Kamerabewehrte Kampfradler

Für die schöne Landschaft findet das Auge keine Zeit, zu sehr wackelt die Aufnahme nach links und wieder nach rechts, fast wie der Kopf eines Zuschauers beim Tennis, nur eben ohne Kopf und ohne Tennis, dafür aber mit der asphaltgrauen Landstraße in der Mitte. Sicherlich würde der Bach zur rechten Seite lustig glucksen und die Vöglein in den Bäumen ihr fröhliches Lied zum Besten geben, aber alles wird übertönt von einem monotonen, alles überlagernden Surren, das nur hin und wieder von einem lauten Knallen übertönt wird.

Der Fahrradlenker ist für eine Action-Kamera nur der zweitbeste Ort zur Befestigung: Einerseits blickt die Kamera nur nach vorne und filmt dementsprechend nicht exakt das, was der Radfahrer sieht, der seinen Kopf zur Seite drehen kann, andererseits sind vernünftige Tonaufnahmen kaum möglich, weil sich die Abrollgeräusche der Reifen über den Rahmen direkt in das Gehäuse übertragen und das Betätigen der Gangschaltung zu lustigen Knalleffekten führt.

In diesem Fall hat es gereicht: Staatsanwaltschaft und Gericht nahm die Videoaufzeichnung durchaus dankbar zur Kenntnis, half es doch, etwas Klarheit in die wirre „Gegenanzeige“ eines Kraftfahrers zu bringen, der den anzeigeerstattenden Radfahrer erst dicht überholte und beim anschließenden Einscheren so sehr bedrängte, dass der wiederum samt Fahrrad in den lustig glucksenden Bach platschte.

Bei vielen Alltagsradlern dürfte am heutigen Heiligabend eine so genannte Action- oder Helmkamera unter dem Baum liegen. Solche Kameras sind, verfolgt man die Trends in den einschlägigen Online-Treffpunkten, das nächste große Ding im Krieg auf der Straße. Besonders berühmt in diesem Zusammenhang sind die YouTube-Videos britischer und dort primär Londoner Radfaher, die keinen Meter ohne Helmkamera fahren und täglich brenzlige Situationen und vereinzelt auch leider Unfälle ins Netz laden. Dem gemeinen Verkehrsteilnehmer dürften hingegen eher die Dashboard-Aufnahmen russischer Fahrkünste bekannt sein, von denen täglich aberhunderte Minuten auf YouTube veröffentlicht werden.

Der Helmkamera-Hype, so man denn schon einen erkennen mag, ist dabei keineswegs auf Großbrittannien beschränkt. Die dortigen Straßenverhältnisse sind zwar nicht direkt mit den deutschen zu vergleichen, beispielsweise radelt man in London offenbar permanent auf ultra-schmalen blauen Streifen am Fahrbahnrand oder direkt zwischen den im Stau stehenden Kraftfahrzeugen, aber so langsam wird das kamerabewehrte Radeln auch in Deutschland populär. Grund dafür dürfte nicht zu letzt die Kampfradler-Kampagne des vorigen Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer sein, der im Zusammenspiel mit den Medien, die sich außerstande sahen, wenigstens die grundlegendsten Verkehrsregeln für Radfahrer korrekt wiederzugeben, die Stimmung auf der Straße deutlich verschlechterte.

Alltagsradler, die besonders viel auf großstädtischen Fahrbahnen unterwegs sind, stellten direkt nach dem Inkrafttreten der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung am 1. April dieses Jahres unmittelbar fest, plötzlich deutlich häufiger auf parallel verlaufende Radwege hingewiesen zu werden: Die Deutsche Presse-Agentur hatte gemeldet, das Ignorieren eines vorhandenen Radweges koste jetzt zwanzig Euro. Die Meldung wurde von vielen Online-Angeboten und Tageszeitungen unkontrolliert übernommen und über den Frühstückstisch in die Bevölkerung multipliziert.

