Karin Sagers ideologischer Feldzug gegen Radwegbenutzungspflichten

Es heißt, Radfahren verlerne man nie. Selbst nach jahrelanger Fahrrad-Abstinenz braucht es so gut wie keine Eingewöhnungszeit, um die physikalischen Effekte des Radfahrens sofort in den Griff zu bekommen.

Nur die Presse, die tut sich mit dem Radfahren immer etwas schwer. Auch zu Zeiten des so genannten Fahrrad-Boomes beschränkt sich die Berichterstattung über Fahrräder meistens auf Unfallberichte, bei denen dann das beliebte Ohne-Helm-wäre-er-jetzt-tot-Spiel begonnen wird. Klar, es gibt vereinzelt auch auffallende Gegenbeispiele, beispielsweise die durchaus den Radfahrern wohlgesonnene Berichterstattung über den sagenhaften Kreisverkehr am Ochsenzoll-Kreisverkehr. Aber dann kommt plötzlich wieder sowas auf den Frühstückstisch: Fußweg-Verbot für Radfahrer in Brackel

Nur 26 dünne Zeilen zählt der Bericht auf Seite 8 in der oberen rechten Ecke und man weiß nicht so richtig, ob man froh darüber sein sollte, dass für dieses Thema offenbar nicht mehr Platz veranschlagt worden ist oder ob nicht doch ein paar mehr aufklärende Sätze dem Artikel ganz gut gestanden hätten.

Andererseits scheint das Wochenblatt ohnehin kein großes Interesse an einer sachlichen Abarbeitung an einem komplexen Thema wie benutzungspflichtigen Radwegen zu haben. Als Karin Sager vor einigen Monaten gegen unzulässige benutzungspflichtige Fuß- und Radwege in Hanstedt vorging, schäumte das Wochenblatt vor Wut, ließ Statistiken nicht gelten und wollte die Radfahrer um jeden Preis wieder auf die unbrauchbaren Gehwege verbannen, schließlich wäre es ja nur dort sicher, jedenfalls gefühlt, denn was zählen schon Unfallstatistiken, wenn sich nichts ändern darf, weil es schon immer so war?

In Brackel sieht die Sache nicht besser aus, dort sollen einige blaubeschilderte Gehwege gar so schmal und zugewachsen sein, dass noch nicht einmal ein Fahrradreifen den Weg durch das Straßenbegleitgrün finden will. Im Wochenblatt klingt das dann so:

Sager stellte beim Landkreis einen Antrag, der nun auch alle Radfahrer in Brackel auf die Straße zwingt.

Das klingt noch verhältnismäßig nüchtern, aber neutral geht auch anders. Man hat beim Lesen sofort dieses Bild von Sager im Kopf, die mit einem Lorbeerkranz auf der Tribüne des Kolosseums steht und den Daumen hebt oder senkt und bestimmt, ob Radfahrer leben, also auf den Gehwegen fahren dürfen, oder ob sie den Kraftfahrern zum Fraß vorgeworfen auf die tödliche Straße geschickt werden.

Tatsächlich dürfte sich Sagers Korrespondenz deutlich nüchterner lesen: Sie bat lediglich die Behörden um eine Überprüfung, inwiefern die Radwegbenutzungspflichten notwendig sind und den einschlägigen Vorschriften entsprechen — schließlich braucht es für ein paar blaue Schilder nicht nur einen Rad- oder Gehweg, sondern auch eine konkrete Gefahrensituation, die das Radfahren auf der Fahrbahn aus Sicherheitsgründen verbietet. Wenn man noch nicht einmal den Weg eines Widerspruchsverfahrens einschlagen muss und die Behörde sofort bei der bloßen Androhung einer Klage die Radwegbenutzungspflicht einknickt, scheinen die blauen Schilder ja tatsächlich nicht besonders fest am Pfahl zu hängen. Vielleicht wäre das der eigentliche Skandal an der Sache, die man mit Sager besprechen könnte.

