Hamburg: Weg mit gammeligen Radwegen

In Hamburg will man die Radfahrer von größtenteils gammeligen Radverkehrsanlagen auf die Fahrbahn holen: SPD schickt Hamburgs Radler auf die Straße

Die SPD plant den ganz großen Befreiungsschlag für alle geplagten Radfahrer der Stadt. Statt auf kaputten, beengten und zugeparkten Radwegen, sollen sie in Zukunft deutlich häufiger direkt auf der Straße fahren und dafür eigene markierte Streifen auf der Fahrbahn bekommen.

Obwohl sich nicht leugnen lässt, dass in der Vergangenheit immer häufiger die blauen Schilder an den Radwegen verschwanden, befindet sich ein Großteil der Radverkehrsinfrastruktur weiterhin in einem absolut bemitleidenswerten Zustand. Die SPD will das offenbar ändern, kaputte Radverkehrsanlagen zurückbauen und den Radverkehr auf der Fahrbahn fahren lassen. Mal sehen, ob das wirklich klappt oder bei Versprechungen bleibt.

Hamburg: Historisch fahrradunfreundlich

Jan Freitag war mit Merja Spott vom Hamburger ADFC ein paar Stunden in Hamburg unterwegs. Darüber schreibt er in der ZEIT ONLINE: Hamburg, Stadt der kompromisslosen Autogerechtigkeit

Die Hansestadt Hamburg mag Deutschlands längstes Radwegenetz haben. Doch fahrradfreundlich ist sie deswegen noch lange nicht.

Kein Geld mehr für den Ausbau des Hamburger Leihrad

Das Hamburger StadtRAD-System gilt einerseits als hervorragendes Beispiel einer funktionierenden Mobilitätsergänzung, anderseits auch als das erfolgreichste Leihradsystem Deutschlands — über eine Million Fahrten werden mittlerweile jährlich mit den knallroten Rädern zurückgelegt. Die ehemalige Umwelthauptstadt bleibt seiner fahrradunfreundlichen Strategie allerdings treu und stellt den weiteren Ausbau des Leihradsystemes erst einmal auf unbestimmte Zeit ein: Kein Geld mehr für StadtRAD-Ausbau

In Hamburg wird es vorerst keine weiteren StadtRAD-Stationen geben. Die Antwort auf eine Anfrage des Bezirksabgeordneten Martin Bill von den Grünen ergab, dass die Stadt für den Bau weiterer Stationen kein Geld mehr zur Verfügung hat, wie NDR 90,3 am Donnerstag berichtete.

Hanseatische Verkehrspolitik bei Hamburg1

Kurzer Progammhinweis: Bei Herbert Schalthoff diskutieren Till Steffen (Bündnis 90/Grüne), Ole Thorben Buschhüter (SPD), Merja Spott (ADFC Hamburg) und Carsten Willms (ADAC) über Hamburgs Verkehrspolitik

Hamburg: Nur ein Spiegel für sicheres Radfahren

Erinnert sich noch jemand an diesen Artikel von Mitte April? Damals wollte die Stadt Köln die Sicherheit des Radverkehrs wenigstens einigermaßen erhöhen, indem sie das Konzept von Spiegeln ausprobiert, die an Kreuzungen unter den Signalgeber der Lichtzeichenanlage geschraubt werden und den Kraftfahrzeugführern den Blick in den so genannten toten Winkel rechts ihres Fahrzeuges ermöglichen.

In Hamburg will man das nun auch probieren, schreibt die Hamburger Morgenpost: CDU: Mini-Spiegel sollen Radfahrer schützen

Mehr als 3000 Unfälle mit Radfahrern zählte die Polizei 2012, zwischen Januar und Juli 2013 waren es schon 1544. Mit Mini-Spiegeln will die CDU nun für mehr Sicherheit sorgen.

Der Artikel misst lediglich drei Absätze und schweigt sich leider in Details über die geplante Maßnahme aus. Es dürfte allerdings unwahrscheinlich sein, dass die Hanseaten das Konzept ambitionierter vorantreiben als die Kölner Kollegen. Es gibt bezüglich dieser Spiegel-Idee durchaus Diskussionsbedarf, sogar recht großen, der sich im Beitrag vom April nachlesen lässt. In den Kommentaren unter dem Morgenpost-Artikel schweift man derweil wieder in Kampfradeleien ab.

