Vorsicht beim neuen Geisterradler-Urteil

Momentan macht ein Urteil des Amtsgerichts München die Runde in den sozialen Netzwerken — leider meistens in irreführend verkürzter Form.

Hinter dem Aktenzeichen 345 C 23506/12 entschied das Amtsgericht München, dass eine Radfahrerin, die auf der linken Fahrbahnseite unterwegs war, um sich einem Umweg an einer Kreuzung um Linksabbiegen zu sparen, und dabei mit einem entgegenkommenden Kraftfahrzeug kollidierte, sich in einem Maße verkehrswidrig verhält, dass sogar die Betriebsgefahr des am Unfall beteiligten Kraftfahrzeuges zurückstehe.

Es handelt sich dabei also nicht, wie häufig behauptet wird, um eine Radfahrerin, die auf dem linken Radweg Geisterradelei praktizierte und dabei an einer Kreuzung von einem aus einer Nebenstraße einfahrenden Kraftfahrzeug übersehen wurde. Letzterer Fall geht in der Regel, wenn auch mit Abzügen, zu Gunsten der Radfahrerin aus.

Die Geisterradler, die wir riefen

Ja: Wer hat schon Ahnung von Radverkehrsregeln? Der normale Radfahrer vielleicht nicht unbedingt, was womöglich auch der Komplexität ebenjener Verkehrsregeln geschuldet ist. Dabei geht’s noch gar nicht mal um diese hochkomplizierte Ampelregelung, die vielleicht mit Mühe auf einen DIN-A4-Ausdruck passt, sondern bereits um die komplizierte Wahl des richtigen Straßenteils: Hier muss auf dem Gehweg geradelt werden, dort plötzlich nicht mehr, hier ist ein linksseitiger Radweg benutzungspflichtig, dort nicht.

Und all das wird noch verdeckt vom 15 Jahre langen Schatten der allgemeinen Radwegbenutzungspflicht: Frei nach „Wer Radwege sät, wird Gehwegradler ernten“ beradeln auch im Jahr 2013 alle Radwege links und rechts der Fahrbahn beradelt — schließlich hieß es mehrere Jahrzehnte lang, das Radfahren auf der Fahrbahn wäre unfassbar gefährlich. Und nun wundert man sich plötzlich, warum die Leute allenfalls mit hohen Bußgeldern von nicht für ihre Fahrtrichtung freigegebenen Radwegen fernhalten lassen: Lübeck: Immer Ärger mit Geisterradlern

In Lübeck fahren Radler oft auf der falschen Straßenseite, weil das zahlreiche Ausnahmen der Verkehrsordnung zulassen. Der ADFC macht mit einem Aktionsjahr auf das drängende Verkehrsproblem aufmerksam.