Gesprochen hat man Sager allerdings durchaus, schließlich wird sie zitiert mit:

„Ich bin davon überzeugt, dass wir Radfahrer auf der Straße sicherer sind, als auf dem Gehweg“, so Karin Sager.

Auch hier hätte man beispielsweise einen kurzen Ausflug zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Unfallstatistik machen oder wenigstens in einen oder zwei Absätzen die gar nicht mal mehr so neuesten verkehrspolitischen Erkenntnisse fallen lassen können. Zum Beispiel, dass das Radfahren auf der Fahrbahn zwar gewöhnungsbedürftig sein mag und sich bestimmt nicht jeder sofort damit anfreunden mag, enge, buckelige und gegen jegliche Regeln der Verkehrssicherheit verstoßende benutzungspflichtige Fuß- und Radwege, die aus reiner Gewohnheit sämtlichen Verwaltungsvorschriften trotzen, bestimmt keine Alternative sind. Womöglich hätte man noch erklären können, was man denn als Kraftfahrer so tut, wenn ein Radfahrer auf der Fahrbahn unterwegs ist (nicht hupen, sondern mit Sicherheitsabstand überholen).

Stattdessen hat sich der Autor für dieses Ende entschieden:

In Hanstedt formierte sich großer Widerstand gegen das Fußweg-Verbot; mehr als 1.000 Unterschriften kamen zusammen. Allerdings ohne Erfolg. Das Verbot bleibt.

Sicherlich sollte es dem örtlichen ADFC zu denken geben, warum er die Bedenken der Radfahrer nicht ausräumen konnte, die um jeden Preis weiter auf den engen Gehwegen radeln wollten. Dass vermutlich ein beachtlicher Teil der Unterschriften von Einwohnern stammt, die sich vorm dem angeblichen Stau auf der Fahrbahn fürchteten, lässt sich dem ADFC nunmal nicht vorwerfen, diese Befürchtungen werden schließlich mit bestem Bestreben von Medien und Stammtischen wiederholt.

Leider schweigt sich der Artikel auch aus, warum denn nun die Unterschriften von über eintausend Hanstedtern nicht für eine Wiedereinführung der Radwegbenutzungspflichten oder freigegebene Gehwege gelangt haben. Das liegt nämlich nicht an Karin Sager, die auf die blauen Schilder einfach keinen Bock hatte, sondern die einschlägigen Vorschriften nunmal absolut keinen Spielraum für eine weitere blaue Beschilderung ließen. Wenn die Anordnungen zur Radwegbenutzungspflicht sogar die absoluten Mindestmaße dauerhaft unterschreiten, dann kann sich die Straßenverkehrsbehörde nicht einfach darüber hinwegsetzen. Okay, genaugenommen könnte sie schon, schließlich werden Radfahrer bundesweit noch immer auf abertausende Kilometer absolut unzulässiger und gefährlicher Radwege gezwungen, aber man war sich wohl im Klaren, dass der ADFC dann den Rechtsweg einschreiten würde.

Auch das hätte man schreiben können. Dafür mangelte es aber entweder am Platz oder an der Lust — schließlich lässt bereits die Einleitung des Artikels keine Unklarheiten darüber, in welche Richtung es hier geht:

Der ideologische Feldzug von Karin Sager (Asendorf) geht weiter. Nachdem die Vize-Kreisverbands-Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) bereits in Hanstedt den Zorn der Bürger heraufbeschwor, zettelt sie nun in Brackel die nächste „Radfahrer-Revolte“ an.

Immerhin haben diese Artikel im Wochenblatt doch noch einen gewissen Vorteil: Die normalerweise in der Presse üblichen Radfahrer-halten-sich-nie-an-die-Regeln-und-zahlen-nicht-mal-Steuern-Berichte sind absolut nicht parallel zu dieser Argumentationslinie.

