommen legitim ist. Und dann sagt Stoevesandt auch was ziemlich wahres: Die Menschen sollen sich bewusst werden, dass sie Regeln übertreten. Und darüber nachdenken. Und es dann vielleicht auch bleiben lassen. Hinge er diese gesamte Argumentation nicht gerade an den roten Ampeln auf, könnte man hier glatt applaudieren. Ja, Hand aufs Herz, sollen die Radfahrer halt fünfzig Meter auf der linken Seite pedalieren, wenn sie denn nur wissen, was sie da tun und drauf achten, nicht vom nächstbesten abbiegenden Fahrzeug über den Haufen gefahren zu werden. Und wenn sie der Meinung sind, unbedingt auf dem Gehweg radeln zu müssen, dann bitte doch mit angepasster Geschwindigkeit und ohne den Einsatz der Klingel. Und wenn’s durch die Fußgängerzone gehen muss, herrje, dann wenigstens bitte mit absolutem Vorrang für die Fußgänger. Persönlich halte ich diese Regelverstöße zwar noch immer für unanständig und nicht empfehlenswert, aber wenn schon Regelverstoß, dann wenigstens mit Hirn.

So ein Glück, dass die Sendezeit dann vorbei war. Wer weiß, was in weiteren Minuten passiert wäre.

„ich fahr dich um du fotze“: Reaktionen auf den Kampfradler

Problematisch scheint zu sein, dass mancher Kraftfahrer nach der Eingabe des Suchbegriffes „Kampfradler“ in einer beliebigen Suchmaschine plötzlich auf dieser Seite herausgestolpert kommt. Obwohl ich mit der gestrigen Stern-TV-Sendung überhaupt nichts zu tun habe, nicht einmal Bernhard heiße und seine Meinungen nur sehr bedingt, mit Marco aber wenigstens die beiden ersten Buchstaben im Vornamen teile, wurden mir einige, naja, bereits bekannte Ansichten unterbreitet.

Interpoliert man die mir zugeschickten Meinungen einmal auf den Kraftfahrer-Anteil der Zuschauer unter der Voraussetzung, dass mir nicht jeder höchst erregte Zuschauer auch gleich eine Hass-E-Mail in den Posteingang tippt, abgesehen davon, dass ich der vollkommen falsche Empfänger bin, stehen dem Radverkehr auf Deutschlands Straßen in den nächsten Wochen wieder einige höchst interessante und vermutlich auch gefährlichere Wochen bevor, bis sich die Aufregung wieder gelegt hat: Manche Kraftfahrer konnten vor Wut kaum noch an sich halten und es ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass es mit der Beherrschung am Steuer besser klappt.

Ich überlege, gegen mindestens zwei Absender eine Strafanzeige zu stellen, denn die Grenzen dessen, was bei mir noch als einigermaßen nerviges, aber ungefährliches Gerede durchgeht, ist hier teilweise weit überschritten.

ich kenn jetzt deine adresse.. wenn ich dich auf der straße sehe anstelle auf dem Radweg, dann fahre ich dich über, dann hast du mal einen schönen Film für deine scheiß Helmkamera. komm mir blos nicht unter die augen!!

Ihr habt sie nicht mehr alle!!!
Ihr seid keine Autofahrer, daher habt ihr nicht die gleichen Rechte!
Ihr habt vorausschauend zu fahren!
Und der typ beim stern tv heute provoziert.
Ich würde dem auch eine verpassen, wenn er mein Auto anpacken würde.
Geht zu Fuß, wenn s euch zu gefährlich ist -.-

ich fahr dich um du fotze fahr einmal auf der Straße und ich fahr dich um und dann kannst du dir deinen scheiss radweg in den arsch schieben

Sorry, aber für mich bist du der letzte Idiot Malte. Wenn es einen Fahrradweg gibt, dann sollte dieser, auch benutzt werden es ist schließlich zu deiner Sicherheit. Wir autofahrer zahlen mit unseren Steuern deine Radwege und als ,,Dankeschön“ blockst du uns auf der Straße..

ich fahre auch manchmal rad kenne also beide seiten aber ich bin dankbar für jeden radweg den es gibt und du arschloch fährst mitten au fder straße und blockierst den verkehr. schon mal daran gedacht dass kinder dich sehen und dein verhalten nachmachen? du bestätigst mein vorurteil dass die meisten radfahrer einfach nur hirnlose spasten sind

Wenn´s euch auf dem RAdweg zu gefährlich ist, geht zu fuß oder fahrt mit dem auto…. lol…. aber schön immer die polizei rufen wenns mal knallt

Ihr Radfahrer seit alle Wickser.