Bei den Wortmeldungen, die besonders häufig an einer roten Ampel durchs Beifahrerfenster erfolgten, spielte es allerdings überhaupt gar keine Rolle, ob überhaupt ein Radweg vorhanden war, ganz zu schweigen von der Benutzungspflicht, über die die Deutsche Presse-Agentur den gemeinen Verkehrsteilnehmer schließlich überhaupt nicht aufgeklärt hatte. In den einschlägigen Kraftfahrer-Foren galten Radfahrer geradezu als Freiwild, sobald sie auf der Fahrbahn unterwegs waren, denn schließlich mussten diese Radfahrer ja etwas vollkommen schlimmes und verbotenes tun. Belege konnten dazu in der Straßenverkehrs-Ordnung beim näheren Hinsehen zwar nicht gefunden werden, aber die tagesschau, die hat’s ja schließlich gemeldet und heute morgen in der Zeitung hätte es ja auch gestanden.

Die Berichte vorsätzlich von wutentbrannten Kraftfahrern angegangenen Radfahrern ließen dabei nicht lange auf sich warten. Auf dem Berliner Prachtboulevard Unter den Linden drückte ein Kurierfahrer einen Radfahrer gleich am 2. April während eines Überholmanövers an den rechten Fahrbahnrand, so dass er schließlich am Kantstein strauchelte und stürzte. Nachdem sich der Kurierfahrer zum Unerlaubten Entfernen vom Unfallort entschied, wurde er von einem weiteren Kraftfahrer aufgehalten und gab schließlich an, „diesen Radfahrer“ bestrafen zu wollen, weil er nicht den Radweg benutzte — dass die Straße im fraglichen Bereich in einer Arbeitsstelle überhaupt keinen Radweg aufwies, hatte man im Kurierfahrzeug wohl nicht erkennen können. Angeblich soll der Kurierfahrer seinen Eingriff in den Straßenverkehr sogar gegenüber der Polizei noch mit seinem dpa-Wissen gerechtfertigt haben.

Am Hamburger Gänsemarkt wurde nur ein paar Stunden später ein Radfahrer von einem älteren Kraftfahrer und dessen Oberklassewagen in eine Bushaltestellenbucht manövriert, weil er sich nicht wie vom Kraftfahrer erwartet verhalten hatte. Kurz vor dem Gänsemarkt endet der aus der Dammtorstraße führende Schutzstreifen, so dass der Kraftfahrer blitzschnell kombinierte: Hier darf der ja gar nicht mehr fahren! Den Einwand, dass es auch am Gänsemarkt keinen Radweg gab, dessen Nichtbenutzung er durch das Beifahrerfenster mehrfach mit zwanzig Euro veranschlagte, ließ er nicht gelten: Das hätte ja sogar die tagesschau gemeldet! Überhaupt solle sich der Radfahrer mal über die Verkehrsregeln kundig machen, wenn er keine Steuern zahle. Um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, nicht, dass der Radfahrer die Belehrung gleich wieder vergisst, rollte der Oberklassewagen noch über den linken Fuß des Radfahrers, um anschließend das Ablesen des Nummernschildes mit einer beherzten Vollgas-Flucht über zwei rote Ampeln zu erschweren.

Auch abseits der fehlerhaften Kommunikation der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung in den Medien gibt es hinreichend häufig Anlass für Unannehmlichkeiten. Das leidige Thema der Radwege, deren Regelwerk für die meisten Kraftfahrer offenbar zu kompliziert ist, sorgt hinter dem Steuerrad immer wieder für Irritationen, die dann mindestens mit der Hupe, wenn nicht gleich mit strafrechtlich relevanten Manövern geklärt werden müssen. Nicht in Vergessenheit geraten soll dabei die ganze andere Palette möglicher Regelverstöße, etwa das unachtsame Abbiegen oder das ebenso unachtsame Herausstoßen aus nachrangigen Straßen, das einen Radfahrer durchaus auch mal auf die Motorhaube befördern kann, sowie der Klassiker der Regelverstöße in Form des dichten Überholens ohne den nötigen Sicherheitsabstand.

Es lässt sich nicht leugnen, dass Justiz und Polizei in den letzten Jahren in einigen Gegenden deutlich fahrradfreundlicher geworden sind. Mittlerweile wird man durchaus ernst genommen, wenn man als Radfahrer die Wache betritt und den fehlenden Sicherheitsabstand eines überholenden Kraftfahrers reklamiert und muss sich auch beim Verfassen einer Strafanzeige nicht dafür rechtfertigen, einen nicht benutzungspflichtigen Radweg nicht befahren zu haben.