Hanstedt: Statistiken gelten nicht

Es scheint nicht leicht zu sein, einen Zeitungsartikel über das leidige Radfahrer-Thema zu schreiben. Sascha Mummenhoff tut sich mit der Berichterstattung über die Umschilderung der Hanstedter Fuß- und Radwege besonders schwer: „Wir haben einen Fehler gemacht!“

Nach massiver Kritik: ADFC-Vorstand will Fußweg-Verbot für Radfahrer in Hanstedt entschärfen.

Noch schwerer mit dem Thema tut sich wohl nur der örtliche ADFC, der sich zunächst bei den Hanstedter Bürgern entschuldigt und einen Antrag ankündigt, um die ehemaligen benutzungspflichtigen Fuß- und Radwege, die mittlerweile gegen lauten Protest der Einwohner in reine Gehwege umgewandelt wurden, für Radfahrer wenigstens wieder freizugeben — obwohl er weiß, dass das eigentlich nichts wird, denn erst einmal ist ein geordneter Schilderwald nunmal kein Schrebergarten, in dem sich sähen pflanzen lässt, was man da gerne hätte. Welche Schilder aufgehängt werden entscheidet zunächst einmal die Straßenverkehrsbehörde in Lüneburg — und die wird sich damit schwer tun, denn für eine Freigabe für Radfahrer sind bestimmte Anforderungen an den Weg nötig, etwa eine gewisse Mindestbreite, die in Hanstedt offenbar nirgendwo erreicht wird, sowie gewisse bauliche Beschaffenheiten, die ebenso schwer zu finden sein werden.

Die Hanstedter lassen sich von solchen Vorgaben nicht aufhalten: 859 Unterschriften sammelte eine Einwohnerin, obwohl die Forderungen etwas auseinandergehen. Einige Bürger fordern lediglich die Freigabe der Gehwege für Radfahrer, andere möchten den früheren Zustand wiederherstellen, also vor allem den Radverkehr wieder von der Fahrbahn vertreiben.

Ohnehin bleibt der Eindruck, dass sich in erster Linie in Hanstedt nichts ändern soll. Noch immer behauptet das Wochenblatt, Karin Sager habe sozusagen nur aus Spaß einen Antrag gestellt, die Schilder zu entfernen, wogegen es ihr darum gegangen sein dürfte, einen vorschriftsmäßigen Zustand herzustellen — es lässt sich sicherlich nicht leugnen, dass sie wohl auch nicht unbedingt gerne auf diesen holperigen Wegen unterwegs war.

Zwischen den Zeilen lässt sich erkennen, dass sich auch Autor Mummenhoff sehr schwer mit Veränderungen arrangiert. Auf die neueren Erkenntnisse der Unfallforschung und Untersuchungen bezüglich der Sicherheit von derartigen Radverkehrsanlagen reagiert er wie die Zuhörer bei der Informationsveranstaltung des ADFC vor allem mit Kopfschütteln, offenbar auch, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf.

Natürlich sind derartige Veränderungen schwer zu beschreiben. Kraftfahrer ärgern sich, weil „diese Radfahrer“ plötzlich auf der Fahrbahn fahren, Radfahrer ärgern sich, weil sie nicht mehr auf den vermeintlich sicheren Gehwegen radeln dürfen und Fußgänger, die eigentlich noch am allermeisten von der neuen Regelung profitieren, ärgern sich, weil sich im Dorf etwas ändert. Leider mangelt es in Hanstedt an einem Medium, das sich einigermaßen sachlich mit dem Thema auseinandersetzt.

Entweder gibt es in Hanstedt außer Karin Sager keine Fahrbahnradler oder Fahrbahnradler schreiben keine Leserbriefe — die Stimmung im Wochenblatt ist mehr als nur aufgeheizt. In der Ausgabe vom 24. Juli kommen auf Seite 10 einige Leser zu Wort, entschuldigen sich ausführlich bei Autofahrern, die auf der Fahrbahn nicht unmittelbar überholen konnten, beklagen, dass niemand von Karin Sagers Vorhaben wusste, und befürchten eine künftige Vollbeschäftigung der örtlichen Ärzte angesichts der zu erwartenden Unfälle.