Macht aber nichts, denn der Senat hat sich offenbar noch nicht mit dem Thema befasst, insofern ist da sicherlich nicht besonders viel zu erwarten.

Exzellentes Beispiel für Hamburger Radwege

Weil es gerade so schön zum Thema und den paar Kilometern sanierter Radwege passt: Gefährlicher Radweg

Leider gilt hier nicht die übliche Vermutung, das wäre nur ein besonders krasses Beispiel, dass als Hinweis auf die allgemeine Situation in Hamburg verkauft wird: Es sieht tatsächlich an vielen Stellen ähnlich aus. Und die übrigen paar Meter Radweg wurden heute von Kampfparkern okkupiert, die für einen schönen Herbstspaziergang irgendwo parken mussten.

Und der Hamburger Senat fährt elektrisch

Der Hamburger Verkehrssenator Frank Horch spricht mit der Hamburger Morgenpost über den Verkehr in der Hansestadt: Der Hamburger Senat fährt bald E-Mobil

Im MOPO-Verkehrs-Spezial spricht Verkehrssenator Frank Horch (parteilos) im Interview über genervte Bürger, steigende HVV-Preise und den Umstieg des Senats auf Elektro-Autos.

Man braucht diesem Interview allerdings keine große Aufmerksamkeit, geschweige denn eine aufwändige Analyse zu schenken, denn so richtig viel sagt der Verkehrssenator überhaupt nicht. Auffallend sind allerdings diese beiden Fragen inklusive ihrer knappen Antworten:

Ihr Wunsch war am Anfang Ihrer Amtszeit, unbürokratisch Radstreifen zu schaffen. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Bilanz?
Absolut. Die Zahlen sprechen für sich. Noch nie wurden wohl so viele Maßnahmen durchgesetzt.

Hamburg hat etwa 1700 Kilometer Radwege, die meisten davon sind in schlechtem Zustand. Wie viele Kilometer wurden saniert?
Im letzten Jahr 22. Das klingt wenig, aber vorher waren es gerade mal drei. Wir wollen das auf 28 steigern.

Schön, dass 22 Kilometer pro Jahr saniert wurden und das Pensum sogar um sechs Kilometer pro Jahr auf 28 Kilometer pro Jahr steigen soll. Dann dauert es ja nur ungefähr 60 Jahre, bis Hamburg endlich komplett in einem fahrradtauglichen Zustand angekommen ist. Nun ließe sich dieser Zustand auch mit einer vernünftigen Fahrradinfrastruktur früher erreichen: Allzu gefährliche Radwege müssten gesperrt oder zurückgebaut und brauchbare Alternativen angebaut werden. Die unbürokratisch angelegten Fahrradstreifen taugen leider in der Regel überhaupt gar nichts: Inmitten der so genannten Door-Zone bewegen sich die Radfahrer im direkten Gefahrbereich plötzlich geöffneter Autotüren, während von der anderen Seite Kraftfahrzeuge ohne nennenswerten Sicherheitsabstand vorbeidüsen.

Eine sichere und attraktive Radverkehrsinfrastruktur sieht sicherlich anders aus. So bleibt der Zustand vermutlich wie er heute ist: Die so genannten Alltagsradler verkehren weiterhin mehr oder weniger problemlos auf der Fahrbahn, während sich ängstlichere Gelegenheitsradler auf den buckeligsten Radwegen in Gefahr bringen.

Entweder wird Hamburg ganz einfach niemals eine Fahrradstadt werden — oder man sollte einem derart kurzem Interview nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken. Aber immerhin weiß man ja nun, dass der Hamburger Senat bald elektrisch angetrieben unterwegs ist. Aufs Fahrrad mag man offenbar nicht steigen.