Trotzdem kann eine Videokamera am Lenker oder am Helm wertvolle Dienste leisten. Beinahe jeder Radfahrer, der häufiger auf dem Rad sitzt und überdurchschnittlich viele Kilometer abstrampelt, kommt statistisch gesehen irgendwann einmal in die Verlegenheit, aufgrund eines Vorfalls im Straßenverkehr mit der Polizei in Kontakt zu geraten — sei es als Zeuge, als Geschädigter oder als Beschuldigter. Dazu muss man weder Querulant noch Krawallo sein, selbst bei der peniblen Einhaltung jeglicher Verkehrsregeln und dem Befahren jeglicher Radwege wird sich früher oder später ein Kraftfahrer finden, der nicht nur etwas am Fahrstil auszusetzen hat, sondern angesichts seines Unmutes auch gleich mit motorisierter Unterstützung zur Sanktionierung schreitet.

Davon abgesehen schützt auch ein vorsichtiger Fahrstil nicht vollständig vor unachtsamen Rechtsabbiegern und ähnlich umsichtig agierenden Verkehrsteilnehmern — wenn dann erstmal der Kratzer im Lack ist, will man vielleicht doch gerne wissen, was genau da an der Kreuzung denn vorgefallen ist, denn gerade bei solchen Vorfällen steht schnell der Vorwurf im Raum, sich als Radfahrer irgendwie falsch verhalten zu haben, denn ansonsten hätte der Kraftfahrer einen ja sehen müssen. Und spätestens wenn ein Kraftfahrer angestachelt von einer Fehlinterpretation der Straßenverkehrs-Ordnung vorsätzlich einen Radfahrer über den Haufen fährt, dürfte auch der besonnenste Radfahrer in die Verlegenheit einer Strafanzeige geraten.

Dabei gilt es zunächst ein weit verbreitetes Missverständnis zu klären: Es gibt kein grundsätzliches Beweisverwertungsverbot für Videoaufnahmen vor Gericht, wie mancher Kraftfahrer triumphierend den Hinweis auf die Videokamera kontert. Ein solches Verbot mag es in Krimis oder im sonntäglichen Tatort geben, aber die Realität im Gerichtssaal ist da durchaus komplizierter, aber auch differenzierter. Richtig ist hingegen, dass bestimmte heimlich angefertigte Videoaufnahmen häufig nicht anerkannt werden, wie sie beispielsweise von Arbeitgebern bei der Überwachung von angeblich unzuverlässigen Arbeitnehmern angefertigt werden. Für das gesprochene Wort kennt das Strafgesetzbuch hingegen sogar den § 201 StGB und versteht dabei relativ wenig Spaß.

Generell kann ein Zeuges erst einmal Beweise zum Gericht schleppen wie er lustig ist und wenn der Beweis nicht in den Verhandlungsraum passt, wird der eben woanders in Augenschein genommen. Es obliegt dem Gericht, welche Beweise es in welcher Weise würdigt und es kann ein Video nach § 86 StPO in Augenschein nehmen. Ein vom Helm oder vom Fahrradlenker aus aufgenommenes Video ist in heutiger Zeit relativ unproblematisch: Ich war schon als Zuschauer in mehreren Verfahren anwesend, in denen sowohl die Staatsanwaltschaft als auch das Gericht keine Bedenken bei der Verwertung des Videos zeigten. Zwar diente der Film in der eigentlichen Hauptverhandlung nur zur Untermauerung der Äußerungen eines oder mehrerer Zeugen, wurde im Vorfeld jedoch auch genutzt, um jeweils die leidige „Gegenanzeige“ vom Tisch des Staatsanwaltes direkt in den Papierkorb zu befördern.

Eine Recherche im Netz ergab, dass es wenigstens im Strafrecht bislang wenig Bedenken bei der Auswertung so genannter Video-Beweise gab, das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein schreibt dazu:

AG Stuttgart: Verwertungsverbot nach rechtswidriger Videoüberwachung

Zur Videoüberwachung gibt es schon eine Vielzahl von Gerichtsentscheidungen. Noch keine ist bekannt, in der ein Strafgericht Videobeweise für unzulässig erklärt hat, weil diese auf rechtswidrige Weise zu Stande gekommen sind. Das ist in Kürze die Botschaft eines Freispruchs des Amtsgerichts (AG) Stuttgart mit Urteil vom 18.04.2001 (Az. 8 Cs 32 Js 61688/00).