Noch lesenswerter als der Artikel ist Mummenhoffs Kommentar, der sich unter dem Online-Artikel befindet: Das ist der richtige Weg

Ein argumentatives Meisterwerk ist insbesondere der mittlere Absatz:

Schade nur, dass der ADFC nicht mit einer Stimme spricht. ADFC-Kreisvorsitzender Volker Bandke bleibt bei seiner Überzeugung, dass Radfahrer auf dem Fußweg nicht sicher sind. Statistiken mögen ihm Recht geben, doch das zählt an dieser Stelle nicht. Wer aufs Fahrrad steigt, möchte sich sicher fühlen. Und dieses Gefühl ist nicht mit einer Statistik zu erfassen. Er sollte aufpassen, dass seine guten Ideen nicht wie Ideologien wirken.

Warum zählen denn Statistiken an dieser Stelle nicht? Nicht nur Mummenhoffs Berichte, sondern das Verhalten der Hanstedter Bevölkerung wirkt bei diesem leidigen Radweg-Thema wie das trotzige Kind, das mit dem linken Fuß aufstampft, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Prinzipiell ist in Hanstedt alles egal, wenn doch nur die Radfahrer wieder zurück auf die buckeligen Gehwege müssen?

Sicher: Wer aufs Fahrrad steigt, möchte sich sicher fühlen. Manche Leute betreiben sogar ein Weblog, dass sich mit derartigen Themen befasst. Und sicherlich ist es auch schwierig, das Sicherheitsgefühl mit einer Statistik zu erfassen. Anstatt aber sich des Themas mit dem Totschlagargument der Ideologie zu entledigen, könnte Mummenhoff seine Reichweite im Wochenblatt für etwas Aufklärung sorgen, ein wenig Auflockerung in die in Jahrzehnten gefestigte Überzeugung bringen, Radfahrer würden auf der Fahrbahn sofort totgerast. Offenbar ist er sich selbst aber nicht so sicher, was er von der Statistik halten soll, bezeichnet er Bandkes Vorschläge versehentlich noch als „gute Ideen“.

Vielleicht mag man im Wochenblatt auch einfach keine Fahrräder. Ein paar Tage vorher erschien ein Interview mit dem Titel „Rücksicht auf Radsportler“, in denen sich Jens Klüver vom Buxtehuder Sportverein einigen, naja, tendenziösen Fragen stellen musste: Warum fahren die Sportler überhaupt auf der Straße statt auf dem Radweg, warum nebeneinander und nicht hintereinander, könnt ihr nicht auf verkehrsarmen Feldwegen fahren, wollt ihr nicht eigentlich nur provozieren, warum fahrt ihr nicht ganz rechts, warum verzichtet ihr nicht auf euren Vorrang — nur die obligatorische Frage nach dem Fahrradhelm wurde nicht gestellt.

Hanstedt: Radfahrer wollen zurück auf den Gehweg

Große Aufregung in Handstedt: Die Verwaltung hatte die Beschilderungen an den ehemaligen gemeinsamen Fuß- und Radwegen der Rechtslage angepasst und in reine Gewege abgeschildert — unter großem Protest, denn nun dürfen Radfahrer nicht mehr auf den engen und baulich mangelhaften Gehwegen radeln.

Mittlerweile wurde eine Unterschriften-Aktion initiiert, um die Regelung rückgängig zu machen oder wenigstens das Zusatzzeichen „Radfahrer frei“ zu montieren, die mittlerweile 500 Unterschriften zählt: Fußweg-Verbot für Radfahrer in der Kritik

Da formiert sich handfester Protest: Mehr als 500 Unterschriften hat Heide Burmester in Hanstedt gegen das Fußweg-Verbot für Radfahrer gesammelt. Wie berichtet, hatte Karin Sager vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) mit ihrem Antrag beim Landkreis Erfolg, so dass nun Radfahrer ab zehn Jahren auf derStraße fahren müssen. Mit einer Info-Veranstaltung am Mittwoch im Alten Geidenhof will der ADFC versuchen, die Wogen glätten.