Hamburg: „Radeln so beliebt wie nie“

Die Hamburger Morgenpost, die sich mit positiven Worten über das Fahrrad immer etwas schwertut, hat das Radfahren kurzerhand zum Titelthema erhoben: Warum immer mehr Hamburger aufs Fahrrad umsteigen

Stockender Verkehr, steigende Spritpreise – die Hamburger haben die Nase voll! Immer mehr steigen auf’s Fahrrad um. Die Steigerung des Radverkehrs ist in einigen Stadtbereichen enorm, in der City wurden bei Messungen sogar 50 Prozent mehr Radler gezählt als noch vor 20 Jahren. Zeitgleich sinkt der Autoverkehr. Die MOPO fragte Hamburger, warum sie aufs Rad umgestiegen sind und klärt die wichtigsten Fragen.

Rüttelstreifen sollen vor Pfosten warnen

Pfosten auf Radverkehrsanlagen sind immer ein unangenehmes Thema. Die sind gefährlich, weil sie ständig im Weg herumstehen und ein nicht unerhebliches Risiko für Alleinunfälle verbreiten, und die sind lästig, weil sie eigentlich nur dazu dienen, den verrohenden Sitten der Kampfparker Einhalt zu gebieten: Manche Kraftfahrer müssen leider an jeder Ecke daran erinnert werden, dass das Parken auf dem Radweg und das Befahren desselben nicht gestattet ist. Um das Unfallrisiko zu senken, lassen sich beispielsweise entsprechende Markierungen aufbringen, die vor einem hoffentlich optisch auffälligen Pfosten warnen. Zusätzlich lassen sich Querstreifen applizieren, die dem Radfahrer einigermaßen rechtzeitig ein haptisches Feedback geben, dass dort Ungemach herumsteht.

In Hamburg begegnet die Polizei in Personalunion mit der Straßenverkehrsbehörde dem Problem mit hanseatischer Gelassenheit:

Kampfpfosten Stresemannstraße

Zur Problematik die selbst bei hinreichender Beleuchtung beinahe unsichtbaren Kampfpfosten entgegnete ein Polizeibeamter, es gäbe auch für den Radverkehr kein Recht auf ungehindertes Vorankommen, in solchen Situationen müsse man notfalls absteigen und schieben.

Bleibt zu hoffen, dass das Absteigen wenigstens rechtzeitig vor der Kollision mit dem tarnfarbenden Pfosten stattfindet.

Sperrt die Elbchaussee für Radfahrer!

Die Elbchaussee ist eigentlich eine der reizvollen Straßen in Hamburg — wenn nicht die vielen Autos wären. Aus der blankeneser Hügellandschaft schlängelt sich die ELbchaussee an Hamburger Vorortvillen vorbei, streift mehrmals zart das Elbhochufer und weitet sich schließlich in eine überbreite Rennstrecke auf, die südlich des Altonaer Bahnhofs endet — wenn nicht die vielen Autos wären. Normalerweise haben Verkehrsteilnehmer auf der Elbchaussee keinen Blick für die Schönheiten der Strecke, weil der Ärger über den dichten Verkehr überwiegt. Morgens schiebt sich eine dichte Blechlawine in die Innenstadt, nachmittags zurück nach Blankenese. Die Strecke kommt zwar mit relativ wenigen lichtzeichengeregelten Kreuzungen aus, wird aber gefühlt alle fünfzig Meter von einem Fußgängerweg unterbrochen — und dann sind da noch diese vielen Radfahrer, die den Verkehr aufhalten!

Während der östliche Teil der Straße mit überbreiten Richtungsfahrbahnen daherkommt, auf der locker zwei Kraftfahrzeuge nebeneinander fahren und nebenbei noch einen Radfahrer überholen können, ist der westliche Teil von schlecht einsehbaren Kurven und mangelnden Überholmöglichkeiten gekennzeichnet. Dort einen Radfahrer mit vernünftigen Sicherheitsabstand zu überholen dürfte bei dem stetigen Gegenverkehr tatsächlich schwieriger werden, zumal die Strecke in westlicher Richtung ansteigt und die Waden so richtig fordert.

Klaus Schümann, Rad- und Autofahrer, der, wie man so schön sagt, beide Seiten kennt, erregt sich in einem Kommentar im Hamburger Klönschnack vom Juli 2013 über diese Situation. Sein Kommentar „Sperrt die Elbchaussee für Radfahrer!“ findet sich in wenig prominenter Platzierung unten links auf Seite 30.