Es gibt ein relativ junges Urteil des Amtsgerichts München, das ebenfalls die Verwertung einer Videoaufnahme bejaht und weiter unten noch zur Sprache kommt.

Allein schon der Luxus, sich beim Erstatten einer Anzeige nicht ein paar Wochen später mit einer so genannten Gegenanzeige herumschlagen zu müssen, dürfte die Investition in eine kleine Kamera rechtfertigen. Die normale Reaktion eines ertappten Kraftfahrers angesichts seiner polizeilichen Vorladung im Briefkasten besteht häufig darin, ohne Rücksprache mit einem Anwalt zur Polizei zu marschieren, dort eine mehr oder weniger kluge Aussage zu den Vorwürfen zu Protokoll zu geben und anschließend dem ursprünglichen Geschädigten alles auf den Hals zu hetzen, was das Strafgesetzbuch hergibt.

Steht man ohne weitere Zeugen da, ist eine solche Gegenanzeige ganz besonders belastend: Man weiß nicht, welcher Darstellung der Staatsanwalt glaubt und fürchtet, es könnten sich plötzlich noch mehr Zeugen melden und mit seltsamen Aussagen die Darstellung des Kontrahenten unterstützen — es soll schon Fälle gegeben haben, in denen in einem Kraftfahrzeug, in dem nachweislich nur der Fahrer saß, plötzlich insgesamt vier Zeugen gesessen haben wollen, die die Aussage eines Radfahrers widerlegen. Da ist es äußerst hilfreich, noch ein digitales Auge mit am Rad spazieren zu fahren.

Das vermeidet im späteren Verfahren auch die Situation der so genannten „Aussage gegen Aussage“. Auch bezüglich dieses Begriffes schwirren eine ganze Reihe von Missverständnissen über den deutschen Stammtischen: Es gibt keine Regelungen, dass ein Staatsanwalt oder ein Richter bei „Aussage gegen Aussage“ das Verfahren einstellen muss. Trotzdem arbeiten viele Beschuldigte mühsam auf diesen Zustand der Glückseligkeit hin, in der Regel ohne anwaltliche Hilfe, und reden sich dabei um Kopf und Kragen beim Versuch, die Waage aus Beschuldigungen und Entlastungen im Gleichgewicht zu balancieren. Wenn es gut geht, dann hört sich das Gericht zwei vollkommen entgegengesetzte Aussagen an und muss nun entscheiden, welche davon die plausibelste sein mag — sowas endet dann hin und wieder tatsächlich nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ in einer Einstellung des Verfahrens. Mit einer Videoaufnahme in der eigenen Waagschale muss die Gegenseite hingegen erst einmal eine ganze Weile ackern, um das Gericht von der eigenen Version zu überzeugen.

Überraschenderweise verfällt die Gegenseite angesichts eines Videobeweises häufig in eine Art Schockstarre. Man sollte meinen, dass die Verteidigungsstrategie des Angeklagten zunächst darauf beruht, die Echtheit des Videos anzuzweifeln, also etwa zu behaupten, es wären Tonsequenzen manipuliert, das Video am Computer mit aufwendigen Mitteln verändert oder gar komplett an einem anderen Tag am gleichen Ort mit engagierten Schauspielern noch einmal aufgenommen worden. Spielereien an der Tonspur sind dabei tatsächlich noch relativ einfach und sogar für einen Laien mit entsprechender Software zu bewerkstelligen sein, sofern denn keine Lippensynchronität nötig ist und es nur darum geht, bestimmte Sequenzen aus dem Film zu entfernen.

Manipulationen am Bildmaterial hingegen sind schon eine ganz andere Hausnummer. Ein paar Farbeffekte lassen sich zwar auch von normalen Anwendern vornehmen, aber eine Kollision mit allem drum und dran in ein Video zu pflanzen, die es laut dem Angeklagten gar nicht gegeben haben soll, dürfte auch die Fähigkeiten eines professionellen Anwenders teurer Videobearbeitungs-Software für ein paar Wochen in Anspruch nehmen. Gerade wenn man den Video-Beweis kurze Zeit nach dem Vorfall zusammen mit der Strafanzeige auf der Wache vorlegt, dürfte sich der Vorwurf der Manipulation schnell erledigt haben.