Nun kann man dem Artikel vieles vorwerfen, aber sicherlich nicht objektive Berichterstattung. Das geht schon los mit der Formulierung, Karin Sager hätte die Abschilderung veranlasst, weil sie nicht mehr auf dem Radweg fahren wollte. Zunächst einmal handelte es sich nicht um einen Radweg, sondern um einen Gehweg, was angesichts der baulichen Unterschiede ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist — außerdem dürfte der Radweg auch nach Aufhebung der Benutzungspflicht weiterhin beradelt werden, der Gehweg allerdings nicht. Außerdem ist das Verwaltungsrecht kein Wunschkonzert, Sager hatte beantragt, die Schilder zu entfernen, weil die Benutzungspflicht auf den gemeinsamen Fuß- und Radwegen aufgrund nicht einehaltener Mindeststandards nicht einmal ansatzweise den Vorschriften entsprach.

Die Liste am Ende des verlinkten Artikels ist dabei noch relativ gutmütig zusammengezählt. Es dürfte tatsächlich ziemlich schwierig sein, in Hanstedt auch nur einen einzigen gemeinsamen Fuß- und Radweg zu finden, der denn wenigstens ein kleines bisschen den Vorschriften entspricht. Vielmehr dürfte in Hanstedt wie im Rest der Automobilrepublik verfahren worden sein: Blaues Schild hin, Hauptsache der Radfahrer stört nciht auf der Fahrbahn — Dieser Denkweise ist man im Hamburger Umland offenbar noch immer verhaftet.

Hanstedt: Lebensgefährliches Gehweg-Verbot für Radfahrer

Die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht an einigen engen Hanstedter Gehwegen hat die ländliche Idylle offenbar ordentlich durcheinander gebracht: „Radweg-Verbot ist lebensgefährlich“

Neue Verkehrsregelung sorgt in Hanstedt für reichlich Wirbel

Das Wochenblatt unternimmt größte Anstrengungen, den Radverkehr wieder auf die engen Gehwege zu verfrachten. Unter Beschuss ist auch Karin Sager vom ADFC, die als Verantwortliche für den „Unsinn“ genannt wird. Die Verantwortung im ADFC zu verorten ist nun allerdings eine kurvige Argumentation, denn im Prinzip sind auch in Hanstedt die Verwaltungsvorschriften zu beachten. Sager und der ADFC sind sicherlich in der Verantwortung für die Umsetzung dieser Vorschriften, aber nur mittelbar dafür haftbar, dass der Verkehr in Hanstedt bislang über technisch unzureichende Radverkehrsanlagen abgewickelt wurde.

Trotzdem kommen wieder einige Bürger zu Wort, die von der neuen Regelung überhaupt nichts halten. Auf Seite 12 läuft die Kampagne weiter, dort ist aber plötzlich nicht mehr Karin Sager die Böse, sondern die Autofahrer ohne Rücksicht:

Fußweg-Verbot für Radfahrer sorgt für großen Ärger / „Regelung sollte zurückgenommen werden“

In dem zweiten Artikel wird nun eine empirische Untersuchung angesetzt, deren Ergebnis allerdings schon determiniert ist. Ein Trupp aus zwanzig Radfahrern im Rentenalter traut sich auf die Fahrbahn und befindet die Maßnahme als unsinnig und gefährlich. Im Gegensatz zur Oldesloer Straße im nördlichen Hamburg wäre die Fahrbahn allerdings breit genug, um einen oder mehrere Radfahrer problemlos zu überholen. Ohne den älteren Radfahrern zu nahe treten zu wollen: Wenn man gleich zu Anfang mit zwanzig Radfahrern im gemächlichen Tempo die Fahrbahn okkupiert, wird das mit dem Überholen natürlich etwas schwieriger, auch die aggressiven Kraftfahrer überraschen dann nur mäßig. In kleineren Gruppen oder alleine dürfte es dagegen sehr viel weniger Probleme geben.