Bußgeldkatalog: „HAZ“ hetzt gegen Radfahrer

Eigentlich fällt die Hannoversche Allgemeine Zeitung gar nicht besonders auf, denn statt ein bisschen über die Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung zu schreiben und die Handvoll Änderungen, die für Kraftfahrer Kraftfahrende künftig von Bedeutung sind, fanden die Niedersachsen den neuen Bußgeldkatalog so interessant, dass sie ihn auszugsweise gar auf die Titelseite der heutigen Ausgabe hievten.

Man fragt sich echt, was mit unserem Mobilitätssystem nicht stimmt, dass nicht die neuen Verkehrsregeln von Interesse sind, sondern lediglich die Kosten für Regelverstöße. Aber gleichzeitig wird immer gerne gegen Kampfradelnde gehetzt, die sich angeblich etwas zu schulden kommen ließen — so ganz sicher weiß man das ja nicht, denn dazu müssten ja die Verkehrsregeln bekannt sein.

Die dpa-Grafik 18139, die sicherlich auch in anderen Medien abgedruckt wurde, gibt den Schwachsinn wieder, den die Deutsche Presse-Agentur in einem anderen Artikel in schönster Prosa formuliert hatte. „Nicht auf dem Radweg fahren“ kostet nun zwanzig Euro, das ominöse „falsch in eine Einbahnstraße einbiegen“ ebenfalls. Für einen Hinweis auf die tatsächlichen Verkehrsregeln ist in so einer Tabelle natürlich kein Platz, obschon es nunmal eine ganz grundlegende, ja, elementare Verkehrsregel ist, dass längst nicht jeder Radweg beradelt werden muss und Radfahrer mittlerweile in vielen Einbahnstraßen auch entgegen der Fahrtrichtung rollen dürfen.

Drumherum um diese informationsarme Tabelle strickte Vera Fröhlich einen Artikel, der gar nicht zu ihrem Nachnamen passt, aber deutlich durchblicken lässt, dass sie sich eher hinter dem Steuer zu Hause fühlt. „Ab Ostermonstag wird Falschparken deutlich teurer“, titelt sie; aha, es geht also wieder nur darum, wie viel diese so genannten Kavaliersdelikte kosten — in der Feuerwehrzufahrt, im Haltverbot, auf dem Gehweg parken, das scheint in unserer Gesellschaft ganz normal zu sein. Hauptsache der Verkehr wird nicht behindert, man kennt die üblichen Ausreden. So verwundert’s auch nicht mehr, dass Fröhlich schreibt: „Am 1. April brechen für Auto- fahrer andere Zeiten an: Sie müssen für Falschparken erheblich mehr bezahlen.“

Auch wenn der neue Bußgeldkatalog nicht explizit so bezeichnet wird, schwingt doch der Vorwurf der Abzocke mit, schließlich listet die komplette erste der 2,25 Spalten in ungeahnter Sorgfalt die neuen Gebühren auf, die auf die armen „Gebührenverweigerer“ zukommen werden. Die Forderung der Redaktion muss wohl „kein schlechtes Wort gegen Autofahrer“ gelautet haben, die beinahe in eine Opferrolle erhoben werden.

Dann widmet sich Fröhlich den neuen Bußgeldern für Radfahrer und greift sofort ins übliche Vokabular. Merke: Das Parken an den umöglichsten Stellen ist nur ein Kavaliersdelikt, dessen Sanktionierung bloße Abzocke, aber „Rowdys“ auf dem Rad müssen für die Nichtbenutzung eines beschilderten Radweges — aha, ob das nun jemand kapiert? — bloß zwanzig Euro zahlen. „Rüpeleien“ wie das Fahren gegen die Einbahnstraße werden ebenfalls teurer.

Und zurück bleibt die bange Frage, warum sich Kraftfahrer als Opfer einer angeblichen Abzockmentalität des Staates offensichtlich alles erlauben dürfen, aber bei Verstößen auf dem Zweirad sofort von Rowdys, Rüpeln, Kampfradlern und Rüpeleien geschrieben wird. Mutig, zu diesem Vokabular zu greifen, wenn nicht einmal elementare Verkehrsregeln korrekt wiedergegeben werden können, also mutmaßlich die Qualifikation fehlt, angebliche Rüpeleien der Radfahrer in ein empörtes „Das muss doch verboten sein!“ und tatsächliche Verstöße sortieren zu können. Aber gleichzeitig wird immer wieder gerne verbal gegen Radfahrer geschossen, die im Straßenverkehr ihre Rechte wahrnehmen und etwa auf der Fahrbahn präsent sind.