Außerdem müsste die Gegenseite schon vernünftige Gründe vorbringen, was der Zeuge an dem Video manipuliert haben soll. Das wird der Verteidigung umso schwerer fallen, je mehr die Aussage des Geschädigten und eventuell anderer Zeugen mit der Videoaufnahme übereinstimmt, zumal sich der Angeklagte die eigene Glaubwürdigkeit womöglich bereits mit einer Gegenanzeige voller haltloser Anschuldigungen verspielt hat. Einfach zu behaupten, das Video wäre manipuliert, weil es einen anderen Sachverhalt beschreibt als die Aussage des Angeklagten ist dabei nicht ausreichend. Im Zweifelsfall wird das Gericht einen Gutachter zur Untersuchung des Beweisstückes bestellen.

Nun klingt es tatsächlich ein wenig nach dem Orwellschen Überwachungsstaat, wenn plötzlich jeder Verkehrsteilnehmer mit einer Kamera unterwegs ist, um das Fehlverhalten des anderen zur Anzeige zu bringen. Das ist ein absolut gruseliges Szenario und wird zu recht sowohl von den Verkehrsteilnehmern unten auf der Straße als auch in den einschlägigen Diskussionsforen emotional diskutiert. Natürlich macht ein kamerabewehrter Radfahrer erst einmal den Eindruck, nur auf das Fehlverhalten anderer zu warten, um anschließend mit dem Videomaterial unter dem Arm zur Polizeiwache zu laufen. Tatsächlich spuckt YouTube bei der Suche nach Videoaufnahmen aus dem Straßenverkehr eine ganze Reihe von Filmen aus der City of London aus, bei denen einige Radfahrer offenbar tatsächlich ihren Lebenssinn darin gefunden haben, jeden einzelnen am Steuer telefonierenden Kraftfahrer, jeden bei rotem Licht über die Ampel strazenden Fußgänger und jeden ohne Licht fahrenden Radfahrer zur Anzeige zu bringen. Das hat schon kaum noch etwas mit der Wahrung des eigenen Interesses auf körperliche Unversehrtheit oder wenigstens mit Verkehrssicherheit zu tun, das rutscht schon ganz schnell ins Denunziantentum ab.

An dieser Stelle wird es in den Diskussionen meistens haarig, weil nur noch bereits festgefahrene Positionen laut krachend aufeinanderstürzen. Die einen pochen auf die eigene Sicherheit, die nunmal von auch von telefonierenden Verkehrsteilnehmern und Rotlichtsündern beeinträchtigt würde, die andere wedeln mit dem Recht am eigenen Bild umher. Letzteres ist so einfach nicht, denn der damit angesprochene § 22 KunstUrhG verbietet in diesem Sinne nur die Verbreitung jener Aufnahmen, aber nicht bereits die Anfertigung. Auch da gibt es gegensätzliche Rechtsprechungen, insbesondere im Bereich der sensationsorientieren Boulevardfotografie.

Das Amtsgericht München musste sich in diesem Sommer mit der Frage beschäftigen, ob das Allgemeine Persönlichkeitsrecht eines Beschuldigten das Interesse der Aufklärung eines Vorfalls im Straßenverkehr überwiegt. Ein Radfahrer war mit einem Kraftfahrer aneinandergeraten und behauptete, er hätte ihn vorsätzlich dicht überholt, den Effe aus dem Fenster gehalten und anschließend ausgebremst, so dass der Radfahrer stürzte. Das alles sei auf einer Videoaufnahme sichtbar, deren Verwertung der angeklagte Kraftfahrer aufgrund seines Persönlichkeitsrechtes nichts zulassen wollte.

Schon das allgemeine Rechtsempfinden findet eine eindeutige Antwort auf diese Problematik: Man soll einen Mitmenschen, der ein Vergehen oder gar ein Verbrechen begeht, noch nicht einmal filmen oder fotografieren dürfen, da das sein Persönlichkeitsrecht verletzt? Haben potenzielle Straftäter den rechtlichen Anspruch, sich bei ihren Taten vom Persönlichkeitsrecht schützen zu lassen? So einfach ist die Sache jedoch nicht, da die Kameraüberwachung bereits vor dem eigentlichen Vorfall beginnt, also sozusagen verdachtsunabhängig betrieben wird — gerade das wird im Sinne des Datenschutzes und des Persönlichkeitsschutzes den staatlichen Überwachungsstellen immer wieder vorgeworfen, man denke da nur an die Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung.