Es kommt allerdings auch niemand auf die Idee, das Verhalten der Kraftfahrer in Frage zu stellen. Dass hinter der Windschutzscheibe beinahe die romantische Ader auf der Stirn platzt scheint geradezu als gottgegeben akzeptiert und nicht hinterfragt zu werden. Der pulsierenden Ader könnte allerdings mit mehr Aufklärung und Gewöhnung entgegengewirkt werden. Pedaliert aber ein Schwung von zwanzig Radfahrern auf der Fahrbahn, obwohl jahrzehntelang die Benutzung der Gehwege vorgeschrieben war, wird natürlich im Cockpit das Ende der Welt ausgerufen.

Leider weigert sich das Wochenblatt weiterhin beharrlich, auf den Sicherheitsaspekt des Fahrbahnradelns einzugehen. In Hanstedt wurde bislang mit Ruhe und Rücksicht den unzulässig angeordneten Zeichen 240 entsprochen, was wohl soviel wie ständige Aufmerksamkeit auf abbiegende Kraftfahrer bedeuten soll. Natürlich wird es weiterhin am Verständnis für diese Maßnahme mangeln, wenn sie einzig und allein als gefährliche Schikane verkauft wird.

Hanstedt: Kaum Verständnis für Fahrbahnradler

Auf dem Land, da ist die Welt noch in Ordnung — auch wenn Hanstedt noch im Hamburger Umland liegt und mit knapp über 5.000 Einwohnern auch alles andere als eine kleine Provinzgemeinde ist. Wie in vielen Orten, die abseits der Großstädte gelegen sind, gibt es in Hanstedt keine vernünftige Radverkehrsinfrastruktur. Und als man irgendwann nicht so recht wusste, wohin mit diesen Zweiradfahrern, wurde einfach an jeden möglichen Gehweg ein Zeichen 240 geschweißt — natürlich ohne den eigentlich obligatorischen Blick in die Verwaltungsvorschriften.

Nun wurden vor allem auf Drängen des ADFC klare Verhältnisse geschaffen. Auf Seite 21 schreibt das Hanstedter Echo: Fußweg-Verbot für Radler

In Hanstedt müssen Fahrradfahrer auf der Straße fahren / Folgen andere Gemeinden?

Der ADFC wollte eigentlich eine „sanfte Lösung“ fahren: Radfahrer sollten fortan mit dem entsprechenden Zusatzzeichen die engen Radwege weiter nutzen dürfen, allerdings primär auf die Fahrbahn gebeten werden. Allerdings hatte die entsprechende Behörde eigentlich überhaupt keine Wahl: Wollte sie nicht erneut gegen die Vorschriften verstoßen, mussten nunmehr reine Gehwege angelegt werden. Das ist nun einerseits dumm gelaufen, andererseits steht es eigentlich außer Frage, dass auf Gehwegen, die nicht den Mindestanforderungen entsprechen, nunmal kein Radverkehr erzwungen werden darf. Nicht nur die Verwaltungsvorschriften, sondern auch die physikalischen Gesetze gelten nunmal auch in Hanstedt. Und nebenbei erwähnt: Anders als im Artikel dargestellt dürfen Kinder bis zwölf Jahren einen solchen Gehweg überhaupt nicht befahren, das ist nur bis zum vollendeten achten Lebensjahr vorgeschrieben und bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr erlaubt.