Schümann beschreibt zunächst die Situation, die er vermutlich täglich selbst erleben muss: Schümann als Verleger des gleichnamigen Verlages, in dem auch ebenjener Hamburger Klönschnack erscheint, sitzt direkt neben dem Blankeneser Bahnhof, also zwar nicht direkt, aber in hinreichender Nähe an der Elbchaussee. Er schreibt:

Und da- mit sind wir beim Problem: Radfahrer gefährden die Verkehrssicherheit (für sich und andere) auf den teilweise viel zu schmalen Abschnitten.

Das ist nun allerdings eine etwas unglückliche Schlussfolgerung über die Situation auf der Elbchaussee. Wie auf allen anderen engen Straßen, Landstraßen ohne Radweg ausdrücklich eingeschlossen, entsteht die Gefährdung weder durch den Radfahrer noch durch das Zusammentreffen von Rad- und Kraftfahrern. Die Gefährdung entsteht erst, wenn der Kraftfahrer in einer Situation unbedingt überholen will, in der er beispielsweise die folgende Strecke nicht übersehen oder den Sicherheitsabstand nicht einhalten kann. Sicherlich steigt mit der Wartezeit hinter einem so genannten Pedalritter die Bereitschaft, ein gefährliches Überholmanöer anzugehen, aber die eigentliche Ursache ist dabei noch immer der Kraftfahrer, der ein solches Manöver nunmal ausführt, und nicht der Radfahrer, der diese Straße auch befahren darf.

Ausdrücklich bezieht sich Schümann auf die Rennradfahrer, die für die Cyclassics trainierend den Linienbussen des HVV das Überholen erschweren. Im normalen Verkehrsaufkommen auf der Elbchaussee fallen Rennradfahrer allerdings am wenigsten auf: Wenn sie nicht gerade eine der beiden Steigungen auf der Strecke erklimmen, dürften wenigstens die hinreichend trainierten Rennradfahrer im dichten Verkehr keinen nennenswerten Einfluss auf die Flüssigkeit des Verkehrs ausüben. „60.000 Autofahrer sind täglich auf der Elbchaussee unterwegs“, schreibt Schümann, „und erfahren durch die Radfahrer teilweise absurde Stau- und Stress-Situationen.“ Das klingt schon beinahe so, als wäre die Situation auf der Elbchaussee ausschließlich von den paar Radfahrern auf der Fahrbahn verursacht. Viel problematischer dürften hingegen die erwähnten 60.000 Kraftfahrzeuge sein, die sich jeden Tag die Straßen entlangschieben und sich selbst im Wege stehen. Fährt ein Kraftfahrer hinter einem Radling hinterher, ist natürlich der Frust groß, weil das so genannte rollende Verkehrshindernis nicht sofort überholt werden kann, an den übrigen vier Tagen der Woche hängt dieser Kraftfahrer dann allerdings hinter anderen Kraftfahrzeugen fest — und diesen Stau führt in der Regel kein Radfahrer an.

Schümann differenziert in seinem Kommentar zwischen Rennradfahrern und gemütlichen Radfahrern. Letzteren gesteht er die Nutzung der freigegebenen Gehwege zu, die für Rennradler nicht geeignet wären, weil da ja schon die gemütlichen Radfahrer unterwegs sind. Die freigegebenen Gehwege sind allerdings für niemanden geeignet, noch nicht einmal für Fußgänger: Abgesehen von einem mittleren Teilstück in der Nähe von Teufelsbrück kommen die freigegeben Gehwege in einem jämmerlichen Zustand mit wassergebundener Oberfläche daher, im westlichen Teilstück der Elbchaussee sind die Gehwege sogar so schmal, dass sich noch nicht einmal zwei Fußgänger problemlos begegnen können.

Schümanns Fazit:

Man sollte schlicht hinnehmen, dass die Prachtmeile des Westens für Autos und Räder nicht geschaffen ist – bevor das Kind in den Brunnen fällt. Oder für Autos gesperrt wird.

Ja, die ELbchaussee mag für Autos und Fahrräder nicht geschaffen sein. Witzig ist, dass Schümanns Forderung nach einer Sperrung für Radfahrer auch andersherum verstanden werden kann: Damit der Radverkehr in Ruhe fließen kann, müssen Kraftfahrzeuge leider draußen bleiben. Das wäre mal eine lustige Idee!