Das Amtsgericht München vergleicht die anlassunabhängige Videoaufzeichnung eines Radfahrers mit normalen Urlaubsfotos, so dass man grundsätzlich damit rechnen müsse, als Unbeteiligter auf solchen Aufnahmen zu erscheinen. Das sei unproblematisch, weil der Radfahrer gegenüber der abgebildeten Person keine Absichten verfolge. Hingegen sieht es das Gericht als üblich an, nach einem Unfall Fotos vom Tatort und den einzelnen Schäden anzufertigen, insofern sei es auch kein Problem, mit der Aufzeichnung des Vorfalls direkt bei der Anbahnung des Vorfalls zu beginnen. Das Gericht sah also ein größeres Interesse an der Strafverfolgung als an den Persönlichkeitsrechten des Angeklagten.

Für den Radfahrer ging die Sache dennoch weniger spaßig aus: Seine Videoaufnahme taugte im Endeffekt nicht dazu, dem Kraftfahrer die Vorwürfe nachzuweisen. Stattdessen rechneten die Richter dem Radfahrer vor, dass er eigentlich noch rechtzeitig hätte bremsen können.

Bevor der Artikel an dieser Stelle noch in die Philosophie und in Endzeit-Szenarien der lückenlosen Überwachung abdriftet, beschreibe ich mal meine Vorgehensweise. Die Kamera läuft bei mir am Lenker angebaut bei ausnahmslos jeder Fahrt mit. Nach einigen leider unschönen Vorfällen im Straßenverkehr schaffte ich mir zunächst extra für eine GoPro-Hero-2-HD-Kamera einen Fahrradhelm an, merkte aber nach einiger Zeit, dass das zusätzliche Gewicht mit der Hebelwirkung der montierten Kamera mit Zusatzakku auf Dauer nervte — vom dämlichen Aussehen verärgert, schließlich gleicht man damit einem Teletubbie, montierte ich das Ding hinunter an den Lenker.

Dort glotzt die Kamera ausnahmslos nach vorne: Das ist blöd, weil die eigene Blick-Perspektive nicht zu sehen ist, also sowohl der Schulterblick als auch der Seitenabstand eines überholenden Kraftfahrzeuges nicht auf dem Video direkt zu erkennen sind. Außerdem wird die Tonqualität erheblich eingeschränkt, weil sich die Fahr- und Schaltgeräusche über den Rahmen direkt ins Mikrofon übertragen. Trotzdem genügt diese Perspektive, um eventuelle Vorfälle hinreichend genau zu dokumentieren. Wenn jemand komplett ohne Sicherheitsabstand überholt, wird man das auch beim Blick nach vorne noch beurteilen können. Den Rest muss eben meine Zeugenaussage ergänzen.

Normalerweise werfe ich die Aufnahmen unmittelbar nach der Fahrt in den Mülleimer. Erst wenn ich glaube, etwas strafrechtlich relevantes auf der Karte zu haben, bewahre ich den einzelnen Ausschnitt auf, denn ich bilde mir ein, als ehemaliger Betreiber der Critical-Mass-Hamburg-Homepage hinreichend bekannt zu sein, um mich auch ohne Kennzeichen am Rad identifizieren zu können — man kann ja nie wissen, ob ein wutentbrannter Kraftfahrer vielleicht doch zur Rennleitung rennt und mich verpetzt, weil ich nicht auf dem nicht benutzungspflichtigen Radweg geradelt bin oder mir sonst irgendetwas zu schulden kommen ließ, was sich seiner Meinung nach nicht mit der Straßenverkehrs-Ordnung in Einklang bringen lässt.