Trotzdem fielen die Reaktionen der Leser in den Leserbriefen auf Seite 4 zwei Wochen später durchweg negativ aus. Als „Eigentor“ bezeichnet eine Leserin die Umwandlung in reine Gehwege, „Kreis und Gemeinde sollten es zurücknehmen“ meint eine andere. „Unglaublich“ und „Welch ein haarsträubender Unsinn!“ empört sich ein Dritter, und die vierte Kommentatorin hofft: „Vorreiter-Rolle findet hoffentlich keine Nachahmer“.

Man muss nicht gleich den Begriff des Wutbürgers bemühen, um das gefährliche Informationsdefizit zu erkennen, dass in diesen Leserbriefen mitschwingt. Im eigentlichen Artikel wurde die Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht mit einer gesteigerten Qualität des Radfahrens und einer damit einhergehenden Verkehrsberuhigung auf der Fahrbahn begründet — die eigentlichen Hintergründe, beispielsweise die Sicherheit beim Fahren insbesondere im Hinblick auf Sichtbeziehungen und deren Fehlen, wurden einfach ausgeblendet. Kein Wunder, dass sich bei den Kommentatoren nunmehr die Nackenhaare sträuben.

Es ist, wie einer der Leserbriefe anmerkt, nunmal schwer zu erklären, warum jahrzehntelang das Radeln auf Rad- und Gehwegen geradezu als überlebenswichtig dargestellt wurde, wenn es heutzutage plötzlich heißt: Auf der Fahrbahn seid ihr sicher, Radwege sind doch nicht so toll. Der Meinungsbildung ist es auch nicht gerade zuträglich, dass solche Argumente ausgerechnet vom ADFC mit seinen Alltagsradlern vorgebracht wird, die dem Freizeitradler seit jeher eher nicht geheuer sind. Zumindest nach empirischen Erhebungen verstehen viele Radfahrer, die in der sommerliche Zeit unterwegs sind, das Rad nunmal primär als Freizeitgefährt für ein paar sonntägliche Radtouren, können sich aber auch innerhalb des so genannten Fahrrad-Boomes nicht vorstellen, damit zur Arbeit, zum Einkaufen oder wenigstens zum Bäcker zu fahren.

Und wenn dann jemand die Unsicherheit solcher Radverkehrsanlagen, sofern man einen blau beschilderten Gehweg denn unter diesen Begriff fassen möchte, mit einer stolzen Summe von sechs glücklicherweise glimpflich abgelaufenen Unfällen demonstriert, dann folgt natürlich das übliche Argument eines Radfahrers, der seit mehreren Jahrzehnten, im konkreten Fall seit 60 Jahren, mit dem Rad fährt und noch nie etwas derartiges erlebt hat, weil er auch mal absteigen und schieben kann und nicht auf seine Rechte besteht. Aber so funktioniert der Radverkehr nicht. Salopp formuliert: Absteigen und schieben und ständig auf Rechte verzichten mag eine für die Tour um den Baggersee akzeptable Vorgehensweise sein, möchte man tatsächlich schnell zum Ziel kommen, weil man das Fahrrad als ernsthaftes Transportmittel versteht, hat man auf derlei Späße eher weniger Lust.

Immerhin ist ein Teil der Kritik aus den Leserbriefen berechtigt: Alle vier arbeiten sich sorgfältig daran ab, wie denn nun mit Kindern zu verfahren wäre, die aufgrund ihres Alters auf dem Gehweg fahren müssen. Das klappte natürlich noch besser, als auch die Eltern auf solche Wege gezwungen wurden, allerdings ist diese Regelungslücke in der Straßenverkehrs-Ordnung nun kein reines Hanstedter Problem, sondern tritt so gut wie überall in Deutschland auf, sofern sich eine Stadt nicht gerade mit Gehwegen zugepflastert hat.

Insofern bleibt noch viel zu tun. Nur die Zeichen 240, die wird in Hanstedt wohl niemand wieder anschrauben, auch wenn die tatsächlichen Gründe niemand versteht.