Ab dem letzten Balken Freiwild

Erinnert sich noch jemand an diese Countdown-Ampel, die Senioren über die Fahrbahn jagt? Eine im Signalgeber eingebaute LED-Anzeige gibt an, wie viele Sekunden zur Überquerung der Fahrbahn verbleiben — mit dem Ergebnis, dass Senioren und Familien mit Kindern lieber einen Umlauf auf das nächste Grün warten, wenn von der fünfzehnsekündigen Grünphase nur noch zwölf oder zehn Sekunden übrig sind, die inklusive der nachfolgenden Räumzeit auch für langsame Fußgänger zum Überqueren der Fahrbahn genügen sollten.

In Berlin hat man sich noch eine weitere Variante ausgedacht: Berlin testet missverständliche Countdown-Ampel

Berlin will den Fußverkehr sicherer machen und startete dafür mit einer neuen Ampel ein Modellprojekt. Doch das Signal sorgt erst einmal für Unsicherheit.

Diese Anlage greift in die Räumphase ein: Sobald der Signalgeber für Fußgänger von grünem auf rotes Licht umschaltet, wird ein animierter Zebrastreifen angezeigt, der langsam verschwindet. Zeitgleich mit dem Verschwinden des letzten Balkens endet die Räumphase und der Querverkehr wird freigegeben.

Was das bringt? Das weiß man nicht so richtig, aber:

„Wir versprechen uns sehr viel von diesem Modell“, sagt Horst Wohlfahrt von Alm, Verkehrsplaner in der Senatsverwaltung.

Das ist doch schon mal viel wert. Tatsächlich ist überhaupt gar nicht klar, was das bringen soll. Das Ende der Grünphase anzuzeigen, um langsame Fußgänger vom Überqueren abzuhalten, das ist eine Sache. Das Ende der Räumphase anzuzeigen mag zwar auf dem ersten Blick logischer erscheinen, ist aber schließlich nicht mehr als ein makaberer Countdown bis zum eigenen Todeszeitpunkt. Vielleicht muss man sich das vorstellen wie in einem mittelschlechten Hollywood-Straßenfeger: Es hastet noch schnell jemand über die Fahrbahn, als die Ampel umschaltet und der Fußgänger nach links in die Scheinwerfer der anfahrenden Kraftfahrzeuge blickt. Es wird noch kurz das Gesicht des Fußgängers frontal gezeigt, das weiß und noch weißer wird, bis nach einem Schnitt gelbes Flatterband im Wind weht und Ermittlungsbeamte über dem toten Körper des Fußgängers knien. Oh, vielleicht kommt sogar Horatio Caine und setzt ganz cool seine Sonnenbrille auf. Der verspricht sich von solchen Spuren schließlich auch immer recht viel.

Im Ernst: Die Räumzeit ist so großzügig zu bemessen, dass man auch ohne neumodische Countdown-Anzeigen die Fahrbahn überqueren kann. Wenn der lustige Zebrastreifen angezeigt wird, empfindet das manch einer sicherlich als Einladung, trotz Rotlicht noch schnell die Fahrbahn zu überqueren: Es scheint ja noch genügend Zeit zu bleiben. Und wer sich womöglich mit einer Gehbehinderung in der Mitte der Fahrbahn befindet, wird mit der Anzeige zusätzlich unter Druck gesetzt, die Fahrbahn noch schnellstmöglich zu überqueren — oder womöglich zurück ans rettende Ufer zu hasten. Genauer gefragt: In welchem Szenario findet sich nun der versprochene Mehrwert für die Verkehrssicherheit wieder? Während der roten Räumphase wird in der Regel ohnehin niemand trödeln, wozu macht man ihm also mit einer solchen Anzeige zusätzliche Angst? Und wer in Ermangelung eines Countdowns nicht abschätzen kann, wie lang die Räumphase noch andauernd, wird womöglich von einer Überquerung bei rotem Licht absehen.

Noch ein zusätzliches Detail steht beim Tagesspiegel: Berlin testet „Count-Down“-Ampeln

Kopf hoch, Berlin: Der Senat testet neue Ampeln. Die ersten Exemplare stehen in der City West. Ob’s was bringt? Die Verkehrsexperten sind gespannt.

Der Zebrastreifen verschwindet nämlich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, je nach Breite der Fahrbahn und den berechneten Räumzeiten. Das ist zwar einerseits ganz logisch, weil ansonsten nämlich total sinnlos, bringt aber andererseits wieder das Problem, dass man sich als Fußgänger vollkommen auf den Signalgeber konzentrieren muss, wenn man aus irgendwelchen Gründen mit den Füßen in die Räumphase geraten sollte. Ob das nun wirklich ein solcher Gewinn für die Sicherheit ist, darf wohl tatsächlich bezweifelt werden.