Nach wie vor gilt, was ich schon mehrmals in diesem Blog behauptet habe: Ich halte mich so gut wie immer an die Verkehrsregeln. Ich weiß nicht mehr, wann ich zuletzt vorsätzlich über eine rote Ampel gefahren bin, ich fahre nicht ohne Licht und schon gar nicht auf der falschen Straßenseite. Allerdings ignoriere ich hin und wieder benutzungspflichtige Radwege, wenn die beispielsweise nicht annähernd den Vorschriften entsprechen oder es mitten in der Nacht auf dem dunklen und buckeligen Radweg gefährlicher ist als auf der einigermaßen sauberen Fahrbahn — das ist, wenn überhaupt, aber allenfalls eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat. Und angesichts des Ampel-Desasters, das sich auch in der Neufassung der Straßenverkehrs-Ordnung fortsetzt, bleibe ich natürlich nicht mitten auf der Fahrbahn stehen, wenn irgendwo eine Fußgängerampel auf Rot schaltet, die Fahrbahnampel aber weiterhin grünes Licht zeigt — so lebensmüde bin ich dann doch wieder nicht. Insofern bin ich ziemlich zuversichtlich, mir unter normalen Umständen nichts zu schulden kommen zu lassen und den anderen Verkehrsteilnehmern keine große Angriffsfläche für Reklamationen bei der Rennleitung zu bieten.

Im Endeffekt bewahre ich bei einer Kilometerleistung von mehreren hundert Kilometern pro Monat ungefähr drei oder vier Minuten auf. Das ist eben wie bei Berufskraftfahrern oder Vertretern im Außendienst: Wer viel im Straßenverkehr unterwegs ist, erlebt auch viel. Und wer viel mit dem Rad in einer Großstadt herumkurvt und dabei nicht die Erwartungen der Kraftfahrer erfüllt, also nicht auf den nächstbesten Radweg und ordnungswidrig auf dem Gehweg fährt, wird eben auch hin und wieder einmal unfreundlich angegangen. Und wenn dann tatsächlich etwas auf dem Video zu sehen ist, also ein Unfall zwischen zwei Verkehrsteilnehmern oder wenigstens eine brenzlige Situation, dann trage ich den Filmausschnitt auch bei Bedarf als Zeuge mit zur Wache.

Zwei Dinge darf man beim Radeln mit der Kamera nicht vergessen: Sie ersetzt weder den Schutzengel und lässt sich auch nicht ohne zusätzliche Erklärung auswerten.

Die Sache mit dem Schutzengel ist eigentlich selbstverständlich: Mit der Kamera am Lenker darf man sich nicht dem Gefühl der Unbesiegbarkeit hingeben. Das vermittelt beispielsweise schon eine Druckluft-Hupe wie die Airzound am Lenker, mit den sich der akustische Angriff der Kraftfahrer niederbrüllen lässt. Man darf aber nicht auf die Idee verfallen, sich mit dem Horn auch den Weg gegenüber abbiegenden Kraftfahrzeugen oder sonstigen Vorfahrtsmissachtungen freizuhupen: Ein Kraftfahrer wird beim Geräusch einer Hupe die Gefahr sicherlich nicht auf dem Radweg oder am rechten Fahrbahnrand verorten und die Hupe womöglich gar nicht als Aufforderung zur Gefahrenbremsung begreifen, so dass die Finger besser am Brems- als am Airzound-Hebel positioniert sein sollten.

Es ist zwar schön, auf der Wache ein Video von einem Unfall präsentieren zu können, nur hilft das nicht weiter, wenn der Weg zur Wache im Rollstuhl bestritten wird, weil die Beine unterwegs unter dem abbiegenden Kraftfahrzeug auf der Strecke blieben. Berichte von kamerabewehrten Radfahrern deuten darauf hin, dass mit der laufenden Videoaufzeichnung auch die Bereitschaft steigt, im Straßenverkehr ein höheres Risiko einzugehen. Offenbar treibt die Gewissheit, im Zweifelsfall die eigene Unschuld per Videoclip beweisen zu können die Risikobereitschaft in die Höhe und hemmt sowohl Vorsicht als auch Eigenschutz: Bremsmanöver werden erst verspätet ausgeführt und man neigt dazu, bei Fehlerhalten anderer Verkehrsteilnehmer seltener zurückzustecken.

Diese Verhaltensänderung ist allerdings nicht nur der Gegenwart einer Kamera gemein, ein Fahrradhelm oder eine Drucklufthupe lösen offenbar eine ähnliche Bereitschaft zum Risiko aus. Das muss man definitiv im Griff haben, sowohl beim Helm als auch bei Hupe und Kamera. Der nötige Respekt vor den Gefahren des Straßenverkehrs ist unzertrennbar mit einem sicheren Fahrverhalten verbunden, denn obwohl diese Phrasen reichlich abgedroschen sind und den Kern nicht so richtig treffen, ist im Endeffekt nunmal der Radfahrer der dumme, der dann halbtot auf der Fahrbahn liegt, während der Kraftfahrer nur ein paar Kratzer im Lack beklagt.

An diesem Punkt setzt auch besonders häufig die Kritik aus der Fahrradszene an: Die Radfahrer, die ständig ihre Kamera spazieren fahren, würden das Risiko überhaupt erst suchen und gefährliche Situationen provozieren. Wer nicht mit Kamera fährt, so lautet die nicht ganz unberechtigte Schlussfolgerung, führe automatisch vorsichtiger und gerate seltener in brenzlige Situationen. Diese Argumentation lässt sich nicht grundsätzlich in Abrede stellen: Wer wirklich die Konfrontation sucht und sich die Kamera umschnallt, der wird sie auch früher oder später finden.

Wenigstens die Kritiker, die sich per Mail mit mir ausgetauscht haben, zeigen hingegen eine recht eindeutige Bereitschaft, unangenehme Vorfälle „einfach so hinzunehmen“: Man müsse nunmal damit rechnen, dass Kraftfahrer ohne Schulterblick abbiegen, unachtsam aus ihren Grundstücken herausstoßen oder ohne Sicherheitsabstand überholen. Damit rechnen müssen Alltagsradler ganz sicher, ob sie es auch hinnehmen müssen sei mal dahingestellt. Damit schließt sich wieder der Kreis zum Denunziantentum: Es ist sicherlich nicht zielführend, jeden einzelnen Regelverstoß zur Polizeiwache zu tragen. Wenn einem etwas widerfährt, das sich als Tatbestand im Strafgesetzbuch wiederfindet, kann man ja schon mal drüber nachdenken, aber spätestens im hoffentlich seltenen Fall einer Feindberührung wird man ganz froh sein, sich gegen die Anschuldigungen des Kontrahenten mit einer zusätzlichen Aufnahme zu Wehr setzen zu können.

Vielleicht sorgt auch die Interpretation der Videos für einige Missverständnisse. Einige YouTube-Videos werden dem Zuschauer ohne zusätzliche Erklärungen kredenzt, wobei der Zuschauer im Gegensatz zum Radfahrer beim Zeitpunkt der Aufnahme einen Informationsvorsprung genießt: Irgendetwas wird ja gleich passieren, sonst gäbe es diese Aufnahme überhaupt nicht. Und so lässt sich rasch erkennen, dass dieses Auto da hinten gleich die Vorfahrt des Radfahrers missachten oder der Fußgänger da vorne unaufmerksam auf den Radweg treten wird, denn das Video dauert nur dreißig Sekunden und davon sind siebzehn schon rum. Das wusste der Radfahrer damals aber noch gar nicht, denn der war womöglich in dem Moment damit beschäftigt, die Straßenschilder zu erfassen oder die Türen der parkenden Kraftfahrzeuge im Auge zu behalten oder hat geglaubt, der jeweilige Kontrahent werde schon rechtzeitig anhalten — ganz davon abgesehen, dass auch er vor einem Ausweich- oder Bremsmanöver zunächst seine Schrecksekunde lang warten muss, bevor er reagieren kann. Nachher ist man immer schlauer — einfach zu behaupten, es wäre doch sonnenklar, was da passieren wird, ist eine Spur zu einfach.

Und mitunter erschwert auch die Verzerrung der Weitwinkel-Linse die Beurteilung des Videos. Wo sich die Finger vor Angst in die Tastatur krallen, weil jemand besonders dicht an den Kraftfahrzeugen vorbeibrettert, waren in der unverzerrten Realität womöglich noch anderthalb Meter Abstand. Gerade deswegen sollte ein so genannter Videobeweis auch immer mit einer ausführlichen Aussage einhergehen, was man sich in dem Moment gedacht hat oder eben nicht oder warum man sich so verhalten hat und nicht anders.

Und wem das jetzt alles zu kompliziert oder zu blöd geworden ist: Mit den so genannten Action-Kameras lassen sich nicht nur Verbrecher fangen, sondern auch beeindruckende Aufnahmen bei sämtlichen Sportarten anfertigen — auch davon gibt’s hinreichend viel Anschauungsmaterial auf YouTube. Beim Skifahren in den Bergen gibt’s wenigstens nicht allzu viele wütende Kraftfahrer.